Moskaus Dilemma in Polen
Zwischen Scylla und Charybdis
General Jaruzelskis Ernennung zum Warschauer Regierungschef ist ein Sieg des gemässigten reformorientierten Parteiflügels um Kania und Jagielski über die Moskau-Fraktion der ZK-Sekretäre Olszowski und Grabski.
General Jaruzelski, der bisherige Verteidigungsminister des Landes, vertritt aufs entschiedendste den Standpunkt, dass die polnische Armee gegen das Volk nicht eingesetzt werden dürfe. Der Einsatz der Armee würde “unsere Grossbetriebe zu fünfhundert Festungen machen”, hat General Jaruzelski noch vor kurzem gesagt. Es ist seinem Einfluss zu danken, dass das polnische Militär bisher neutral geblieben ist.
Von Bedeutung ist auch die Ernennung Rakowskis, des Chefredakteurs der Wochenzeitschrift “Polityka”, zum stellvertretenden Premierminister. Der liberal gesinnte Rakowski geniesst das Vertrauen breiter Kreise der Bevölkerung sowie der Führung der “Solidarität”-Gewerkschaften. Zurzeit haben in der Kommunistischen Partei Polens die gemässigten Kräfte, die für einen Dialog mit den freien Gewerkschaften eintreten, die Oberhand gewonnen. Auch Lech Walesa und die ihm nahestehenden Arbeiterführer setzen sich für die Kooperation mit den Warschauer Parteiund Regierungsinstanzen ein.
Rakowski schrieb jüngst in der “Politika”: “Die ‘Solidarität’-Bewegung erweckt gewisse Befürchtungen, andererseits kann man sich aber Polens Entwicklungsweg ohne diese Partnerschaft kaum vorstellen.”
Die Kommunistische Partei Polens und ihr Auftrag sind für Moskau — und damit für die Zukunft des polnischen Volkes — von entscheidender Bedeutung. Der Kreml braucht nicht zu befürchten, dass Polen seine Mitgliedschaft im Warschauer Pakt aufzugeben beabsichtigt. Die zehn Millionen “Solidarität”-Mitglieder trachten auch nicht danach, den Kapitalismus zu restaurieren.
Anstoss von unten
Eventuelle Wirtschaftsreformen in Polen dürften die Sowjets nicht aus der Fassung bringen. Schliesslich hat Moskau Kadars weitgehende Reformen in Ungarn geduldet.
Moskaus Дngste sind politischer Natur. Es sind weder die wirtschaftlichen Reformbestrebungen der Polen noch militärische Überlegungen, die den Kreml zu einer Intervention in Polen veranlassen könnten. Für das Politbüro der KPdSU ist die Tatsache, dass die Kommunistische Partei Polens die Gewalt über die Zensur und ihr Informationsmonopol hat aufgeben müssen, von katastrophaler Bedeutung. In dieser Hinsicht lässt sich die polnische Situation mit der Lage in der Tschechoslowakei im Jahr 1968 vergleichen (die polnische Situation ist jedoch für Moskau eine bedeutend “härtere Nuss”, da die Demokratisierung nicht von der Parteispitze ausgeht, sondern von den Arbeitermassen initiiert worden ist).
Die “Solidarität” ist von Anbeginn an bedeutend mehr gewesen als eine blosse Gewerkschaftsvertretung, die sich um die Löhne der Arbeiter kümmert. Seit dem Augenblick, da im August letzten Jahres die polnische Nationalflagge (nicht die rote Fahne) auf der Schiffswerft von Gdansk gehisst wurde, spielte die “Solidarität”-Bewegung faktisch die Rolle einer nationalen Erneuerung (“Odnowa”).
Für den Kreml ist die polnische “Erneuerung” — im Vergleich zum “Prager Frühling” — bedeutend gefährlicher. Die Ereignisse haben dazu geführt, dass sich die polnische Variante des sowjetischen “Nomenklatur”-Systems im Zustand der Auflösung befindet. Bekanntlich gewährleistet die sog. Nomenklatur (von den Apparatschiks sanktionierte Listen der wichtigsten Partei- und Regierungsämter und der Personen, die sie bekleiden) die Vorherrschaft der roten Aristokratie. Das “Nomenklatur”-System funktioniert faktisch nicht mehr in Polen.
Autoritätsverlust
Die Partei hat in Polen ihre Autorität eingebüsst. 1,7 Millionen der insgesamt drei Millionen Parteimitglieder haben sich der “Solidarität” angeschlossen. Die Parteizellen zahlreicher Grossbetriebe existieren schon nicht mehr. Die Arbeiter der 162 grössten Industriebetriebe, die früher als Avantgarde des “neuen Polens” galten, sind der Solidarität” treu ergeben.
Schreckenserregend sind für die Sowjets folgende Ereignisse: Wochenlange Sitzstreiks polnischer Studenten haben es ermöglicht, dass das Studium der russischen Sprache und der Theorie des Marxismus-Leninismus nunmehr Wahlfächer geworden sind. Die neugebildeten Studentenorganisationen werden künftig bei der Erarbeitung des Lehrprogramms zumindest als gleichberechtigte Partner fungieren.
Die “Solidarität” hat es zuwege gebracht, dass ein exklusiver, nur den Parteibürokraten zugänglicher Kurort im wahren Sinne des Wortes zum Besitztum des Volkes geworden ist. Die Parteielite geht jetzt in Polen ihrer Privilegien verlustig.
Natürlich wirkt sich diese Entwicklung auch auf intellektuellem Gebiet aus. Der im Dezember 1980 neugewählte Vorsitzende des polnischen Schriftstellerverbandes ist Jan Jozef Szezepanski, ein katholisch orientierter Autor, dessen Werke noch vor kurzem von der Zensur verboten waren. Stefan Bratkowski ist jetzt Vorsitzender des Journalistenverbandes. Sieben Jahre lang durfte Bratkowski — seiner liberalen Gesinnung wegen — kein offizielles Amt bekleiden. Der neue Vorsitzende des Warschauer Journalistenverbandes ist Jacek Kalabinski. ein Rundfunkkommentator, der sich bisher von jeglicher Parteipropaganda ferngehalten hat.
Sowjets unter Druck
Die sowjetische Führung ist faktisch in eine ausweglose Situation geraten. Der Kreml hält eine militärische Intervention für unvermeidlich, ist sich aber der gigantischen Gefahren bewusst, die eine Invasion Polens nach sich zie hen könnte.
Moskau weiss dass jeder “verlorene Tag” die Kräfte der polnischen Erneuerung stärkt und die Positionen des Kremls schwächt. Andererseits hat der Kreml die unvorhersehbare Reaktion der polnischen Bevölkerung und der Armee des Nachbarlandes in Betracht zu ziehen. In Polen könnte es zu einem katastrophalen Prestigeverlust der sowjetischen Supermacht kommen. Die Sowjetarmee ist nicht einmal imstande, Afghanistan zu unterwerfen. In Polen sind für die Russen die Gefahren noch grösser Der polnisch-russische Konflikt reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Viermal sam es zur Teilung Polens. Jedesmal war Russland mit im Spiel.
Falls die Sowjets sich zu einer militärischen Intervention entscheiden sollten, wurden sie gezwungen sein, die Riesenschulden Polens zu übernehmen und die Bevölkerung des Landes mit Lebensmitteln und anderen Konsumgütern zu versorgen. Im Falle einer militärischen Aktion der Sowjets würde die polnische Bevölkerung höchstwahrscheinlich die Besatzungsmacht oder ihre polnischen Statthalter ignorieren und sabotieren.
Die sowjetisch-kubanischen Bemühungen, die Guerillas in El Salvador zu bewaffnen und den Bürgerkrieg in dieser mittelamerikanischen Republik zu intensivieren, sind — angesichts der akuten Gefahr in Osteuropa — ein verzweifelter Versuch, die Aufmerksamkeit des Westens von Polen nach Lateinamerika abzulenken. Das polnische Problem wird jedoch hierdurch nicht gelöst.
L.K.
[Aufbau Mar. 6, 1981. p.2]
Antisowjetische Massenkundgebungen im Baltikum
Bisher haben sich die Ereignisse in Polen am stärksten auf die baltischen Sowjetrepubliken (Estland, Lettland, Litauen) ausgewirkt. Besonders grosse Ausmasse haben die antisowjetischen (und unverhüllt antirussischen) Protestkundgebungen in Estland, der kleinsten der drei baltischen Republiken, angenommen. Zum Vorkämpfer des estnischen Widerstandes wurde der 46jährige Biologe Mart Niklus, der “baltische Sacharow”, wie man ihn in der Heimat oft nennt. Niklus unterhielt mit dem Nobelfriedenspreisträger Andrej Sacharow — bis zu dessen Verbannung nach Gorki — enge Kontakte.
Estnische Studenten und Schüler unterstützten Niklus in seinem Kampf um nationale Unabhängigkeit. Als sich die Sowjets der “Ansteckungsgefahr der polnischen Krankheit” bewusst wurden, verhafteten sie Niklus und Jurij Kukk, einen Professor der Universität Tartu (Dorpat). Am 8. Januar 1981 wurden beide Bürgerrechtler und Kämpfer für nationale Unabhängigkeit zu Freiheitsstrafen verurteilt: Mart Niklus zu 10 Jahren Zwangsarbeit (mit nachfolgender fünfjähriger Verbannung). Das Urteil im Prozess gegen Jurij Kukk lautete auf zwei Jahre Gefängnis. Nach seiner “Freilassung” soll sich Kukk — auf Empfehlung des sowjetischen Gerichts — in einer psychiatrischen “Heilanstalt” behandeln lassen. Gegenwärtig lässt es sich kaum sagen, wessen Strafe schwerer ist. Eine “psychiatrische Heilanstalt” kann in der UdSSR zu lebenslänglicher Haft werden.
Niklus hat wegen “Verleumdung der Sowjetmacht” schon 10 Jahre in diversen Arbeitslagern abgebüsst (1958-1968). Im Gefängnis und im Lager wurde er häufig misshandelt. Seine Gesundheit ist völlig zerrüttet, und seine Talliner Freunde zweifeln daran, dass er imstande sein wird, die ihm bevorstehende 10jährige Lagerfrist einzuhalten.
1968-1980 organisierte er — zusammen mit den Dissidenten Litauens und Lettlands — eine baltische Widerstandsbewegung. Im August 1979, dem 40jährigen Jahrestage des Abschlusses des sowjetisch-nazistischen Paktes, unter-zeichneten 45 Litauer, Esten und Letten einen Aufruf an die Weltöffentlichkeit. In diesem Appell wird die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit erhoben. Unter anderem wird darauf hingewiesen, dass Sowjetrussland i.J. 1920 mit den drei baltischen Republiken Friedensverträge unterzeichnet hat, in denen Moskau hoch und heilig gelobte, keinerlei Ansprüche auf das Territorium der drei Länder zu erheben. Im Aufruf der 45 baltischen Dissidenten wird ferner hervorgehoben, dass der Westen die Münchner Abmachung von 1938 heute als null und nichtig betrachtet, während die rechtlichen Auswirkungen des sowjetisch-nazistischen Paktes bis auf den heutigen Tag anerkannt werden.
Kurz nach der Verhaftung von Niklus und Kukk kam es in Tallin zu Protestkundgebungen, an denen Tausende junge Esten teilnahmen. Die Demonstranten trugen Transparente mit der Aufschrift “Russen, raus aus Estland”.
Die erste grosse Massendemonstration fand am 22. September 1980 statt. Teilnehmer der Kundgebung waren meist Jugendliche und Vertreter der estnischen Intelligenz. Anlass der Protestaktion war das Verbot eines Konzertes der Pop-Gruppe “Propeller”. Die Zensur hatte in den Liedertexten “nationalistische Motive” ausfindig gemacht. über 1.000 junge Esten versammelten sich im Talliner Stadion. Durch brutale Gewalt-massnahmen gelang es der Polizei, die Kundgebung zu sprengen. Viele Schüler der oberen Klassen wurden festgenommen und bald darauf aus ihren Lehranstalten ausgeschlossen.
Laut Meldungen sowjetischer Dissidenten nahmen am 3. Oktober vergangenen Jahres gegen 5.000 Personen an einer grossen Protestkundgebung im Zentrum Tallins teil. So etwas hatte es in der Sowjetunion noch nie gegeben. “Wir fordern ein freies Estland”, “Russen raus aus Estland” hiess es da auf den Spruchbändern der jugendlichen Demonstranten.
Als sich die Massen dem Talliner Regierungsgebäude näherten, trat die Polizei in Aktion. Viele Menschen wurden geschlagen und misshandelt. 150 Personen wurden festgenommen (die meisten wurden später freigelassen; sechs der Verhafteten werden aber demnächst vor Gericht gestellt werden).
Die Lage war derart gespannt, dass der Chef des KGB (des sowjetischen Sicherheitsdienstes), Jurij Andropow, aus Moskau nach Tallin eilte, um “Ordnung zu schaffen”. Es wird berichtet, dass zurzeit in Estland eine Säuberungsaktion im Gange ist, die auch die örtlichen Sicherheitsorgane erfasst hat.
Am 20 Oktober 1980 wurden die bekannten estnischen Dissidentetn Veljo Kalele, Tut Madison und Viktor Niitso verhaftet. Zum ersten Mal untersteht das estnische Bildungsministerium jetzt einer Russin (der Moskauerin Elsa Gretschkina). Die Genossin reorganisiert gegenwärtig das gesamte Schulwesen. Eine der diesbezüglichen Massnahmen besteht darin, sämtliche Fächer in russischer Sprache zu lehren. Im Moskauer administrativen Jargon wird dieser Prozess als “Erziehung der Jugend in sowjetischem Geiste” bezeichnet.
In Lettland und Litauen ist die Lage vorläufig noch nicht derart gespannt, obwohl es in beiden Republiken zahlreiche Untergrundpublikationen gibt. 1972 kam es in Litauen zu Zusammen-stössen zwischen Jugendlichen und Polizisten. Panzertruppen der Sowjetarmee waren einsatzbereit.
Unter den litauischen Dissidentenblättern sind die der katholischen Kirche von besonderer Bedeutung. Der katholische Widerstand der Litauer ist für Moskau ein überaus ernst zu nehmender Faktor. Unter dem Einfluss der Ereignisse in Polen könnte es auch im benachbarten Litauen zu antisowjetischen Aktionen kommen. Moskau ist sich dieser Gefahr bewusst.
L.K.
[Aufbau, 1981.03.27, p. 5]
Integrationsprobleme sowjetjüdischer Immigranten in den USA
Als Hunderttausende russischer Juden um die Jahrhundertwende nach Amerika kamen, um den zaristischen Pogromen zu entgehen, hatten sie enorme Schwierigkeiten zu überwinden. Sie waren meist bettelarm. Die amerikanisch-jüdischen Gemeinden konnten ihnen damals nur minimale finanzielle Hilfe gewähren. Die Auswanderer sprachen fast ausschliesslich Jiddisch. Damals waren die amerikansich-jüdischen Organisationen nicht imstande, für die Neuankömmlinge Englischkurse zu veranstalten. Schlecht und recht erlernten sie die fremde Sprache. Sie lebten in jüdischen Stadtvierteln und konnten in den meisten Fällen mit ihrem Jiddisch auskommen. Erst ihre Kinder und Grosskinder, die amerikanische schulen besuchten, meisterten die eng- lische Sprache.
Die jüdischen Einwanderer aus dem zaristischen Russland hatten meistenteils nicht einmal Mittelschulbildung. Sie kamen aus ihrem wolynischen, galizischen, ukrainischen oder bjelorussichen Städtel. Dort waren sie in der Regel als kleine Handwerker und Kaufleute tätig gewesen. In Amerika mussten sie schwer arbeiten (man denke nur an die “Sweatshops”), doch für die amerikanisch-jüdischen Gemeinden, die ihnen zu helfen suchten, war die psychologische Situation nicht allzu kompliziert. Die neuen Emigranten arbeiteten in Fabriken und Werkstätten, deren Besitzer meist Juden waren. Wer es schaffen konnte, eröffnete früher oder später sein eigenes Unternehmen.
Die Urgrossväter der heutigen Sowjeteinwanderer waren religiös motiviert. Sie besuchten regelmässig die Synagoge und waren mit jüdischen Traditionen vertraut. Die Hauptaufgabe bestand in der Anpassung der neuen Einwanderer an die Lebensverhältnisse ihrer Wahlheimat, in ihrer Amerikanisierung (erst die Kinder und Enkelkinder der Juden aus dem zaristischen Russland wurden zu Amerikanern im vollen Sinne des Wortes).
Die fast 90.000 Sowjetjuden, die in den letzten zehn Jahren nach den Vereinigten Staaten und Kanada auswanderten, haben mit ihren Urgrossvätern, die vor 80-100 Jahren nach Amerika kamen, nur eines gemein — die Flucht vor dem Antisemitismus in ihrem Heimatlande. Selbstverständlich unterscheidet sich der Sowjetantisemitismus von dem Judenhass im vorrevolutionären Russland. Die Juden aus dem Zarenreiche retteten sich vor blutigen Pogromen. Viele heutige Sowjetjuden sehen sich genötigt, auszuwandern, weil ihre Kinder in der Heimat keine Zukunftsaussichten mehr haben. Ein inoffizieller Numerus clausus macht sie — trotz der idyllischen Versicherungen der Sowjetpropaganda — zu Bürgern zweiter Klasse.
Die Tatsache, dass immer zahlreichere Sowjetjuden dem Beispiel ihrer Vorfahren folgen und nach Amerika kommen, führt oft zu Missverständnissen seitens der amerikanisch-jüdischen Gemeinden und der in fast jeder US-Stadt existierenden Hilfskomitees für Sowjetjuden. Da fast ausschliesslich orthodoxe jüdische Organisationen, deren Mitglieder (ihre Eltern oder Grosseltern) meist aus Osteuropa stammen, sich der Sowjetjuden angenommen haben, identifizieren sie nur allzu häufig die Neuankömmlinge mit dem Bilde der ihnen so vertrauten “russischen Ahnen”.
Die Sowjetjuden unterscheiden sich aber fast in jeglicher Hinsicht (mit Ausnahme der Auswanderungsmotive) von ihren Vorfahren. Nach jüngsten statistischen Angaben der HIAS sind 24 Proz. der Einwanderer aus der UdSSR Akademiker, 16 Proz. — Ingenieure, 8 Proz. — Techniker, weitere 16 Proz. waren in der Sowjetunion Büroangestellte, Administratoren u.dgl. Oft sind es gerade die Akademiker und die ehemaligen Sowjetadministratoren, die auf dem US-Arbeitsmarkt auf besonders grosse Schwierigkeiten stossen. Mangelnde Englischkenntnisse komplizieren die Situation beträchtlich.
Während die russisch-jüdischen Einwanderer der Jahrhundertwende recht anspruchslos waren und fast jede beliebige Arbeit übernahmen, die ihnen angeboten wurde, bemühen sich heute sowjetjüdische Universitätsabsolventen um eine Beschäftigung, bei deren Ausübung sie die in der UdssR erworbene Qualifikation wenigstens teilweise verwerten können.
In vielen Fällen stellt es sich heraus, dass die Neuankömmlinge über die auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt herrschende Situation kaum informiert waren. So kommt es oft zu bitteren Enttäuschungen seitens der Immigranten und zu Verdruss und Ärger der sie betreuenden Amerikaner (gleichartige Erscheinungen lassen sich — im Fall Sowjetjuden — auch in Israel beobachten).
Hinzu kommt die Tatsache, dass 95 Proz. der sowjetjüdischen Einwanderer mit dem Kultur- und Traditionsgut ihres Volkes nicht vertraut sind. In der Sowjetunion besuchten sie die Synagoge nur unmittelbar vor der Auswanderung (auf den Strassen, die zur Synagoge führen, versammeln sich Auswanderungswillige zwecks Austausches jüngster Informationen). Sowjetjuden unterscheiden sich von ihren amerikanischen Glaubensgenossen durch ihre nichtreligiösen Vorstellungen vom Judentum (für die meisten Sowjetjuden ist Judentum ein national-ethnischer Begriff).
Es darf nicht ausseracht gelassen werden, dass Sowjetjuden die Auswanderung — jedenfalls in der Anfangsperiode — einen unvermeidlichen Schock verursacht, der durch die andersgeartete Gesellschaftsordnung und Lebensweise in Russland und Amerika bedingt ist.
Der westliche Individualismus und die bisher völlig unbekannte Freiheit wirken zumeist angsterregend. In der Sowjetunion ist die Wahl des individuellen Lebensweges beschränkt. Nicht das Individuum, sondern der Staat entscheidet. Trotz nonkonformistischen Gedankengutes zahlreicher Schriftsteller und Künstler aus der UdSSR flösst die unbeschränkte westliche Freiheit dem sowjetjüdischen Durchschnittsemigranten eine gewisse Angst ein. Er ist es nicht gewohnt, Entscheidungen selbständig zu treffen und Risiken auf sich zu nehmen.
Manche Sowjetimmigranten fühlen sich in ihrer neuen Heimat vereinsamt. In der Sowjetunion ist Freundschaft bedeutend häufiger anzutreffen als in den Vereinigten Staaten. Ein Sowjetbürger hat meist einige bewährte Freunde, denen er sein Herz ausschütten kann. Freunde helfen einander aus. Dieses Phänomen lässt sich teils auf russische Traditionen, teils auf einen durch den totalitären Staat bedingten psychologischen Schutzmechanismus zurückführen. Freundschaft ist in der UdSSR von grösster psychologischer Bedeutung. Der Mensch braucht individuelle Wärme, um dem Druck der Sowjetbürokratie standhalten zu können. Den Emigranten aus der UdSSR fällt es häufig schwer, sich an die Unverbindlichkeit und oft gleichgültige Höflichkeit zu gewöhnen, auf die er hierzulande stösst.
Der Absorptionsprozess der sowjetjüdischen Einwanderer könnte beschleunigt und reibungsloser gestaltet werden, wenn sich die zahlreichen amerikanischen Fürsorger und Volontäre nicht von veralteten, schablonenartigen Vorstellungen vom russischen Juden der “Grossvaterzeit” leiten liessen und wenn sie über die reale Situation in der Sowjetunion besser informiert wären. N.D.
[Aufbau Jun. 19, 1981. p.12.]
Sowjetjuden in USA: Probleme der Identität
Vertreter zahlreicher jüdischer Gemeinden in den Vereinigten Staaten und Kanada äussern häufig die Befürchtung, dass sich ein beträchtlicher Teil der sowjetischen Immigranten in Amerika assimilieren und dabei den Weg zur jüdischen Identität nicht finden würde.
“Schon etwa 10 Jahre lang nehmen wir an Solidaritätskundgebungen für das Sowjetjudentum teil. Wir appellieren an unsere Senatoren und Gouverneure, sich für das Auswanderungsrecht der Sowjetjuden einzusetzen. Jahr für Jahr spenden wir Geldsummen für die Absorbierung der Sowjetjuden in Israel und Amerika. Und was sehen wir nun? Mangelndes Interesse der Neuankömmlinge an jüdischen Dingen. Nur wenige von ihnen besuchen die Synagoge. Viele von ihnen fühlen sich mit der russischen Kultur tiefer verbunden als mit der jüdischen. Warum sind sie dann nicht in Russland geblieben?”
Derart missbilligende Worte kann man heute mancherorts in den jüdischen Gemeinden Amerikas vernehmen. Dem Schreiber dieser Zeilen wurden solche Klagen von einem New Yorker Aktivisten der Upper West Side Manhattans aufgetischt.
Bei oberflächlicher Betrachtung des Problems scheinen diese Vorwürfe durchaus begründet. Die weit über 250.000 Sowjetjuden, die in den letzten 10 Jahren nach Israel oder Amerika kamen, sind in ihrer Mehrzahl religionslos (aber fast nie antireligiös). Mit der jüdischen Geschichte und jüdischen Traditionen sind sie nicht vertraut und offenbaren auch kein besonderes Interesse an Synagoge und Gemeindeleben. Jeder Jude der freien Welt sollte aber, bevor er seine russischen Brüder verurteilt, die Frage an sich richten: “Wie würde ich mich an ihrer Stelle verhalten haben? Hätte ich meine jüdische Religiosität und meine jüdischen Traditionen — nach 63 Jahren atheistischer Propaganda in der Sowjetunion — wahren können?” Jeder unvoreingenommene Mensch wird bei einer derartigen Analyse zugeben müssen, dass es ihm selbst — unter gleichen Umständen — höchstwahrscheinlich genauso ergangen wäre. Viele Israelis und amerikanische Juden scheinen heute schon vergessen zu haben, dass die sowjetjüdische Massenauswanderung — nach über 50 Jahren Isoliertheit vom Weltjudentum — ein wahres Wunder war und ist.
Man muss sich der Tatsache bewusst sein, dass in Zukunft die Emigration hauptsächlich aus der Russischen Sowjetrepublik (Moskau, Leningrad, Swerdlowsk u.a.), der Ukraine (Kiew, Charkow, Odessa, Donetsk u.a.m.) und aus Bjelorussland (Minsk, Gomel, Mogilew, Witebsk, Bobruisk) kommen wird. In den ersten Jahren der sowjetjüdischen Massenemigration stammten zahlreiche Auswanderer aus den baltischen Republiken (Lettland, Litauen, auch Estland), aus Bessarabien und Georgien. In diesen Randgebieten war jüdisches Kulturgut meist erhalten geblieben. Aber die Emigranten aus dem Kernland, Russland, Bjelorussland und der Ukraine sind in bedeutend grösserem Mass assimiliert und russifiziert.
Die sogen. Assimilierung der Sowjetjuden lässt sich nicht mit der der amerikanischen Juden vergleichen. Wie Simcha Goldberg aus New York in einem Vortrag auf der Jahrestagung des “Jewish Communal Service” in Denver (Colorado) vermerkte, steht es einem amerikanischen Juden frei, religiös oder areligiös zu sein, während Sowjetjuden, die gewillt sind, ihren religiösen Traditionen Ausdruck zu verleihen, mit den gegen sie gerichteten Repressalien seitens der Behörden rechnen müssen. “Deshalb wäre eine offene Manifestierung jüdischer religiöser Bräuche in der Sowjetunion eine Art Masochismus”, meinte Goldberg.
Anfang der fünfziger Jahre wurden auf Stalins Befehl 23 führende sowjetjüdische Schriftsteller, Dichter und Schauspieler im berüchtigten Lubjanka-Gefängnis erschossen. Das Moskauer jüdische Theater wurde schon Ende der vierziger Jahre geschlossen. Damals wurde der bekannte jüdische Schauspieler Michoels umgebracht (offiziell hiess es, dass er bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei). Stalin hat sein möglichstes getan, um die Überreste der jüdischen Kultur in der UdSSR mit Stumpf und Stiel auszurotten.
Dem sowjetischen Tyrannen ging es aber um mehr als Vernichtung der Kultur. Kurz vor seinem Tod inszenierten er und seine Getreuen den sogen. “Дrzteprozess”, der den Auftakt zu einer allgemeinen Judenverfolgung und der Deportation der Sowjetjuden nach Sibirien bilden sollte. Stalins Tod rettete sie. Die ältere Generation der Sowjetjuden hat diese furchtbaren Ereignisse nicht vergessen.
Schon 30 Jahre lang dauert die “antizionistische” (oft unverhüllt antisemitische) Kampagne in den sowjetischen Massenmedien an. Jüngsten Angaben zufolge ist es seit 1977/78 keinem einzigen Juden gelungen, sich an der Moskauer Staatlichen Universität immatrikulieren zu lassen. Während 1968/69 111.900 Sowjetjuden an höheren Lehranstalten studieren durften, waren es 1979 nur noch 44.000. Ende der sechziger Jahre übten 11 Prozent der Sowjetjuden freie Berufe aus; heute sind es kaum fünf Prozent.
In der Sowjetunion ist es ein offenes Geheimnis, dass eine Parteidirektive höchster Instanz es verbietet, Juden in verantwortlichen Дmtern anzustellen. Dr. William Korey behauptete in einem unlängst in der Zeitschrift “Foreign Affairs” veröffentlichten Artikel, diese Diskriminierung beziehe sich sogar auf Halbjuden. In diesem Zusammenhang spricht Dr. Korey von einer neuen “Nürnberger Variante”. Manche authentische Berichte aus der UdSSR scheinen Dr. Korey recht zu geben.
Wladimir Begun, einer der aktivsten Antisemiten der Sowjetpresse, hat vor einigen Jahren in einem vertraulichen Gespräch mit einem jüdischen Refusenik gesagt: “Ich glaube nicht, dass sich das Problem der Sowjetjuden durch Assimilation lösen lässt. Sowieso bleibt an jedem Juden etwas Jüdisches haften. Hierbei hilft keine Assimilation”. Auf die Frage, wie die Sowjetjuden sich verhalten sollten, erwiderte Begun: “Ich kann euch nur raten, euch möglichst still zu verhalten. Ihr dürft kein Aufsehen erregen”.
L.K.
[Aufbau Jul. 10, 1981. p.14]
Probleme der Absorbierung von Sowjetimmigranten
1976 sollte in Moskau ein wissenschaftliches Seminar der jüdischen Refuseniks stattfinden. Durch Verhaftung und Verfolgung der Teilnehmer des Symposiums gelang es dem KGB, dem sowjetischen Sicherheitsdienst, den Plan der jüdischen Aktivisten zu vereiteln. Die wissenschaftliche Tagung fand nicht statt. Dennoch konnte der grösste Teil der Vortragstexte nach Israel geschafft werden. Unter diesen Materialien befanden sich auch die Ergebnisse einer Meinungsumfrage. Prof. Benjamin Fain, ein ehemaliger Refusenik, hat die Resultate der Umfrage wissenschaftlich bearbeitet. Im April 1979 veröffentlichte er in Tel Aviv aufschlussreiche Angaben. Die Meinungsumfrage hatte 1500 Sowjetjuden aus 20 verschiedenen Städten erfasst. (Jüdische Refuseniks. Aktivisten oder auswanderungswillige Juden wurden nicht befragt.) Der Fragebogen wurde nur solchen Sowjetjuden gegeben, die 1976 nicht die Absicht hatten, auszuwandern. Die Ergebnisse sind aufschlussreich:
96 Prozent der Befragten drückten den Wunsch aus, ein Buch über jüdische Geschichte zu kaufen, falls eine solche Möglichkeit bestände;
87 Prozent sagten, sie würden gern ein jüdisches Restaurant besuchen, wenn sich ein solches in der UdSSR auftreiben liesse;
80 Prozent wollten Jiddisch lernen (60 Prozent zogen Hebräisch vor);
50 Prozent der Befragten würden ihre Kinder gern in jüdische Schulen schicken (bekanntlich gibt es solche in der UdSSR nicht);
34 Prozent der befragten Sowietjuden gaben an, dass ihre fünf engsten Freunde Juden seien; in den meisten anderen Fällen waren mindestens drei der intimsten Freunde Juden; 54 Prozent waren gegen eine Mischehe ihrer Kinder.
Von Interesse ist auch ein Bericht des Baltimore Hebrew College, das eine Meinungsumfrage unter sowjetjüdischen Immigranten vorgenommen hat. Hierbei wurden folgende Ergebnisse gezeitigt: 82 Prozent der Befragten erklärten, dass die meisten ihrer Freunde in der UdSSR Juden gewesen seien; 83 Prozent sagten, dass sie sich als Juden fühlen, aber nicht religiös sind. Im Bericht des Baltimore Hebrcw College heisst es weiter: “Man kann sich nicht der Schlussfolgerung entziehen, dass die meisten Sowjetimmigranten sich ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk durchaus bewusst sind, obwohl sie nur äusserst wenig von der Geschichte der Juden und des Judaismus kennen.”
Weit über eine Viertelmillion Sowjetjuden konnten die UdSSR nur dank ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke verlassen. In Wien wird ihnen als Juden finanzielle Hilfe erwiesen. Was in der UdSSR ein ständiges Hindernis war, erweist sich plötzlich als “Vorzug”.
Um die Eingliederung der Sowjetimmigranten in die amerikansich-jüdischen Gemeinden zu ermöglichen, müssen die Rabbiner, Sozialfürsorger und die zahlreichen amerikanisch-jüdischen idealistisch gestimmten freiwilligen Helfer die Situation der Neuankömmlinge voll und ganz erfassen und sich mit den wichtigsten Phasen der Geschichte der Sowjetjuden vertraut machen. Man darf auch nicht übersehen, wie schwer es den Einwanderern aus kommunistischen Ländern fällt, sich in der neuen Heimat, sei es Israel oder Amerika, wo Privatinitiative und Konkurrenz dominieren, zurechtzufinden. Dazu kommt das sprachliche Hindernis.
Es wäre falsch, auf die Neuankömmlinge Druck auszuüben. Takt und Mitgefühl sind erforderlich, nicht Tadel und Vorwürfe Der Prozess der Eingliederung in die jüdische Gemeinschaft kann Jahre in Anspruch nehmen. Zum Glück ist die Zahl der Immigrantenkinder, die jüdische Tagesschulen in den USA besuchen, ständig im Wachsen begriffen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass erst die junge Generation der Sowjeteinwanderer ihren Platz in den jüdischen Gemeinschaften des Landes finden wird.
Die sowjetjüdischen Immigranten sollten sowohl in Israel als auch in den westlichen Ländern die Möglichkeit finden, sachkundig über die drei Hauptströmungen im heutigen Judentum — Orthodoxie, konservative Gemeinden und Reformjudentum — informiert zu werden Nichts sollte ihnen vorenthalten werden, wie das leider zuweilen geschieht. Informationsentzug erinnert sie an die Sowjetunion.
In den USA zeigen meist orthodoxe Organisationen aktives Interesse für die Sowjetimmigranten. Konservative und Reformjuden sind in dieser Hinsicht recht gleichgültig. Sie verzichten oft auf jede Initiative, wenn es darum geht, die neuen Immigranten als gleichberechtigte Mitglieder in ihre Gemeinden aufzunehmen.
Aus psychologischen Gründen wäre es zweckmässiger, die Sowjetimmigranten vorerst mit der Geschichte ihres Volkes bekanntzumachen. Nur mit Geduld und Mitgefühl wird es gelingen, die Sowjetimmigranten in das jüdische Gemeindeleben der freien Welt einzubeziehen.
L.K.
[Aufbau Jul. 17, 1981. p.6]
Antikommunistische Schützenhilfe für Moskau
Das Geheimnis Russlands ist schon längst gelüftet. Die Kremlpolitik ist bei weitem nicht mehr so rätselhaft, seitdem sich eine Viertelmillion ehemaliger Sowjetbürger in den letzten 10 Jahren in Israel, in den Vereinigten Staaten und Kanada niedergelassen hat. Die intellektuelle Vorhut dieser jüngsten Sowjetemigrantcn kann bestätigen, dass der Kommunismus Moskauer Prägung schon vor langem seine Anziehungskraft eingebüsst hat. Kurz nach Stalins Tod sprach der italienische Kommunistenführer zu Recht vom “Degenerationsprozess” des sowjetischen Regimes. Der 26. Kongress der KPdSU, der vor einigen Monaten in Moskau stattfand, hat aufs neue der Welt vor Augen geführt, dass die alten Männer des sowjetischen Politbüros keinerlei Дnderungen zu dulden bereit sind (der Bestand des Politbüros blieb völlig unverändert).
64 Jahre nach der bolschewistischen Oktoberrevolution wird die Sowjetmacht durch panische Angst vor jeglichen neuen Tendenzen gekennzeichnet. Die Unterdrückung sämtlicher Reformbewegungen im eigenen Land und in Osteuropa zeugt vom erstarrten, verknöcherten Konservatismus der sowjetischen Führung.
Die Sowjets sind sich dessen bewusst, dass sie den Entwicklungsländern ausser Waffenlieferungen nichts bieten können. Die Kremlpropaganda bemüht sich schon jahrelang, den bürokratischen Konservatismus des sogenannten “real existierenden Sozialismus” zu tarnen und der Welt einen revolutionären Enthusiasmus vorzugaukeln. In der UdSSR und in Osteuropa (bei einer Gesamtbevölkerung von fast 350 Millionen Menschen) weiss man genau, wie es heutzutage um den “revolutionären Geist bestellt ist.
Unlängst ist den Sowjets ganz unerwartete Schützenhilfe seitens mancher extremer Antikommunisten Washingtons zuteil geworden.
Infolge des Unvermögens, die kausalen Zusammenhänge der sozialen Gärung in Nikaragua. El Salvador und anderen Ländern Zentralamerikas zu erkennen, hat sich Washington bisher damit begnügt, die antikommunistischen Kräfte dieser Region zu unterstützen.
Einen besonders krassen Fall bildete Nikaragua. Bekanntlich übte die Familie Somoza fast 50 Jahre lang die absolute Macht im Land aus. Die nikaraguanischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts — General Anastasio Somoza Garcia (1928-1956), sein älterer Sohn Luis Somoza Debayle (1956-1963) und sein jüngerer Sprössling General Anastasio Somoza Debayle (1967-1979) — ignorierten die Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung Not litt. Kurz vor seiner Flucht aus dem Land gab der letzte Somoza-Diktator in einem Gespräch mit einem CBS-Korrespondenten offen und zynisch zu, dass ihm unzählige Landgüter, Industrieunternehmungen, Hotels u.a.m. gehörten. Diese sozialen Kontraste und politischen Konflikte wurden selbstverständlich von Havanna und Moskau — durch Waffenlieferungen und Propaganda — ausgenutzt. Präsident Carter versuchte in seinem letzten Amtsjahr, die gemässigten Elemente der Sandinisten-Junta zu stärken und dem neuen Nikaragua Wirtschaftshilfe zu leisten.
Die Situation in El Salvador ist zurzeit nicht weniger gespannt, als die Lage in Nikaragua kurz vor dem Fall des Somoza-Regimes war. Der von Jimmy Carter eingesetzte ehemalige US-Botschafter in San Salvador White kennt sich in der politischen und wirtschaftlichen Lage des Landes vorzüglich aus. Ihm war es von Anbeginn klar, dass die Macht Jose Napoleon Duartes, des christdemokratischen Premiers El Salvadors, durch linke und rechte Extremisten in steigendem Mass untergraben wird. White zufolge liege der einzige Ausweg in der konsequenten Durchführung von Wirtschaftsreformen.
Der sicherste Weg einer Lösung der sozialen und politischen Konflikte in El Salvador und anderen mittelamerikanischen Staaten ist die Hebung des Wirtschaftsniveaus der Bevölkerung. Je weniger Hungerleidende es im Land geben wird, desto geringer werden die Aussichten der von Castro unterstützten Linksextremisten sein. Die 54 US-Militärberater sind wohl kaum imstande, die Situation in El Salvador wesentlich zu ändern. Die Vereinigten Staaten erreichen in diesem zentralamerikanischen Land gerade das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigen. Die Kremlleitung hat durch zahlreiche unbedachte Handlungen Washingtons erneut die Möglichkeit, die konservative Bürokratisierung der UdSSR zu verhüllen und die Illusion zu erwecken, völlig uneigennützig die revolutionären Prozesse in fernen Ländern zu unterstützen.
Prof. Richard Pipes ist einer der bekanntesten US-Sowjetologen. In der neuen Reagan-Administration gehört er dem Nationalen Sicherheitsrat an. Somit sind die Ansichten, die er zum Ausdruck bringt, nicht seine Privatsache, sondern eine Art öffentlicher Angelegenheit. Kürzlich behauptete Prof. Pipes in einem Presseinterview, dass ein Krieg mit der Sowjetunion unvermeidlich sein werde, falls diese nicht bereit sei, den Kommunismus aufzugeben. Im gleichen Interview kritisierte der Harvard-Professor den Bundesaussenminister Genscher. Pipes äusserte Zweifel daran, ob Hans-Dietrich Genscher imstande sei, sowjetischen Erpressungsversuchen standzuhalten. Natürlich sah sich Aussenminister Alexander Haig genötigt, einzulenken und Genscher gegenüber sein völliges Vertrauen auszusprechen.
Es handelt sich nicht nur darum, dass derartige Erklärungen amerikanischer Sowjetologen in unserem heutigen Atomzeitalter besonders gefährlich sind. Von Bedeutung ist auch der unbeabsichtigte, jedoch faktisch unbestreitbare Nebeneffekt dieser philosophischen Eskapaden. Die Kremlherren frohlockten sicherlich über das obenerwähnte Pipes-Interview. Solche unverantwortlichen Bemerkungen hochgestellter Persönlichkeiten des amerikanischen öffentlichen Lebens verleihen den Sowjets in den Augen der Dritten Welt und sogar Westeuropas eine gewisse Respektabilität. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die sowjetischen Massenmedien Richard Pipes als Kriegshetzer par excelleim bezeichnen werden. Extremer Antikommunismus kann zuweilen für Moskau höchst begrüssenswert sein. L.K.
[Aufbau Jul. 24, 1981. p.5]
Polnischer Krisenherd — kein Ansteckungsgefahr für Sowjetbürger
Bei dem im Juli d.J abgehaltenen Kongress der kommunistischen Partei Polens wurden — in geheimen Abstimmungen — sämtliche Führungsgremien der Partei — vom Zentralkomitee bis zum Politbüro — neu besetzt. Die alte korrupte Parteielite, die das Land an den Rand des Abgrunds gebracht hatte, ist im neuen Zentralkomitee — mit nur wenigen Ausnahmen — nicht mehr vertreten. Unter 200 Vollmitgliedern des neuen Zentralkomitees sitzen jetzt 80 Fabrikarbeiter und 28 Privatbauern; 20 Proz. der ZK-Mitglieder sind Repräsentanten der Freien Gewerkschaften (“Solidarität”). Der wiedergewählte Parteichef Stanislaw Kania steht angesichts dieses Demokratisierungsprozesses innerhalb der Polnischen KP vor einer gigantischen, kaum lösbaren Aufgabe. Obwohl die Gefahr einer direkten sowjetischen Invasion — jedenfalls temporär — gebannt scheint, sieht die Warschauer Parteiführung sich gezwungen, stets die mögliche Reaktion des Kremls auf die Entwicklung in Polen in Rechnung zu stellen.
Der “innere Reinigungsprozess” der polnischen Kommunisten kann zu einem nationalen Vertrauensfaktor nur dann werden, wenn es der Partei — in unmittelbarer Zusammenarbeit mit der “Solidaritäts”-Bewegung — gelingt, ein konkretes Programm zur Sanierung der polnischen Wirtschaft in die Wege zu leiten. Die erwiesene Unfähigkeit und Sturheit der Partei- und Staatsführung während der letzten 30 Jahre hat Polen in eine katastrophale Lage gebracht, die sich nur durch einschneidende Wirtschaftsreformen zum Besseren wenden kann. Zentralpunkt der Reform könnte die vielfach umstrittene Arbeiterselbstverwaltung und Mitbestimmung werden. Aber die Zeit drängt, schon deswegen wird Warschau dringend ein Stillhalteabkommen mit westlichen Banken brauchen. Darüber ist zwar Übereinkunft erzielt worden, aber direkte Regierungskredite bleiben aus. Bei Zahlungsunfähigkeit wäre es Warschau nicht mehr möglich, Waren im Wert von vielen Milliarden Dollar einzuführen. Die Versorgung der Bevölkerung würde dann ein völliges Fiasko erleiden.
Der Parteikongress brachte zwar eine strukturelle demokratische Erneuerung, wurde jedoch nicht zu einem radikalen Wendepunkt in der Nachkriegsperiode des Landes. Eine solche Wende wäre nur durch engste Zusammenarbeit mit der “Solidarität” zwecks Schaffung einer das ganze Land umfassenden ArbeiterselbstVerwaltung möglich. Die von Partei und Regierung geplanten drastischen Steigerungen der Lebensmittelpreise stossen auf den erbitterten Widerstand der Bevölkerung. Die breiten Massen sind nicht gewillt, den Gürtel noch enger zu schnallen und weiterhin stundenlang Schlange zu stehen. Solange dem Volke die diesbezüglichen Wirtschaftsopfer durch Partei — und Regierungsdirektiven aufgebürdet werden, kann die Konfliktsituation nicht überwunden werden.
Die westlichen Massenmedien berichten verständlicherweise aufs genaueste über die dramatischen Ereignisse in Polen. Die Situation des sowjetischen Konsumenten wird hingegen in der Presse bedeutend seltener beleuchtet, wobei darauf hinzuweisen wäre, dass sich die Versorgungssituation in den letzten 3-4 Jahren auch in der UdSSR katastrophal verschlechtert hat. So berichten jüngst im Westen eingetroffene Emigranten, dass beispielsweise Kartoffeln sich in Moskau und anderen Sowjetstädten nicht einmal auf dem Kolchos-Markt, geschweige denn in den staatlichen Lebensmittel handlungen, auftreiben lassen. Fleisch ist permanente Mangelware und nur dem erhältlich, der “Beziehungen” hat. Das Gleiche gilt für andere Konsumartikel des täglichen Gebrauchs.
Zum Unterschied von Polen stösst die Brotversorgung in der UdSSR auf keine besonderen Schwierigkeiten (Moskau hat die Möglichkeit, Millionen Tonnen Getreide auf dem Weltmarkt zu kaufen). Auch Wodka ist stets zu haben.
Die Wirtschaftsnot hat in der Bevölkerung zu einem Zynismus geführt, der die unvermeidliche Tatsache hinnimmt, dass nur die Partei- und Regierungselite, sowie Spekulanten und Leute mit “Beziehungen” imstande sind, den Versorgungsschwierigkeiten zu entgehen. Während in Polen die Armee den Lebensmittelspekulanten auf den Leib rückt, hat man sich in der Sowjetunion an die Misstände längst gewöhnt. Man murrt und spottet, wagt es aber nicht, zu rebellieren.
Zweifellos sind manche der Gründe für eine derartige Passivität in der Geschichte Russlands verankert. 30 Jahre Stalinscher Diktatur wirken sich jedenfalls auf die ältere Generation psychologisch aus. Zu Stalins Zeiten konnte ein unvorsichtiges Wort zu Haft und langfristiger Freiheitsstrafe fähren; dem heutigen Sowjetbürger, soweit er nicht öffentlich protestiert, drohen solche Gefahren nicht. Das gilt schon als Fortschritt.
Zum Unterschied von Polen ist es in der UdSSR nicht zu einem Kampfbündnis zwischen Dissidenten und Arbeitern gekommen. Die wenigen Regimekritiker, die sich für die Schaffung freier Gewerkschaften in der UdSSR einsetzten, wurden verhaftet und meist in Irrenhäuser gesperrt. Nicht einmal Nobelpreisträger Andrej Sacharow, der wegen seines heldenmütigen Kampfes für Wahrung der Menschenrechte nach Gorki verbannt wurde, hat sich für eine Kontaktaufnahme mit den sowjetischen Arbeitern eingesetzt. Die Schwäche der sowjetischen Dissidentenbewegung lag eben in ihrer einseitigen intellektuellen Orientierung.
Westliche Korrespondenten wie auch Sowjetemigranten berichten, dass in Moskau, Leningrad und anderen Sowjetstädten der “Mann auf der Strasse” die Ereignisse in Polen zynisch-kühl beurteilt. “Die Polen sticht wohl der Hafer. Die haben’s ja besser als wir. Und dennoch sind sie unzufrieden.” Solche Äusserungen lassen sich in der UdSSR — beim Schlangestehen, in Bierstuben und dgl. — häufig vernehmen. Eine Ausnahme bilden die baltischen Republiken (Litauen, Lettland und Estland), wo die Arbeiter ihre Bewunderung für die Errungenschaften der polnischen Gewerkschaften kaum verbergen. Aber fehlt es im Sowjet-Baltikum an Menschen, die den Mut hätten, dem polnischen Beispiel zu folgen. L.K.
[Aufbau. Aug. 21, 1981. p.6.]
Stagnation und rückläufige Tendenz
Wirtschaftsmisere fast im ganzen Ostblock
Mit nur einer Ausnahme geht es den im COMECON (Wirtschaftsverbund der Ostblock-Länder) zusammengeschlossenen Staaten wirtschaftlich ausgesprochen schlecht. Die Ausnahme bildet die kommunistische Volksrepublik Ungarn, deren dezentralisierte Wirtschaft sich durch Stabilität und Aufwärtsentwicklung auszeichnet, eine Folge der von Ungarns Präsident und Parteichef Janos Kadar schon vor mehreren Jahren durchgeführten tiefgreifenden Strukturreformen. Unter Beibehaltung marktwirtschaftlicher Elemente rückte Ungarn unter Kadars Führung vom sowjetischen Wirtschaftsmodell ab. Die Staats- und Parteiführung verzichtete zwar durchaus nicht darauf, die Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung festzulegen und zur Durchführung zu bringen, tat das aber, ohne zu administrativen Zwangsmassnahmen zu greifen. Stattdessen werden wirtschaftlich-finanzielle Hebel in Bewegung gesetzt, die dazu bestimmt sind, die Initiative der Produzenten anzuspornen.
Die ungarische Landwirtschaft hat erstaunliche Erfolge erzielt. Ungarn ist heute sogar imstande, Getreide zu exportieren. Die Fleischproduktion Ungarns nimmt pro Kopf der Bevölkerung den dritten Platz im Weltmasstab ein. Der Ertrag des Getreideanbaus steigt von Jahr zu Jahr.
Das ungarische Wirtschaftsexperiment liefert einen eklatanten Beweis für die Möglichkeit und Notwendigkeit der Einführung marktwirtschaftlicher Elemente in die sozialistische Wirtschaftsordnung. Die “ketzerischen” Wirtschaftsreformen Kadars werden vom Kreml hingenommen. Vorsichtig und ohne jegliche Propagandalärm konnte Kadar gerade diejenigen Reformen durchführen, für die sich Ota Schik während des “Prager Frühlings” vergebens eingesetzt hatte.
In Polen hat die Wirtschaftsstagnation ein derart ernstes Stadium erreicht, dass — nach Ansicht von Finanzexperten — das polnische Sozialprodukt im besten Falle erst in fünf Jahren den Stand erreichen kann, zu dem sich Polen vor drei Jahren (1978) aufgeschwungen hatte.
Die polnische Wirtschaftskrise wird durch die enormen Auslandsschulden (27 Milliarden Dollar) vertieft. Fast sämtliche westlichen Devisen, die dem Land durch Exportgeschäfte zufliessen, werden für die Zahlung von Zinsen für die Auslandsanleihen verausgabt. Somit mangelt es Polen an westlichen Devisen, die dir die Modernisierung der Industrie dringend gebraucht werden. Die westlichen Gläubiger sind zum Teil bereit, den Polen Zahlungsaufschub zu gewähren. Doch von neuen westlichen Krediten kann wohl kaum die Rede sein.
In den letzten zehn Jahren liess sich in Rumänien ein recht schnelles Tempo des Wirtschaftswachstums beobachten. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre stieg das rumänische Sozialprodukt jährlich um 11% an. Ende der siebziger Jahre verlangsamte sich aber die Wirtschaftsentwicklung des Landes. 1980 wuchs das Sozialprodukt des Landes nur um zwei Prozent. Der rumänische Staats- und Parteichef Nicolae Ceausescu, der eine eiserne Diktatur im Lande geschaffen hat, ist — trotz einer gewissen Unabhängigkeit von Moskau — nicht gewillt, die Wirtschaft zu dezentralisieren. Ceausescu fürchtet, liberale Wirtschaftstendenzen könnten die Vormachtstellung der Parteielite schwächen. Auch Rumänien ist dem Westen gegenüber verschuldet, wenn auch in geringerem Mass als Polen.
Im Gegensatz zu Polen und Rumänien hat die Tschechoslowakei nur geringe Auslandsschulden. Dieses einst hochentwickelte Industrieland ist heute auf die Wirtschaftshilfe seitens der UdSSR und anderer osteuropäischer Länder angewiesen. Das Sozialprodukt der Tschechoslowakei ist 1980 nur um drei Prozent angestiegen. Experten nehmen an, dass sich 1981 die Wirtschaftsentwicklung noch weiter verlangsamen wird.
Besser steht es um das Sozialprodukt der DDR und Bulgariens. 1980 wuchs das bulgarische Sozialprodukt um fünf Prozent, das der DDR um vier Prozent. Doch auch in diesen beiden COMECON-Ländern hat sich die Wirtschaftsentwicklung im Vergleich zu den siebziger Jahren verlangsamt.
Die Landwirtschaft der meisten COMECON-Länder befindet sich in einer besonders schwierigen Lage. 1980 verminderte sich ihre Agrarproduktion im Vergleich zu 1979 um drei Prozent. Besonders schlecht ist die Agrarsituation in Polen und Rumänien (für die Sowjets sind die Misserfolge auf landwirtschaftlichem Gebiet schon längst zu einer permanenten Erscheinung geworden). Polen ist nicht imstande, seine Bevölkerung mit den nötigen Nahrungsmitteln zu versorgen. Die Landwirtschaftsproduktion Polens hat 1980 den niedrigsten Stand der letzten zehn Jahre erreicht. Die Kartoffelernte hat sich um 50% verringert. Katastrophal steht es um die Fleischversorgung.
Die ideologische Starrköpfigkeit der Führung in den meisten COMECON-Ländern ist das Haupthindernis auf dem Weg zur Überwindung der wachsenden Wirtschaftsschwierigkeiten. Die Chefideologen der Moskauer Satellitenländer wagten es bisher nicht, die Erfahrungen des ungarischen Wirtschaftsexperiments zu verwerten.
L.K.
[Aufbau Oct. 9, 1981. p.3]
Eine Hetzkampagne mit Bumerangwirkung
Warum Sowjetbotschafter Abrossimow Paris verliess
In Amerika und Westeuropa kennt man meist nur die Namen derjenigen sowjetischen Regimekritiker, die entweder mit ausländischen Korrespondenten Kontakte unterhalten oder gegen die Gerichtsverfahren schweben. Es gibt Tausende von Fällen, in denen Sowjetbürger sich dem Kreml mit grossem Mut widersetzen, von denen aber die freie Welt nichts erfährt, weil die in der UdSSR akkreditierten Korrespondenten amerikanischer oder westeuropäischer Blätter oft keinerlei Informationen über diese Vorgänge erhalten. Zuweilen erscheinen sie westlichen Berichterstattern irrelevant oder nicht sensationell genug. So ist z.B. der Name des heute in Kanada lebenden Sowjetemigranten Grigorij Swirsky nur einigen wenigen Gelehrten bekannt, die sich mit Slawistik befassen. Auch ist die politische Tätigkeit des Schriftstellers Swirsky vor und nach seiner Auswanderung nur wenigen im Westen vertraut. Seine Anklagereden in mehreren Plenarsitzungen des Moskauer Schriftstellerverbands (1965,1968) waren aber nicht nur sensationell, sondern zeugten auch von der enormen Zivilcourage dieses Mannes.
In den fünfziger Jahren, als Swirsky seinen ersten Roman “Der Lenin-Prospekt” veröffentlichte, konnte ihn nur ein Wunder vor einem längeren Aufenthalt” im Gulag-Reich retten. Die Parteiinstanzen beabsichtigten erst, gegen der Autor — wegen “Diffamierung der Sowjetwirklichkeit — gerichtlich vorzugehen, stellten dann aber das Verfahren ein, als einflussreiche Sowjetschriftsteller sich für den jungen Autor, einen ehemaligen Frontsoldaten, einsetzten.
1965 hielt Grigorij Swirsky eine geradezu denkwürdige Rede auf der Jahrestagung des Moskauer Schriftstellerverbandes. Sie wandte sich in der Hauptsache gegen die Willkür der Sowjetzensur (der Text dieser Rede ist im sechsten Band der gesammelten Werke des Nobelpreisträgers Alexander Solschenitsyn angeführt). Swirsky sagte u.a., die Sowjetzensur ist lediglich dazu bestimmt, wichtige militärische und staatliche Interessen zu schützen, jedoch nicht den literarischen Prozess zu bestimmen. Die ständige Einmischung der Zensur in die literarische Arbeit der Sowjetschriftsteller habe jetzt “eine Rekordhöhe menschlicher Dummheit erreicht”. Mit diesen Erklärungen war Swirskys literarische Karriere in der UdSSR besiegelt. Seine Bücher wurden nicht mehr veröffentlicht, doch nahm die Parteileitung des Schriftstellerverbandes damals noch davon Abstand, Swirsky aus der Partei und dem Schriftstellerverband der Sowjet union auszustossen.
Ihren Höhepunkt erreichte Swirskys Regimekritik im Jahr 1968. Auf einer der Sitzungen der Jahrestagung des Moskauer Schriftstellerverbandes prangerte er in Anwesenheit hochgestellter Parteibonzen (Mitglieder des sowjetischen Zentralkomitees) den staatlich geförderten Antisemitismus in der UdSSR an. Viele Moskauer Intellektuelle hielten Swirsky für einen Don Quichotte, der gegen Windmühlen ankämpft. Tatsache aber bleibt, dass Swirsky der erste war, der es in Anwesenheit von Parteigewaltigen wagte, öffentlich über den Sowjetantisemitismus zu sprechen und sein wahres Wesen ins Licht zu stellen. Bis damals wurde über diese Dinge nur geflüstert: nach jener Rede wurde Grigorij Swirsky aus der Partei ausgeschlossen.
In den folgenden Jahren schrieb er seinen Roman “Die Geisel”. In diesem Werk schildert Swirsky in künstlerischer Form die faktische Diskriminierung, der die Sowjetjuden ausgesetzt sind. Einen bedeutenden Platz nehmen im Roman die eigenen Erlebnisse des Autors sowie die traurigen Erfahrungen seiner Angehörigen ein. Dem Autor gelang es, das Manuskript ins westliche Ausland zu schaffen. 1974 erschien die russische Originalfassung in Paris. Bald darauf folgte die englische, französische und hebräische Übersetzung.
1972 wanderte Swirsky mit seiner Familie nach Israel aus. Doch auch im Exil setzte er den Kampf gegen die sowietische Spielart des Antisemitismus fort. Im Herbst 1972 spielte er eine entscheidende Rolle bei einem gegen die Pariser Sowjetbotschaft geführten Prozess. Die Botschaft hatte in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift “Die UdSSR” einen antisemitischen Hetzartikel veröffentlicht, der geradezu an die Machwerke Julius Streichers erinnerte. Wie Swirsky unlängst in einem, dem in New York erscheinenden russischsprachigen Emigrantenblatt “Nowy Amerikanez” (New American) gewährten Interview erklärte, hatten die Sowjets ganze Absätze ihres Hetzartikels — Wort für Wort — einer antisemitischen Publikation des zaristischen Russlands entnommen. Die Internationale Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus erhob gegen die Sowjetbotschaft Klage vor einem Pariser Gericht. Als Zeugen waren u.a. der Hauptrabbiner Frankreichs. Kaplan. Nobelpreisträger René Cassin und Grigonj Swirsky vorgeladen.
Die Zeugen konnten ohne weiteres den antisemitischen Geist des Artikels der Botschaftszeitschrift erkennen und beurteilen. Aber nur Swirsky war imstande, den Beweis zu erbringen, dass der sowjetische Verfasser der antisemitischen Schrift einen erheblichen Teil des Textes einem 1906 (also 11 Jahr vor der bolschewistischen Oktoberrevolution) in Petersburg erschienenen Propagandaartikel der sogen. Schwarze Hundert der Erzantisemiten des zaristischen Russlands, entnommen hatte. Swirsky behauptet die damalige französische Regierung habe auf diskrete Weise dem Vorsitzenden des Gerichts nahegelegt, sein möglichstes zu tun, dieses Gerichtsverfahren nicht in einen politischen Prozess zu verwandeln Frankreich war nicht gewillt, des Artikels wegen seine guten Beziehungen zum Kreml zu verderben Doch die Tatsachen waren allzu evident. Als dem Zeugen Swirsky das Wort erteilt wurde, verglich er den Text vom Jahre 1906 und den der Botschaftszeitschrift. Die Übereinstimmung war verblüffend. Zum erstenmal war der sowjetische Staatsantisemitismus im Westen — noch dazu in einem Gerichtsverfahren — an den Pranger gestellt. Im Gerichtsurteil hiess es dann auch klipp und klar, der Artikel rufe zum Antisemitismus auf und säe nationale Zwietracht. Sowjetbotschafter Abrossimow verliess Paris kurz vor Verlesung des Gerichtsurteils und kehrte nicht mehr nach Frankreich zurück.
Zurzeit lebt Grigorij Swirsky in Kanada. Mehrere Semester lang hielt er an einer der Universitäten Torontos Vorlesungen über russische Literatur. Vor kurzem hat er ein fundamentales Werk über die Sowjetliteratur der Nachkriegsjahre (1946-1976) veröffentlicht (“A History of Post-War Soviet Writing: The Moral Opposition”). Ausser der in England erschienenen russischen Originalfassung und der in den USA veröffentlichten englischen Übersetzung wird auch noch eine Übertragung des Werkes ins Französische vorbereitet.
Swirskys im Westen veröffentlichte Werke gelangen auf Umwegen in die Sowjetunion. Unlängst ausgewanderte sowjetjüdische Intellektuelle berichten über den Erfolg Swirskys in seinem Heimatland. Trotz der Bemühungen des KGB, die Stimmen der Exilschriftsteller zu unterdrücken, sind zahllose sowjetische Leser (hauptsächlich in Moskau, Leningrad und in anderen Grosstädten) mit den jüngsten Werken ihrer ehemaligen Landsleute wohlvertraut.
L.K.
[Aufbau Oct. 23, 1981. p.8]
Sowjetmathematik: fast “judenrein”
Während Stalins “Säuberungsaktionen” 1937-1938 hat die Sowjetmathematik in bedeutend geringerem Mass Schaden erlitten als andere Wissenszweige. Sowjetischen Mathematikern wurde längere Zeit grössere wissenschaftliche Freiheit gewährt als deren Kollegen auf dem Gebiet der humanitären Wissenschaften, der Biologie und der Physik (während der stalinschen Diktatur wurde in den vierziger Jahren Albert Einsteins Relativitätstheorie als “idealistisch” verfemt; Wieners Informationstheorie und die moderne Genetik galten damals als “reaktionäre Pseudowissenschaften”). Dank ihrer relativen Denk- und Publikationsfreiheit gelang es den sowjetischen Mathematikern, international anerkannte Erfolge zu erzielen.
Vor dem Krieg wurden sowjetjüdische Mathematiker nicht diskriminiert. Der wissenschaftliche Beitrag von Juden zu dem Triumph der Sowjetmathematik war ausserordentlich gross. Zahlreiche sowjetjüdische Theoretiker waren Bahnbrecher auf verschiedenen Wissensgebieten der Mathematik.
Schon Ende der vierziger Jahre und in den fünfziger Jahren offenbarte sich eine von den höchsten Parteiinstanzen sanktionierte antisemitische Politik (insbesondere in der Ukraine) auch auf dem Gebiet der Mathematik. Ende der vierziger Jahre wurden hervorragende Mathematiker jüdischer Abstammung ihres Amtes enthoben (allein am Kiewer Mathematik Institut wurden z.B. Korenblum, Krasnoselsky, M. Krein und S. Krein abgebaut). Während der Chruschtschew-Periode verbesserte sich die Lage. In den sechziger Jahren (zu Beginn der Breschnjew-Ära) verdüsterte sich die Situation von neuem. Professoren, Akademiemitglieder, Chefredakteure mathematischer Fachzeitschriften waren aktiv darum bemüht, die inoffiziellen, jedoch unbestreitbar existierenden Parteidirektiven, die Sowjetmathematik judenrein zu machen, in die Tat umzusetzen. Im vergangenen Jahrzehnt haben die Sowjetantisemiten ihr Ziel schon fast erreicht. In der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gibt es zurzeit unter Mathematikern nur ein einziges jüdisches Vollmitglied ‹ Nobelpreisträger Leonid Kantorowitsch. Sogar Israel Gelfand, ein Mathematiker von Weltruf, ist nur korrespondierendes Mitglied der Akademie.
Sowjetjüdische Abiturienten, die aus den alljährlich im Landesmasstab veranstalteten Mathematik-Olympiaden als Sieger hervorgegangen sind, werden zu den Aufnahmeprüfungen der Moskauer, Leningrader und anderer Universitäten entweder überhaupt nicht zugelassen oder bei den Prüfungen schonungslos und planmässig eliminiert. In der Sowjetunion gibt es für sowjetjüdische Wettbewerber besondere Listen mathematischer Aufgaben, deren Lösung nicht nur Genialität, sondern bedeutend mehr Zeit als die den Prüflingen zur Verfügung stehenden 20 Minuten erfordert.
Der nach Gorki verbannte Nobelpreisträger und Menschenrechtler Andrej Sacharow versuchte, eine dieser jüdischen Prüflingen vorgelegten mathematischen Aufgaben zu lösen. Er wurde zwar damit fertig, brauchte aber hierfür mehr als eine Stunde und wandte eine äusserst originelle Methode an. Er löste die Aufgabe in aller Ruhe — bei sich zu Hause. Sacharow zufolge werden derartig komplizierte Mathematikaufgaben nicht nur Juden sondern auch Dissidenten oder deren Kindern sowie anderen politisch “unzuverlässigen Elementen” vorgelegt.
Heutzutage ist es für sowjetjüdische Mathematiker so gut wie unmöglich, zu promovieren. Eine wissenschaftliche Dissertation muss in der UdSSR in drei Instanzen gutgeheissen werden: I) vor der Verteidigung — auf einer Fakultätssitzung; 2) während der Verteidigung — auf dem sogen. Gelehrtenrat einer Universität oder bestimmter wissenschaftlicher Institute; 3) die Promotion muss von einer ministeriellen Expertenkommission (VAK) bestätigt werden. Heute werden Juden in 99 Proz. der Fälle überhaupt nicht zugelassen, ihre Dissertation an einer höheren Lehranstalt zu verteidigen. Früher gab es noch einen Ausweg — in manchen Provinzstädten gab es weniger Hürden zu Überwinden (die antisemitischen Parteidirektiven waren — als inoffizielle Richtlinien — vorerst an die grösseren Universitäten des Landes ergangen). Um diese Lücke zu schliessen, ist die Zahl der wissenschaftlichen Institutionen, die eine Doktor- oder Kandidatenwürde verleihen dürfen, beträchtlich eingeschränkt worden (der sowjetische “Kandidaten”-Grad entspricht etwa dem amerikanischen PhD: die Anforderungen, die in der UdSSR an die Erlangung der Doktorwürde gestellt werden, sind höher als die diesbezüglichen Kriterien für westliche Doktoranden).
Ende der sechziger Jahre nahmen die gegen jüdische Mathematiker gerichteten Schwierigkeiten seitens der Expertenkommission ihren Anfang. Wenn es ein Jude auch fertigbrachte, an einer Universität zu promovieren, wurde die Promotion auf “höchster Ebene” (nämlich im Rahmen der VAK-Kommission) angefochten. Die Dissertation wird in solchen Fällen politisch “verlässlichen” Experten zur Einsicht gegeben. Auf einer der Kommissionssitzungen berichtet dann der “Sachverständige” über die “Mängel” der Forschungsarbeit. Auf diese Weise wurden Doktordissertationen begabter jüdischer Mathematiker (z.B. Belitzky, Winberg, Markus, Schmuljan u.a.) abgelehnt. Die sowjetische theoretische Fachzeitschrift “Matematitscheskij Sbornik”, deren Chefredakteur Prof. Pontrjagin ist, enthält heute fast keine Beiträge von Autoren mit jüdischen Namen.
In Moskau ist das Zentrale Mathematik-Institut (Steklow-Institut) zurzeit völlig judenrein. Direktor des Instituts ist seit dessen Gründung im Jahr 1934 Akademiemitglied Iwan Winogradow, ein genialer Mathematiker und gleichzeitig ein erbitterter Antisemit (Genialität schliesst nicht immer Antisemitismus aus). Unter seiner Leitung ist das Steklow-Institut völlig “russifiziert” worden. Unter 140 Mathematikern, die am Institut tätig sind, gab es in den letzten Jahren nur einen einzigen Juden — Mark Naiman (1978 verstorben). Seit 1978 ist also diese zentrale wissenschaftliche Institution der UdSSR endlich judenrein.
Infolge erwähnter antijüdischer Massnahmen beträgt heutzutage der Anteil der Sowjetjuden auf dem Gebiet der Mathematik nur 1 Prozent. Im zaristischen Russland erreichte der für Juden bestimmte Numerus clausus 3 Prozent. Die antisemitischen Tendenzen auf dem Gebiet der Mathematik (wie selbstverständlich auch in anderen Wissenszweigen der UdSSR) haben dazu geführt, dass zahlreiche sowjetjüdische Mathematiker ausgewandert sind. Heute unterrichten manche von ihnen an bekannten US-Universitäten (Harvard, Yale, Columbia, Cornell u.a.).
Von grösstem Interesse ist eine 1978 in sowjetischen Samisdat (Untergrundliteratur) erschienene Schrift von Prof. Grigorij Freiman. Unter dem Titel “It seems I am a Jew” ist die englische Übersetzung von Freimans Buch 1980 in den USA erschienen.
Freiman war bis vor kurzem Universitätsprofessor in Kalinin. Nach Veröffentlichung seines Buches in den USA wurde er entlassen. Sein Auswanderungsantrag wurde von den Sowjetbehörden abgelehnt. Freiman ist Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Werke und Abhandlungen auf dem Gebiet der Zahlentheorie. Grigorij Freiman wurde 1926 geboren. Im Alter von 17 Jahren nahm er an den Schlachten des Zweiten Weltkriegs teil. 1965 erlangte er die Doktorwürde. Freiman war noch bis vor kurzem Mitglied der KPdSU. Dennoch hatte er den Mut, seine Schrift über die Situation der jüdischen Mathematiker in der SamisdatZeitschrift “Die Juden der UdSSR” (Jewrji SSSR) zu veröffentlichen.
Freimans Buch enthält eine Menge Tatsachen und authentische Berichte, die die Situation der sojwetjüdischen Akademiker (vor allem die der Mathematiker) umreissen. Das Buch ist ein erschütterndes menschliches Dokument. Dank der Objektivität und Informiertheit des Verfassers gelingt es ihm, westlichen Lesern, die entweder primitive, mit dem historischen “Städtl” assoziierte Vorstellungen vom Sowjetantisemitismus haben, oder mit der Situation nur vom Hörensagen bekannt sind, die wahre Lage vor Augen zu führen.
L.K.
[Aufbau Oct. 30, 1981. p.6]
Arbeitslosigkeit verboten
Theorie und Praxis in der Sowjetunion
Laut offiziellen sowjetischen Statistiken gibt es heute in der UdSSR keine Arbeitslosigkeit. Was dabei wohlweislich verschwiegen wird, ist, dass dieser “Idealzustand” dadurch erreicht wird, dass zahllose Betriebe und Behörden teilweise bedeutend mehr Leute anstellen als tatsächlich erforderlich sind. In diesem Zusammenhang fallen auch die verhältnismässig niedrigen Arbeitslöhne und Gehälter in der UdSSR ins Gewicht. Das durchschnittliche Monatseinkommen der sowjetischen Werktätigen beträgt 160 Rubel (etwa 210 Dollar). Der “Mehrwert” (ein von Karl Marx geprägter Begriff, der seiner Theorie der “kapitalistischen Ausbeutung” zugrunde liegt) kommt heute in der UdSSR dem Staat zugute.
Vielfach gibt es in der Sowjetunion eine faktische, jedoch in der offiziellen Statistik nicht verzeichnete Arbeitslosigkeit. So z.B. ist es für Journalisten, Historiker, Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker und sonstige Intellektuelle besonders schwer — oft sogar völlig unmöglich —, in Grosstädten wie Moskau, Leningrad oder Kiew Arbeit zu finden. Wer nicht besonders gute Beziehungen zu einflussreichen Parteigenossen hat, läuft sich vergebens die Hacken ab, ohne dem Ziel näher zu kommen. Nach allen Fehlschlägen finden sich diese Menschen schliesslich bereit, irgend eine Arbeit zu übernehmen, die mit ihrer Berufsausbildung nichts gemein hat. In anderen Fällen sehen sie sich genötigt, in eine entfernte Provinzstadt umzusiedeln in der Hoffnung, dort eine mehr oder weniger passende Beschäftigung finden zu können.
Das sowjetische Gesetz sieht vor, dass alle arbeitsfähigen Bürger auch arbeitspflichtig sind. “Wer nicht arbeitet, isst nicht”, heisst es in der Sowjetverfassung. Nur verheiratete Frauen, deren Männer berufstätig sind, brauchen nicht zu arbeiten (meist aber tun sie es doch, weil das Gehalt des Ehemannes gewöhnlich nicht ausreicht).
Wenn jemand den Sowjetbehörden unliebsam ist und längere Zeit keine Anstellung finden kann, wird er als “Schmarotzer” gebrandmarkt. Die Polizei kann ihn verhaften und vor Gericht stellen. Solche “Parasiten” werden — auf Grund eines Gerichtsurteils — in irgendeinen Provinzort geschickt, wo sie mehrere Jahre lang (entsprechend dem Gerichtsurteil) schwere körperliche Arbeit verrichten müssen. Der heute in den Vereinigten Staaten lebende Dichter Joseph Brodsky wurde noch in der Chruschtschew-Ära als “Schmarotzer” zu einer solchen Art “Arbeitsdienst” gezwungen. Zahlreiche jüdische Refusniks (darunter Mathematiker, Physiker, Ingenieure), die nicht rasch genug eine Anstellung als Lastträger. Heizer u.dgl. finden können, werden auf die gleiche Weise als “Schmarotzer” verhaftet und abgeurteilt.
Wer aber weder Refusenik noch Dissident oder aus sonstigen Gründen ein “verdächtiges Subjekt” ist, findet gewöhnlich irgendeine mehr oder weniger passende, meist unzureichend bezahlte Arbeit.
Zu den “verdächtigen Subjekten” gehören heute in der UdSSR nicht nur Refuseniks und Dissidenten, sondern fast alle jungen jüdischen Arbeitssuchenden. Hunderttausende junge Juden, auch solche, die sich überhaupt nie um eine Auswanderung bemüht haben, sind den Behörden eo ipso “verdächtig”. Nur in den seltensten Fällen gelingt es diesen jungen, teilweise akademisch ausgebildeten Menschen, eine Anstellung zu finden, die ihrem erlernten Beruf entspricht. Ältere Sowjetjuden, die sich der Pensionsgrenze nähern, werden meist auf ihrem Arbeitsplatz geduldet.
Wie findet ein gewöhnlicher, keinem “Verdacht” ausgesetzter Sowjetbürger Arbeit? In den Sowjetzeitungen lassen sich keine Arbeitsinserate finden. Auch die beruflich orientierten Sowjetzeitschriften veröffentlichen keine Arbeitsofferten. In den meisten Fällen, insbesondere wenn es sich um hochqualifizierte Fachleute handelt, wird eine passende Anstellung nur dank persönlicher Kontakte und Beziehungen gefunden.
Bei weitem nicht alle Sowjetbürger haben aber “gute Beziehungen” zu wichtigen Staatsbeamten, Parteibonzen, Direktoren grösserer Betriebe u.dgl. Diese Kategorie gewöhnlicher Sterblicher hat keine andere Wahl, als sich an das in jedem Distriktsowjet (lokale Administrationseinheit in der UdSSR) bestehende Arbeitsamt zu wenden. Diese staatlichen Institutionen verfügen über die nötigen Informationen von Arbeitsvakanzen in ihrem lokalen Distrikt. Es handelt sich hierbei um verhältnismässig schlecht bezahlte Anstellungen. In der Hauptsache können nur Frauen, die nach ihrem Schwangerschaftsurlaub wieder Geld verdienen wollen, oder Altersrentner, die an einem kleinen Nebenverdienst interessiert sind, sowie junge Leute, die nach Absolvierung der Schule in einer Fabrik arbeiten wollen, durch Vermittlung eines solchen Arbeitsamtes eine Anstellung finden.
Ferner machen die Personalabteilungen von Fabriken und andere Institutionen vorhandene Vakanzen an Anschlagtafeln publik.
Im Normalfall können Sowjetbürger ihr Arbeitsfeld selbst wählen. Absolventen von Universitäten und anderen höheren Lehranstalten sind jedoch verpflichtet, drei Jahre lang eine Arbeit zu verrichten, die von einem staatlichen Ausschuss — kurz vor Abschluss der Berufsausbildung — bestimmt wird. Wenn der Absolvent oder dessen Eltern keinen “Schutzpatron” haben, werden die jungen Leute meist in die Provinz (oft in ein Dorf) geschickt. Um dieser vom Staat auferlegten Arbeitspflicht zu entgehen, gibt es eine Reihe effektvoller Tricks. Dazu gehören z.B. fiktive Eheschliessungen mit Ehepartnern, die in Moskau, Leningrad oder anderen Grosstädten leben und arbeiten. Wenn man Glück hat, bekommt man zuweilen ein “freies” Diplom, d.h., man ist bei der Arbeitsuche auf sich selber angewiesen und braucht nicht drei Jahre lang “abzudienen”. Im schlimmsten Fall fährt man in die weitentfernte Provinzstadt und “einigt sich” mit dem Direktor eines Unternehmens (gegen eine entsprechende Geldsumme lässt sich das fast immer machen). Der Direktor schickt dann an das Bildungsministerium der UdSSR ein Telegramm, das besagt, dass sich die Umstände geändert haben und es keine Vakanz mehr gibt. Der Absolvent kann dann auf eigene Faust handeln.
Während der Stalinherrschaft gab es jahrelang staatliche Bestimmungen, denen zufolge Sowjetarbeiter nicht kündigen durften. Sie waren faktisch und rechtlich an ihren Arbeitsplatz gebunden. Wegen einer halbstündigen Verspätung wurden Arbeitern und Angestellten mehrjährige Gefängnisstrafen auferlegt. Glücklicherweise wird in der UdSSR schon jahrelang nicht mehr zu solch barbarischen Massnahmen gegriffen. Heute ist jeder Sowjetbürger berechtigt, sein Arbeitsverhältnis zu lösen, falls er 14 Tage zuvor ein Kündigungsgesuch eingereicht hat. Daraufhin handelt es sich faktisch heute nur darum, eine einigermassen ausreichend bezahlte Anstellung zu finden, die der Ausbildung und dem Beruf des Arbeitsuchenden entspricht.
L.K.
[Aufbau Nov. 20, 1981. p.5]
Stalin — Totengräber des Kommunismus
Valerij Tschalidse war in Moskau einer der aktivsten Bürgerrechtler. Zusammen mit Nobelpreisträger Andrej Sacharow veröffentlichte er Anfang der siebziger Jahre zahlreiche Aufrufe zur Wahrung der Menschenrechte in der UdSSR. Heute lebt und wirkt Tschalidse in New York City. Der von ihm mitbegründete Verlag “Khronika-Press” verlegt Schriften der sowjetischen Regimekritiker, einschliesslich der (in englischer und russischer Sprache) in Russland als Untergrundliteratur erscheinenden Hefte “Chronik der laufenden Ereignisse (Chronicle of Current Events). Diese aus der UdSSR in den Westen geschmuggelten Schriften berichten in detaillierter Form über die Verfolgungen politischer und religiöser Dissidenten, sowie auch über die Schicksale jüdischer und sowjetdeutscher Auswanderungs-Aktivisten.
Vor kurzem hat Valerij Tschalidse ein bemerkenswertes historisches Werk über die Rolle Stalins in der Entwicklung der russischen Revolution veröffentlicht. Dieses in russischer Sprache unter dem Titel “Stalin als Vernichter des Kommunismus” in New York erschienene Werk befasst sich eingehend und überzeugend mit der wahren Natur der heutigen Sowjetmacht. Die Ausführungen des Verfassers widerlegen nicht nur die Illusionen mancher westlicher linker Intellektueller, sondern auch die in rechtsextremen amerikanischen Kreisen vertretenen primitiven Vorstellungen vom Wesen des sowjetischen Kommunismus.
Zu Beginn seines Buches schreibt Tschalidse: “Stalin hat die ganze Welt irregeführt. Fast ausnahmslos glaubt man bis auf den heutigen Tag, dass Stalin einen sozialistischen Staat in Russland geschaffen habe und dass sein Ziel der Aufbau des Kommunismus gewesen sei. Eine Analyse der Tatsachen zeigt jedoch, dass es Stalin war, der die sozialistische Revolution liquidiert und die kommunistische Partei faktisch vernichtet hat. Auf diesem Wege hat Stalin das vorrevolutionäre russische Imperium — in einer bedeutend despotischeren Form — restauriert. Zur Erreichung seiner Ziele war er gezwungen, die marxistische Phraseologie beizubehalten und seine wahren Absichten zu tarnen”.
Laut Tschalidse hat Stalin seinen Plan der faktischen Liquidierung des Marxismus in Russland unmittelbar nach Lenins Tod konzipiert. Er beabsichtigte, in Russland eine Alleinherrschaft zu schaffen, die sich jedoch von der des zaristischen Typs unterscheiden sollte. Als ehemaliger erfahrener Revolutionär war er sich der strukturellen Schwächen des Zarismus voll bewusst. Er strebte nach einer uneingeschränkten, allumfassenden Gewaltherrschaft. Die Erreichung dieses Zieles war — so Tschalidse — unter Beibehaltung der damals existierenden bolschewistischen (kommunistischen) Partei unmöglich. Daraus ergab sich für ihn die Notwendigkeit, die bolschewistische Partei ihres Wesensgehaltes zu berauben und diejenigen zu vernichten, die sich den marxistischen Illusionen hingaben. Dieser Aufgabe widmete sich Stalin konsequent seit seinem Sieg über Trotzky und dessen Anhänger (1925).
Etappen auf dem Weg zur Errichtung der stalinschen Tyrannei waren die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung. Nach der von Tschalidse entwickelten These hat Stalin begriffen, dass das russische Volk nur dann gefügig gemacht werden kann, wenn jeder Bürger dazu gebracht werden kann, sich für ein Stück Brot abzurackern und zu darben. Auf Grund einschlägiger statischer Angaben führt Tschalidse den Nachweis, dass Stalin — seit 1927 — den Hunger im Land bewusst angestrebt und organisiert hat. Anfangs zwang der sowjetische Diktator die Bauern, ihre Saatarbeiten beträchtlich zu vermindern. Späterhin begründete Stalin die Notwendigkeit einer Kollektivierung der Landwirtschaft damit, dass der Ertrag der Privatwirtschaften unzureichend sei. Stalins Kollektivierung führte zu einer Hungersnot, die drei bis vier Millionen Bauern das Leben kostete. Trotz, und während, des Massenhungers exportierte Stalin das enteignete Getreide ins Ausland.
1929 folgte dann die gewaltsam durchgeführte Industrialisierung mit ihrer von Stalin organisierten phantastischen Überhöhung des industriellen Plansolls, dessen reale Erfüllung völlig unmöglich war. Die Parteifunktionäre sahen sich faktisch genötigt, in ihren Rechenschaftsberichten permanent zu lügen. Die Wirtschaftsführer waren Parteigenossen. Ihre fiktiven Produktionsberichte gaben Stalin die Möglichkeit, alte Parteifunktionäre zu “entlarven” und verhaften zu lassen. Im ganzen Lande breiteten sich Hysterie und Panik aus. Stalin hoffte, die Trägheit des russischen Volkes durch kaum erfüllbare Wirtschaftspläne zu überwinden und hierdurch wenigstens eine Mindesterfüllung der Wirtschaftspläne zu gewährleisten.
Schon in den zwanziger Jahren begannen die Repressalien gegen Administratoren und Wirtschaftsführer, die ja alle zur alten Parteigarde gehörten. Das war der Anfang des Grossen Terrors. Stalin schuf auf diese Weise eine allgemeine Angstpsychose, die der Festigung seiner Alleinherrschaft dienen sollte. Die Prozesse der 20er Jahre zeigten, dass das Volk dem Terror keinen Widerstand leistete. Die Opfer der Justizwillkür bekannten in Schauprozessen ihre “Schuld”” an Missetaten und Verbrechen, die sie nie begangen hatten. 1937-1938 kam es dann zu Massenverhaftungen und Hinrichtungen der alten kommunistischen Parteifunktionäre.
Den Platz der liquidierten Revolutionäre nahmen nach 1938 prinzipienlose Karrieristen ein, die Stalin ergeben waren und seine Direktiven blindlings ausführten. Während des Zweiten Weltkrieges hielt es Stalin für zweckmässig, russische nationale Werte zu propagieren und die russisch-orthodoxe Kirche in ein gefügiges Instrument des Staates zu verwandeln.
Tschalidse weist nach, dass Stalin in der Nachkriegszeit einen russisch-chauvinistischen Kurs einschlug. Antisemitismus war und ist Bestandteil dieses Kurses. So schuf Stalin die Grundlagen des sowjetischen Imperiums, wobei kommunistische Propaganda lediglich ein Mittel zur Förderung der imperialen Bestrebungen der UdSSR ist. Stalin war der Totengräber der alten marxistischen Ideale und gleichzeitig der Begründer der sowjetischen Supermacht. L.K.
[Aufbau Dec. 11, 1981. p.9]
Lew Kopelew: Vorurteilslose Beurteilung der UdSSR
Westliche Leser sind Lew Kopelews literarischem Prototyp in Alexander Solschenitsyns Roman “Im ersten Kreis der Hölle” begegnet. Parteigenosse Rubin, der als Offizier der Sowjetarmee gegen die Brutalität der siegreichen russischen Truppen der deutschen Zivilbevölkerung gegenüber protestierte und dafür eine lange Freiheitsstrafe im GULAG-Reich abbüssen musste, trägt in Solschenitsyns Roman biographische Züge des heute in der Bundesrepublik lebenden jüdisch-russischen Literaturforschers Lew Kopelew. Bis zur Invasion der Tschechoslowakei stand Kopelew im Banne marxistischer Illusionen. Er glaubte an die Möglichkeit eines “Sozialismus mit menschlichem Antlitz”. Die militärische Invasion der Tschechoslowakei durch die Sowjets und deren Verbündete hat Kopelews Illusionen ein Ende bereitet.
Schon lange war Kopelew den Sowjets ein Dorn im Auge. Er nahm kein Blatt vor den Mund. In seiner Moskauer Wohnung trafen sich westliche Intellektuelle mit ihm, seiner Frau Raissa Orlowa (Expertin auf dem Gebiete der amerikanischen Literatur) und deren Freunden.
Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Haftgenossen Alexander Solschenitsyn, der sich monarchistische und antidemokratische Ideen zu eigen gemacht hat, steht Kopelew politisch dem Nobelfriedenspreisträger Andrej Sacharow nahe. Als die Sowjets Sacharow nach Gorki verbannten, richteten Lew Kopelew, Raissa Orlowa und andere unerschrockene sowjetische Intellektuelle ein Protestschreiben an die Kremlführung. Die Sowjets standen vor der Alternative — einen Prozess gegen Kopelew anzustrengen, oder ihn in den Westen abzuschieben. Da Kopelew eine weltbekannte Figur ist und im Ausland — insbesondere in der Bundesrepublik — viele Freunde hat, zu denen unter anderen Heinrich Böll zählt, entschloss sich Moskau, ihn “zwangsauswandern” zu lassen. Bald nach Ankunft der Kopelews in der Bundesrepublik wurden sie — auf Anordnung des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR — ausgebürgert.
Kopelew ist Verfasser mehrerer autobiographischer,literaturwissenschaftlicher und gesellschaftskritischer Werke die im Westen erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt worden sind. Eines der Themen, dem Lew Kopelews besonderes Interesse gilt, sind die russisch-deutschen geistigen Wechselbeziehungen im laufe der Jahrhunderte. Kopelew beherrscht Deutsch fast genau so wie seine russische Muttersprache. In der UdSSR zählte er zu den prominentesten Germanisten. Heute hält er Vorlesungen an mehreren westdeutschen Universitäten. Seine Artikel erscheinen oft in der Hamburger “Zeit” und in anderen bundesdeutschen Publikationen. Gegenwärtig hält sich Lew Kopelew mit seiner Frau Raissa in den Vereinigten Staaten auf, wo er auf Einladung einiger US-Universitäten eine Reihe von Vortragszyklen hält, zuletzt (auf deutsch) in der Columbia-Universität. Vor kurzem gewährte Kopelew dem Chefredakteur der New Yorker russischsprachigen Tageszeitung “Novoye Russkoye Slovo” Andrej Sedych ein längeres Interview. Seine Ansichten über die gegenwärtige russische Kultur, die intellektuelle und politische Situation in der UdSSR begegnen höchstem Interesse.
“Vieles hat sich in jüngster Zeit in der UdSSR verändert”, erklärte Kopelew in seinem Interview. Manches habe sich verschlechtert, aber auch positive Wandlungen seien zu verzeichnen. Zu diesen rechnet Kopelew die Veröffentlichung mancher literarischer und wissenschaftlicher Werke, die — vom ideologischen Gesichtspunkt aus — noch vor einem Jahrzehnt nur im Samisdat (Untergrundliteratur) hätten erscheinen können. Dabei handele es sich keineswegs um eine Liberalisierung der Moskauer Parteiführung, vielmehr lasse sich dieses Phänomen darauf zurückführen, dass die kommunistische Ideologie ungeachtet westlicher Fehlschüsse “tot ist”.
“Zensur gibt es in Russland nach wie vor”, sagt Kopelew. “Doch haben sich die dominierenden Tendenzen geändert. Heute ist die sowjetische Zensur hauptsächlich gegen Autoren gerichtet, deren Namen in sogen. “schwarzen Listen” verzeichnet sind. Doch von Zeit zu Zeit erscheinen in der UdSSR, trotz aller Wachsamkeit der Zensoren, sowohl theologische als auch philosophische und wissenschaftliche Schriften, die eindeutig nonkonformistisch sind. Das beweise, dass die kommunistische Ideologie ihrer Vitalität verlustig gegangen sei.
Kopelew behauptet mit Recht, dass die kommunistische Ideologie in der UdSSR durch grossrussischen Chauvinismus verdrängt und ersetzt wird. Allmählich werde Chauvinismus zur faktischen Staatsideologie. Das gelte nicht nur für Kulturfunktionäre, sondern auch für führende Beamte des KGB. sowie hohe Würdenträger der Politleitung der Armee.
Zur Frage, wie die Sowjetbevölkerung auf die Ereignisse in Polen reagiert, sagte Kopelew, der KGB sorge für die Verbreitung antipolnischer Gerüchte. “Warum gibt es bei uns kein Fleisch, keine Butter?” fragen die sowjetischen Konsumenten in den endlosen Schlangen vor den Lebensmittelhandlungen. Die KGB-Leute haben ihre Antwort parat: “Wir haben kein Fleisch und keine Butter, weil wir die Polen mit unseren Vorräten versorgen müssen.” Lew Kopelew, der seinen marxistischen Idealismus endgültig überwunden hat, ist — im Gegensatz zu manchen anderen Sowjetdissidenten — keinem anderen Fanatismus verfallen. Seine Berichte sind objektiv und vorurteilslos.
L.K.
[Aufbau Dec. 18, 1981. p.6]
