Polnische Militärdiktatur
Zukunftsmodell für die UdSSR?
Die dramatischen Ereignisse in Polen, die im Dezember zur blutigen Unterdrückung der zehn Millionen Mitglieder zählenden “Solidaritäts”-Bewegung durch die Militärdiktatur General Jaruzelskis führten, sind für den Russlandbeobachter von immenser Bedeutung.
Gegenwärtig handelt es sich nicht nur um die Klärung der Frage, ob General Jaruzelskis brutales Vorgehen vom Kreml inspiriert war, oder ob sich der polnische General zur Ausrufung des Kriegszustands genötigt sah, um eine Invasion seiner Heimat durch die Sowjetarmee zu verhindern.
Obwohl sich zahlreiche westeuropäische und amerikanische Journalisten über die Beweggründe der Aktion Jaruzelskis den Kopf zerbrechen, sind die der Schaffung einer Militärdiktatur zugrunde liegenden Motive in historischer Sicht kaum von Belang. Jaruzelski entschied sich zu seiner gegen die “Solidarität” gerichteten Aktion, weil er sowohl unter dem Druck des Kremls stand als auch auf diese Weise eine Intervention Moskaus zu vermeiden suchte.
Die Verhängung des Kriegszustands war den KremlGreisen durchaus genehm. Sie konnten erleichtert aufatmen. Sie waren keineswegs an einem Blutvergiessen im Herzen Europas interessiert. Wenn es dazu gekommen wäre, hätte Moskau der Friedensbewegung in Westeuropa den Wind aus den Segeln genommen. Eine sowjetische Militärintervention in Polen hätte die Hoffnung des Kremls, eine Spaltung des Nordatlantischen Bündnisses zu erreichen, endgültig zum Scheitern gebracht
Die Ereignisse in Polen reichen weit über die Grenzen dieses osteuropäischen Landes hinaus. Eine Analyse der Geschehnisse lässt sich nicht nur durch die Betrachtung der Handlungsmotive des ersten Junta-Generals im Ostblock einschränken. Die politische Entwicklung in Polen 1980-1981 bietet dem Kremlbeobachter die einmalige Gelegenheit, eventuelle künftige Ereignisse in der Sowjetunion selbst zu prognostizieren.
Bekanntlich war die Schaffung der polnischen Militärjunta durch die Unfähigkeit einer völlig korrumpierten Partei bedingt, die schon nicht mehr imstande war, die elementaren Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen. Die Korrumpiertheit und die Inkompetenz der kommunistischen Partei Polens war der eigentliche Grund für die rapide Entwicklung der “Solidaritäts”Bewegung (vom August bis zum Dezember 1980 stieg die Zahl der Mitglieder der freien Gewerkschaftsbewegung auf zehn Millionen).
Durch die Drosselung der elementaren Bürgerrechte und des Dialogs mit der polnischen Arbeiterklasse kann Jaruzelski eine Sanierung der Wirtschaft und eine sozialpolitische Erneuerung nicht zustandebringen.
Die innere Schwäche des Militärregimes Jaruzelskis offenbarte sich nicht zuletzt in widerwärtiger antisemitischer Propaganda. Die polnischen Sicherheitsbehörden geben sich grösste Mühe, die “Solidaritäts”-Bewegung in den Augen der Bevölkerung durch angebliche Kontakte mit in- und ausländischen jüdischen Zentren zu verunglimpfen (in Polen leben heute nur noch etwa 6000 Juden).
Das polnische Parteiorgan “Trybuna Ludu” griff unlängst zwei prominente “Solidaritäts”-Berater an — Adam Michnik und Bronislaw Geremek (beide jüdischer Abstammung). Das Blatt warf diesen beiden polnisch-jüdischen Aktivisten Sympathien auf den Zionismus vor. Aus Warschau wird auch gemeldet, dass Mark Edelman, einer der wenigen noch lebenden Führer des Warschauer Getto-Aufstands, sich unter den Tausenden der Verhafteten befindet.
Das Pariser Büro des American Jewish Committee (AJC) brachte in Erfahrung, dass — seit Erklärung des Kriegszustands — in verschiedenen Städten Polens antisemitische Hetzblätter an die Mauern geklebt wurden. In diesen Pogromblättern wird der Versuch unternommen, die “Solidarität” als ein Ergebnis der “Ränke des Weltjudentums” und des “internationalen Zionismus” darzustellen.
Von grösster Bedeutung ist hierbei die Tatsache, dass diese gemeinen antisemitischen Attacken bei der polnischen Bevölkerung keine Anklang finden. Nives Fox, Europa-Vertreter des AJC, meldet, dass die Polen die antisemitischen Hetzblätter umgehend entfernen.
Die an der Macht stehenden Männer um Jaruzelski beschuldigen in ihrer antisemitischen Hetzkampagne die polnischen Juden, die Mangelwaren in grossen Mengen aufzukaufen, um sie spater auf dem Schwarzen Markt an den Mann zu bringen.
Diese von Beratern des KGB (des sowjetischen Sicherheitsdienstes) dem polnischen Militärregime anempfohlenen “Tricks” lassen sich aus Hetzblättern ersehen, die die österreichische Hauptstadt erreicht haben (die letzten polnischen Flüchtlinge, die mit dem Chopin-Express nach Wien kamen, brachten dieses Propagandamaterial mit).
Die heutigen Machthaber Polens wiederholen die von Josef Stalin Ende der vierziger Jahre erarbeitete antisemitische Taktik. In den Angriffen der polnischen Presse heisst es, dass Geranek, ein führender Berater des “Solidaritäts”-Führers Lech Walesa. ein “kosmopolitischer zionistischer Revisionist” sei. Diese Formulierung wird in zahlreichen Flugblättern wiederholt.
Stalins berüchtigte “kosmopolitische Kampagne” der vierziger Jahre stellte die Sowjetjuden als “vaterlandslose Gesellen”, als “Kosmopoliten” dar. Der Stalinsche Antisemitismus war ein deutliches Symptom der Entartung des Kommunismus sowjetischer Spielart.
Wenn heute Jaruzelski und die Falken der Parteiführung (Olszowski & Co) zur antisemitischen Terminologie Stalins greifen, ist dies ein Beweis für die Ohnmacht der Militärjunta.
Heute, da Leonid Breschnjew und dessen Kollegen vom Politbüro im Entscheidungsprozess des Kremls von ausschlaggebender Bedeutung sind, lassen sich die schlimmsten Auswüchse des Antisemitismus in der UdSSR vermeiden. Der staatliche Antisemitismus in der Sowjetunion ist ein unbestreitbares Phänomen, doch die Partei ist vorläufig daran interessiert, die bösartigsten Judenhetzer unter Kontrolle zu halten. Hierbei lassen sie sich keineswegs von Humanitätsidealen leiten.
Sie befürchten, durch jedweden Extremismus ihre eigene Position zu schwächen.
Die Lage konnte sich jedoch nach dem Tod von Breschnjew, Kirilenko, Tichonow und den anderen bejahrten Politbüro-Mitgliedern ändern. Ende der achtziger Jahre wäre eine sowjetische Militärdiktatur durchaus im Bereich des Möglichen. Die Errichtung einer Militärdiktatur in Osteuropa (einschliesslich der Sowjetunion) hängt vom Eintreten folgender Momente ab:
- eines maximalen Ausmasses der Korrumpiertheit der Parteispitze (Gier und Habsucht der sogen. “Nomenklatur”-Funktionäre, d.h. der Elite der “neuen Gesellschaft”; 2) der fast totalen Unfähigkeit der sog. Spitzenfunktionäre der Partei, die Wirtschaft des Landes zu leiten und die elementaren Bedürfnisse der Verbraucher zu erfüllen; 3) eines katastrophal gesunkenen Sozialprodukts des Landes.
Bei objektiver Betrachtung der in der UdSSR wirkenden Kräfte lassen sich sämtliche genannten Tendenzen verzeichnen. In seinen alljährlichen Rechenschaftsberichten gibt Parteichef Breschnjew offen zu, dass die Wirtschaftsentwicklung der UdSSR viel zu wünschen lässt. Selbstverständlich wird über die Korrumpiertheit der Sowjetelite und deren Unfähigkeit, die Wirtschaft zu leiten, nicht offen gesprochen.
Darüber wird nur gewitzelt und gemunkelt, die überwiegende Mehrheit der Sowjetbevölkerung weiss aber genau, wie es um die “Obrigkeit” bestellt ist.
Die ständig wachsende Leistungsunfähigkeit der Spitzenfunktionäre der Partei, die sich z.B. schon jahrelang in Polen offenbarte, sowie die moralisch-politische Entartung der Führung der Ostblocklander fördern die Entstehung antagonistischer Kräfte (wie z.B. die polnische “Solidaritäts”-Bewegung).
Im Westen wird oft die Meinung vertreten, dass das russische Volk zu keinerlei Massenprotesten fähig sei. Der heute in Paris lebende russische Exilschriftsteller Andrej Sinjawsky hat vor einiger Zeit in einem Interview mit der Hamburger Wochenzeitung “Die Zeit” erklärt, die Russen seien in politischer Hinsicht “Sklaven”. Zu den gleichen Schlüssen kamen Korrespondenten amerikanischer Blätter, die mehrere Jahre in der UdSSR verbrachten.
Bei derartigen Überlegungen wird aber ein wichtiges Element völlig übersehen. Sobald die neue Sowjetgeneration, die nach 1953 das Licht der Welt erblickte und demnach den Stalinismus nicht kannte, das Alter von 35-40 Jahren erreichen wird, könnte sich die Situation wesentlich andern. Diese neue Generation kennt nicht die Furcht der Väter und Grossväter, der “Errichter des Sozialismus”. Sie ist in politischer Hinsicht bedeutend unabhängiger als ihre Vorväter.
Heute stehen die jungen Leute der Ära nach Stalin im Alter von 20-28 Jahren. Während ihre Eltern und Grosseltern an das kommunistische Ideal noch glaubten, sind die Jungen (besonders in den Grosstädten) konsumorientiert und zuweilen sogar zynisch. Ihre Eltern und Grosseltern waren bereit, für ein Zukunftsideal zu darben und permanente Not zu leiden. Die heute Zwanzigjährigen lassen sich nicht mehr hinters Licht führen.
Sie wissen genau Bescheid über die in der UdSSR herrschenden Klassenunterschiede (auch wenn sie Djilas’ “Neue Klasse” nicht zu Gesicht bekommen haben) und sind bei weitem nicht so opferbereit, wie es die beiden ersten Generationen nach der bolschewistischen Oktoberrevolution von 1917 waren.
Bei gleichzeitiger Degenerierung und Korrumpierung der sowjetischen Parteispitze einerseits und Reifung der heute Zwanzigjährigen andererseits könnten die Voraussetzungen einer sowjetischen Militärdiktatur (Ende der achtziger Jahre) eintreten. Das polnische Modell könnte dann Schule machen.
Im Gegensatz zu Breschnjew und dessen Parteikollegen wurde die sowjetische Generalität, falls sie die Macht ergreifen sollte, den Weltfrieden ernstlich gefährden. Welche praktischen Schlussfolgerungen lassen sich aus solchen Betrachtungen für den Westen ziehen?
Es ist grundfalsch, davon auszugehen, dass im Kreml “felsenfeste Einheit” und “eherne Geschlossenheit” herrschen. Fast stets gab es im Kreml Machtkämpfe.
Es liegt im Interesse der westlichen Demokratien, die gemässigten Elemente im sowjetischen Zentralkomitee und im Politbüro zu stärken (nur ein sturer Dogmatiker der Neuen Rechten wird behaupten, dass es in der Sowjethierarchie überhaupt keine Unterschiede gibt). Durch geschickte Propaganda und flexible und gleichzeitig feste Aussenpolitik, die stets ein Quid-pro-quo anstrebt, lässt sich dieses Ziel (Stärkung der gemässigten Elemente in den sowjetischen Machtorganen) erreichen.
Antikommunistische Rhetorikübungen und gleichzeitige Wirtschaftshilfe, die ohne jegliche Gegenleistungen seitens der Sowjets erfolgt (wie z.B. die Aufhebung des Getreideembargos durch die Reagan-Regierung), sind kaum dazu angetan, die Aktionen der Sowjetführung zu beeinflussen.
Während zwar jegliche Befriedungsversuche des Westens katastrophale Folgen haben konnten, ist es keineswegs klar, dass ein zweiter Kalter Krieg im Interesse des Westens und der gemässigten Elemente innerhalb der Sowjetführung liegt.
Der Stalinsche Terror, der Millionen Sowjetbürgern das Leben kostete, folgte zu einer Zeit, da die UdSSR von der Aussen weit fast völlig isoliert war (es handelt sich hierbei um die Jahre 1934-1938 und die Zeit Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre). Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Isolierung der Sowjetunion vom Westen den KGB-Terror fördert und stärkt.
Nobelfriedenspreisträger Andrej Sacharow akzentuierte häufig die Gefahr des Eisernen Vorhangs, eines Informationsmangels und einer Kontaktsperre. Nur politischer Scharfblick des Westens kann das Schlimmste verhüten.
L.K.
[Aufbau Jan. 15, 1982. p.1]
Tragödie eines sowjetischen Filmstars
In den dreissiger Jahren und zu Beginn der vierziger Jahre war Soja Fjodorowa eine der populärsten sowjetischen Filmschauspielennnen. Die hübsche grossäugige Blondine spielte meist die Rollen von “Mädchen aus dem Volke”, von arbeitseifrigen Jungkommunistinnen. Stalin und seinen Kommissaren schien es, dass Soja Fjodorowas Darstellung das von der Partei propagierte Ideal einer dem “Aufbau des Sozialismus” ergebenen jungen Arbeiterin verkörpere.
Zweimal wurde die junge Schauspielerin mit dem Stalinpreis, der höchsten staatlichen Auszeichnung, geehrt. Soja Fjodorowa hatte aber auch das Talent, klassische Rollen meisterhaft darzustellen. Während des Zweiten Weltkriegs spielte sie die Braut in Tschechows “Hochzeit” und erzielte damit einen grossen künstlerischen Erfolg.
Da die junge Schauspielerin damals zur sowjetischen Elite gehörte, wurde sie zu Empfangen im Kreml eingeladen, an denen auch westliche Diplomaten teilnahmen. Bei einem dieser Empfänge lernte sie den jungen amerikanischen Offizier Jackson Tate kennen, der damals — kurz vor Kriegsende — in der Moskauer US-Botschaft den Posten eines MarineAttachés innehatte. Die beiden verliebten sich ineinander. Doch ihr Liebesglück war von kurzer Dauer.
Die sowjetische Geheimpolizei bekam von der Affaire Wind, liess den jungen amerikanischen Diplomaten zur persona non grata erklären und zwang ihn, die UdSSR zu verlassen. Soja Fjodorowa wurde wegen ihres “Verbrechens” (unerlaubte Beziehungen zu einem Ausländer) des Landesverrats angeklagt und zu einer achtjährigen Lagerstrafe verurteilt, die sie in Sibirien abbüssen musste. Erst nach Stalins Tod wurde Fjodorowa rehabilitiert und durfte nach Moskau zurückkehren.
Jackson Tate blieb das tragische Schicksal seiner russischen Geliebten verborgen. Er wusste auch nicht, dass er von ihr in der Sowjetunion eine Tochter hatte, die den Namen Viktoria trug. Erst 1953 durfte Viktoria mit ihrer Mutter zusammenleben. Bis dahin war sie von Versandten erzogen worden. Als Viktoria 16 Jahre alt wurde, erfuhr sie von ihrer Mutter, wer ihr Vater ist. Viktoria Fjodorowa wurde — wie ihre Mutter — Filmschauspielerin.
1973, zu Beginn der Détente, gelang es der Mutter, die Anschrift und die Telefonnummer des Vaters ihres Kindes ausfindig zu machen. Mittlerweile hatte es Jackson Täte in seiner militärischen Laufbahn weit gebracht — er war Admiral der US-Marine (Admiral Tate verschied vor einigen Jahren). 1973 sprach Viktoria zum erstenmal im Leben mit ihrem Vater per Telefon.
Eine weltweite Kampagne setzte ein, um es Viktoria zu ermöglichen, ihren Vater in den Vereinigten Staaten zu besuchen. Die Sowjets widersetzten sich dieser elementaren Forderung. Admiral Tate wandte sich in einem Schreiben an den Generalsekretär der KPdSU Leonid Breschnjew mit der Bitte, seiner Tochter Viktoria ein Ausreisevisum zu gewähren. 1975 — zur Blütezeit der Detente — fand der Kreml sich schliesslich bereit, Viktoria ausreisen zu lassen.
Inzwischen ist Viktoria mit einem US-Flieger verheiratet. Der Ehe entsprang ein Sohn. Die Sowjetbehörden gestatteten es Soja Fjodorowa mehrmals, ihre Tochter in den USA zu besuchen. In der UdSSR wurden dem einst so berühmten Star in einigen Sowietfilmen Nebenrollen überlassen. Während Soja Fjodorowas letztem US-Aufenthalt lernte sie Andrej Sedych, den Chefredakteur der in New York City erscheinenden russischsprachigen Tageszeitung “Novoye Russkoye Slowo” bei einem Konzertbesuch in der Carnegie Hall kennen.
Im Lauf der Unterhaltung sprach Fjodorowa von ihrem Wunsch, in Amerika zu bleiben; sie wolle es aber nur auf gesetzlichem Wege tun. Deshalb beabsichtige sie, nach Moskau zurückzukehren und dort ein Auswanderungsvisum zu beantragen.
Seit diesem Gespräch sind mehrere Jahre vergangen. Soja Fjodorowa hatte mehrmals um eine Auswanderungsbewilligung ersucht. Alle ihre Gesuche wurden von der Moskauer Pass- und Visenbehörde abgewiesen. So wurde Soja Fjodorowa zum Refusenik.
Am 11. Dezember 1981 suchte sie — zum letzten Mal in ihrem Leben — die Moskauer Passbehörde auf, und wieder wurde sie mit einer abschlägigen Antwort nach Hause geschickt. Nach Tagen, in denen ihre Moskauer Verwandten nichts von ihr hörten, wandte sich ihr Neffe, Valerij Fjodorow, an die Polizei, die daraufhin die Wohnungstür der Vermissten aufbrach und Fjodorowa tot auffand. Zunächst behaupteten die Behörden, Soja sei einem Herzinfarkt erlegen. Der Neffe gab sich jedoch mit diesem Befund nicht zufrieden.
Er ging schnurstracks ins Leichenschauhaus, wo er erfuhr, dass Soja durch einen Genickschuss ums Leben gekommen sei. In Moskauer Meldungen hiess es dann, die einst gefeierte sowjetische Filmschauspielerin sei das Opfer eines Raubmordes gewesen.
Viktoria, die mit ihrer Familie in Stamford, Conn., lebt, hat 1979 in den USA ein in englischer Sprache verfasstes Buch “The Admiral’s Daughter” veröffentlicht. In diesem Buch schildert sie den tragischen Liebesroman ihrer Eltern und ihre eigene Jugend. Das Buch ist eine brennende Anklage gegen das Sowjetregime.
Wäre das Buch nicht erschienen, so hätte der KGB sich vielleicht doch noch bereit gefunden, der vereinsamten alten Frau die Auswanderung zu ihrer Tochter in Amerika durch Erteilung des AuswanderungsVisums zu ermöglichen, was dem Geist und Buchstaben der Schlussakte von Helsinki (Familienzusammenführung) entsprochen hätte. Mit der Publikation des Buches wurde diese Möglichkeit hinfällig.
Da die Verfasserin, Sojas Tochter, in ihrem amerikanischen Exil dem Zugriff der Sowjets entzogen ist, rächten sie sich an der Mutter und verwehrten es ihr, die Tochter wiederzusehen.
Als Viktoria vom Tod ihrer Mutter erfuhr, ersuchte sie die Sowjetbotschaft in Washington, ihr ein befristetes Einreisevisum zur Teilnahme an der Beisetzung der Mutter auszustellen. Ein solches Visum könne, so lautete die Antwort der Sowjets, nur dann erteilt werden, wenn sie bereit sei, einen sowjetischen Auslandspass zu beantragen. Andernfalls könne sie als amerikanische Bürgerin nicht in Russland einreisen.
Im State Department hiess es dann, wenn sie einen sowjetischen Auslandspass akzeptiere, würde sie auf sowjetischem Boden nicht unter amerikanischem Schutz stehen und könne nötigenfalls nicht mit amerikanischer Hilfe rechnen. Begreiflicherweise wollte Viktoria ein solches Risiko nicht eingehen. Und so wurde Soja Fjodorowa in Abwesenheit ihrer Tochter zu Grabe getragen.
L.K.
[Aufbau Jan. 22, 1982. p.7]
Westliche Filme — beliebter Zeitvertreib der Sowjetelite
Im Gegensatz zum Kreml, der über das Privatleben führender Staatsmänner und Politiker des Westens aufs Beste informiert ist, weiss man in Westeuropa und Amerika recht wenig über die Lebensweise der Sowjetelite. Swetlana Alilujewa, Stalins Tochter, die heute in den Vereinigten Staaten lebt, hat in ihren zwei Büchern unter anderem die Zechgelage beschrieben, die im Kreml der Stalinzeit gang und gäbe waren.
Milovan Djilas hat in einem seiner Bücher anhand konkreter Beispiele gezeigt, dass Stalin selbst bei diesen Anlässen nüchtern blieb, während er seine Parteigenossen, darunter auch hochgestellte Komintern-Repräsentanten, geradezu nötigte, sich zu betrinken.
Über das Privatleben Leonid Breschnjews und seiner Kollegen vom Politbüro ist nur wenig bekannt. Man weiss, dass der sowjetische Staatschef eine Vorliebe für westliche Autos hat, die er geradezu “sammelt”. Zuweilen dringen vereinzelte Informationen in den Westen, die von der Doppelmoral der Sowjetelite zeugen. Was öffentlich als “Dekadenz und Sittenlosigkeit des Kapitalismus” gebrandmarkt wird, erscheint Moskauer führenden Kreisen in höchstem Mass attraktiv.
Unlängst wurde bekannt, dass Goskino, die staatliche Filmorganisation der UdSSR, insgeheim Dubletten westlicher Filme herstellt. Die Originale werden danach an die westlichen Verleihgesellschaften zurückgesandt, wobei es in Begleitschreiben meist heisst, dass die sowjetischen Kinobesucher an dem betreffenden Streifen nicht interessiert seien. Die Dubletten (von Goskino reproduziert) werden jedoch von den sowjetischen Filmbehörden ihren osteuropäischen Freunden zur Verfügung gestellt.
Die in der Sowjetpresse als “unzüchtig” und “unmoralisch” angeprangerten Filme kommen auf diese Weise in besonders privilegierten Kreisen, einschliesslich dem Politbüro, zur Vorführung.
Im Oktober vergangenen Jahres sagten Nadeschda und Nikolai Pankow vor einem Moskauer Gericht aus, Mitgliedern des sowjetischen Politbüros wurden heimlich reproduzierte westliche Streifen — darunter auch Pornofilme — vorgeführt. Die Eheleute Pankow, die im vergangenen Juli (angeblich wegen Abbaus des Goskino-Personalbestands) entlassen wurden, erhoben gegen die staatliche Filmorganisation Klage, und nahmen sieh vor Gericht kein Blatt vor den Mund.
Das sowjetische Volksgericht in Domodedowo (einem Moskauer Vorort) zeigte in diesem Fall Mut und erstaunliche Unabhängigkeit. In der Gerichtsentscheidung hiess es. die Kläger seien im Recht, und hätten Anspruch auf sofortige Wiederanstellung.
David Satter, dem Moskauer Korrespondenten der “Chicago Sun-Times”, zufolge, hat Goskino sich geweigert, dem Urteil Folge zu leisten und verweigerte den Pankows Zutritt zu ihrem alten Arbeitsplatz oder auch nur mit ihnen in Kontakt zu treten. Sie hatten in unverzeihlicher Weise aus der Schule geplaudert.
Wie aus Moskau erfahren wurde, zeigt die Sowjetführung besonderes Interesse an Porno-Filmen, aber auch an James-Bond-Streifen sowie an filmen, die in der Sowjetpresse als “antisowjetische Propaganda” bezeichnet werden. Der amerikanische Film “The Deer Hunter” könnte als Beispiel für die sowjetische Doppelmoral dienen. Während der Vorführung dieses US-Films im Rahmen des Festivals in Cannes (1980) verliess die Sowjetdelegation demonstrativ den Saal.
Dessenungeachtet erfreute sich gerade dieser Film besonderer Beliebtheit in höchsten Sowjetkreisen.
Ausser den Mitgliedern des Politbüros und des Zentralkomitees gehören zu den Privilegierten, denen westliche Filme vorgeführt werden, auch hochgestellte Beamte, Literaten und Journalisten. Die Beliebtheit westlicher Filme in sowjetischen Partei- und Regierungskreisen nimmt zuweilen auch wunderliche, ans Absurde grenzende Formen an.
Als im Oktober 1980 der Leninpreis für den besten Sowjetfilm des Jahres verliehen wurde, fand für die in Moskau versammelten Würdenträger und “Kulturschaffenden” eine Reihe von Empfängen und Unterhaltungsabenden statt. Zur Vorführung gelangten hierbei ausschliesslich westliche Filme erotischen Inhalts.
L.K.
[Aufbau Jan. 29, 1982. p.6]
Droht der UdSSR wirtschaftlicher Niedergang?
Sachkundige amerikanische Beobachter der Sowjetszene halten eine progressive Verschärfung der Wirtschaftskrise in der UdSSR für unausbleiblich, und eine sich daraus ergebende Abwandlung der globalen Strategie des Kremls für wahrscheinlich. Dabei deuten sie auf zwei richtungsweisende Umstände hin: 1) auf die von Jahr zu Jahr fortschreitende Senkung des sowjetischen Sozialprodukts und 2) auf eine voraussehbare Energiekrise in der UdSSR.
In der westlichen Presse wird gelegentlich die Vermutung ausgesprochen, die Lebensmittelsituation werde sich in der UdSSR in den achtziger Jahren derart verschlechtern, dass mit ernst lichen Unruhen in den Sowjetstädten zu rechnen sei.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass es in der Sowjetunion zurzeit beträchtliche Wirtschaftschwierigkeiten gibt. Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man die Sowjetpresse, die Berichte über die Erfüllung des laufenden Fünfjahrplans und die Reden von Leonid Breschnjew und anderen Sowjetführern eingehend analysiert.
Das Sozialprodukt und die Arbeitsproduktivität sind in der UdSSR in den letzten 10 Jahren erheblich gesunken. Im achten Fünfjahrplan (1966-70) betrug das Wachstum des sowjetischen Sozialprodukts acht Prozent. In den siebziger Jahren machte sich jedoch eine Verlangsamung des Wachstumstempos fühlbar. 1971-1975 wuchs das Sozialprodukt um weniger als sieben Prozent. Zu einer noch bedeutenderen Senkung des Wachstumtempos kam es bei der Erfüllung des zehnten Fünfjahrplans (1976-1980).
Moskau meldete für diese Zeitspanne nur eine vierprozentige Zunahme des Sozialprodukts. Jüngsten Angaben zufolge ist das Volkseinkommen der UdSSR i.J. 1981 nur um 3,4 Prozent gestiegen. Somit lässt sich die Tendenz einer unaufhaltsamen Verlangsamung der industriellen Entwicklung der UdSSR deutlich erkennen.
Trotzdem wäre es voreilig, eine Wirtschaftskatastrophe der Sowjetunion vorauszusagen. In den letzten 20 Jahren ist es dem Kreml gelungen, die Spanne zwischen den Sozialprodukten der USA und der UdSSR zu verringern. Während zu Beginn der sechziger Jahre das sowjetische Volkseinkommen nur die Hälfte des Sozialprodukts ausmachte, beläuft sich das Sozialprodukt heute schon auf 67 Prozent. Die Sowjetunion produziert sogar mehr Stahl und fördert mehr Eisenerz und Kohle als die Vereinigten Staaten.
Im Weltmasstab nimmt sie den ersten Platz in der Produktion von Zement, Traktoren, Lokomotiven u.a.m. ein.
In den letzten Jahren liess sich in der UdSSR eine gewisse Verlangsamung der Erdölförderung beobachten. CIA-Experten haben aufgrund dieser Tatsache wiederholt behauptet, dass der Sowjetunion eine Energiekrise drohe. Diesen Prognosen widersprechen jedoch Angaben der US-Zeitschrift “Oil and Gas Journal”, denen zufolge die UdSSR Ende 1980 über 8,6 Mrd. Tonnen Erdölreserven verfügte. Der gleichen Quelle zufolge können die Energiereserven (Erdöl, Erdgas und Kohle) der sowjetischen Industrie in Zukunft 120 Mrd.
t Treibstoff liefern und für 80 Jahre ausreichen. Freilich befinden sich die ergiebigsten sowjetischen Erdölvorkommen in einer solchen Erd- oder Meerestiefe, dass Moskau zurzeit noch nicht über die technologischen Mittel und das erforderliche Know-how verfügt, diese Naturschätze zu Tage zu fördern.
Land Wirtschaft ist das schwächste Glied der Sowjetwirtschaft. Im vergangenen Jahr betrug die Getreideernte vermutlich nur 170 Mio. t (um 60 Mio. t weniger als die Durchschnittsernte Ende der siebziger Jahre). In den 17 Jahren des Breschnjew-Regimes war die Ernte in neun Jahren katstrophal. Der heutigen Sowjetführung ist es jedoch bisher gelungen, die Misserfolge des Kolchosensystems durch Millionen-Ankäufe von Überseegetreide auszugleichen.
Um die Rechnung für das amerikanische, kanadische oder australische Getreide begleichen zu können, verkauft Moskau beträchtliche Goldmengen auf dem Weltmarkt. Allein im vergangenen Jahr sah sich Moskau genötigt, 100 t Gold zu verkaufen, um die riesigen Getreiderechnungen begleichen zu können.
Die Misserfolge der sowjetischen Landwirtschaft, und die schon jahrzehntelang disproportionelle Entwicklung der Schwer- und der Leichtindustrie, verursachen systembedingte Versorgungsschwierigkeiten (Lebensmittel und Konsumguter sind ständige Mangelwaren). Zudem sind die sowjetischen Konsumwaren von nur geringer Qualität.
Die Ursache der ungleichmässigen Ent[wicklung] liegt im Bestreben des Kremls, im Rüstungswettlauf mit den Vereinigten Staaten Schritt zu halten und sie sogar zu überflügeln. Die Erfolge des Kremls auf dem Gebiet der Rüstungsindustrie gehen aber unweigerlich auf Kosten der Sowjetbevölkerung, die schon bald 65 Jahre lang zu Opferbereitschaft ermahnt wird.
Doch ungeachtet der Misserfolge der sowjetischen Landwirtschaft und der Versorgungsschwierigkeiten ist die UdSSR imstnde — dank dem Reichtum an Naturschätzen —, die minimalen Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Eine Wirtschattskatastrophe, wie sie sich heute in Polen eingestellt hat, droht der Sowjetunion vorläufig nicht.
Obwohl die Sowjetbürger— nach wie vor— nach Fleisch, Butter, Eiern, Käse, Gemüse und anderen Lebensmitteln anstehen müssen, war die Regierung bislang imstande, die Preise für die wichtigsten Lebensmittel zu halten. Im Gegensatz zu Polen, ist es seit über dreissig Jahren in der UdSSR zu keinen Preissteigerungen der wesentlichsten Nahrungsmittel gekommen.
Die Sowjetexpansion in Ländern der Dritten Welt und der Krieg in Afghanistan sind natürlich für die sowjetische Staatskasse eine ernstliche Finanzbürde. Laut zuverlässigen Angaben muss Moskau für das Afghanistan-Abenteuer und für die sowjetische militärische Präsenz in Kuba, Angola, Äthiopien, sowie in Südjemen, Vietnam und anderen Entwicklungsländern, jährlich 10 Mrd. Dollar aufbringen.
Pekinger offiziellen Berechnungen zufolge, belaufen sich allein die Jahreskosten der Kriegführung in Afghanistan auf zirka drei Mrd. Dollar.
Im Westen fragt man sich zuweilen, wie es der Kreml mit seiner uneffizienten, hochzentralisierten Planwirtschaft und seinem schon jahrzehntelang unproduktiven Agrarsystem fertigbringt, einer Wirtschaftkatastrophe zu entrinnen. Der Hauptgrund hierfür liegt wohl darin, dass die Sowjetunion das an Bodenschätzen reichste Land der Welt ist.
Ungeachtet der abenteuerlichen Aussenpolitik und der unwirksamen Methoden in Industrie und Landwirtschaft droht der UdSSR in den achtziger Jahren daher wohl kaum ein Zusammenbruch der Wirtschaft.
Ein völlig unabschätzbarer Faktor ist jedoch der in den nächsten Jahren bevorstehende Machtwechsel im Kreml. Das grosse Sterben hat— mit dem Hinscheiden Alexej Kossygins und Michail Suslows— schon begonnen Es wird nicht allzu lange dauern, bis die Welt erfährt, wer im Kreml die Macht an sich gerissen hat, und auf welche Weise die künftigen Sowjetführer die komplizierten Wirtschaftsprobleme zu lösen gedenken.
L.K.
[Aufbau. Mar. 5, 1982. p.5]
Machtkampf im Kreml?
Der Tod des sowjetischen Chefideologen Michail Suslow war zweifellos ein Wendepunkt in der Machtkonstellation des Kremls. Suslow war nicht nur Chefideologe und unumstrittener Leiter der internationalen kommunistischen Bewegung, sondern verfügte auch über die entscheidende Stimme im sowjetischen Politbüro. Er zog es vor, sieh im Schatten zu halten Dessenungeachtet war es Michail Suslow, der 30 Jahre lang die treibende Kraft im Entscheidungsprozess des Kremls war.
Suslow war sozusagen “Gralshüter” des Marxismus-Leninismus: er war auch ein Neostalinist reinster Prägung. Treu und ergeben diente Suslow dem sowjetischen Tyrannen.
Stalin schätzte Suslows Ergebenheit und organisatorische Fähigkeiten. 1947 ernannte ihn Stalin zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Diesen Posten hatte Suslow bis zu seinem Tode inne. der ihn im Alter von 79 Jahren vor einigen Wochen ereilte.
1949 entsandte Josef Stalin seinen treuen Gefolgsmann nach Budapest, wo er auf einer Kominform-Konferenz die “verbrecherische Tätigkcit der Tito-Rankovic-Clique” brandmarkte. Suslows Laufbahn als Leiter der kommunistischen Weltbewegung nahm taktisch in Budapest ihren Anfang.
Nach Stalins Tode am 5. März 1953 strebte Suslow keineswgs nach den Hauptwürden in Partei und Regierung. Er blieb — als Politbüro-Mitglied und ZK-Sekrctar — nach wie vor im Schatten. Anfangs unterstutzte er Parteisekretär Chruschtschew und Premierminister Malenkow. Aber schon 1957 entzog er Malenkow seine Gunst und stand Chruschtschew zur Seite, der damals das Amt des Generalsekretärs der Partei mit dem des Premiers in sich vereinigte.
Sieben Jahre lang duldete der sowjetische Chefideologe Chruschtschew und dessen oft ungeschickte Reformversuche. Doch als sich Chruschtschew in Fragen ideologischer Natur (also in Suslows Machtbereich) einzumischen begann, waren seine Tage gezählt. Chruschtschews Sturz wurde durch dessen Versuch, die KPdSU organisatorisch umzustrukturieren, beschleunigt.
Suslow gelang es ohne besondere Mühe, seine Politbüro-Kollegen gegen Chruschtschew zu stimmen und dessen Sturz effektiv vorzubereiten. Auf einer Plenarsitzung des Zentralkomitees im Oktober 1964 wurde Chruschtschew entmachtet und Leonid Breschnjew zum neuen Generalsekretär des ZK der KPdSU ernannt. Suslows Wahl fiel auf den Zentristen Breschnjew, da er an dessen Fügsamkeit keine Zweifel hegte.
Suslow spielte eine entscheidende Rolle bei sämtlichen aussenpolitischen Aktionen des Kremls — bei der blutigen Niederschlagung des ungarischen Aufstandes 1956, der Invasion der Tschechoslowakei 1968 und der antipolnischen Kampagne 1980-1981.
Westliche Kreml-Beobachter hatten im Zusammenhang mit Suslows Tode wohl auf seine Rolle als Chefideologen und seine Schlüsselposition im Entscheidungsprozess des Kremls hingewiesen, hatten aber nicht ahnen können, dass nur wenige Wochen nach Suslows Tod Breschnjews Machtstellung ins Wanken geraten könnte.
Laut jüngsten Meldungen westlicher Korrespondenten aus Moskau hat der Machtkampf im Kreml schon begonnen. Ohne Suslows schützende Hand ist Breschnjew unmittelbar in Gefahr geraten, bald in den Ruhestand entlassen zu werden. Davon zeugen die Verhaftungen des Zirkusartisten Boris Zwigow und des sowjetischen Zirkus-Chefs Anatolij Kolowatow. Es handelt sich hierbei um einen für Sowjetverhältnisse gigantischen Finanzskandal.
Bei einer Haussuchung wurden in der Wohnung des Zirkusartisten Brillanten und Banknoten in Westwährung in der Gesamthöhe von 1.2 Millionen Rubel (etwa 1.7 Mio. US-Dollar) vorgefunden. Von ausserordentlicher politischer Bedeutung ist hierbei der Umstand, dass Galina, die 51jährige Tochter Leonid Breschnjews, die mit dem Zigeuner Boris Zwigow “befreundet” war, im Zusammenhang mit dessen Verhaftung von der Polizei als Zeugin vernommen wurde. Breschnjews Tochter ist verheiratet.
Ihr gegenwärtiger Gatte Jurij Tschurbanow ist stellvertretender Minister für innere Angelegenheiten der UdSSR. Jüngst in New York City eingetroffene sowjetjüdische Emigranten aus Moskau bestätigen die westlichen Informationen über die Freundschaft zwischen der Breschnjew-Tochter und dem Zirkusartisten.
Diesen ehemaligen Moskauern zufolge sei es in der sowjetischen Hauptstadt ein offenes Geheimnis, dass Boris Zwigow nicht nur Hausfreund bei den Tschurbanows, sondern auch ein häufiger Gast bei Leonid Breschnjew und dessen Frau gewesen sei.
Hunderte von Moskauern haben vor einiger Zeit bei einem Theaterbesuch in einer der Ehrentagen die Gattin des sowjetischen Staats- und Parteichefs in Begleitung von Boris Zwigow erblickt. Das war natürlich eine Sensation ersten Ranges. Der Zirkusartist hat in Moskau zwei Spitznamen: “Boris der Zigeuner” und der “Millionär”. Dass der “Millionär” mit der Familie Breschnjew befreundet war, wusste nun die ganze Stadt.
Westliche Journalisten haben die Nachricht von der Verhaftung Zwigows und Kolowatows mit einer gewissen Verspätung erfahren. Aus gut informierten Moskauer Quellen geht hervor, dass obenerwähnte Haussuchung unmittelbar nach Suslows Tod vergenommen wurde.
Die Tatsache, dass die Breschnjew-Tochter von der Polizei zu einem Verhör vorgela den wurde, zeugt zweifellos von einer erheblichen Schwächung der Position des sowjetischen Präsidenten. Zu Suslows Lebzeiten hatte es niemand gewagt, die Breschnjew-Tochter zu einer Vernehmung vorzuladen. Der KGB wusste schon längst von Boris Zwigows extravaganter Lebensweise und seiner Freundschaft mit Galina, die kein Hehl aus ihrer Freundschaft machte.
Das bedeutet zweifellos, dass gewisse Mitglieder des Politbüros der Ansicht sind, dass eine Wende in der sowjetischen Machthierarchie durchaus möglich sei.
Auch die Entlassung General Konstantin Sotows, des Chefs der Moskauer Pass- und Visa-Behörde (OVIR), ist symptomatisch. Sowjetemigranten aus Moskau berichteten schon vor einigen Monaten, dass Auswanderungsvisen für 3000-4000 Rubel (3600-4500 US-Dollar) “gekauft” werden könnten. Wenn man dort die rechten Leute kenne, so liessen sich solche Geschäfte machen.
Warum wurden beide Operationen (Verhaftung von Kolowatow und Zwigow und Entlassung von Konstantin Sotow) fast gleichzeitig vorgenommen? Breschnjew hatte sich jahrelang für die Détente und die Auswanderung der Sowjetjuden — als Preis für die “Entspannungspolitik” — eingesetzt. Sotow stand bisher in hohem Ansehen. Der gleichzeitige Start der Offensive gegen den OVIR-Chef und der Zirkusaffäre ist eindeutig gegen Leonid Breschnjew gerichtet.
Bisher haben westliche Kremlinologen herumgerätselt, wer Breschnjews Nachfolger werden könnte. In diesem Zusammenhange wurden meist die Namen seiner engsten Freunde im Politbüro (Kirilenko und Tschernenko) genannt. Offensichtlich kommen diese Kandidaten — angesichts der jüngsten Ereignisse — kaum mehr in Frage. Eine neostalinistische Troika hätte eventuell grössere Aussichten auf Frfolg. Womögliche Anwärter wären KGB-Chef Andropow, Verteidigungsminister Ustinow und Grischin, der Moskauer Parteichef.
Es wird wohl nicht allzu lange dauern, bis die Welt von den Änderungen in der Machthierarchie des Kremls erfahren wird.
[Aufbau Mar. 26, 1982. p.2]
Feldzug gegen sowjetjüdische Gelehrte
Aberkennung akademischer Grade — Kampfmittel gegen auswanderungswillige Wissenschaftler
Während noch vor einigen Jahren westliche Journalisten zahlreiche ihrer Korrespondenzen dem Kampf der Sowjetjuden um ihr Auswanderungsrecht widmeten, wird heute das Schicksal von Zehntausenden “Refuseniks” von der westlichen Presse meist ignoriert. Die Auswanderung der Sowjetjuden wird von den amerikanischen und westeuropäischen Massenmedien als weniger “sensationell” betrachtet, als sie noch vor einem Jahrzehnt zu sein schien.
Obwohl es 1969-1981 etwa 260.000 Sowjetjuden gelungen ist, nach Israel oder Nordamerika auszuwandern, darf doch nie vergessen werden, dass es in der Sowjetunion offiziell keine Emigration gibt Die sowjetjüdische Massenauswanderung wurde vom Kreml als “Familienvereinigung” bezeichnet.
Jeder Sowjetjude, der sich um Gewährung eines Ausreisevisums bemüht, ist sich dessen bewusst, dass er ein ernstes Risiko auf sich nimmt. Unter missgünstigen, von ihm völlig unabhängigen Umständen können er und seine Familie zu Parias in der Sowjetgesellschaft werden. Er setzt sogar seine Freiheit und Sicherheit aufs Spiel. Es gibt Hunderte Refuseniks, die schon 8-10 Jahre lang eine qualvolle Marginalexistenz führen. Ihre ehemalige berufliche Tätigkeit ist ihnen (nach Auswanderungsverweigerung) versagt.
Ehemalige Physiker, Ärzte, Biologen und sonstige Akademiker werden meist nur als Heizer, Lastträger, Strassenfeger, Hilfsarbeiter u. dgl. angestellt. Wenn diese Unglücklichen länger als einen Monat erwerbslos sind, droht ihnen die Gefahr, als “Schmarotzer” aus ihrer Heimatstadt verbannt zu werden. Die Kinder der Refuseniks werden in der Schule oft erniedrigt und als Zionisten” verhöhnt.
Besonders schlimm ist die Situation der sowjetjudischen Gelehrten, denen die Auswanderung verweigert wird. 1969-1980 wurde die Auswanderungsverweigerung sowjetjüdischer Gelehrter meist damit begründet, dass die betreffenden Doktoren oder Akademiker “Staatsgeheimnisse” kannten. Somit wurde die Absage mit sicherheitspolitischen Gründen motiviert.
Obzwar nach Verlauf von drei bis fünf Jahren für diese “Ge heimnisse” im westlichen Ausland — sogar von sowjetischem Standpunkt aus — keinerlei Interesse mehr besteht, werden zahlreiche sowjetjüdische Gelehrte systematisch — unter Hinweis auf Kenntnis staatlicher “Geheimnisse” — an der Auswanderung verhindert.
Am 3. August 1972 unternahm der Kreml den Versuch, eine “akademische Steuer” einzuführen. Auf diesem Weg sollten mehrere Ziele gleichzeitig erreicht werden. Einerseits sollte der Auswanderungsstrom von Fachleuten aufgehalten werden; andererseits hoffte die Moskauer Führung, durch Einführung der akademischen Steuer auf westliche Finanzkreise Druck ausüben zu können. Es war ein Versuchsballon.
Vielleicht würden sich amerikanisch-jüdische Organisationen und individuelle Wohltäter bereit erklaren, ihre russischen Glaubensgenossen freizukaufen? Doch schon nach Verlauf von wenigen Monaten sahen sich die Sowjets genötigt, die akademische Steuer abzuschaffen; einflussreiche politische und akademische Kreise des Westens hatten energisch gegen diese Finanzwillkür protestiert. Es war die Blütezeit der Détente. Der Kreml hatte sich verrechnet und war bereit, nachzugeben.
Obgleich sich die Regierung Reagan schon bald anderthalb Jahre lang in antisowjetischer Rhetorik ergeht, lässt das Weisse Haus die flagrante Verletzung der Menschenrechte in der UdSSR (wie ja übrigens auch anderorts) faktisch ausser Acht. Die Folgen dieses Desinteresses liessen nicht lang auf sich warten: die Zahl der in Wien eintreffende sowjetjüdischen Emigranten sinkt von Monat zu Monat und liegt gegenwärtig unter 3OO im Monatsdurchschnitt.
Fast völlig unbekannt ist im Westen die Tatsache, dass in jüngster Zeit zahlreichen auswanderungswilligen sowjetjüdischen Akademikern ihr akademischer Grad (Doktor- oder Magisterwürde) entzogen worden ist. Nach Angaben des B’nai B’rith International lassen sich etwa 60 Fälle nachweisen, wo sowjetjüdische Gelehrte — kurz nach ihrem Auswanderungsantrag — ihrer akademischen Grad verlustig gegangen sind. Es handelt sich hierbei keineswegs um Dissidenten oder Aktivisten.
Offensichtlich beabsichtigen die Sowjets durch diese neue repressive Massnahme, andere Auswanderungswillige einzuschüchtern. Diese jüngste Entwicklung widerspricht nicht nur dem Geist von Helsinki, sondern sogar früheren sowjetischen Direktiven. So schrieb z. B.
die sowjetische Regierungszeitung “Iswestija” am 2 August 1975 (also vier Wochen vor Unterzeichnung des Helsinki-Manifests): “Der Antrag auf Familienvereinigung darf nicht zu Veränderungen der Rechte und Pflichten der Antragsteller oder deren Familienmitglieder führen”. Offenbar hat sich der Kreml in jüngster Zeit eines Besseren besonnen
Mehrere Gruppen sowjetjüdischer Mediziner, Biologen, Mathematiker, Physiker und anderer Gelehrter haben an israelische Forschungsinstitute und an die amerikanische National Academy of Sciences appelliert, die Weltöffentlichkeit über diese jüngsten Ereignisse in der UdSSR zu informieren. Einer dieser Briefe wurde von 12 hervorragenden und höchst angesehenen sowjetjüdischen Gelehrten unterzeichnet.
Aus den im Westen vorhandenen Berichten geht hervor, dass sich die sowjetischen Behörden (zwecks Rechtfertigung ihrer neuesten antisemitischen Massnahmen) auf Paragraph 104 des Statuts der AllunionsAttestations-Kommission (AAK), der höchsten Sowjetinstanz für Sanktionierung wissenschaftlicher Grade, berufen.
In genanntem Paragraphen heisst es, dass in Fällen, wo die Handlungen der betreffenden Akademiker in Widerspruch zu den Normen des Benehmens eines sowjetischen Gelehrten stehen, der wissenschaftliche Grad aberkannt werden kann. Das AAK-Statut existiert schon seit Jahrzehnten. Aber erst unlängst hat man (offensichtlich auf höchster Ebene) beschlossen, Paragraph 104 gegen Sowjetjuden in Anwendung zu bringen.
Es handelt sich hierbei nicht nur um einen Einschüchterungsversuch, sondern auch um ein allgemeines Symptom der Verschlimmerung der Sowjetjüdischen Situation.
Amerikanisch-jüdische Organisationen sind im Besitz eines Protokolls der Sitzung des Gelehrtenrats der geologischen Fakultät der Moskauer Universität. Auf dieser Sitzung wurde dem Geophysiker W. Melamed sein Magistertitel (nach 30jähriger wissenschaftlicher Tätigkeit) aberkannt. Prof Kalinin und andere Fakultätsmitglieder qualifizierten Dr. Melameds Wunsch, nach Israel auszuwandern, als “antipatriotische Aktion”, die eines Sowjetgelehrten unwürdig sei. Prof Kalinin sagte u.a.
Folgendes: “In unserem Land misst man einem wissenschaftlichen Grad grossere Bedeutung bei als in kapitalistischen Ländern. Melameds Verhalten ist antipatriotisch. Seine Absicht, in der gegenwärtigen internationalen Situation, die einem kalten Krieg nahekommt, auszuwandern, offenbart Antipatriotismus. Melamed hat eine Strafe verdient. Er ist unwürdig, seinen wissenschaftlichen Grad beizubehalten”. Bei der Stimmabgabe (am 20.
Januar 1982) sprachen sich 16 Personen für Aberkennung des wissenschaftlichen Grads im Fall Melamed aus; nur ein Fakultätsmitglied stimmte dagegen.
L.K.
[Aufbau Jul. 2, 1982. p.7]
Jurij Andropow — Breschnjews Nachfolger?
Am 26. März d.J. wurde im “Aufbau” Jurij Andropow, der damalige Chef des sowjetischen Sicherheitsdienstes (KGB) un ter den Anwärtern auf den Posten des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion an erster Stelle genannt. Hierbei wurde darauf hingewiesen, dass Andropows Aussichten, Breschnjews bald zu erwartende Nachfolge anzutreten, durch eine enge Zusammenarbeit mit dem UdSSR-Verteidigungsminister Ustinow gesteigert werden könnten.
Eine neue Troika, der Andropow, Ustinow und eventuell der Mos kauer Parteichef Grischin angehören wür den, scheint durchaus im Bereich des Möglichen zu hegen.
Mittlerweile sind Ereignisse eingetreten, die Andropows Position noch mehr festigen. Ende Mai tagte das Plenum des Zentralkomitees der KPdSU. Ausser einer Erörterung der katastrophal sinkenden Landwirtschafts produktion kam es auch zu mehreren wichtigen Personalveränderungen, die für die Sowjetunion selbst, sowie für deren Beziehungen mit dem Westen, von Bedeutung sein könnten
Andropow wurde zu einem der zehn Sekretäre des Zentralkomitees ernannt Unmittelbar danach wurde er von seiner Tätigkeit als KGB-Chef befreit. Sekretär des Zentralkomitees wurde ferner der 57jährige Wladimir Dolgich (ein wahrer “Jüngling” unter den Kreml-Greisen). Dolgich ist vorläufig Politbüro-Kandidat.
Von Interesse ist auch der Aufstieg des ukrainischen KGB-Chefs Witalij Fedortschuk. Der 63jährige Ukrainer blickt auf eine über vier Jahrzehnte lange Tätigkeit in verschiedenen verantwortlichen Ämtern der sowjetischen Geheimpolizei zurück. Es ist durchaus möglich, dass die Wahl auf Fedortschuk fiel, da er im Kreml über keine Machtposition verfügt. Somit wird sich der neue KGB-Chef am Kampf um Breschnews Nachfolge nicht beteiligen können.
Schon Anfang der fünfziger Jahre nahm Andropow seine Tätigkeit im Verwaltungs apparat des Zentralkomitees der Partei auf. Seit 1962 hat er hohe Ämter im Kreml bekleidet. 1962-1967 war Andropow Sekretär des Zentralkomitees. 1971 wurde er Politbüro-Kandidat. Seit 1973 ist Jurij Andropow vollberechtigtes Mitglied des sowjetischen Politbüros. Den Posten des KGB-Chefs nahm er seit 1967 ein.
Helmut Sonnenfeldt, der in der Kissinger-Ära mehrere Moskau-Reisen für das State Department unternahm und die Kreml-Herren persönlich kennt, hält auf Andropow grosse Stücke. Laut Sonnenfeldts Ansicht ist Andropow der begabteste unter den potentiellen Breschnjew-Nachfolgern. Jurij Andropow spricht englisch (was in den höchsten Parteikreisen selten ist); auch in aussenpolitischen Fragen kennt er sich aus. Westliche Diplomaten behaupten sogar, er habe Interesse für moderne Kunst und Literatur.
Die Annahme mancher amerikanischer Beobachter, dass sich Andropow früher oder später als liberaler entpuppen könnte, ist mit Vorsicht aufzunehmen. Schliesslich war Andropow 1956 Sowjetbotschafter in Budapest — zu einer Zeit, da bei Unterdrückung des Volksaufstandes durch Sowjettruppen etwa 25.000 Ungarn ums Leben kamen.
Andropow ist heute 67 Jahre alt. Er ist der Sohn eines nordkakausischen Eisenbahnar beiters. In seiner Jugend war er Telegrafist und Wolga-Schiffer. Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs absolvierte er die Hochschule. Während des Kriegs organisierte er den Widerstandskampf im Rücken des Feindes (in Finnland). Er war auch Politkommissar an der Front. Nach Kriegsende machte Andropow im Aussenministerium Karriere. In verhältnismässig kurzer Zeit wurde ihm der Botschaftertitel verliehen.
Obwohl Andropow im sowjetischen Aussenministerium (und Anfang der fünfziger Jahre im Apparat des ZK) zu Stalins Lebzeiten Aufnahme fand, fallen die entscheidenden Jahre seiner Parteilaufbahn in die Breschnjew-Zeit. Er ist jedenfalls nicht die Kreatur Stalins, wie es bei dem unlängst verschiedenen Partei-Ideologen Michail Suslow der Fall war.
Soweit es sich beurteilen lasst, ist Andropow kein Fanatiker, sondern ein Pragmatiker. Die Tatsache, dass er von seiner KGB Tätigkeit dispensiert worden ist, erhöht seine Chancen, in Breschnjews Fusstapfen zu treten. In der UdSSR ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass der Chef der Geheimpolizei nicht Generalsekretär der KPdSU werden kann.
Viele westliche Kremlinologen waren — angesichts der jüngsten Beschlüsse des Zentralkomitees — höchst verwundert. Die meisten westlichen Beobachter hielten es bisher für so gut wie ausgemacht, dass Konstantin Tschernenko, Breschnjews Intimus, dessen Nachfolger werden würde. Natürlich lässt sich die künftige Machtkonstellation im Kreml nur ahnen. Zurzeit kann nichts als sicher gelten.
Dennoch ist der Umstand, dass Tschernenko Breschnjews Favorit ist, noch kein ausreichender Grund dafür, dass — nach Ausscheiden des heutigen Sowjetpräsidenten die Politbüro- und ZK-Mitglieder den Breschnjew-Günstling zu ihrem Generalsekretär wählen werden. Gerade das Gegenteil wäre durchaus denkbar. Der heute 70jährige Tschernenko hat dank Breschnjew in den letzten fünf Jahren eine blitzartige Karriere gemacht. Er ist voll und ganz auf die schützende Hand Breschnjews angewiesen.
Nicht einmal Lenins politisches Testament wurde nach dessen Tod eingehalten. Bekanntlich hatte Lenin vor Stalins Charakter eigenschaften gewarnt; der Kreml hörte aber damals nicht auf Lenins Empfehlungen. Warum sollten die heutigen Kremlherren ihren toten Führern grössere Ehrfurcht erweisen als vor fast 60 Jahren?
L.K.
[Aufbau, Jul. 9, 1982. p.5]
Wohnungsnot in der Sowjetunion
In der westlichen Presse wird häufig über Mangelwaren und die schwierige Lebensmittelsituation in der UdSSR berichtet. Korrespondenten amerikanischer oder westeuropäischer Blätter können sich leicht davon überzeugen, wie es um die Nahrungsmittelbeschaffung in Moskau, Leningrad und anderen sowjetischen Grosstädten bestellt ist (in einer Reihe von Provinzstädten der UdSSR sind zurzeit Lebensmittel rationiert).
Auch die zunehmenden Schwierigkeiten bei der Versorgung der Sowjetbevölkerung mit anderen Bedarfsartikeln sind weitbekannt.
Nur selten jedoch berichten westliche Korrespondenten über die in der Sowjetunion bis auf den heutigen Tag bestehende Wohnungsnot. Dieser Informationsmangel ist durchaus verständlich. Westliche Journalisten stehen nur selten in direktem Kontakt mit dem sowjetischen Durchschnittsbürger. Bestenfalls gelingt es Ausländern, das Heim sowietischer Regimekritiker oder auswanderungswilliger Intellektueller zu betreten.
Hierbei darf nicht übersehen werden, dass die meisten Dissidenten — ihrer sozialen Abstammung nach — zu einer zahlenmässig geringen privilegierten Gesellschaftsschicht der Sowjetunion gehören. Westliche Korrespondenten oder Touristen pflegen jedoch keine Kontakte mit Sowjetischen Arbeitern oder kleinen Angestellten, also dem Grossteil der Bevölkerung. Sowjetische Filme gewähren keinen wahrheitsgetreuen Einblick in die Wohn- und Lebensverhältnisse des Durchschnittsbürgers.
Seit der Oktoberrevolution 1917 gehorte die Wohnungsfrage zu den akutesten Problemen der Stadtbewohner des Landes. Erst in den letzten 25 Jahren hat sich die Wohnungssituation in der UdSSR ein wenig verbessert. Bis 1956 wurde der Wohnungsbau fast völlig vernachlässigt. Die alten, noch aus der Zarenzeit stammenden Wohnhäuser waren in Verfall geraten. Der den Sowjetbürgern zur Verfügung stehende “Lebensraum” war — vom westlichen Standpunkt aus — völlig unbefriedigend.
Die Situation wurde durch den Zustrom von Millionen Dorfbewohnern, die entweder zu ihren städtischen Verwandten zogen oder in Industriebetrieben Arbeit fanden, bedeutend verschlimmert. Etwa bis 1960 hauste der überwiegende Teil der Moskauer Stadtbevölkerung in sog. “Kommunal-Wohnungen” (eine derartige Wohnung beherbergt mehrere Familien, wobei Küche, Abort und Badezimmer gemeinsam benutzt werden müssen). Noch heutzutage haben bei langem nicht alle Moskauer Einzelwohnungen.
20-25% der Bewohner der sowjetischen Hauptstadt leben nach wie vor in “Kommunal-Wohnungen”.
In einer sowjetischen “Privatwohnung”, die meist aus zwei “Wohnschlafzimmern” (nebst Küche, Badezimmer und Abstellkammer) besteht, leben in der Regel zwei oder drei Generationen (in einem Zimmer die Grosseltern, im anderen deren erwachsene Kinder mitsamt ihren Sprösslingen).
Erst Nikita Chruschtschew hielt es für nötig, Wohnbau grösseren Ausmasses zu betreiben. Ende der fünfziger Jahre entstanden die ersten Wohnungsbaugenossenschaften. Heute gibt es in den sowjetischen Grossstädten verhältnismässig viele Kooperativ-Wohnungen. Die Miete für solche Wohnungen ist recht hoch (etwa 60 Rubel bei einem Monatsgehalt von 250 Rubel). Um aber eine Kooperativ-Wohnung zu beziehen, muss man nicht nur gut verdienen, sondern auch Mitglied einer Wohnungsbaugenossenschaft sein.
Voraussetzung hierfür sind entweder einflussreiche Bekanntschaften (meist aus hohen Parteikreisen) oder besondere Verdienste auf dem Gebiet der Wissenschaft, Kunst, des Sports u.a.m. Wer nicht zur “neuen Klasse” gehört, kann sein Ziel lediglich durch Bestechungen erreichen.
Somit kommt für einen sowjetischen Durchschnittsbürger (einen Arbeiter oder kleinen Angestellten) eine Kooperativ-Wohnung wohl kaum in Frage. Er hat weder das Geld für die hohe Miete noch die erforderlichen Bekanntschaften für Aufnahme in die Wohnungsgenossenschaft.
Um eine staatliche Einzelwohnung beziehen zu dürfen, muss sich Iwanow oder Petrow an den Bezirkssowjet wenden. Falls der Antragsteller zu beweisen vermag, dass pro Person weniger als sechs Quadratmeter entfallen, ist er wohnungsberechtigt. Faktisch bedeutet das aber nur, dass er meist jahrelang warten muss, bis er endlich an die Reihe kommt. In Staatswohnungen ist die Miete niedrig (etwa drei Prozent des Monatsgehalts).
Bis auf den heutigen Tag hat es das Sowjetregime nicht vermocht, die Wohnungstrage befriedigend zu lösen. Oft sind geschiedene Leute genötigt, jahrelang — trotz ihrer Zerwürfnisse — in der selben Wohnung zu leben, weil es für sie einfach keine andere Wohnstätte gibt.
Um solchen Situationen Abhilfe zu leisten, existieren in sowjetischen Grosstädten Wohnungstausch-Büros. Wenn man aber sogar einen passenden Tauschpartner findet, ist eine offizielle Genehmigung seitens städtischer Behörden erforderlich. Der bürokratische Widerstand der offiziellen Instanzen gegen womögliche formelle Unzulänglichkeiten des geplanten Tausches (unterschiedliche Grösse der Wohnungen u. dgl.) lässt sich in den meisten Fällen durch Schmiergelder überwinden.
Natürlich sind auch für die Genehmigung eines Wohnungstausches einflussreiche Bekanntschaften von Nutzen.
L.K.
[Aufbau. Jul. 16, 1982. p.5]
Der Kreml mistraut Sowjet-Mohammedanern
In einer Rede vor dem 22. Parteikongress der Turkmenischen Sowjet-Republik erklärte M. Gapurow, Erster Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei dieser asiatischen Sowjet-Republik, dass “sich die imperialistische Propaganda die grosste Mühe gibt, die moralisch-politischen Grundlagen der sowjetischen Gesellschaft zu erschüttern und einen religiös-nationalen Fanatismus zu entfachen”. “Unsere Feinde,” sagte Gapurow, “setzen jetzt ihre Hoffnung auf die Intensivierung ideologischer Spaltungen.
Besondere Aufmerksamkeit widmet die imperialistische Propaganda unseren mittel-asiatischen Republiken, wo sie die mohammedanischen Gläubigen gegen die Sowjetmacht aufzuhetzen sucht”.
Die Zeitung “Komsomolez Turkmenistana” (“Der turkmenische Jungkommunist”) führte unlängst mehrere Beispiele für westliche “ideologische Zersetzungspropaganda” an. Sie berichtet in diesem Zusammenhang, dass im Sakar-Tschginsk-Bezirk der Republik “illegal agierenden Predigern des Islams das Handwerk gelegt wurde”. Ferner wird auf “die schädliche Wirkung” der Tätigkeit des 24jährigen Jungkommunisten Sch. hingewiesen. Ihm wird vorgeworfen, islamische Liedertexte verbreitet zu haben.
Ähnliche Vorfälle seien — laut Meldung des turkmenischen Blattes — in Bairam-Ali und anderen Gegenden Turkmeniens beobachtet worden. Das Blatt behauptet, dass auf zahlreichen Lehrer- und Jungkommunisten-Versammlungen “die gefährlichen Aktivitäten solcher hinterhaltiger Scheiche” lahmgelegt worden seien.
Die Zeitung verzichtet natürlich darauf, den Text der beanstandeten islamischen Lieder zu veröffentlichen Es handle sich, so wird versichert, um “schamlose Propaganda, die sich eines religiösen Deckmantels bedient”. “Unsere Klassenfeind,” heisst es weiter, “bemühen sich, den Glauben an unsere kommunistischen Ideale zu untergraben. Dabei versuchen sie, unsere Schwierigkeiten und temporären Mangel auszunutzen”.
Die Zeitung der turkmenischen Jungkommunisten halt es für falsch und gefährlich, die “Tätigkeit der gegnerischen Ideologie auf die leichte Schulter zu nehmen”. Man müsse sich der potentiellen Wirkung der feindlichen, religiös gefärbten Propaganda auf “unreife Elemente, insbesondere auf Jugendliche” bewusst sein.
Unlängst erschien im Moskauer Verlag “Snanije” (“Wissen”) eine “Kritik der Verfälschung islamischer Grundsätze und der Lage der Mohammedaner in der UdSSR” betitelte Broschüre. N. Aschirow und H. Ismailow, die Verfasser dieser Propagandaschrift, erklären im Vorwort, das Ziel der Publikation bestehe darin, “die im Westen verbreiteten Lugen über die Lage der Mohammedaner in der Sowjetunion endgültig zu widerlegen”.
Den Verfassern der Broschüre zufolge werden im Westen besonders “boshafte Lügen und Gerüchte” bezüglich der Ereignisse in Afghanistan in Umlauf gesetzt. Demgegenüber versucht die Broschüre den Leser davon zu überzeugen, dass es in der Sowjetrepublik völlige religiöse Freiheit gebe. “Mohammedanern wird die gleiche Religionsfreiheit gewahrt wie allen anderen Sowjetbürgern. Niemand wird in unserem Land seines Glaubens wegen verfolgt”, heisst es in dieser kürzlich veröffentlichten Schritt
Die Autoren versuchen, die “Falschmeldungen der antisowjetischen Presseorgane” zu entlarven. In diesem Zusammenhang wenden sie sich gegen die Behauptung der pakistanischen Zeitung “Dshang”, der zufolge der Koran in der Sowjetunion nicht erhältlich sei. Aschirow und Ismailow weisen darauf hin, dass es im Lauf der letzten 25 Jahre sechs Ausgaben des Korans in der UdSSR gegeben habe.
Die Verfasser verschweigen jedoch, dass die Gesamtzahl der in der UdSSR herausgegebenen Exemplare des Korans verschwindend klein war. Das gleiche gilt für die Publikation der Bibel (des Alten und des Neuen Testaments) in der Sowjetunion.
In Moskau ist es möglich, auf dem Schwarzmarkt eine aus dem westlichen Ausland eingeschmuggelte Bibel für etwa 100 Rubel (125 Dollar) zu kaufen; wer aber bei einer solchen Transaktion von der Polizei ertappt wird, kann sich die grössten Unannehmlichkeiten zuziehen (zuweilen kommt es sogar zu Verhaftung und Freiheitsentzug). Sowohl die Bibel als auch der Koran stehen den offiziell sanktionierten christlichen, mosaischen und islamischen geistlichen Würdeträgern zur Verfügung.
Im offiziellen Buchhandel sind aber weder Bibel noch Koran oder Gebetbucher jeglicher Konfession erhältlich.
In der Sowjetunion gibt es 50-60 Millionen Mohammedaner. Bei einer Gesamtbevölkerung von 260 Millionen sind das etwa 20 Prozent. Die Verfasser der Streitschrift unternehmen den wenig glücklichen Versuch, diese unumstössliche Tatsache in Abrede zu stellen. So heisst es in der erwähnten Broschüre: “Unsere Feinde übertreiben die Zahl der mohammedanischen Bevölkerung in der UdSSR. Die faktische Zahl der in der UdSSR lebenden Mohammedaner ist um etwa 10 Millionen niedriger, als im Ausland behauptet wird”.
Somit geben die Sowjets zu, dass es in der UdSSR mindestens 40-50 Millionen gläubige Mohammedaner gibt. Nach 60jähriger atheistischer Propaganda ist das eine dem Kreml wenig schmeichelhafte Statistik.
Die Publikation der dem Islam gewidmeten Schritt beleuchtet die schweren Befürchtungen der sowjetischen Ideologen angesichts der Ereignisse in Afghanistan und im Iran. So heisst es unter anderem in der Broschüre: “Sobald sich unseren Feinden die Gelegenheit bietet, benutzen sie die Ereignisse in Afghanistan und im Iran dazu, um den in der UdSSR real existierenden Sozialismus zu verleumden und religiös-nationalistische Hassgefühle gewisser Kreise der Sowjetbevölkerung zu schüren.
Die Ideologen des Imperialismus und die dunklen Kräfte der Reaktion rechnen mit der Möglichkeit, unter den Mohammedanern der UdSSR Zwietracht und Hass zu säen”.
Die sowjetische Propaganda zeigt, in welchem Mass die UdSSR-Ideologen die Einwirkung des Islams auf die Mohammedaner in ihren Grenzen fürchten. L.K.
[Aufbau, Jul. 23, 1982. p.6]
Sowjetjüdische Auswanderungsprobleme
Obwohl sich die sowjetjüdische Situation standig verdüstert, da sich der staatlich geförderte, als ‘Antizionismus” verbrämte Antisemitismus in jüngster Zeit noch mehr verschärft hat und die Zahl der den Sowjetjuden gewährten Auswanderungsvisen auf ein Mindestmass beschränkt wurde (etwa 280 im Monatsdurchschnitt), lassen sich gewisse Anzeichen beobachten, die ein bescheidenes Interesse des Kremls an einem intensiveren “Judenhandel” verraten.
Allein die Tatsache, dass die Sowjets die jüdische Auswanderung nicht gänzlich gestoppt haben, zeugt davon, dass unter günstigen Bedingungen (vor allem im Fall einer Verbesserung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen) eine neue Massenauswanderung durchaus möglich ist. Seit Beginn der siebziger Jahre war es klar, dass sich der Kreml auf das Auswanderungsexperiment nur darum eingelassen hat, weil er hierdurch politische und wirtschaftliche Vorteile zu erlangen hoffte.
Auch die Solidarität einflussreicher westlicher Kreise mit den Sowjetjuden war ein wesentlicher Faktor, der den Entscheidungsprozess im Kreml beeinflusste.
Zurzeit gibt es für die Sowjets keinen Ansporn, die Auswanderung zu erweitern. Die Regierung Reagan hat keine einzige nennenswerte Aktion gestartet, die den Zehntausenden auswanderungswilligen Juden zugute kommen konnte. Ungeachtet der individuellen Haltung zur Frage der Zweckmässigkeit einer amerikanisch-sowjetischen Détente, lässt sich kaum daran zweifeln, dass den Juden in der UdSSR nur im Fall einer west-ostlichen Entspannung geholfen werden kann.
Erfolgreiche Verhandlungen über die Einschränkung strategischer Rüstungen, die ja am 29. Juni d.J. aufgenommen worden sind, sowie eine allgemeine Milderung des internationale Klimas könnten die Aussichten einer Intensivierung der Auswanderungsbewegung verbessern.
Gegenwärtig offenbaren sowohl die westlichen Massenmedien als auch bekannte Persönlichkeiten, des öffentlichen Lebens in Amerika, England. Frankreich und in anderen Ländern der freien Welt nur geringes Interesse für das Schicksal der mindestens 2,5 Millionen Sowjetjuden. Noch vor einigen Jahren setzten sich namhafte Wissenschaftler, Schriftsteller, Schauspieler u.a. für ihre sowjetischen Kollegen ein, denen die Auswanderung verweigert worden war.
Eine anerkennenswerte Ausnahme bildet die Initiative hervorragender amerikanischer Musiker und Schauspieler zugunsten des bekannten sowjetjüdischen Pianisten Wladimir Felzman, dem die Auswanderung nach Israel schon längere Zeit verweigert wird. Im New Yorker Lincoln Center fand am 14. Juni d.J ein Konzert zu Ehren Felzmans statt. Ehrenvorsitzende des Organisationsausschusses der Veranstaltung waren solch prominente Musiker und Schauspieler wie Yehudi Menuhin, Zubin Mehta, Helen Hayes und Dudley Moore.
Am Konzert nahmen der Pianist Mischa Dichter, die Schauspielerin Helen Hayes, die Ballettanzer Gelsey Kirkland, Marianna Tscherkassky u.a. teil. Man kann nur hoffen, dass diese Initiative der Musiker, Tänzer und Schauspieler ihr Ziel nicht verfehlen wird.
Von Interesse ist auch die Tatsache, dass der Frau und dem Sohn des hervorragenden Schachgrossmeisters Viktor Kortschnoi die Ausreiseerlaubnis offiziellerseits versprochen worden ist. Bella Kortschnoi teilte kurzlich westlichen Korrespondenten mit, ihr sei in der Leningrader Pass- und Visenbehörde erklärt worden, dass ihrer und Igors Auswanderung nichts mehr im Weg stehe. Igor Kortschnoi ist unlängst aus der Haft entlassen worden (er war wegen Militärdienstverweigerung zu Gefängnis verurteilt worden).
Bekanntlich ersuchte Viktor Kortschnoi vor mehreren Jahren um politisches Asyl in den Niederlanden. Zweimal war im Finale der Schachweltmeisterschaft der sowjetische Grossmeister Anatoij Karpow Kortschnois Gegner. Die Sowjetpresse betrieb vor dem vorjährigen Weltmeisterschafts-Endspiel eine besonders erbitterte Hetzkampagne gegen den Nichtheimkehrer. Die Sowjetbehörden weigerten sich hartnäckig, Kortschnois Frau und Sohn emigrieren zu lassen.
Wenn schon legale Auswanderer von den Sowjets als “Verräter des Heimatlands” bezeichnet werden, gilt der Nichtheimkehrer Kortschnoi als Erzfeind der Sowjetmacht. Der positive Bescheid, der Bella Kortschnoi seitens der Visenbehörde erteilt wurde, lässt sich wohl damit erklären, dass der Internationale Schach verband (und insbesondere dessen Vorsitzender, Grossmeister Olafson) massiven Druck auf die Sowjets ausgeübt haben.
Falls es zu einer Familienzusammenführung der Kortschnois kommt, ist es ein erneuter Beweis für die Bedeutung der moralisch-politischen Unterstützung sowjetischer “Refuseniks” durch die Weltöffentlichkeit.
Am 10. Mai d.J. hielten die Repräsentanten einer Gruppe sogenannter “getrennter Familien” in Moskau — in Anwesenheit westlicher Korrespondenten — eine Pressekonferenz ab. Es handelt sich um sowjetische Bürger, deren Eheleute Ausländer sind. Diesen sowjetischen Frauen und Männern wird die Ausreise und Familienzusammenführung schon jahrelang verweigert. Der Pressekonferenz konnten Tatjana Losansky und I. Kiblitzky nicht beiwohnen, da sie unter Hausarrest standen.
Tatjana Losanskys Fall ist von besonderem Interesse. Tatjana ist Russin, ist aber mit dem jüdischen Physiker Eduard Losansksy verheiratet. Tatjanas Vater ist General Jerschow. Ihm obliegt nicht mehr und nicht weniger als der Luftschutz der sowjetischen Hauptstadt. Der General weigerte sich kategorisch, seiner Tochter die in der UdSSR obligatorische Ausreisebewilligung der Eltern zu erteilen. General Jerschow schlug seinem Schwiegersohn vor, sich von Tatjana scheiden zu lassen.
Man würde ihn dann auswandern lassen. In der Moskauer Pass- und Visenbehörde wurde Eduard Losansky versprochen, dass Tatjana und ihre 11jährige Tochter früher oder später die Möglichkeit haben würden, sich ihm im Ausland anzuschliessen.
Da aber der General, der um seine Berufskarriere besorgt war, gegen die Ausreise seiner Tochter Einspruch erhob, wurden sämtliche Gesuche der jungen Frau abschlägig beantwortet. Tatjana Losansky und mehrere andere durch die Staatswillkür getrennte Ehegatten traten in Hungerstreik. Am 32. Tag des Hungerstreiks erklärte General Jerschow, dass er seinen Einspruch gegen Tatjanas Ausreise widerrufen und die Visenbehörde von seinem Entschluss in Kenntnis gesetzt habe.
Im Fall Tatjana Losansky ist es durchaus möglich, dass nicht nur die Befürchtungen des Generals um das Leben der Tochter, sondern auch der Wunsch des sowjetischen Sicherheitsdienstes, einen todlichen Ausgang zu vermeiden, von entscheidender Bedeutung gewesen sind. Die Moskauer Pass- und Visenbehörde hat Tatjana schon offiziell benachrichtigt, dass ihr und ihrer Tochter Ausreisevisen gewährt werden würden.
Hoffentlich kommt es bald zu einer Familienzusammenführung in Rochester (New York), wo Eduard Losansky an der Universität tätig ist.
In diesem Zusammenhang ist auch folgender Vorfall von Interesse. Aus Moskau wird gemeldet, dass die Polizei am 8. Mai d.J. in der Wohnung von Matwej Finkel erschien. Finkels gesetzliche Gattin, die amerikanische Bürgerin Susan Graham, weilte gerade zu Besuch. Die Polizisten forderten, dass Susan Graham im Lauf von zehn Minuten die nötigen Vorbereitungen treffe, die UdSSR zu verlassen. Mrs. Graham wurde von der Polizei zum Flughafen befördert, wo sie fast unverzuglich nach Frankfurt a/M.
abtransportiert wurde. Auch der Fall Finkel ist symptomatisch. Der sowjetische Sicherheitsdienst wusste genau, dass Matwej Finkel und seine amerikanische Frau keine einflussreichen Fürsprecher haben.
Die Welt schweigt angesichts dieser Verletzungen elementarer Menschenrechte. Gerade deshalb konnte die für das Jahresende anberaumte Weltkonferenz für das Auswanderungsrecht der Sowjetjuden (die sogenannte “dritte Brüsseler Konferenz”) von grosser Bedeutung sein. Nicht weniger wichtig ist es aber, die Regierung Reagan von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich aktiv für Tausende Refuseniks und andere auswanderungswillige Sowjetjuden einzusetzen.
Nur die grossen amerikanisch-jüdischen Organisationen, deren Interessen das Weisse Haus meist berücksichtigt, konnten hierbei Erfolg haben.
L.K.
[Aufbau Aug. 6, 1982. p.13]
Zur Lage der Minderheiten in Rumänien
Vor mehreren Jahren haben Ungarn und Rumänien ein Abkommen über die Förderung der Kontakte zwischen den Bürgern dieser “sozialistischen” Länder unterzeichnet. Einem Uneingeweihten kann der Abschluss eines derartigen Vertrags unnötig und gar merkwürdig erscheinen. Es handelt sich ja um Länder, die zu dem gleichen politischen und ideologischen Lager gehören. Deshalb liesse sich annehmen, dass den Kontakten zwischen den Bürgern Ungarns und Rumäniens nichts im Weg stehen konnte. Dem ist aber nicht so.
Im Lauf der drei letzten Jahrzehnte liess das Verhalten Bukarests zu den in Rumänien lebenden nationalen Minderheiten, insbesondere zu den Ungarn, viel zu wünschen übrig. In Rumänien gibt es gegen 1,6 Millionen Ungarn. Die meisten von ihnen leben in dem im Nordosten des Landes gelegenen und an Ungarn grenzenden Transsilvanien.
Dieses Territorium war schon immer ein Zankapfel zwischen Ungarn und Rumänien. 1940 wurde Transsilvanien — auf Hitlers Anordnung — Ungarn zugesprochen. 1945 entschied sich der Kreml, der die kurz vor Kriegsende an die Macht gelangte rumänische Regierung unterstutzte, für die Rückgabe Transsilvaniens an Bukarest. Die westlichen Alliierten unterstützten die Angliederung des strittigen Territoriums an Rumänien.
Hierdurch erfüllten sie ein Versprechen, das sie Bukarest noch während des Kriegs — im Fall von Rumäniens Bruch mit Nazi-Deutschland — gegeben hatten.
In den vergangenen 36 Jahren hat die ungarische Minderheit in Rumänien oft über Diskriminierung durch die Behörden geklagt. Diese Unzufriedenheit fand ihren Niederschlag im benachbarten Ungarn. Ungarn war und ist solidarisch mit seinen Landsleuten in Transsilvanien. Obwohl die ungarische Regierung — aus diplomatischer Rücksicht auf die Herrn im Kreml — vorsichtig handeln muss, nehmen sich zahlreiche Ungarn kein Blatt vor den Mund.
Die Spannungen zwischen den beiden Nachbarländern werden auch dadurch verschärft, dass die rumänischen Behörden ihren ungarischen Mitbürgern — bei der Gewährung von Ausreisevisen (zwecks Familienzusammenführung und längerem Aufenthalt in Ungarn) — immer neue Hindernisse in den Weg legen.
Anfang der siebziger Jahre richtete Budapest in diesem Zusammenhang mehrere wohlbedachte und durchaus zurückhaltende diplomatische Noten an die rumänische Regierung.
Nach Unterzeichnung des Helsinki-Manifestes im Herbst 1975 scheute Budapest vor energischeren Massnahmen nicht mehr zurück. Die Verletzung der elementaren Menschenrechte (darunter des Auswanderungsrechts) durch das Ceausescu-Regime schafft immer neue Spannungen zwischen den beiden sozialistischen Nachbarländern.
Bekanntlich hat Washington Rumänien das Meistbegünstigungsrecht (auf dem Gebiet des Handels und der Tarife) eingeräumt. Die Wahrung dieses Status wurde von der Bukarester Politik auf dem Gebiet der Familienzusammenführung in direkten Zusammenhang gebracht.
In Rumänien leben 600.000 Deutsche. Die meisten von ihnen sind bestrebt, in die Bundesrepublik Deutschland auszuwandern. Präsident Nicolae Ceausescu hat sich in Fragen der Repatriierung der in Rumänien lebenden Deutschen als besonders empfindlich erwiesen.
“Familienzusammenführung lässt sich umgekehrt auch dann ermöglichen, wenn die Verwandten nach Rumänien übersiedeln”, erklärte Ceausescu. “Sämtliche nationalen Minderheiten unseres Landes”, fuhr er fort, “sind mit unserer Geschichte verbunden. Insbesondere bezieht sich das auf die deutsche Minderheit, die acht Jahrhunderte lang die Geschicke unseres Landes teilte. Sie ist in der rumänischen Heimat aufs tiefste verwurzelt. Ihr Platz ist hier, in unserem Land.
Allem Anschein nach handelt es sich nicht nur um rumänischen Nationalismus. Die nationalen Minoritäten (Ungarn, Deutsche und Juden) bilden etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerungszahl. Unter den Auswanderungswilligen gibt es zahlreiche Fachleute und geschulte Arbeiter. Deren Verlust wurde sich auf die Volkswirtschaft — insbesondere auf die Industrie — negativ auswirken.
In jüngster Zeit wurden den nationalen Minderheiten Rumäniens bessere Wohn- und Arbeitsverhältnisse in Aussicht gestellt. Auch das mit Budapest abgeschlossene Abkommen über die Förderung der Kontakte der Bevölkerung beider Länder ist darauf gerichtet, bestehende Spannungen abzubauen. Der Vertrag sieht die Erleichterung von Verwandtenbesuchen sowie die Intensivierung des Touristenaustausches vor.
Dessenungeachtet häufen sich Berichte, denen zufolge es in Rumänien bei Gewährung von Ausreisevisen zu immer neuen Schwierigkeiten kommt. Ungarischerseits gibt es keine Komplikationen. Seit dem 1. Januar 1982 darf jeder Ungar einmal im Jahr eine Auslandsreise unternehmen (ost- oder westwärts — je nach Belieben).
Was die Auswanderung der rumänischen Juden nach Israel oder Amerika anbetrifft, so gibt es selbstverständlich keine freie Emigration. In einzelnen Fällen müssen rumänische Juden jahrelang um ihr Auswanderungsrecht kämpfen. Doch jedesmal, wenn der Meistbegünstigungsstatus Rumäniens der erneuten Sanktionierung durch den US-Kongress bedarf, kommt es zu einer Beschleunigung der Gewährung von Auswanderungspapieren. Auch Bukarest ist sich der finanziellen Vorteile des Judenhandels bewusst.
L.K.
[Aufbau Aug. 13, 1982. p.5]
Ein neues GULAG-Handbuch
Avraham Shifrin: “The First Guidebook to Prisons and Concentration-Camps of the Soviet Union” (Translated front the Russian). Bantam Books, New York. 391 Seiten. $7,95.
Avraham Shifrin, Verfasser des unlängst veröffentlichten GULAG-Handbuchs “The First Guidebook to Prisons and Concentration-Camps of the Soviet Union”, wurde 1953 wegen angeblicher “antisowjetischer Tätigkeit” zum Tod verurteilt. Die Todesstrafe wurde in eine 25jährige Freiheitsstrafe umgewandelt. Nach zehnjähriger Lagerhaft und vierjähriger Verbannung wurde Shifrin schliesslich auf freien Fuss gesetzt.
1970 durfte er nach Israel auswandern, wo er ein Forschungszentrum für sowjetische Strafanstalten und sogenannte “psychiatrische Heilstätten” gründete. Das vom Bantam-Verlag kürzlich herausgebrachte Buch ist das Ergebnis langjähriger Studien. Shifrin hat in seinem Handbuch nicht nur seine eigenen GULAG-Erfahrungen verwertet, sondern sich auch der Informationen von Hunderten ehemaliger Insassen sowjetischer Arbeitslager und Gefängnisse bedient, die von ihm und seinen Mitarbeitern interviewt worden waren.
Dem Verfasser ist es sogar auf Umwegen gelungen, Photos und konkrete Informationen aus der UdSSR zu erhalten.
Shifrin setzt das Werk von Alexander Solschenitzyn fort, dessen “GULAG-Archipelag” die Zeitspanne 1918-1956 umfasst. Shifrins Buch ist ein nüchterner (und gerade deshalb so erschütternder) Tatsachenbericht, der die Gegenwartssituation im GULAG-Reich präzise darlegt.
Das Buch enthält exakte Angaben über 1976 sowjetische Arbeitslager, 273 Gefängnisse und 85 “psychiatrische Heilstätten”. Die Anordnung des Materials entspricht der administrativen Einteilung der Sowjetunion in 15 Sowjetrepubliken. Der Leser findet in Shifrins Dokumentarbericht die genauen Anschriften der sowjetischen Strafanstalten. Besondere Kapitel sind den Kinder- und Frauengefängnissen, den psychiatrischen Strafanstalten und den heutigen Vernichtungslagern gewidmet.
Obwohl die Sowjets es abstreiten, gibt es in der UdSSR 119 Sondergefängnisse für Kinder und Frauen. Die Zustände in diesen Strafanstalten sind völlig menschenunwürdig. Zuweilen führt das zu Aufständen und Fluchtversuchen der an den Rand der Verzweiflung getriebenen Kinder. Wer an der Existenz von Kindergefängnissen in der UdSSR zweifelt, wird durch authentisches Photomaterial eines Besseren belehrt.
In den psychiatrischen Strafanstalten werden Andersdenkende und Regimekritiker zeitlich unbegrenzten qualvollen chemikalischen Prozeduren ausgesetzt, die über kurz oder lang die Inhaftierten völlig dehumanisieren.
Shifrins exakte Angaben entkräften die in manchen westlichen intellektuellen Kreisen verbreitete Ansicht, dass es sowjetische Vernichtungslager nur zu Lebzeiten Stalins gegeben habe. Shifrin beweist in seinem Buch, dass es heute in der UdSSR mindestens 41 Vernichtungslager gibt, in denen die Sträflinge entweder in Uran-Anreicherungsanlagen oder bei der Gewinnung von Uranerz beschäftigt sind. Die Tage dieser Unglücklichen sind gezählt.
Während Stalin Millionen Häftlinge erschiessen liess oder sie im Arbeitslager erfroren oder verhungerten, kommen im Breschnjew-Reich Tausende durch Bestrahlungsschäden um.
Das GULAG-Handbuch enthält 170 Karten und zahlreiche Photos. Für alle, die das wahre Antlitz des totalitären Russland zu erkennen suchen, ist Avraham Shifrins Dokumentarbericht eine unentbehrliche Informationsquelle.
L.K.
[Aufbau Aug. 27, 1982. p.13]
