Sängerin oder Propagandistin?
Ludmila Sykin in der Carnegie Hall
Ludmila Sykina ist gegenwärtig zweifellos die beste Volksliedersängerin der Sowjetunion. Die ehemalige Fabrikarbeiterin ist heute in Ost und West bekannt. Sykinas tiefe, expressive Stimme erschüttert und begeistert zugleich. In ihrer Darbietung erklingen die russischen Volkslieder mit der ihnen eigenen Mischung von Schwermut und Innigkeit. Ludmlla Sykina, die sich zur Zeit auf einer neuen US-Tour befindet, gab dieser Tage ein schon lange erwartetes Konzert in der Carnegie Hall.
Die erste Programmhälfte war ausschließlich russischen Volksliedern gewidmet. Je nach dem Charakter des Liedes dominierten in Sykinas Wiedergabe verschiedene Stimmungsfaktoren. Voller Elegie erklang das Lied “Als ich eine junge Braut war”. Tragik, tiefe seelische Erschütterung traten in der Darbietung des bekannten russischen Volksliedes “Matuschka” (“Mütterchen”) zutage. Mit Volkshumor und Zartheit sang L. Sykina ihre Glanznummer “Kalinka” (“Schneeballbeere”).
Weniger beeinduckend war die zweite Programmhälfte, die vorwiegend sowjetische Lieder enthielt. Trotz ihrer makellosen vokalen Qualltäten gelang es nicht einmal Ludmlla Sykina, durch die vorgetragenen Lieder, die an innerer Tiefe viel zu wünschen übrig lassen, das Publikum in gleichem Masse zu beeindrucken, wie es bei der Darbietung der Volkslieder der Fall war. Zu einem musikalischen Erlebnis wurden jedoch die beiden alten Romanzen, die Sykina voller Temperament und Leidenschaft sang.
Mit wahrem Enthusiasmus reagierte das amerikanische Publikum auf das in russischer Sprache vorgetragene Lied “Jingle Bells”.
Sykina sang unter Begleitung des ausgezeichneten Moskauer Balalaika-Orchesters. Die Romanzen erklangen unter Gitarrenbegleitung. Auch die gute Stimme des Sängers Vitalij Tschaikin, der gleichfalls am Konzert teilnahm, ist zu erwähnen.
Als Dissonanz empfand der Verfasser dieser Zeilen Sykinas in russischer Sprache (ohne englische Übersetzung) verkappte Propaganda-Erklärung kurz vor Abschluß des Konzerts (“Ich komme als Sendbote unserer Heimat Russland” und dergleichen). Diese Worte waren zweifelsohne an die zahlreich erschienenen russischen Emigranten gerichtet. Auch die Wahl einiger Lieder (“In der Ferne”, “Kehre heim, ich werde dir alles verzeihen”) zeugt von einem etwas ungeschickten Propaganda-Trick. L.K.
[N.Y. Staats-Zeitung u. Herold. Feb. 28, 1975. p.5]

Vom Bolshoi-Theater zur Carnegie Hall
Galina Vishnevskaya gibt einen Liederabend
Galina Vishnevskaya, die bekannte Sopranistin, die noch unlängst am Moskauer Bolshoi-Theater glänzte, gastiert in New York nicht zum ersten Mal. Seit ihrer letzten US-Tour, die sie zusammen mit ihrem Gatten, dem Cellisten Mstislav Rostropovlch, unternahm, sind fünf Jahre vergangen. Diese 5 Jahre waren jedoch für die beiden von schicksalhafter Bedeutung. 1974 faßten Rostropovich und Vishnevskaya den Entschluß, die Sowjetunion zu verlassen.
Rostropovich hat mehrfach öffentlich erklärt, daß er und seine Familie nur in ein solches Rußland zurückkehren würden, in dem die künstlerische Freiheit nicht mehr unterdrückt ist.
Dieser Tage hatten die NewYorker nun wieder Gelegenheit, Madame Vishnevskaya zu huldigen. In ihrem Liederabend, der in der Carnegie Hall stattfand, wurde sie von Rostropovich am Klavier begleitet. Es war eines der ganz großen Ereignisse der New-Yorker Musiksaison.
Die russische Sängerin offenbarte in den von ihr vorgetragenen Liedern nicht nur enorme vokale Spannweite, sondern auch die Fähigkeit, in gänzlich verschiedenen Liedergenres aufzutreten. Das Programm umfaßte Lieder von Tschaikowsky, Strawinsky und Mussorgsky. Darunter waren solch zarte, lyrische Lieder wie z.B. “Warum?” und “Ich war ein Gräslein bloß” von Peter Tschaikowsky, deren Interpretierung Vishnevskayas unglaublichen Nuancen-Reichtum und ihre vokale Expressivität zur Geltung brachten.
In der Darbietung von Tschaikowskys Liedern “Glaube mir nicht, mein Freund” und Hätt’ ich das nur gewußt” gelang es Vishnevskaya, so tiefe Schichten der menschlichen Seele zu berühren, daß es zu einem einmaligen, unvergeßlichen Erlebnis wurde.
Galina Vishnevskaya ist in ersten [Linie] Opernsängerin (sie gastierte erfolgreich an der Met, der La Scala, im Londoner Covent Garden sowie an der Wiener Staatsoper). Das merkte man auch an der Darbietung einer Reihe von Liedern, in denen sich nicht nur Vishnevskayas volkales Talent, sondern auch ihren großen schauspielerischen Fähigkelten kundtaten.
Durch dramatische Gestaltungskraft war der Vortrag der “Lieder und Tänze des Todes” von Mussorgsky (in musikalischer Bearbeitung von Dmitrij Schostakowitsch) gekennzeichnet.
Die Wiedergabe von Stravinskys “Lieder eines russischen Mägdeleins” riß das Publikum derartig hin, daß der Sängerin nichts anderes übrig blieb, als diese Konzertnummer zu wiederholen.
Mstislav Rostropovich war bedeutend mehr als nur Klavierbegleiter. Das musikalische Zusammenwirken dieser beiden erlesenen Künstler verlieh dem Konzert den Charakter eines wahren musischen Festes. L.K.
[N.Y. Staats-Zeitung u. Herold, Mar. 12, 1975. p. 99]
Diese Katze ist im Sack gekauft
“P. S. Your Cat is Dead” im Golden Theater
Anspruchsvolle Zuschauer, die bei einem Theaterbesuch ästhetischen Genuß suchen, verlassen die Aufführung von James Klrkwoods Lustspiel “P.S. Your cat ls dead”, das zur Zelt im “Golden Theater” über die Bretter geht, mit gemischten Gefühlen. Das Spiel der Gestalter der Hauptrollen ist exquisit, aber wohl so mancher Besucher der Vorstellung findet keinen Gefallen an den antikünstlerischen, wenn auch satirisch bedingten Detailschilderungen des Stückes.
Das Sujet der Komödie Ist durchaus simpel. Die Handlung spielt in einer Silvesternacht in New York City. Jimmy, ein Schauspieler, hat an diesem Tag eine Pechsträhne. Er ist seiner Arbeit am Broadway verlustig gegangen, ein von ihm verfaßtes Manuskript ist ihm abhanden gekommen, er hat Krach mit Jane, seiner Geliebten, die ihn verläßt, und dazu kommt noch, daß seine Katze tot ist.
Vito, ein schwuler (und zugleich bisexueller) Tunichtgut, bricht bei Jimmy ein, wird von ihm überwältigt und gefesselt. Hier stellt es sich heraus, daß es Vito ist, der das Manuskript gestohlen hat. Etwa zweieinhalb Stunden lang dauert das mit raffinierten Obszönitäten gepfefferte Zwiegespräch zwischen dem gefesselten Einbrecher und dem gescheiterten Künstler. Der homosexuelle Dieb liegt fast während des ganzen Verlaufs der Bühnenhandlung mit entblößtem Hinterteil über einem Waschbecken.
Ein Teil des Publikums ergötzt sich an dieser bizarren Situation und zollt dem “Einfallsreichtum” des Autors und des Regisseurs reichlichen Beifall.
Die eigentliche “Pointe” besteht schließlich darin, daß Jimmys Bekannte nach einer fröhlich verbrachten Sllvesterfeier während eines kurzen Abstechers in der Junggesellenwohnung keinen Zweifel an der Intimen Natur der Beziehungen zwischen den beiden Männern hegen (einer der Besucher Ist übrigens auch homosexuell). Wahrlich “geistreiche” Spaße werden heutzutage am Broadway getrieben!
Das Stück (1972 auch in Romanform erschienen) ist hypernaturalistisch. Mit Kunst im allgemein akzeptierten Sinn dieses Begriffs hat es wohl kaum etwas gemein. Dank dem vortrefflichen Spiel der Hauptdarsteller Keir Dullea (in der Rolle von Jimmy) und Tony Musante (Vito), die dem Publikum durch frühere Bühnen-Rollen, ebenso wie vom Film und TV her vertraut sind, tritt der antiästhetische Charakter des Stückes weniger kraß in Erscheinung.
Auch die übrigen Schauspieler — darunter Jennifer Warren als Kate und Peter White in der Rolle von Fred, Kates Freund—, offenbaren Format, aber das Stück bedeutet keineswegs eine zusätzliche Bereicherung der Spielzeit zum Saisonschluß. L.K.
[N.Y. Staats-Zeitung u. Herold, Apr. 7, 1975. p. 99]
Jüdische Emigration aus der Sowjetunion
Ursachen, Hintergründe
LOS ANGELES. — Die Auswanderung von Sowjetjuden, die in grösserem Ausmass 1970 einsetzte und Ende 1974 die Zahl von 100.000 Menschen überstieg, hat anfangs nicht nur im Westen und in Israel überraschend gewirkt, sondern hat auch die sowjetischen Behörden in Erstaunen versetzt. Für das Weltjudentum war diese Emigration eine Art positiver Schock, die Renaissance eines nationalen Selbstbewusstseins, mit dem man nicht mehr gerechnet hatte.
Ende der vierziger Jahre, als in der sowjetischen Presse die berüchtigte Kampagne gegen den sogenannten “Kosmopolitismus” zu einem der Hauptthemen der sowjetischen Propaganda wurde, war es für die Sowjetjuden nicht schwer zu erkennen, gegen wen dieser Feldzug gerichtet war. Die Zeitungen machten keinen Hehl daraus, was unter einem “Kosmopolit” zu verstehen war. Der ursprüngliche jüdische Familienname wurde in Klammern dem russisch klingenden Pseudonym von Schriftstellern und Künstlern nachgesetzt.
“Unpatriotische Haltung und westliche Orientierung” wurden zu Begriffen, die man mit dem Judentum identifizierte.
1952 kam es zur physischen Vernichtung jüdischer Schriftsteller und Schauspieler (Markisch, Suskin, Pfeffer, Bergelson, usw.). Heute zweifelt schon niemand daran, dass der “Verkehrsunfall”, dem der bekannte sowjetische Schauspieler Michaels zum Opfer fiel, ein von oben geplanter Mord war. Ihren Höhepunkt erreichte die antisemitische Kampagne in der UdSSR Anfang 1953, als einzig und allein Stalins Tod die Gefahr einer Deportation von den grössere Städte bewohnenden Sowjetjuden abwandte.
Das diesen Ereignissen zugrundeliegende “Ärzte-Komplott” und das damit zusammenhängende Gerichtsverfahren belasteten das damit zusammenhangende jedes sowjetischer Juden mit einem oft verdrängten jedoch latent stets vorhandenen Angst-Komplex.
Relativ ruhiger Zeiten traten in der Chruschtchow obwohl die obligatorische Angabe der im Pass verzeichneten Nationalität bei der Ausfüllung des Fragebogens etwa bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle oder beim Versuch, sich immatrikulieren zu lassen, eine Hürde darstellt, die jedoch bei einiger Geschicklichkeit oder beim Vorhandensein nützlicher Bekanntschaften vermieden werden konnte.
Nach dem Sechs-Tage-Krieg setzte eine massive, angeblich antizionistische, aber ihrem eigentlichen Wesen nach antisemitische Kampagne in allen Massenmedien ein, die auch heute noch anhält. Antikommunismus und Faschismus werden in Zeitungsartikeln, Rundfunk- und Fernseh-Sendungen dem Zionismus gleichgesetzt.
Fast täglich bringen sowjetische Zeitungen antizionistische Karikaturen, die ihrer gezielten Wirkung nach rein antisemitisches Machwerk sind und häufig an den “Stürmer” und den “Völkischen Beobachter” erinnern. (“Weltjudentum” ist hier jedoch durch “Weltzionismus” ersetzt).
Redselige Personalchefs machen heute in der Sowjetunion kein Ge¬heimnis daraus, dass es eine ungeschriebene Regel gibt, derzufolge “Angehörige der Nicht-Stammbevölkerung” (Synonym für Juden) nicht eingestellt werden dürfen (falls es sich um akademische Arbeitsstellen oder um einen sonstigen mehr oder weniger verantwortlichen Posten handelt). Auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten stossen junge Sowjetjuden beim Versuch, sich an einer Universität immatrikulieren zu lassen.
Während in den dreissiger Jahren, zur Zeit der grossen Stalinschen ‘Säuberungsaktion niemand wissen konnte, ob er nicht eines Tages zu einem “klassenfremden”. Element erklärt und verhaftet werden würde, hat sich heute die ideologische Situation gewandelt und vereinfacht — der Jude ist jetzt der wahre innere Feind. Zu “Juden” werden hierbei auch oft waschechte Russen, sofern sie politische Dissidenten sind, gestempelt. Dem dienen Gerüchte, die von der KGB in Umlauf gesetzt werden.
“Der Jude” ist in der UdSSR schon zu einem erweiterten Begriff geworden und umfasst beinahe alles, was der Sowjetideologie widerspricht, er ist sozusagen das “Böse an sich”.
In dieser Hetz-Atmopshäre ist es kein Wunder, dass Zehntausende von sowjetischen Juden es vorziehen, das Risiko auf sich zu nehmen, das mit einem Antrag auf Ausstellung eines Auswanderungsvisums verbunden ist. Sie sind bereit, die vielen Erniedrigungen und Gefahren auf sich zu nehmen, die einem solchen Schritt zu folgen pflegen: Betriebsversammlungen, in denen man zu “Verrätern des Vaterlandes” erklärt wird, Entlassung, Relegation, Verfolgung durch die KGB, womöglich auch Verhaftung und Arbeitslager.
Im Westen unterschätzt man oft die Bedeutung der taktischen Richtlinien des Kreml, die eine jüdische Auswanderungsbewegung erst ermöglicht haben. Zweifellos ist die jüdische Protestbewegung in der Sowjetunion und ihre Unterstützung durch den Westen ein massgebender Faktor. Der Auswanderungsbewegung hätte aber niemals derartige Ausmasse annehmen kön¬nen, wenn eine von den Sowjetbehörden manipulierte und kontrol¬lierte Emigration nicht den Inter¬essen Moskaus entsprochen hätte.
Mehr darüber im nächsten Bericht.
(Wird fortgesetzt)
Robert Herzenberg
[Aufbau Apr. 25, 1975. p.4]
Ausklang bei der Orchestral Association
Saison endet mit Carnegie Hall Konzert
Zwischen der National Orchestral Association (NOA), deren Musikdirektor Leon Barzin ist, und dem Dirigenten Murry Sidlin, einem Exxon Arts-Stipendiaten des Washingtoner “National Symphony”-Orchesters, besteht schon seit langem eine Atmosphäre der freundschaftlichen Zusammenarbeit. Murry Sidlin ist Schüler von Leon Barzin und ist mit der NOA aufs engste verbunden. Dieser Tage spielte die NOA unter Leitung von M. Sidlin in der Carnegie Hall. Es war das New Yorker Debüt des Dirigenten.
Um es gleich vorwegzunehmen, Murry Sidlin erzielte mit seiner eleganten, aber stets präzisen und maßhaltenden Stabführung eine Maximalwirkung, die auf einem engen Kontakt mit dem seinem Bestand nach sehr jungen Orchester beruhte.
Das Programm umfaßte Werke solch verschiedener Komponisten wie Mozart, Schönberg und Sibelius. Mozarts Symphonie Nr. 29, eines der schönsten Frühwerke des Komponisten, erklang in der ihr eigenen Zart- und Feinheit. Besonders beeindruckend war das Menuett, dessen spielerisch-tändelnde Eigenart zum Ausdruck gebracht wurde.
Murry Sidlin vermochte es auch, sein Verständnis und seine Hingabe für die geheimnisvoll-transzendente atonale Welt der Schönbergschen Musik bei der Gestaltung der “Fünf Orchesterstücke” auf die jungen, enthusiastischen Musiker der NOA zu übertragen. Den Höhepunkt des Konzert bildete jedoch die Darbietung der Zweiten Synphonie von Jan Sibelius.
Es ist wahrlich erstaunlich, wie souverän der 34-jährige Gastdirigegnt dieses in musiktechnischer und struktureller Hinsicht äußerst schwierige Tonwerk zur Gestaltung brachte. Das impressive nördliche Kolorit der Symphonie des großen Finnen kam in Murry Sidlins Interpretierung auf beglückende Weise zur Geltung.
Es unterliegt wohl kaum einem Zweifel, daß die Musikfreunde nicht nur Amerikas, sondern auch anderer Länder den Namen dieses Jungen Dirigenten künftig noch oft hören werden. L. K.
[N.Y. Staats-Zeitung u. Herold, Apr. 30, 1975. p. 5]
Barenboims Beethoven-Deutung: Überwältigend
Beglückender Abend in der Carnegie Hall
Der weltbekannte Pianist und Dirigent, Daniel Barenboim, dem New Yorker Publikum seit langem bestens bekannt, hatte für das Programm seines Solokonzerts, das dieser Tage in der Carnegie Hall stattfand, drei Klaviersonaten Beethovens gewählt. Das grundsätzlich Bedeutsame, das in der Interpretierung der Sonaten durch Barenboim zutage trat, bestand in einer nicht häufig anzutreffenden, völlig unkonventionellen Konzeption der Beethovenschen Kunst und deren ästhetisch-ethischen Werte.
Barenboim gehört zu denjenigen erlesenen Beethoven-Interpreten, die bei der Wiedergabe der Tonwerke des großen Komponisten den herkömmlich-akademischen Rahmen sprengen, ihre eigenen Wege gehen und auf diese Weise in die Dramatik von Beethovens Schaffensprozeß einzudringen vermögen.
Jeder Einzelteil der drei dargebotenen Sonaten, deren Tempoverlangsamungen, Übergänge und dynamische Steigerungen resultierten aus einer vom Pianisten durchdachten und durchfühlten ganzheitlichen Erfassung des betreffenden Musikwerks.
Es erübrigt sich, Barenboims phänomenaler musiktechnischer Meisterschaft besonderer Erwähnung zu tun. Hervorzuheben ist, daß Virtuosität für diesen Pianisten nur ein Mittel zur Gestaltung der von ihm Interpretierten Ideen und Gefühle ist.
Erschütternd war in Barenboims Darbietung auch das im Finale erklingende Allegro ma non troppo der A-Dur-Sonate (Op. 110). Die Vehemenz des Musikgeschehens offenbarte geballte innere Kraft, die mit fast orchestraler Klangwirkung des Instruments zur Gestaltung gebracht wurde.
Nicht weniger extreme, jedoch stets aufs strengste gezügelte Dynamik und Expressivität kamen bei der Wiedergabe der Waldstein-Sonate (Op. 53) zum Ausdruck. Besondere beeindruckend war der Übergang von der anfänglich lyrisch gefärbten Reflexion und Besinnlichkeit zum emotionalen Durchbruch im Finale.
Abschließend läßt sich nur vermerken, daß dieser Beethoven-Abend, den Barenboim den New Yorker Musikfreunden darbot, nicht nur eines der ganz großen Ereignisse der Saison war, sondern daß ihm dank seiner Unkonventionalität auch ein besonderer Platz in der Deutung des großen deutschen Komponisten gebührt.
L.K.
[N.Y. Staats-Zeitung u. Herold May 21, 1975. p.5]
Die Daumenschraube der russischen Stiefmutter
Verstärkter Druck Moskaus auf Ostblockländer
Von ROBERT HERZENBERG
Die Wirtschaftskrise der westlichen Welt wirkt sich auch auf die COMECON-Länder aus. Inflation und Rezession haben sogar dazu geführt, dass die osteuropäischen Satellitenländer gegenwärtig in bedeutend grossere Abhängigkeit von Moskau geraten sind, als es noch vor kurzem der Fall war. Der Sowjetunion ist es gelungen, die finanziellen Schwierigkeiten, denen auch der Ostblock ausgesetzt ist, auf die Vasallen-Staaten abzuschieben.
Obgleich der Kreml neulich in einer TASS-Meldung den propagandistischen Versuch unternahm, die zu Jahresbeginn im COMECON ausgearbeitete Preisneuordnung für Rohstoffe. Industriewaren und landwirtschaftliche Erzeugnisse als Massnahmen darzustellen, die angeblich der gesamten sozialistischen Staatengemeinschaft zugute kommt, unterliegt es keinem Zweifel, dass die russische Stiefmutter ihren Schützlingen neue finanzielle Lasten aufgebürdet hat.
Das Hauptproblem ist hierbei die bedeutende Steigerung des Ölpreises, den Moskau in seinen Gunsten durchgesetzt hat. Zu Beginn des Jahres hatte Janos Kadar, der ungarische Parteiführer, auf sowjetische Zugeständnisse gehofft und eine Kompromisslösung bei der Unterzeichnung eines neuen ungarisch-sowjetischen Handelsvertrages für möglich gehalten. Diese Hoffnungen haben sich mittlerweile als illusorisch erwiesen.
Sowjetisches Erdöl und sonstige sowjetische Rohstoffe betragen etwa 70 Prozent des ungarischen Gesamtimports aus der UdSSR. Entsprechend der 1975 “vereinbarten” COMECON-Preisneuordnung werden Ungarn die aus der Sowjetunion importierten Rohstoffe (darunter Rohöl) durchschnittlich um 52 Prozent höher zu stehen kommen, als es noch im vorigen Jahr der Fall war.
Demgegenüber ist der Preis der von Ungarn in die UdSSR exportierten Industrieprodukte (Maschinen, technische Ausrüstungen) im Durchschnitt nur um 15 Prozent gestiegen. Soweit es sich um Produkte der Leichtindustrie handelt soll sich der Preis nur um 19 Prozent erhöhen. Ähnliche Proportionen der Preissteigerungen für sowjetische Rohstoffexporte in die Satellitenländer und osteuropäische Industriewaren-Exporte in die Sowjetunion gelten für sämtliche Ostblockstaaten.
Die wirtschaftliche Neuregelung im COMECON wird über kurz oder lang Veränderungen der Aussenhandelsbilanz nach sich ziehen, die sich ausschliesslich zu Moskaus Gunsten gestalten dürften. Auf diese Weise konnte es dem Kreml gelingen, nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Druck auf manche seiner gar zu “ketzerischen” Stiefkinder auszuüben.
Ungeachtet der aussenpolitischen Gleichschaltung auf Moskau hat es Kadar vermocht, in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine recht elastische Wirtschaftspolitik in Ungarn durchzuführen, die den einzelnen Unternehmen grossere Aktionsfreiheit gewährt. Die ungarische Wirtschaftsreform hat den Wohlstand des Landes bedeutend gehoben.
Moskau verfolgt derartige selbständige Experimente seiner Satelliten mit Unbehagen und versucht durch die neue COMECON-Preisregelung solchen eigenmächtigen Abweichungen der “Bruderländer” ein Ende zu bereiten.
Was die DDR anbetrifft, hat die von Ost-Berlin stets übertrieben betonte Moskauhörigkeit bei den jüngsten Wirtschaftsentscheidungen zu keinen praktischen Ergebnissen geführt. Die COMECON-Preisneugestaltung wird sich beeinträchtigend auf das Lebensniveau in Ostdeutschland auswirken. Schon in diesem Jahr wird die Steigerung der Preise für die aus der UdSSR importierten Energiestoffe und sonstigen Rohstoffe die Wirtschaft des Landes mit weiteren 600 Millionen Rubel belasten.
Um die Eigenproduktion von Energiequellen zu heben, bemüht sich die Staats- und Parteiführung der DDR, die Förderung von Braunkohle zu intensivieren. Wie bekannt, verfügt die DDR über verhältnismässig grosse Braunkohlenvorkommen. Die diesbezügliche Produktion ist jedoch in den letzten Jahren gesunken.
Im Mai dieses Jahres erklärte DDR-Minister Klaus Siebold, Braunkohle sei der wichtigste Teil der Energiestruktur der Republik und grosste Anstrengungen seien erforderlich, um auf diesem Gebiet bedeutendere Erfolge zu erzielen. Die DDR stösst jedoch hierbei auf erhebliche Schwierigkeiten sowjetischerseits. Vorbedingung der sowjetischen Rohstofflieferungen ist die Moskauer Forderung, DDR-Maschinerie in Russland zur Rohstoff-Ausbeutung einzusetzen.
Wie aus informierten Quellen gemeldet wird, sind die Maschinen und Ausrüstungen, die an die Sowjetunion geliefert werden müssen, häufig für Zwecke der Eigenentwicklung der DDR-Wirtschaft erforderlich, insbesondere für die weitere Hebung der Braunkohlenproduktion.
Das einzige Land im europäischen Hinterhof Moskaus, das sich einige Unabhängigkeit erhalten hat, ist Rumänien. Dank einem Peking und Moskau gegenüber mehr oder weniger ausgeglichenen Kurs hat es der rumänische Partei- und Staatsführer Nicolae Ceausescu fertiggebracht, sich einen gewissen Spielraum auf aussenpolitischem Gebiet zu sichern. Ceausescu hofft, durch intensivere Wirtschaftskontakte mit dem Westen, Rumäniens Abhängigkeit von Moskau zu lockern.
Erst unlängst haben die USA Rumänien die Meistbegünstigungsklausel zugebilligt.
Abschliessend lässt sich sagen, dass die Unterzeichnung der Genfer Schlussakte durch die Repräsentanten von 35 Nationen in Helsinki die Kontrolle Moskaus über die Regierungen und Parteien der Satellitenländer noch bedeuten
[Aufbau Aug. 22, 1975. p.5]
Moskaus Schiffbruch in Portugal
Angst vor Demokratie hilft der Demokratie
Bei der Analyse der Ereignisse in Portugal fällt vor allem die bisher wenig beachtete, aggressive und zugleich ungeschickte Haltung des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Portugals (KPP), Alvaro Cunhal, und seiner Genossen auf. In das Zwielicht, das den Generalsekretär der KPP bisher umgab, hat jetzt der vor fünf Jahren in die USA geflüchtete tschechoslowakische Generalmajor Jan Schejna mit einem in der “London Times” veröffentlichten Artikel einiges Licht gebracht.
Schejna kennt Cunhal noch von Prag her, aus der Zeit in der Cunhal als politischer Emigrant (1960 bis 1968) in der tschechischen Hauptstadt lebte und wirkte. Nach der Invasion von 1968, die er offen begrüsste, siedelte Cunhal nach Moskau über. Kurz darauf befasste er sich. Schejna zufolge, auf dk Sowjetführung eingehend mit der langfristigen Planung der künftigen revolutionären Aktionen in Portugal.
Das Endziel dieser Pläne, die Bildung einer “progressiven demokratischen Regierung” in Lissabon, sollte 1976/77 erreicht werden. Die dabei von den Sowjets erarbeitete Analyse der Situation in Portugal wurde, wie Schejna betont, ein fester Bestandteil der Strategie des Warschauer Pakts. Sie basierte auf der Annahme, dass Portugal (neben der Türkei und Griechenland) als das schwächste Glied der Nordatlantischen Allianz zu gelten habe.
Daher Moskaus Anweisung, dass Portugal auch nach dem Sturz des rechtsextremen Regimes in der NATO verbleiben soll. Schejna bemerkt dazu, dass Cunhal, dem die praktische Ausführung der Moskauer Anweisungen oblag, sich stets des vollen Vertrauens der Moskauer Machthaber erfreute und dass seine Moskau-Hörigkeit keinem Zweifel unterliegen kann.
Inzwischen hat sich klar erwiesen, dass die Taktik der portugiesischen Kommunisten in voller Übereinstimmung mit den Direktiven der sowjetischen Spitzenführung steht. Moskaus Rezept für die kommunistischen Parteien Westeuropas lautete, auf eine kurze Formel gebracht: Unterwanderung der Armee und der Gewerkschaften und Eroberung der Massenmedien.
Fünf Tage nach Unterzeichnung der Schlussakte in Helsinki brachte die “Prawda” einen Leitartikel, der neue Ratschläge für die Kameraden in Lissabon enthielt. Die “Mehrheit” der Bevölkerung sei für wahre Leninisten, hiess es in dem Artikel, “kein arithmetischer, sondern ein politischer Begriff”.
Ganz unverblümt forderte die “Prawda” die portugiesischen Genossen auf, nicht um jeden Preis die Einheit mit den Sozialisten anzustreben, sondern eine “revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft — unter Führung der Kommunistischen Partei — zu errichten”.
Wie sich inzwischen herausgestellt hat, hat Moskau der Kommunistischen Partei Portugals mit diesen Ratschlägen einen Bärendienst erwiesen. Die ungetarnten Aktionen der portugiesischen Kommunisten haben den breitesten Kreisen der Bevölkerung die Augen geöffnet.
Nicht nur die Sozialisten, Volksdemokraten und Katholiken widersetzten sich entschieden den hartnäckigen Versuchen, dem Lande eine kommunistische Diktatur aufzuzwingen, auch die überwältigende Mehrheit der Armee war nicht gewillt, eine neue Tyrannei zu dulden.
Logischerweise drängt sich die Frage auf: warum hat der Kreml seinen portugiesischen Schützlingen nicht dazu geraten, sich der Volksfront-Taktik zu bedienen, die womöglich zu der Machteroberung durch die Kommunisten hätte führen können? Massgebend dürfte dabei die in letzter Zeit wiederholt in Erscheinung getretene Angst Moskaus vor einer potenziellen Sozialdemokratisierung der westeuropäischen kommunistischen Parteien und vor einer damit verbundenen Beeinträchtigung der sowjetischen Hegemonialansprüche sein.
In diesem Zusammenhang verdienen Moskaus Bemühungen Beachtung, sobald wie möglich eine Gipfelkonferenz der kommunistischen Parteichefs einzuberufen. Moskau verfolgt weiterhin das Ziel, seine Führungsrolle in der kommunistischen Welt zu festigen.
Die italienischen, spanischen, jugoslawischen und rumänischen Kommunisten, die sich für Selbstbestimmung innerhalb der kommunistischen Welt einsetzen, haben sich dabei als Hürden erwiesen und haben sich durch ihre widerspenstige Haltung den Groll und das Misstrauen des Kreml zugezogen.
Aus diesem Gesichtswinkel gesehen, ist die Furcht vor einer demokratisch untermauerten Volksfront in Portugal der tiefste Grund der zahlreichen Fehlgriffe, die zur Isolierung der Moskau-orientierten KPP führten, geworden. So hat Moskaus blinde Angst vor Demokratie der Sache der Demokratie gedient. Robert Herzenberg
[Aufbau Sep. 19, 1975. p.3]
Sylva Salmanson im Hungerstreik
Bericht aus New York
Ende September d. J. ist Sylva Salmanson, die erst im vorigen Jahr nach weltweiten Protesten vorfristig aus sowjetischer Halt entlassen wurde und nach Israel auswandern durfte, in New York in den Hungerstreik getreten. Ich sprach mit ihr am zehnten Tage ihres Hungerstreiks, den sie gegenüber dem UN-Gebäude in Manhattan durchführt. Sylva kämpft um das Recht, ihren Mann, den Häftlung Eduard Kusnezow, im sowjetischen Potma-Lager zu besuchen.
Wie bekannt, gehörten Eduard Kusnezow, Sylva Salmanson und ihre beiden Brüder Wolf und Israel zu einer Gruppe sowjetisch-jüdischer Angeklagter, die 1970 im Leningrader Flugzeugentführungsprozeß zu langfristigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Kusnezow zu 15 Jahren (Eduard Kusnezow und Mark Dymschitz wurden ursprünglich zum Tode verurteilt. Jedoch sahen sich die sowjetischen Justizbehörden nach einer internationalen Protestwelle genötigt, die Todesstrafe durch 15jährigen Freiheitsentzug zu ersetzen.
Sylva Salmanson wurde zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt. Kusnezow schrieb im Gefängnis und Lager seine auch ins Deutsche übersetzten “Tagebücher”.
Ich setzte mich an Sylvas Bett, um ihre leise Stimme besser zu vernehmen. Sylva erzählte mir, daß sie vor Aufnahme des Hungerstreiks den sowjetischen Innenminister Schtschelokow zweimal darum ersucht habe, ihr die Genehmigung zu erteilen, ihren Mann im Lager zu besuchen. Die Antwort der Sowjets war in beiden Fällen abschlägig.
Dadurch hätten die sowjetischen Behörden die Bestimmungen ihres eigenen Strafgesetzbuches verletzt, denen zufolge jedem Häftling das Recht auf den Besuch naher Verwandter (einschließlich der Ehefrau) mindestens einmal im Jahr zusteht.
Sylva erhält keine Briefe von ihrem Mann und ihren beiden Brüdern. Der KGB fängt die Briefe ab. Nur von ihrem in Riga lebenden Vater erhält Sylva von Zeit zu Zeit Nachrichten über den Gesundheitszustand ihres Mannes und ihrer Brüder. Eduard leidet an einem Magengeschwür, Wolf ist in letzter Zeit wegen Unterernährung und der schweren Arbeitsbedingungen sehr hinfällig geworden. Bei seinem letzten Besuch durfte der Vater seinen Sohn Israel nicht besuchen.
Besuchsentzug sollte als zusätzliche Strafe dienen,” sagt Sylvia.
Später erfuhr ich, daß die Ärzte Sylva aus Gesundheitsgründen inständig dazu geraten hatten, den Hungerstreik einzustellen. Auch der israelische Außenminister Jigal Allon, der in Begleitung des israelischen UN-Vertreters Chaim Herzog die junge heldenmütige Frau einige Tage zuvor besucht hatte, versuchte Sylva zu überreden, ihre Gesundheit nicht weiter aufs Spiel zu setzen. (Sylvia wurde inzwischen in ein Krankenhaus eingeliefert und mußte ihren Hungerstreik aussetzen.)
In meiner Anwesenheit brachte man Sylva ein Päckchen Briefe und Telegramme von Freunden und Sympathisanten aus Israel, den USA, Kanada und anderen Ländern. “Das ist für mich eine große moralische Unterstützung”, sagt Sylva. Besondere Freude hat Sylva der Brief von Betty Ford, der Gattin des US-Präsidenten, bereitet. Mrs. Ford hat sich in ihrem Schreiben mit Sylvas Kampf um Gerechtigkeit solidarisch erklärt.
Auch Hugh Carey, der Gouverneur des Bundesstaates New York, die US-Senatoren Buckley und Javits sowie andere prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens haben Sylva Solidaritätserklärunqen zukommen lassen. Mehrere amerikanische Fernseh- und Rundfunksendungen waren dieser Tage Sylvas Hungerstreik gewidmet. Die sowjetische UN-Mission in New York ist noch vor Aufnahme des Hungerstreiks von Sylvas Vorhaben in Kenntnis gesetzt worden.
Sylva Salmanson hat nach ihrer Auswanderung aus der UdSSR ihren Ständigen Wohnsitz in Israel, wo sie als Ingenieur tätig ist. Trotz der kurzen Zeit, die sie in Israel bisher verbracht hat, spricht sie fließend hebräisch. In Israel findet Sylva weitestgehende Unterstützung für ihre Bemühungen um die Erleichterung des Schicksals der jüdischen Häftlinge in der Sowjetunion.
Wie in New York bekannt wurde, hat Jigal Allon erklärt, daß das israelische Außenministerium sich des individuellen Falles von Eduard Kusnezow angenommen habe und gewisse Schritte unternehme, um seine vorfristige Entlassung zu ermöglichen. L.K.
[?? Okt. 3, 1975. p.99]
Sehnsucht nach Jerusalem
Die schwierige Situation der Juden in der Sowjetunion
Achtzig Prozent der in der Sowjetunion lebenden Juden gelten als völlig assimiliert. Und doch läßt sich seit etwa fünf Jahren ein überraschender neuer Trend beobachten: eine “jüdische Renaissance” unter den zumeist jungen Intellektuellen, eine Neubesinnung auf die jüdische Basis. Sie gehen wieder in die Synagogen, singen israelische Lieder und tanzen wieder in Chora.
Von ROBERT HERZENBERG
Doch mit der öffentlichen Neubesinnung brechen auch alte Konflikte wieder auf. Denn während im Westen der Begriff “Jude” konfessionellen Charakter hat, gilt der Jude in der UdSSR als Ausländer, als Oppositioneller, der reihenweise Schikanen zu erleiden hat: Er hat Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, an der Universität, der KGB interessiert sich für ihn … In der freien Welt ist Judentum eine Konfession.
Und sogar im zaristischen Rußland gab es für den Juden eine Alternative: Es stand ihm frei, sich taufen zu lassen und dadurch der Diskriminierung zu entrinnen, oder aber Jude zu bleiben. Dann war er sich jedoch dessen bewußt, daß er die ihm bevorstehenden Leiden aus freien Stücken gewählt hatte. Die Zugehörigkeit zum Judentum war also im vorrevolutionären Rußland eine Gewissensfrage.
Die Sowjetführung, die die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Völker auf ihre Fahne geschrieben hat, betrachtet den Juden als Angehörigen einer Nation. Allein seine Abstammung ist ausschlaggebend.
Wer sind diese sowjetischen Bürger jüdischer Nationalität, die in ihrer Gesamtheit weit über zwei Millionen zahlen?
Die Skala der Sowjet Juden reicht von Areligiosen zu Orthodoxen sowie von völlig russisch Assimilierten zu denen, die ihre jüdische Eigenart und ihr jüdisches Traditionsgut gewahrt haben. 80 Procent der sowjetischen Juden sind assimiliert. Zu ihnen gehört der überwiegende Teil der in den Großstädten (Moskau, Leningrad, Kiew) lebenden Sowjetjuden. Wie die meisten Sowjetbürger sind auch sie in einer nichtreligiösen Atmosphäre aufgewachsen.
Sie haben meist nicht die geringste Vorstellung von den Grundlagen des Judaismus.
Erst in den letzten fünf Jähren läßt sich eine Art jüdischer Renaissance unter vornehmlich jungen, bisher völlig assimilierten Intellektuellen beobachten. Jedoch auch für sie ist die einzige in Moskau existierende Synagoge eher ein gesellschaftlicher Treffpunkt als eine kultische Stätte.
Trotzdem stärkt sich mit dem ständig wachsenden sowjetischen Antisemitismus die Solidarität weiter Kreise der jüdischen Großstadtbevölkerung mit Israel und dem Weltjudentum. Während der großen jüdischen Feiertage (Passah, Neujahr) hat es die Moskauer Miliz nicht leicht. Sie muß Tausende von Juden, die zur Synagoge strömen und sämtliche anliegenden Seitengassen überfluten, beobachten und in die Synagoge dirigieren. Vor dem Synagogengebäude singen Jugendliche israelische Lieder und tanzen die Chora.
Angesichts dieser Ansammlung werden die ausländischen Korrespondenten von den KGB-Agenten durchaus als unerwünschte Gäste empfunden. Also bleibt den Geheimagenten nichts anderes übrig, als ihre Beobachterposten einzunehmen und ihre Kamera in Bereitschaft zu halten.
Immer geringer wird die Zahl der russisch assimilierten Juden, die sich von der Illusion leiten lassen, daß die Preisgabe ihres Judentums sie zu vollwertigen Sowjetbürgern machen könne. Zu den jiddischsprechenden Orthodoxen gehören vor allem ältere Leute in den Kleinstädten der Ukraine, Belorußlands und der Moldau. Ihrem Beruf nach sind es vorwiegend kleine Handwerker und sowjetische Handelsangestellte.
In der Sowjetunion werden diese verschiedenen Gruppierungen mit einem äußeren Stigma versehen: durch die obligatorische Angabe der Nationalität im Paß. Der diesbezügliche Vermerk beeinflußt ihr ganzes Leben. Die Angabe der im Paß verzeichneten Nationalität bei der Ausfüllung des Fragebogens etwa bei der Bewerbung um eine Arbeitsstelle oder beim Versuch, sich immatrikulieren zu lassen, stellt eine Hürde dar, die nur mit besonderer Geschicklichkeit vermieden werden kann: durch Schmiergelder zum Beispiel.
Redselige Personalchefs machen heute in der Sowjetunion keinen Hehl daraus, daß es eine ungeschriebene Regel gibt, derzufolge “Angehörige der Nicht-Stammbefölkerung” (Synonym für Juden) nicht eingestellt werden dürfen. Neuerdings hat man auch eine Ausrede parat: “Man kann nicht erwarten, daß wir Zeit und Geld vergeuden, um Arbeitskräfte für Israel heranzubilden.”
Während in den dreißiger Jahren, zur Zeit der großen stalinschen Säuberungsaktionen, niemand wissen konnte, ob er nicht eines Tages zu einem “klassenfremden” Element erklärt und verhaftet würde, hat sich heute die ideologische Situation gewandelt und in gewissem Sinne vereinfacht. Der Jude schlechthin gilt als der innere Feind. Zu Juden werden hierbei auch oft waschechte Russen, sofern sie politische Dissidenten sind, gestempelt. Dem dienen Gerüchte, die von der KGB in Umlauf gesetzt werden.
Voller Ironie bemerkt dazu der Exil-Schriftsteller Andrej Sinjawski: “Jeder Schriftsteller russischer Herkunft, der nicht bereit ist, vorschriftsmäßig zu schreiben, wird heute zum Juden. Er ist ein entarteter Mensch und ein Volksfeind.”
Die Verteufelung des russischen Juden als Inbegriff des inneren Feindes nahm vor mehr als einem Vierteljahrhundert ihren Anfang.
Ende der vierziger Jahre, als in der sowjetischen Presse die berüchtigte Kampagne gegen den sogenannten “Kosmopolitismus” zu einem der Hauptthemen der Propaganda wurde, war es für die Sowjetjuden nicht schwer zu erkennen, gegen wen dieser Feldzug gerichtet war. Die Zeitungen machten kein Geheimnis daraus, was unter einem “Kosmopoliten” zu verstehen war. Ursprunglich jüdische Familiennamen wurden in Klammern dem russisch klingenden Pseudonym von Schriftstellern und Künstlern angefügt.
“Unpatriotische Haltung und westliche Orientierung” wurden zu Begriffen, die man mit dem Judentum identifizierte.
1952 kam es zur physischen Vernichtung jüdischer Schriftsteller und Schauspieler (Markisch, Suskin, Pfeffer, Bergelsen u. a.). Und heute zweifelt niemand daran, daß der “Verkehrsunfall”, dem der sowjetische Schauspieler Michoels 1948 zum Opfer fiel, ein geplanter Mord war. Ihren Höhepunkt erreichte die antisemitische Kampagne in der UdSSR Anfang 1953, als einzig und allein Stalins Tod die Gefahr einer Deportation von den die größeren Städte bewohnenden Sowjetjuden abwandte.
Das diesen Ereignissen zugrunde liegende “Ärzte-Komplott” und das in diesem Zusammenhang geplante Gerichtsverfahren belasten das Unterbewußtsein jedes sowjetischen Juden mit einem oft verdrängten, jedoch latent vorhandenen Angstkomplex.
Relativ ruhigere Zeiten traten in der Chruschtschow-Ära ein, obwohl die Auswirkungen der obligatorischen Nationalitätenangabe spürbar waren.
Nach dem Sechs-Tage-Krieg begann eine massive, angeblich antizionistische, aber ihrem eigentlichen Wesen nach antisemitische Kampagne in allen Massenmedien, die auch heute noch anhält. Antikommunismus und Faschismus werden in Zeitungsartikeln, Rundfunk- und Fernsehsendungen dem Zionismus gleichgesetzt. Fast täglich veröffentlichen sowjetische Zeitungen antizionistische Karikaturen.
Im Westen wird oft die durchaus berechtigte Frage nach der Genese des sowjetischen Antisemitismus gestellt. Wie konnte es überhaupt dazu kommen?
Tatsache ist, daß es in der UdSSR vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges keinen von oben inspirierten Antisemitismus gab. Davon weiß jeder Sowjetjude der älteren Generation zu berichten. Die ersten Anzeichen des sowjetischen Antisemitismus offenbarten sich während des Krieges. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die nazistische Propaganda in den besetzten Gebieten, die Juden und Kommunisten einander gleichsetzte und der Vernichtung anheimgab, eine Rückwirkung auf die sowjetische Ideologie hatte.
Um dieser für die kommunistischen Belange psychologisch schädlichen Tendenz entgegenzuwirken, begann Stalin die maximale Distanzierung der Begriffe “Judentum und Kommunismus”. Gleichzeitig setzte eine Glorifizierung russisch nationaler “Errungenschaften” ein.
Obwohl Zehntausende von Sowjetjuden an der Front gefallen waren und es zahlreiche jüdische Ordensträger gab, wurde in Rußland während des Krieges die stereotype Formel von dem Juden, der Taschkent verteidigt (also im tiefen Hinterland hockt) in Umlauf gebracht.
Diese antisemitischen Stimmungen wurden durch die späteren Solidaritätsbekundungen sowjetischer Juden für die Existenz Israels verstärkt und vertieft.
Die antizionistische Propaganda der heutigen Machthaber des Kreml ist aufs genaueste berechnet. Mittels antizionistischer Phraseologie gelingt es, auch außenpolitischen Profit einzustreichen. Antizionismus dient so als Mittel, sowjetische Einflußsphären im Nahen Osten und in der Dritten Welt zu erweitern. Schließlich ist der “Antizionismus” das einzige ideologische Mittel, das Moskau zur Verfügung steht, um mit der neuen Linken in Kontakt zu kommen. Sonst gibt es zwischen ihnen fast nichts Gemeinsames.
Von Zeit zu Zeit hält es Moskau für angebracht, propagandistische Ablenkungsmanöver durchzuführen, die die westliche — hauptsächlich amerikanische — öffentliche Meinung berücksichtigen. Pressekonferenzen werden einberufen, in denen die noch übriggebliebenen prominenten, regimetreuen Sowjetjuden die Völkerfreundschaft in der UdSSR loben.
In dieser Atmosphäre ist es kein Wunder, daß Zehntausende von sowjetischen Juden jenes Risiko auf sich nehmen, das mit einem Antrag auf Ausstellung eines Auswanderungsvisums verbunden ist. Hierbei sind sie sich der Erniedrigungen und Gefahren bewußt, die einem solchen Schritt zu folgen pflegen: Betriebsversammlungen, in denen’ man zu “Verrätern des Vaterlandes” erklärt wird, Entlassung, Relegation, womöglich auch Verhaftung und Arbeitslager.
In vielen Fällen fassen die Eltern diesen Entschluß, weil sie um die Zukunft Ihrer Kinder bangen. Man gibt sich keiner Selbsttäuschung mehr hin. Harte Tatsachen sprechen dafür, daß die junge Generation der Sowjetjuden keine Zukunftsaussichten mehr hat.
[Die Welt Oct. 11, 1975. p.??]
Peking sucht Verbündete im Westen
Sowjetisch-chinesischer Konflikt spitzt sich zu
Von ROBERT HERZENBERG
Der sowjetisch-chinesische Konflikt hat sich in jüngster Zeit noch weiter verschärft und weist immer ernster werdende Anzeichen eines irreversiblen Prozesses auf. In diesem Zusammenhang ist die Tatsache von Bedeutung, dass Moskau allem Anschein nach schon endgültig von seiner ehemals gehegten Illusion Abstand genommen hat, mit den künftigen Pekinger Führern nach Maos Tod ein Übereinkommen zu erzielen.
Die in den letzten Monaten immer intensiver werdende diplomatische Aktivität Chinas erregt natürlich tiefe Besorgnis im Kreml. Nach einer Reihe von prominenten Besuchern aus den asiatischen Ländern (z.B. dem Präsidenten der Philippinen Marcos, einer repräsentativen kambodschanischen Regierungsdelegation, hochgestellten Parteifunktionären aus Hanoi unter Leitung von Generalsekretär Le Duan) wurden in der chinesischen Hauptstadt Vertreter der konservativen Opposition Westeuropas mit grossem Pomp empfangen.
Es handelt sich hierbei um die Visite von Edward Heath, dem ehemaligen Premierminister Grossbritanniens, und um die im laufenden Jahre zweite Peking-Fahrt von Franz Josef Strauss, dem Vorsitzenden der bayerischen CSU. Diese beiden “Erkundungsreisen” gingen um nur wenige Wochen den neulich in Peking abgehaltenen Gesprächen von Henry Kissinger mit der chinesischen Führungsspitze voraus.
Heath wurde von Mao persönlich empfangen. Im Pekinger Flughafen erklärte der britische Ex-Premier einer Gruppe von Journalisten, dass Mao während des Empfangs die sowjetische Gefahr betont habe, die nach chinesischer Auffassung sowohl gegen China als auch gegen Westeuropa gerichtet sei. Dem Empfang wohnte der chinesische Vizepremier Teng Hsiao-ping bei.
Teng, der gleichzeitig auch Generalstabschef ist, hatte mit Heath eine weitere dreistündige Unterredung, deren Hauptthema die globale Politik und Stategie der UdSSR war. In seinen Äusserungen der Presse gegenüber formulierte Heath seine Eindrücke, die er während seiner Gespräche mit den chinesischen Politikern gewonnen hatte, mit folgenden Worten: “Westeuropa wird von den Chinesen als zweite Front betrachtet.”
Im ersten Halbjahr 1975 wiederholte Peking immer aufs neue, dass vornehmlich Westeuropa der Gefahr einer sowjetischen Aggression ausgesetzt sei. Hierbei wurde darauf verwiesen, dass zwei Drittel der sowjetischen Streitkräfte und Waffen im europäischen Teil der UdSSR und in den osteuropäischen Satellitenländern stationiert seien, während nur ein Drittel an der sowjetisch-chinesischen Grenze stationiert werde.
Chinesischerseits erklangen Mahnrufe, der sowjetischen Gefahr eingedenk zu sein und nichts unversucht zu lassen, um ein militärisch starkes, politisch geeinigtes Westeuropa zu schaffen.
Die altruistische Besorgnis Pekings um die künftigen Schicksale Westeuropas schien nicht allzu überzeugend. In seinem Gespräch mit Edward Heath hat Mao jetzt zum ersten Mal auf die These verzichtet, derzufolge Westeuropa durch eine eventuelle sowjetische Aggression in erster Linie bedroht sei. Zur Zeit betont die maoistische Führungsspitze die Gemeinsamkeit der strategischen Interessen Westeuropas und der Volksrepublik China.
Nach der nun von Mao und seinen engsten Mitarbeitern vertretenen Ansicht haben der Westen und China gleicherweise einen sowjetischen Angriff zu befürchten.
Was die chinesischen Argumente anbetrifft, die darauf hinauslaufen, Westeuropa als potentielle zweite Front darzustellen, ist Skepsis geboten. Die sowjetische Generalität ist mit den Ursachen der militärischen Niederlagen der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zur Genüge vertraut, um verstehen zu können, dass der Zwei-Fronten-Krieg Hitlers einer der Hauptgründe für dessen militärisches Fiasko war.
Es ist wohl kaum anzunehmen, dass der Kreml und der sowjetische Generalstab ihre Bemühungen ausgerechnet auf die strategisch unvorteilhafteste Variante eines Zwei-Fronten-Kriegs richten sollten, was faktisch einem nationalen Selbstmord gleichkäme.
Peking ist sich natürlich ständig einer Bedrohung durch seinen nördlichen Nachbarn bewusst und trifft dementsprechende Vorkehrungen. Diese Furcht vor einem sowjetischen Angriff ist auch der eigentliche Grund, warum China potentiele Verbündete im Westen sucht. Es ist kaum verwunderlich, dass Peking hierbei seinen Blick auf die westeuropäischen Konservativen richtet, deren negative Einstellung zur Détente-Politik allgemein bekannt ist.
Zu diesen konservativen Kreisen gehört Franz Josef Strauss in nicht minderem Mass als Edward Heath. Peking ist an ihm nicht weniger interessiert als er an Peking. Die chinesisch-westdeutsche Variante einer Détente, die Strauss offensichtlich der Ostpolitik der Bundesrepublik gegenüberstellt, erweckt in Peking selbstverständlich grösstes Interesse. In diesem Zusammenhang sei auf die Äusserung von Strauss nach dessen Gespräch mit dem chinesischen Aussenminister Chiao Kuan-hua verwiesen.
Der Vorsitzende der CSU hob in seinem Presseinterview hervor, dass sich die chinesische Führung über das langsame Tempo der europäischen Integration, vor allem ihres militärischen Aspekts, Sorge mache. Chiao sei, Strauss zufolge, ein energischer Verfechter der unabhängigen atomaren Streitkräfte Westeuropas. Peking sei auch an einer militärischen Präsenz der US-Truppen in Europa interessiert.
Die globale Rivalität zwischen den beiden kommunistischen Grossmächten, die sich nach Beendigung des Vietnamkrieges noch weiter verschärft hat (erbitterter Kampf um Einflussphären in Südostasien), ist zu einem der politischen Hauptfaktoren der Gegenwart geworden und prägt das Antlitz unserer Zeit.
[Aufbau Nov. 7, 1975. p.7]
