Ruhm und früher Tod des sowjetischen Balladensängers Visotsky
Pavel Leonidov: “Vladimir Visotsky i drugije” (Vladimir Visotsky and the Others). Russischer Originaltext. New York Russian Publishing Co. New York. 253 Seiten. $17,50.
Mitte der sechziger Jahre gelangte der Lieder- und Balladensänger Vladimir Visotsky in der UdSSR zu enormer Popularität. Seine in Freundeskreisen auf Tonband aufgenommenen Lieder waren und sind fast jedem Sowjetbürger (und in nicht minderem Mass russischen Auswanderern) vertraut. Darunter gab es satirische Lieder, die dem sowjetischen Alltag gewidmet sind. Visotsky verfasste auch Sport- und Soldatenlieder sowie Balladen allgemein menschlichen, philosophischen Inhalts.
In gewisser Hinsicht lässt sich Visotsky mit dem aus der DDR ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann vergleichen.
Vladimir Visotsky (1938-1980) sang seine Lieder — mit eigener Gitarrenbegleitung — mit der für ihn kennzeichnenden heiseren Stimme. Durch die monotone musikalische Vortragsweise wurde die Stupidität und Absurdität des sowjetischen Alltagslebens besonders akzentuiert.
Visotskys musikalisch-dichterisches Schaffen war jedoch nie antikommunistisch ausgerichtet. Seine Lieder drückten die innere Welt von Millionen Sowjetbürgern aus, die oft im Trunk der Eintönigkeit ihres öden Lebens zu entkommen suchen.
Vladimir Visotsky war nicht nur Lieder- und Balladensänger, sondern auch Film- und Theaterschauspieler. Yuri Lyubimov, weltbekannter Regisseur des experimentellen Taganka-Theaters in Moskau, vertraute Visotsky wichtige Rollen an (Shakespeares “Hamlet”, Brechts “Galileo Galilei” u.a.m.). Und doch war Visotskys Finanzlage miserabel. Seine Lieder brachten ihm so gut wie nichts ein. Die offiziellen Sowjetbehörden ignorierten ihn. Nur in seltenen Fällen durfte er öffentliche Konzerte geben.
Am Taganka-Theater verdiente er nur 130 Rubel (etwa 170 Dollar). Trotz seines landesweiten Ruhms wurden ihm nur in Ausnahmefällen Filmrollen angeboten. Vladimir Visotsky war in der UdSSR ein “schwarzes Schaf”. Die Ehe mit der französischen Filmschauspielerin Marina Vladi, die russischer Herkunft ist, wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Die Behörden bewilligten dem Liedermacher Reisen in den Westen. In den siebziger Jahren gastierte er in Frankreich, Kanada und den USA.
“Aufbau”-Lesern mag er in Erinnerung sein von seinem Auftritt vor einigen Jahren in der CBS-Sendung “60 Minutes”. Auf Dan Rathers Frage, ob er auch sogenannte Détente-Lieder verfasse, antwortete der russische Sänger (übrigens war Visotsky Halbjude): “Ich verfasse keine politischen Lieder”. Hierauf trug er sein berühmtes Lied “SOS” (“Rettet unsere Seelen”) vor.
Visotsky starb 1980 im Alter von 42 Jahren. Sein Begräbnis wurde in Moskau zu einer Art Massenkundgebung. Zu seinem frühzeitigen Tod trugen Alkoholmissbrauch und zahlreiche Enttäuschungen bei. Erst nach seinem Tod veröffentlichten die Sowjets einen Gedichtband Visotskys. Zu Lebzeiten war diesem grossen russischen Dichter und Chansonnier jegliche Publikationsmöglichkeit versagt gewesen.
Dem Leben und Schaffen Visotskys ist Pavel Leonidovs reichillustriertes Buch “Vladimir Visotsky and the Others” gewidmet. Leonidov kannte Visotsky seit früher Jugend. Leonidov selbst, der heute in New York ansässig ist, war in Moskau jahrelang als Gastspiel-Administrator des “Goskonzerts” (der staatlichen Konzert-Organisation) tätig. Auch Leonidov ist Verfasser zahlreicher Lieder.
Aus seinem Buch erfährt der Leser nicht nur Einzelheiten aus dem Leben Visotskys, sondern findet hier auch durchaus interessante Schilderungen der Begegnungen des Autors mit bekannten sowjetischen Komponisten, Dirigenten, Regisseuren (z.B. Schostakowitsch, Kondrashin, Lyubimow). Das Buch trägt zu einem tieferen Verständnis des Sowjetlebens der 60er und 70er Jahre bei und gilt vielen Interessenten sicherlich als Fundgrube.
L.K.
[Aufbau. Jan. 7, 1983. p.10]
Sowjetische Fehlrechnung in Afghanistan
Über drei Jahre sind seit der sowjetischen militärischen Intervention in Afghanistan vergangen. Die Bilanz muss für den Kreml deprimierend sein. Nach Angaben westlicher Beobachter sind die etwa 100.000 Mann starken sowjetischen Besatzungstruppen lediglich imstande, die wichtigsten Städte und Verkehrswege des Landes zu kontrollieren. An Kampfaktionen gegen die afghanischen Guerillas nehmen — ausser den Sowjetruppen — auch Truppenverbände aus Kuba, Vietnam, der DDR, der Tschechoslowakei und Bulgarien teil.
Zehntausende Soldaten der afghanischen Armee sind zu den islamischen Rebellen übergelaufen. Trotz aller den Sowjets verfügbaren modernster Militärtechnik ist es ihnen in den letzten drei Jahren nicht gelungen, den bewaffneten Widerstand der unzureichend ausgerüsteten afghanischen Insurgenten zu brechen. Über 80 Prozent des Landes befinden sich in den Händen der moslemischen Aufständischen.
In jüngster Zeit fühlen sich die sowjetischen Okkupanten nicht einmal in den grösseren Städten — wie Kabul und Herat — sicher. Die Guerillas attackieren immer häufiger sowjetische Militäreinrichtungen. Auch die Zahl der Sabotageakte in den Städten nimmt ständig zu. Nach zuverlässigen Angaben belaufen sich die Verluste der sowjetischen Besatzungsarmee auf mindetens 5.000 Gefallene und 10.000 Verletzte.
Weit über drei Millionen Afghanen leben in Flüchtlingslagern in Pakistan und im Iran und von der afghanischen Zivilbevölkerung sind bei sowjetischen Luftangriffen Hunderttausende ums Leben gekommen.
Schon 1953 begann die UdSSR damit, die afghanische Armee auszurüsten und höhere afghanische Offiziere in der Sowjetunion auszubilden. Der erste prosowjetische Putsch (1973), von hochgestellten afghanischen Militärs in Szene gesetzt, bereitete der Monarchie ein schnelles Ende.
Mohammed Daud, der 1973-1978 Präsident der Republik Afghanistan war, bemühte sich in seiner Aussenpolitik einerseits der UdSSR gegenüber Loyalität zu wahren, andererseits jedoch die wirtschaftliche Unabhängigkeit des Landes zu sichern. In seiner Innenpolitik verfolgte Daud die afghanischen Marxisten in nicht geringerem Mass als die islamischen Fundamentalisten. Gleichzeitig führte er Geheimverhandlungen mit dem Iran, Saudiarabien und Japan. Am 27.
April 1978 wurde Daud nebst vielen seiner Anhänger im Verlauf eines neuen Staatsstreichs ermordet.
Sein Nachfolger am Hebel der Macht wurde nun Noor Mohammed Taraki, ein prosowjetischer Kommunist. Offensichtlich glaubte der Kreml damals, dass in einem Lande, in dem Staatsstreiche und “Palastrevolutionen” keinen Seltenheitswert hatten, ein neuer Umsturz von der Bevölkerung mehr oder weniger duldsam hingenommen werden würde.
Dabei übersahen die Kreml-Strategen allerdings die Tatsache, dass die afghanischen Putschisten es bisher stets vermieden hatten, die traditionelle Lebensweise der aus Angehörigen verschiedenartiger Stämme bestehenden Landesbevölkerung anzutasten.
Schon Ende der siebziger Jahre wurde die zwischen den beiden afghanischen kommunistischen Fraktionen (Khalq und Parcham) herrschende Feindschaft für den Kreml zu einem beunruhigenden Störelement. Die Khalq-Kommunisten strebten einen afghanischen Nationalkommunismus an, während die Parcham-Leute totale Moskau-Hörigkeit bekundeten. Die Sowjetführung glaubte damals noch an die Möglichkeit eines Burgfriedens zwischen den beiden. Auf Moskaus Initiative wurde Anfang 1978 die sogen.
“Volksdemokratische Partei” (VDP) gegründet, die die beiden kommunistischen “Bruderorganisationen” vereinigen sollte. Die VDP zählte 1978 jedoch nur etwa 2.500 Mitglieder — bei einer Gesamtbevölkerung des Landes von ca. 20 Millionen.
Taraki vertrat die Parcham-Fraktion. Sein Gegenspieler war Amin, Führer der Khalq-Fraktion. Moskau setzte zunächst auf Taraki, konnte aber nicht verhindern, dass die moskauhörigen Parcham-Kommunisten von ihren Rivalen verfolgt, gefoltert und ermordet wurden. Dem von den afghanischen Kommunisten entfesselten Terror fielen sowohl Taraki als auch Amin zum Opfer. Moskau sah sich damals, im Dezember 1979, genötigt, Babrak Karmal, eine sowjetische Marionette, ins Spiel zu bringen.
Das zeigte sich, als Karmal, auf Moskaus Geheiss den Kreml um die Gewährung “brüderlicher Hilfe” und damit um die Entsendung sowjetischer Truppen ersuchte.
Ende Dezember 1979 stand die sowjetische Führung vor der Alternative — entweder das völlige Fiasko des afghanischen Abenteuers zuzugeben und jegliche Hoffnung auf Befriedung und Sowjetisierung des Nachbarlandes endgültig aufzugeben oder aber in Afghanistan militärisch zu intervenieren.
Heute weiss man, wie fatal Moskaus Fehlrechnung in Afghanistan war. Die oft als pragmatisch bezeichnete Sowjetführung versagte, weil sie nicht in der Lage war, die Mentalität und die historischen Traditionen der Mohammedaner Afghanistans richtig einzuschätzen.
Dieses sowjetische Fehlurteil mag seinen Grund auch teilweise darin haben, dass die Kreml-Strategen glaubten, zwischen dem Widerstand der Afghanen und dem fünfzig Jahren zurückliegenden Kampf der sowjetischen Bevölkerung Mittelasiens eine historische Parallele ziehen zu können. Moskau rechnete damit, dass die straff zentralisierte kommunistische Regierung in Kabul ohne weiteres in der Lage sein würde, in verhältnismässig kurzer Zeit den Aufstand der unbotmässigen Stämme zu liquidieren.
Die Rechnung ist nicht aufgegangen.
L.K.
[Aufbau Jan. 14, 1983. p.7]
Yuri Andropow und die Sowjet Juden
Die neue Ära im Kreml, die durch die Wahl Yuri Andropows, des ehemaligen Chefs des sowjetischen Sicherheitsdienstes, des KGB, zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) eingeleitet wurde, wird sich zweifellos auf dem Gebiet der Innen- und Aussenpolitik abzeichnen.
Obwohl die in westlichen Diplomatenkreisen zuweilen geäusserte Ansicht, Andropow sei ein verkappter “Liberaler”, völlig aus der Luft gegriffen ist, kann mit Sicherheit angenommen werden, dass sich die Denk- und Handlungsweise des neuen Generalsekretärs der KPdSU durch Pragmatismus und Realitätssinn kennzeichnen lasse. Es lässt sich vermuten, dass Andropow und seine Gefolgsleute in der Sowjetführung (wie z.B. Gaidar Alijew, der am 22.
November 1982 zum Vollmitglied des Politbüros gewählt wurde) sich im politischen Entscheidungsprozess weniger von marxistischen Dogmen als von nüchternen Gedankengängen leiten lassen werden. Wie könnte sich Andropows Pragmatismus auf das Schicksal der sowjetischen Judenheit auswirken?
Bei Überlegungen über die künftigen Judenpolitik der neuen Moskauer Führung darf nicht ausser acht gelassen werden, dass es der KGB und dessen ehemaliger Chef — Yuri Andropow — waren, unter deren unmittelbarer Kontrolle sich die sowjetjüdische Auswanderungsbewegung der letzten 10-12 Jahre vollzog. Andropows Ziel war es dabei, zu verhüten, dass die sogen. Familienzusammenführung sich zu einer nicht nur dem Namen nach freien Emigrationsbewegung entwickele.
Als oberster KGB-Chef während der letzten 15 Jahre (erst im Mai 1982 gab er sein Amt als Leiter des sowjetischen Sicherheitsdienstes auf) brachte Yuri Andropow es zuwege, jeden von einem Sowjetjuden vorliegenden Auswanderungsantrag zu einer Art Glückspiel zu machen. Die totale Unberechenbarkeit der behördlichen Entscheidung machte (und macht) das Auswanderungsbemühen jedes Sowjetjuden zu einem höchst riskanten Unterfangen.
Es wäre jedoch verfehlt, die vom KGB angewandte Taktik als Ausfluss des sowjetischen Antisemitismus zu betrachten, denn auswanderungswilligen Sowjetdeutschen und Armeniern erging es in dieser Beziehung keineswegs besser.
Etwa 270.000 Sowjetjuden sind vor dem Wagnis nicht zurückgeschreckt und leben heute in Israel, in den USA, Kanada oder anderen westlichen Ländern. Andropows Taktik, die Auswanderung aus der UdSSR so schwierig und riskant wie möglich zu machen, hat zahlreiche Opfer gefordert: etwa 10.000 Refuseniks, von denen manche die ersehnte Auswanderung schon seit 10 Jahren versuchen, ist das Ausreisevisum unter verschiedenen Vorwänden endgültig verweigert worden.
Um die Auswanderungsbewegung unter die Kontrolle der KGB zu bringen, bedient Andropow sich der zahllosen ihm verfügbaren Mittel, wie Einschüchterung und Verfolgung auswanderungswilliger Juden, Unterbindung von Auslandskontakten der Antragsteller und schliesslich auch Internierung sowjetjüdischer Aktivisten — wobei jedoch erwähnt werden muss, dass auch eine Reihe von sowjetdeutschen Auswanderungsaktivisten verhaftet und zu längerem Freiheitsentzug verurteilt wurde.
Besonders tragisch ist das Schicksal des sowjetjüdischen Dissidenten und Aktivisten Anatolij Schtscharansky, der des Landesverrats angeklagt und zu einer dreizehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Die Sowjets beschuldigten Schtscharansky, im Dienst der CIA gestanden zu haben.
Präsident Carter erklärte seinerzeit auf einer Pressekonferenz, dass Schtscharansky zu keiner Zeit für den CIA gearbeitet habe. Der Schtscharansky-Prozess wurde zu einem amerikanisch-sowjetischen Testfall. Faktisch war Anatolij Schtscharanskys Verurteilung nicht so sehr gegen ihn als gegen Jimmy Carters Kampagne zur Wahrung der Menschenrechte gerichtet. Schtscharanskys Kontakte mit westlichen Korrespondenten machten ihn zum Sündenbock.
Obwohl Carters Menschenrechtskampagne manche Schlappen erlitt, ist es ihr zum Teil zuzuschreiben, dass 1979 — ein Jahr nach dem Schtscharansky-Prozess — 51.000 Sowjetjuden (eine Rekordhöhe!) emigrieren konnten. Als Pragmatiker ist Andropow flexibel genug, die lahmliegende sowjetjüdische Auswanderung gegebenenfalls wieder anzukurbeln. Selbstverständlich ist das Klima der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen auch für die jüdische Auswanderungsbewegung ausschlaggebend.
Zurzeit ist die Emigration der Sowjetjuden auf ein Mindestmass beschränkt (im November 1982 durften nur 137 Juden das Land verlassen). Die von Ronald Reagan befürwortete “stille Diplomatie” hat sich bisher bezüglich der Sowjetunion als erfolglos erwiesen. Zu bedauern ist, dass es der Regierung Reagan bisher nicht gelungen ist, eine eigenständige konsequente Menschenrechtspolitik zu entwikkeln.
Dabei geht es nicht nur darum, dass das Weisse Haus die Menschenrechtssituation in sogenannten “freundschaftlichen” Ländern Lateinamerikas faktisch ignoriert, sondern auch darum, dass Washington es seit Jahren systematisch vermieden hat, sich für langjährige Refuseniks und inhaftierte sowjetjüdische Aktivisten öffentlich einzusetzen.
In diesem Zusammenhang fragt es sich, ob es nicht ratsam wäre, im engsten Einvernehmen mit dem US-Kongress einen direkten Kontakt zwischen Vertretern massgebender amerikanisch-jüdischer Organisationen und der neuen Sowjetführung anzustreben. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Sowjets die Wirksamkeit der “amerikanisch-jüdischen Lobby” hoch einschätzen.
Schon aus diesem Grund darf angenommen werden, dass Andropow amerikanische Senatoren und Abgeordnete des Repräsentantenhauses sowie Vertreter amerikanisch-jüdischer Organisationen ohne weiteres empfangen würde und schon darin die Möglichkeit bestünde, dass auf dem Verhandlungswege zu realen Erfolgen zu gelangen (Freilassung sowjetjüdischer Gewissenshäftlinge, Ankurbelung der 1975 in Helsinki vorgesehenen Familienzusammenführung und anderes).
Auch die Gewährleistung eines elementaren jüdischen Kulturlebens in der UdSSR (wie es z.B. in Ungarn der Fall ist) könnte im Zug künftiger Verhandlungen erörtert werden. Der Versuch auf diesem Weg zu erträglicheren Lebensbedingungen für das sowjetische Judentum zu gelangen, wäre daher sicher der Mühe wert.
L.K.
[Aufbau Jan. 28, 1983. p.3]
Jahresbericht der “Amnesty International”
Unlängst wurde in London der jüngste Jahresbericht der Amnesty International (AI) veröffentlicht. (Amnesty International Re port, A.I. Publications. London, 1982). Der Bericht umfasst die Zeit vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 1981. Die für Wahrung universaler Menschenrechte kampfende Organisation existiert schon 21 Jahre. Die AI zahlt im Weltmasstab 350.000 Mitglieder und unterhält Zweigstellen in 41 Ländern.
In anderen Ländern (meist Rechtsdiktaturen oder kommunistische Staaten) wird die AI durch Einzelpersonen oder Gruppen vertreten, die — ungeachtet aller Schwierigkeiten und Gefahren — Informationen für die Londoner Zentralstelle sammeln.
im Berichtsjahr 1981 hat die AI in 4952 Fällen Aktionen zwecks Befreiung politischer Häftlinge unternommen. Dank der Unterstützung seitens der AI wurden 1109 Internierte auf freien Fuss gesetzt. Amnesty International beschuldigt die Regierungen in 121 Ländern der Missachtung elementarer Menschenrechte, wobei politisch motivierte Mordtaten besonders hervorgehoben werden.
Der AI-Bericht umfasst fünf geographische Zonen: Afrika, Amerika, Asien, Europa, Mittlerer Osten und Nordafrika.
Amerika
Dem AI-Bericht zufolge ist die Situation in vielen Ländern Zentral- und Südamerikas schreckenerregend. Das elementarste Recht des Menschen — das Recht auf sein Leben — wird in vielen Fällen völlig missachtet. In El Salvador und Guatemala wurden 1981 Tausende Oppositionelle bestialisch umgebracht, wobei sogar Menschen ermordet wurden, die nur als potentielle Sympathisanten oppositioneller Parteien und Organisationen galten.
Hunderte wurden in El Salvador und Guatemala — wie noch vor einigen Jahren in Argentinien — entfuhrt, meist von rechtsterroristischen Banden, und blieben verschollen. Die AI hat von der salvadorianischen Regierung Informationen in 550 Kidnapping-Fällen angefordert. Alle darauf bezüglichen Anfragen blieben unbeantwortet. Dem Bericht zufolge wurden in Guatemala allein im Jahre 1981 über 3000 politisch Verdächtige ermordet.
In Nikaragua haben die regierenden Sandinisten mindestens 3000 politische Gegner, die als Anhanger des ehemaligen Diktators Somosa gelten, in Haft genommen. Obwohl die Strafurteile von den inzwischen aufgehobenen Sondergerichten gefallt wurden, dürfen die politischen Häftlinge gegen de Urteilssprüche keine Berufung einlegen.
Laut Bericht der AI lassen sich auch in Argentinien, Chile, Uruguay, Paraguay und auf Haiti massenhafte Verletzungen elementarer Menschenrechte nachweisen. Im AIBericht figuriert auch die “Freiheitsinsel ” Kuba, wo es zu einer traurigen Tradition geworden ist, dass Polit-Gefangene — nach Ablauf einer oft 20 Jahre währenden Freiheitsstrafe — zu zusätzlichen Strafterminen verurteilt werden.
Asien
In den meisten Ländern Asiens, heisst es im AI-Bericht, wurden 1981 Hunderttausende Menschen nur deshalb in Gewahrsam genommen, weil ihre Ansichten mit der offiziellen Doktrin nicht übereinstimmten. Im Bericht wird ferner vermerkt, dass in den meisten asiatischen Ländern die Todesstrafe bisher noch nicht abgeschafft ist. Im Berichtsjahr hat sich die Zahl der rein politisch motivierten Todesurteile erheblich vermehrt.
Die Gesetzgebung vieler Länder Asiens sanktioniert die Inhaftierung von Personen ohne vorhergehendes Verhör.
In manchen asiatischen Ländern hängt die Haftfrist von der Willkür der betreffenden Regierung ab. In diesem Zusammenhang werden an erster Stelle Vietnam und Laos erwähnt, wo Zehntausende in “Besserungsanstalten” gesperrt werden. Ähnlich geht es auch in der Volksrepublik China zu.
Politisch motivierter Morde und grausamer Behandlung Andersdenkender werden die Philippinen beschuldigt. Auch in Thailand und in Pakistan wurden 1981 — laut Bericht der AI — politische Gegner umgebracht.
Was Afghanistan anbelangt, vermerkt die AI, dass es an genaueren statistischen Angaben mangelt. Die internationale Menschenrechtsorganisation nimmt jedoch an, dass es 1981 im Kabuler Gefängnis mindestens 3000-4000 politische Häftlinge gab. Die AI wirft sowohl der afghanischen Regierung als auch den islamischen Insurgenten vor. Kriegsgefangene niedergemetzelt zu haben.
Europa
Was die Lander Westeuropas anbetrifft, so handelt es sich im AI-Bericht meist um die Missachtung der Menschenrechte von moralisch oder religiös motivierten Militärdienst Verweigerern.
In Europa widmet der AI-Bericht den Ländern des Sowjetblockes besondere Aufmerksamkeit. Polen wird hier an erster Stelle erwähnt. Nach Einfuhrung des Kriegsrechtes am 13.
Dezember 1981 wurden Tausende “Solidaritäts”-Aktivisten — ohne Verhör und Gerichtsverhandlung — interniert (bekanntlich wurden Ende 1982 viele “Solidaritäts”-Anhänger wieder auf freien Fuss gesetzt, dennoch sind auch jetzt noch Hunderte politischer Aktivisten und Andersdenkender ihrer Freiheit beraubt und schmachten nach wie vor in polnischen Lagern).
Der AI-Bericht weist auch auf die Tatsache hin, dass in der DDR, Bulgarien, Rumänien und anderen Ländern des Ostblocks, Menschen nur deshalb im Gefängnis sitzen, weil sie versucht haben, auf illegale Weise das Land zu verlassen.
In fast allen Ländern des Sowjetblockes (möglicherweise mit Ausnahme Ungarns) werden Menschen wegen der Äusserung politisch nichtkonformistischer Ansichten zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt (in Osteuropa werden derartige “Vergehen” als “Verbreitung staatsfeindlicher Propaganda” qualifiziert).
Der Bericht weist darauf hin, dass es in der Sowjetunion um die Menschenrechte besonders schlecht bestellt ist: die Zahl der Dissidentenprozesse nimmt dauernd zu, wobei zu beachten ist, dass rein politische Prozesse oft als Knminalfälle verschleiert werden.
Im AI-Bericht heisst es u.a. “In der UdSSR leiden politische Häftlinge nach wie vor Hunger. Den Inhaftierten wird oft elementare ärztliche Behandlung verweigert. Die Polit-Haftlinge werden gezwungen, schwere — zuweilen lebensgefährliche — Arbeit zu verrichten. In den ‘psychischen Heilanstalten’ werden den ‘Patienten’ hohe Dosen neuroleptischer Arzneien verabreicht”.
Der AI-Bericht weist auf die zahlreichen Verhaftungen von sowjetischen Baptisten, Adventisten, Katholiken, Rechtgläubigen und Vertretern anderer Konfessionen hin. Es kommt auch immer häufiger zu Verhaftungen von Nichtrussen, die gegen die Russifizierung des Landes protestieren. Verhaftet oder verbannt werden auch sowjetjüdische oder sowjetdeutsche Auswanderungsaktivisten .
Afrika und Mittlerer Osten
Fast in allen Ländern Afrikas — sei es in Uganda, Mozambique, Angola oder Südafrika — werden Menschenrechte völlig ignoriert. Die Lage in den afrikanischen Strafanstalten spottet jeder Beschreibung. Politische Gegner werden vielfach in den Gefängnissen umgebracht.
In Nordafrika und in den Ländern des Mittleren Ostens herrschen geradezu grauenhafte Zustände (politisch motivierte Mordaktionen, Hinrichtungen, Entführungen politischer Aktivisten u.a.m.). Hunderte Menschen wurden in Syrien — aus politischreligiösen Motiven — umgebracht.
Sowohl der syrische als auch der libysche Sicherheitsdienst liquidiert auch im Ausland lebende politische Gegner. 1981 wurden im Iran an die 3000 Menschen hingerichtet (die faktische Zahl der politisch motivierten Hinrichtungen liegt wahrscheinlich bedeutend höher). In Iran, Irak, Marokko, Syrien und im kommunistischen Südjemen werden politische Häftlinge gefoltert.
Der AI-Jahresbericht informiert den Leser eingehend über die Schrecken unserer Zeit, unbeschadet der Frage, ob die angeprangerten Verstösse gegen Menschenrechte und Menschenwürde Rechtsdiktaturen oder totalitären kommunistischen Staaten zur Last gelegt werden. L.K.
[Aufbau. Jan. 28, 1983. p.6.]
Tatjana Losanskys Todesbereitschaft führte zur Auswanderung
Vor mehr als sechs Jahren wanderte der sowjetjüdische Atomphysiker Eduard Losansky nach den Vereinigten Staaten aus. In Moskau hatte Losansky Zutritt gehabt zu strengsten Staatsgeheimnissen. Er betrieb Forschungsarbeit am Atomenergie-Institut Kurtschatow und war ausserdem als Dozent an der Malinowsky-Militärakademie tätig. In ähnlichen Fällen kommt Emigration überhaupt nicht in Frage. Losansky war aber ein Sonderfall. Eduards Gattin Tatjana ist die Tochter eines hochgestellten Söwjetgenerals.
General Jerschow, Tatjanas Vater, war bis vor kurzem für nicht mehr und nicht minder als den Luftschutz der sowjetischen Hauptstadt zuständig. In der sowjetischen Militärhierachie handelt es sich hierbei um eines der wichtigsten Ämter.
Als 1976 die Propagandakampagne gegen den weltbekannten sowjetischen Atomphysiker und Menschenrechtler Andrej Sacharow ihren Höhepunkt zu erreichen schien, nahm Eduard Losansky — in Anwesenheit der Hörer der Militärakademie — kein Blatt vor den Mund. Er erklärte ihnen die weltweite Bedeutung der Ideen Sacharows. Natürlich erfuhren Losanskys Vorgesetzte von dessen “ketzerischen” Ausführungen. Seine Versuche, sich zu rechtfertigen, schlugen fehl.
Ihm wurde erwidert, dass er wohl nicht recht bei Trost sei, wenn er sich erkühnt habe, Sacharows Namen “an einem solchen Platz” (d.h. der Militärakademie) überhaupt in Erwähnung gebracht zu haben. Eduard Losansky wurde fristlos entlassen.
Seinem Schwiegervater war die Angelegenheit höchst peinlich. Der General suchte einen Ausweg aus der unangenehmen Situation und schlug Eduard, um ihn loszuwerden, vor, sich von Tatjana scheiden zu lassen. Jerschow würde dafür Sorge tragen, dass Eduard ein Ausreisevisum so rasch wie möglich gewährt würde. Später sollten auch Tatjana und ihre Tochter ins Ausland folgen können. Auf diese Weise liessen sich sämtliche Probleme lösen.
Eduard war von Anfang an misstrauisch und glaubte nicht den Versprechungen des Generals. Tatjana war aber von der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der väterlichen Worte zutiefst überzeugt.
Die Scheidungsformalitäten, die gewöhnlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen, wurden im Nu erledigt. Auch auf seine Auswanderungspapiere brauchte Eduard nicht lange zu warten. Er ging nach Amerika und fand dort — als erstklassiger Fachmann — Anstellung an der Universität Rochester.
Nach dem Abflug des unerwünschten Schwiegersohns erklärte allerdings General Jerschow seiner Tochter, dass von ihrer Auswanderung nicht die Rede sein könne.
Doch der General hatte sich verrechnet. Sechs Jahre lang dauerte Tatjanas und Eduards Kampf um die Zusammenführung. Nach Tatjanas 33tägigem Hungerstreik kapitulierte General Jerschow. Seine Tochter war dem Tode nahe. Bisher hatte sie sich geweigert, Eduard die Telefonnummer ihres Vaters mitzuteilen. Endlich erfuhr Eduard Losansky die Rufnummer seines ehemaligen Schwiegervaters. Er rief ihn an und sagte ihm: “Begeben Sie sich so schnell wie möglich zu Ihrer Tochter. Ihr Leben hängt an einem Faden.
Sie wollen sie doch sicher noch sehen”. General Jerschow, der anfangs Tatjanas Hungerstreik nicht allzu ernst genommen hatte, überzeugte sich von der tödlichen Gefahr, die seiner Tochter drohte. Er wandte sich an den KGB (den sowjetischen Sicherheitsdienst) und die Moskauer Pass- und Visabehörde und erklärte, dass er seinen bisherigen väterlichen Einspruch gegen Tatjanas Auswanderung zurücknehme. Der 60jährige General sah sich genötigt, in den Ruhestand zu treten.
Der Kreml traut einem Mann, dessen Tochter in den USA lebt, den Luftschutz Moskaus nicht an. Ende Dezember vergangenen Jahres wurde Tatjana ein Ausreisevisum gewährt.
Seit einigen Wochen sind Tatjana und ihre 11jährige Tochter mit ihrem Mann, dem Vater ihres Kindes, aufs neue vereinigt. Eduard, der von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in letzter Zeit Abstand nehmen musste, um all seine Energie zahlreichen Protestaktionen in New York, Paris und anderen Städten zu widmen, bemüht sich gegenwärtig um Wiederaufnahme seiner Forschungsarbeit. Auch Tatjana, die Chemikerin ist, hofft, demnächst in ihrem Beruf tätig zu sein.
In einem Interview mit einem Vertreter des Pariser russischsprachigen Emigrantenblattes “La Pensee Russe” gaben Eduard und Tatjana durchaus wissenswerte Einzelheiten ihres sechsjährigen Kampfes um Familienzusammenführung bekannt. Tatjana erzählte dem Reporter, dass sie mehrmals in zweiwöchigen Hungerstreik getreten sei. Doch auf den KGB hätten derartige Protestaktionen keinen Eindruck gemacht.
Beamte des Sicherheitsdienstes, die das Gebäude bewachten, wo sich Tatjanas Wohnung befand, sagten gelangweilt: “Soll sie nur ruhig hungern. Uns regt das nicht im geringsten auf. Wir haben hier Dienst und rauchen unsere Zigaretten”. Als aber Tatjana Losansky in einen unbefristeten Hungerstreik trat und bereit war, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, nahm der KGB die Sache ernst.
“Andrej Sacharow und seine Gattin Jelena Bonner haben durch ihren Hungerstreik im letzten Jahr mir und anderen getrennten Eheleuten den Weg gewiesen,” sagte Tatjana Losansky.
Eduard Losansky betonte, er habe sich in seinem Kampf um Familienzusammenführung nicht nur für seine eigene Sache eingesetzt, sondern sei auch für andere Opfer der sowjetischen Bürokratenwillkür eingetreten. Von grösster Bedeutung ist der Umstand, dass Losansky vor mehreren Jahren das in Paris befindliche Sacharow-Komitee gegründet hat, dem zurzeit 45 Nobelpreisträger und mehrere US-Senatoren angehören.
Losansky meinte in seinem Gespräch mit dem Zeitungskorrespondenten: “Ich glaube, dass es uns gelungen ist, im Sacharow-Komitee linke und rechte, liberal und konservativ orientierte Intellektuelle zu vereinigen. Unter den weltberühmten Akademikern, die unserem Ausschuss angehören, gibt es sogar Sozialisten. Gegenwärtig ist die Finanzlage des Sacharow-Komitees derart gut, dass wir beabsichtigen, Sacharow-Stipendien und Freiheitsprämien einzuführen”.
Eduard Losansky berichtete ferner, dass am 21. Mai 1983, dem Geburtsdatum Andrej Sacharows, in der ganzen freien Welt zahlreiche Konzerte berühmter Musiker geplant seien.
L.K.
[Aufbau Feb. 4, 1983. p.3]
Eine neue Mär vom alten Meer
R.B. Es gab einige Ähnlichkeiten zwischen den in der Vorwoche vom Philadelphia Orchestra und von den New Yorker Philharmonikern gebotenen Konzerten; beiden standen unter der Leitung eines aus Berlin gebürtigen Dirigenten, an beiden wirkte solistisch ein aus der Sowjetunion stammender Pianist (beziehungsweise eine Pianistin) mit, in beiden waren Kompositionen über das Thema Meer zu hören, in beiden (zur Vervollkommnung einer ausgewogenen Vortragsfolge) fehlte auch nicht eine Sinfonie.
Dass sich auch Gegensätzliches feststellen liess, war selbstverständlich; es betraf künstlerische Leistungsunterschiede, die das an den zwei Abenden gewonnene Gesamtbild jedoch nur wenig beeinträchtigten, und es liess sich auch auf die Dauer der Veranstaltungen beziehen, deren eine die Norm beträchtlich überschritt.
Doch wurde man dafür mit etwas Neuem entschädigt: Christoph von Dohnänyi und die Philharmoniker brachten Manfred Trojahns vor zwei Jahren geschaffenes Opus “Erstes Seebild” zur Erstaufführung, und der bisher in Amerika nicht zu Wort gekommene Komponist (1949 in Cremlingen bei Braunschweig geboren) konnte für diese Arbeit vollen und redlich verdienten Erfolg buchen.
“Es ist der erste Teil eines inzwischen von mir fertiggestellten fünfteiligen Werks für grosses Orchester und Mezzosopranstimme, das — ‘Fünf Seebilder’ betitelt — im Herbst 1984 in Hamburg uraufgeführt werden wird”, sagte mir Trojahn nach Konzertschluss im Künstlerzimmer.
Was hat den seit 1977 in Paris lebenden und, wie er zugibt, wesentlich vom Musikschaffen Elgars, Delius’, Sibelius’, Brittens, vornehmlich jedoch des Schweden Gustaf Allan Pettersson (1911-1980) beeinflussten Deutschen zur Komposition dieser “Seebilder” veranlasst? Keineswegs war er durch Nachahmungsgelüste motiviert, das Meer erneut im Stil solcher Vorbilder zu besingen; aber dass er den Natur- und Klangreichtum der See einer neuen Auslotung unterzieht, lässt vermuten, dass er diesen Reichtum für unerschöpflich erachtet und für wert, in der Tonsprache unserer Zeit festgehalten zu werden, in der ‘Angst’ ein nicht nur dem Seemann vertrauter Daseinsbegriff ist.
Was sich während 25 Minuten auf diesem Ostseebild abzeichnet, sind nicht nur Schrecken und Gefahren, nicht nur Sturm und hoher Wellengang: auch von stiller Schönheit, von Ruhe, Hoffnung und Vertrauen ist die Rede, von einem Frieden, der in zarten, opalisierenden Farben am Horizont einer vielleicht besseren Menschheitszukunft aufschimmert.
Trojahn hat für die dem “Ersten Seebild” folgenden Teile Texte Georg Heyms, eines der bedeutendsten Lyriker des Frühexpressionismus, gewählt, “Gedichte, in denen die verträumte Landschaft ebenso formvollendet eingefangen ist wie in den vielleicht bekannteren über die Einsamkeit des Menschen der drohende Verfall, den Heym vorgeahnt, aber nicht miterlebt hat, da er als 25jähriger zusammen mit einem Freund beim Eislauf auf der Havel ertrunken war.”
Dohnänyi spielte die Rolle eines Avant-garde-Offiziers mit dem von ihm erwarteten Engagement für musikalisch Neues und zugleich Gutes. Noch grössere Freude konnte man an der hinreissenden, von Geist blitzenden Lesung der von Richard Strauss nach alter Schelmenweise in Rondoform erzählten Tondichtung “Till Eulenspiegels lustige Streiche” haben.
Das Programm ergänzten eine solide Aufführung von Beethovens achter Sinfonie und eine resolute, mitunter an Tschaikowsky gemahnende von Schumanns Konzert für Klavier und Orchester — mit Bella Davidowitsch als einer sich dem Orchester gleichberechtigt fühlenden Solistin.
Brahms steht weiterhin heuer, 150 Jahre nach seiner Geburt, hoch im Kurs. Wladimir Ashkenazy und das von André Previn mit sicherer Hand geleitete Philadelphia Orchestra ernteten für eine alle Klangwerte und ‘Stimmungen’ vollendet erfassende Aufführung des zweiten Konzerts für Klavier und Orchester stürmischen Beifall.
Debussys “La mer” funkelte in allen Farben der impressionistisch-französischen Palette eines sein Seebild nur sanft mit dem Pinsel betupfenden Malers, der als Komponist Sternenjahre vor Trojahn gelebt haben mag, aber vom Glanz des Meeres auf eigene Art nicht weniger fasziniert gewesen war.
Eine relativ wenig aufgeführte von Haydns sogenannten “Pariser Sinfonien”, die 87., 1785 entstanden, erwies sich als ein bekömmliches Aperitif vor der aus zwei bekömmlichen Hauptgängen bestehenden Orchestermusik-Mahlzeit.
[Aufbau Mar. 4, 1983. p.18]
George Orwell und die Sowjetpresse
Ideologische Schlagwörter und ihr Bedeutungswandel in der UdSSR
In dem kurz vor seinem Tode veröffentlichten, weltberühmt gewordenen Roman “1984” schildert der englische Schriftsteller George Orwell (1903-1950) einen allumfassenden Totalitarismus der Zukunft, der die geistigen Bestrebungen des Individuums knebelt und unterjocht. Obwohl Orwells Roman von den extrem rechten Kreisen des Westens als antikommunistisches Werk gepriesen wurde, handelte es sich um eine Missdeutung der eigentlichen Absichten des britischen Erzählers.
Sein Roman “1984” ist gegen den Totalitarismus jeglicher Spielart gerichtet. George Orwell war bis zu seinem Lebensende demokratischer Sozialist.
Seine Bücher sind in der Sowjetunion verboten. Sowjetbürger (mit Ausnahme einzelner hochgestellter Parteifunktionäre) haben keinerlei Möglichkeit, die Romane dieses “ideologisch gefährlichen” westlichen Schriftstellers zu lesen. Umso erstaunlicher ist die Erwähnung von Orwells Roman “1984” in der Moskauer Wochenzeitung “Literaturnaja Gaseta” (Literaturzeitung). Am 26. Januar d.J.
begann der politische Beobachter des Blattes, Vitalij Kobysch, einen seiner zahlreichen antiamerikanischen Artikel folgendermassen: “Der englische Schriftsteller George Orwell, ein berüchtigter Antikommunist, hat vor mehr als 30 Jahren seinen Roman 1984 veröffentlicht. Das Jahr 1984, das heute in greifbare Nähe gerückt ist, war damals noch ferne Zukunft. Orwell, der seiner Phantasie freien Lauf liess, schilderte in seinem Buch einen totalitären Staat, dessen Bürger nichts weiter als Roboter sind.
Die in diesem totalitären Staat herrschende Elite hatte einen überaus wirksamen, auf einer widerwärtigen Heuchelei beruhenden Kontrollmechanismus geschaffen, der der Aufrechterhaltung der Despotie diente. Die Herrscher des Landes, die ständig Krieg führten oder Kriegsvorbereitungen trafen, hatten ihr Kriegsministerium zum Friedensministerium umbenannt. Das sog. Wahrheitsministerium war nur darauf bedacht, Lügen in Umlauf zu setzen”.
Aufschlussreich ist die Tatsache, dass der sowjetische Journalist die Grundgedanken von Orwells Roman keineswegs verfälscht. Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass die sowjetischen Massenmedien das in der UdSSR herrschende Regime — ungeachtet der Unterdrückung jeglicher nichtkonformer Strömungen — als durchaus “demokratisch” bezeichnen. Die UdSSR, die Tschechoslowakei, die DDR und die anderen Länder des Sowjetblocks sind demnach “Demokratien” und haben angeblich mit Totalitarismus nichts gemein.
Als totalitäre Staaten gelten in der UdSSR nur rechte Diktaturen.
In dem genannten Auszug aus der “Literaturnaja Gaseta” schreibt Kobysch gelassen und gleichmütig über die in Orwells Roman dargestellte Elite, die auf heuchlerische Weise ihre Bürger unterdrückt. Den sowjetischen Beobachter kümmert es offenbar kaum, dass manch kritisch gesinnter Sowjetleser die in Orwells “1984” beschriebene Unterdrückung und Heuchelei mit den in der UdSSR bestehenden Verhältnissen in Verbindung bringen könnte.
In Kobyschs Artikel wird ferner Ronald Reagan mit den von Orwell beschriebenen Herrschern des totalitären Staates verglichen, die ihre Zeit damit verbringen, Kriegsvorbereitungen zu treffen. In dem Kommentar der Moskauer Wochenzeitung wird dem US-Präsidenten sein gesamtes “Sündenregister” vorgehalten. Vertreter der Reagan-Regierung haben allerdings tatsächlich über einen “begrenzten Nuklearkrieg” sowie einen “gewinnbaren Atomkrieg” gesprochen.
Durch dieses Gerede haben Reagan und seine Leute die Stimmung in Westeuropa (insbesondere in der Bundesrepublik) beträchtlich verdüstert. Die Sowjetpresse unterschlägt aber ihren Lesern die Tatsache, dass all diese unbedachten Worte in unmittelbarem Zusammenhang» mit den in buropa stationierten sowjetischen Mittelstreckenraketen SS-20. die auf den Westen gerichtet sind, stehen.
Der sowjetische Durchschnittsbürger, der die Sendungen der BBC oder der “Stimme Amerikas” nicht hört (westliche Rundfunksendungen werden systematisch gestört), begreift nicht, worum es bei den amerikanisch-sowjetischen Atomrüstungsverhandlungen geht. Die Sowjetpresse behauptet, Reagan setze alles daran, “einen Nuklearkrieg zu entfesseln”. Darüber lässt sich auch Vitalij Kobysch aus.
Einem geheimen Pentagon-Bericht zufolge, heisst es im Moskauer Wochenblatt, plane “die US-Führung die Vorbereitung und Entfesselung eines Nuklearkriegs und strebe den Sieg in einem solchen Kriege an”. Das Ziel Washingtons sei die Weltherrschaft.
Angesichts der Tatsache, dass sich im US-Kongress sowohl Demokraten als auch Republikaner für eine Kürzung des Militärhaushalts einsetzen und der Reagan-Regierung Inflexibilität Moskau gegenüber vorwerfen, ist es barer Unsinn, zu behaupten, Washington beabsichtige, “in den achtziger Jahren einen Nuklearkrieg zu entfesseln”.
Die Sowjets wissen über die wahre Situation genau Bescheid. Ihnen ist bekannt, dass man sich nicht nur in den USA, sondern auch in den Ländern Westeuropas über die bedrohliche Anzahl der SS-20-Raketen grösste Sorgen macht. Die Sowjetpresse sieht sich aber nicht genötigt, ihre Leser über die wahre Sachlage auf dem laufenden zu halten. Obgleich die UdSSR Mitunterzeichner des Helsinki-Manifests ist, das u.a.
die allseitige Information der Bürger der Unterzeichner-Staaten vorsieht, ist das Vertrauen des Kremls seinem eigenen Volke gegenüber derart gering, dass es in den Massenmedien des Landes — nach 65 Jahren Sowjetmacht — keine objektive Infor- mation gibt.
Um die Sowjetpresse richtig zu beurteilen, muss man die spezifische “Semantik” kennen, mit deren Hilfe die Moskauer Propagandisten zahlreiche in der ganzen Welt verbreitete Begriffe umdeuten. So wird z.B. unter “Demokratie” ein System verstanden, in welchem es keine freien Wahlen gibt und einzig und allein die kommunistische Partei die Macht ausübt. Gelegentlich spricht die Sowjetpresse von “bürgerlicher Demokratie”, die dem Untergang geweiht sei.
Als “aggressiv” bezeichnen Sowjetjournalisten die Politik der Vereinigten Staaten, die nicht bereit sind, dem Moskauer Kurs zu folgen.
Der Begriff “Kräfte des Friedens und Fortschrittes” ist in den sowjetischen Massenmedien ein Synonym für prosowjetische Gesinnung.
Wenn man in den TASS-Kommentaren, in der “Prawda” oder “Iswestija” auf das Wort “Verleumdung” stösst, kann man sicher sein, dass es sich um Kritik an Moskau handelt.
Von grösster Bedeutung für die objektive Beurteilung der Sowjet-Information ist die Tatsache, dass es ausser dem für den Durchschnittsbürger bestimmten TASS (Telegraphenagentur der Sowjetunion) auch einen sog. “Weissen TASS” und sogar einen “Roten TASS” gibt. Der “Weisse TASS” ist weniger zensiert und enthält verhältnismässig zahlreiche Berichte westlicher Nachrichtenagenturen (Associated Press, UPI, Reuters u.a.). Dieser “Weisse TASS” steht hochgestellten Apparatschiks zur Verfügung.
Für Mitglieder des Politbüros und des Zentralkomitees ist der “Rote TASS” bestimmt, der nicht nur die wichtigsten Meldungen westlicher Presseagenturen, sondern auch Kommentare bekannter Beobachter der grössten amerikanischen, britischen, französischen, westdeutschen u.a. Zeitungen beinhaltet.
Was jeder Amerikaner, Engländer oder Bundesbürger sich für etwa 30 Cent leisten kann (wenn er z.B. die “New York Times”, die Londoner “Times” oder etwa “Die Welt” kauft), ist in der Sowjetunion ein höchstes Machtprivileg, das nur Mitgliedern des Politbüros oder des Zentralkomitees eingeräumt wird. Mehr als 99 Prozent der Sowjetbevölkerung müssen sich mit den üblichen Machwerken der Sowjetpropaganda zufriedengeben.
L.K.
[Aufbau Mar. 11, 1983. p.7]
Sowjetisch-chinesische Polemik dauert an
Das in mehreren Sprachen in Moskau erscheinende Wochenblatt “New Times” hat zu Beginn des Jahres einen längeren Artikel veröffentlicht, der die Forschungsergebnisse chinesischer Historiker und deren Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften der Volksrepublik China aufs schärfste angreift. Es handelt sich hierbei um historische Untersuchungen der russisch-chinesischen Beziehungen und des zwischen Moskau und Peking bestehenden Grenzkonfliktes.
Der “Was steckt dahinter?” betitelte Artikel des sowjetischen Blattes bezichtigt die chinesischen Historiker der “Geschichtsverfälschung” und erklärt, der von ihnen erneut vertretene, angebliche “Anspruch” Pekings auf sowjetisches Gebiet unterminiere die Bemühungen um Normalisierung der sowjetisch-chinesischen Beziehungen. Hierbei betont der sowjetische Autor (in der Zeitschrift zeichnet er als “Beobachter”) den “aufrichtigen Wunsch der UdSSR”, die Beziehungen mit China zu verbessern.
Ende Januar d.J. reagierte die aussenpolitisch orientierte chinesische Zeitschrift “Shijie Zhishi” auf die Moskauer Vorwürfe. Unter anderem heisst es da: “Letzten Endes ist es ein zweckloses Unterfangen, objektive historische Tatsachen falsch auszulegen oder zu leugnen. Die Geschichte der chinesisch-russischen Beziehungen — einschliesslich der Grenzfrage — war stets ein Forschungs- und Diskussionsthema der chinesischen Historiker.
Unsere Wissenschaftler sind nicht nur dazu berufen, sondern sie haben das volle Recht, die diesen Vorgängen zugrunde liegenden Tatsachen objektiv und wissenschaftlich zu prüfen und zu klären.”
Die Sowjets nehmen in ihrem Grenzstreit mit Peking eine wenig beneidenswerte Position ein. Es lässt sich nicht in Abrede stellen, dass die Zarenregierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schwäche Chinas dazu missbraucht hat, durch eine Reihe den Chinesen aufgezwungene Verträge annähernd 1,5 Mill. Quadratkilometer chinesischen Territoriums faktisch zu annektieren.
Mit Recht weist Peking schon seit mehr als 20 Jahren darauf hin, dass Marx, Engels und auch Lenin die gegen China gerichtete aggressive Politik des zaristischen Russlands verurteilt haben.
In dem in der Zeitschrift “Shijie Zhishi” veröffentlichten Artikel wird sogar eine Stelle aus dem 1961 in Moskau erschienenen “Wörterbuch der diplomatischen Beziehungen” zitiert, in dem der im 19. Jahrhundert in Peking unterzeichnete chinesisch-russische Vertrag als “rechtlich anfechtbar” bezeichnet wird.
Peking sieht in dem Artikel des sowjetischen aussenpolitischen Wochenblattes einen verwerflichen Versuch, die aggressive Politik des Zarenreiches China gegenüber zu verteidigen. Niemand habe das Recht, heisst es da polemisch, den chinesischen Historikern die Wahl ihrer Studienthemen zu beschränken oder gar vorzuschreiben. Ein solches Verhalten verletze die Ehre und Würde des Sowjetvolkes.
Die sowjetisch-chinesische Polemik über Grenzfragen und die “ungleichen Verträge” des 19. und (Anfang des) 20. Jahrhunderts ist zweifellos ein heikles Thema. Peking betont schon jahrelang, dass die Regierung der Volksrepublik China keinerlei territorialen Ansprüche an die Sowjetunion stelle. Gleichzeitig hebt Peking hervor, dass es die Rückgabe des ehemals chinesischen Gebiets, das durch die “ungleichen Verträge” dem Zarenreiche einverleibt wurde, nicht fordere.
China sei nur an einer “theoretischen” Anerkennung historischer Tatsachen interessiert.
Schon deshalb schlage Peking eine allumfassende Lösung der Grenzfragen auf dem Wege friedlicher Verhandlungen, jedoch unter Berücksichtigung der China aufgezwungenen Verträge vor. Ein solcher Standpunkt entspräche sowohl den Interessen des sowjetischen als auch des chinesischen Volkes. Der Wunsch der Sowjets, die Beziehungen zu China zu normalisieren, sei durchaus begrüssenswert; jedoch sei die offene Unterstützung einer zaristischen.
Machtpolitik mit dem von Moskau vorgeschlagenen Normalisierungsprozess unvereinbar.
Der Kreml scheut sich seinerseits, rein “theoretisch” zuzugeben, dass 1,5 Millionen Quadratkilometer ehemaligen chinesischen Territoriums heute einen ansehnlichen Teil des sowjetischen Fernen Ostens ausmachen. Der Kreml befürchtet offensichtlich, dass die “wisssenschaftlich-theoretische” Anerkennung historischer Tatsachen Peking veranlassen könnte, die Rückgabe des von den Russen rechtswidrig erworbenen Territoriums zu fordern.
In anderen Fragen sowjetischer Aussenpolitik verhält sich die chinesische Presse neutral und objektiv. Die englischsprachige Wochenzeitung “Beijing Review” befasst sich recht sachlich mit der jüngsten Reise des sowjetischen Aussenminsters Andrej Gromyko nach Bonn.
In diesem Zusammenhang heisst es in dem Blatt: “Ende vergangenen Jahres liessen sich Meinungsunterschiede zwischen den Ländern Westeuropas und den Vereinigten Staaten über die Null-Lösung bei den Raketen-Abrüstungsverhandlungen in Genf beobachten. Moskau hielt die Situation für besonders geeignet, Zwietracht zwischen den NATO-Verbündeten zu säen und seine eigenen Positionen in Westeuropa zu stärken”.
Die chinesische Presse ist sichtlich bemüht, einen möglichst gleichen Abstand zu beiden Blöcken einzuhalten und gegenüber den komplizierten Beziehungen zwischen den beiden Supermächten eine betont kritische Haltung einzunehmen.
L.K.
[Aufbau Mar. 18, 1983. p.3]
30 Jahre nach Stalins Tod
Am 5. März 1953 starb der sowjetische Diktator Josef Stalin. Eine Epoche des Terrors und des Schreckens fand ein Ende. Obwohl der Tod des Tyrannen von zahlreichen Parteifunktionären und auch von irregeführten Sowjetbürgern betrauert und bejammert wurde, brachte dieses historische Ereignis Millionen politischer Häftlinge die langersehnte Freiheit. Die unter Stalin aberkannten Bürgerrechte der aus den Gefangnissen und Arbeitslagern entlassenen unschuldigen Sowjetbürger wurden 1955-1956 wiederhergestellt.
Doch noch grösser war die Zahl derjenigen Opfer des Stalinschen Terrors, die in den Lagern verhungert oder erfroren waren.
Chruschtschews Enthüllungen über Stalins Verbrechen, die euphemistisch als “Verletzung der sozialistischen Gesetzlichkeit” bezeichnet wurden, kündeten einen Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion an. Chruschtschews berühmte Rede auf dem 20. Parteikongress i.J. 1956 kam nicht nur für den Westen, sondern auch für die Sowjetbevölkerung völlig unerwartet. Chruschtschew hatte auf dem 20. Parteikongress auf das Vertrauen der Massen gesetzt.
1964 wurde Chruschtschew gestürzt und Leonid Breschnjew kam an die Macht. Der Königmacher Michail Suslow, der die Interessen der Stalinschen Parteielite verkörperte, fungierte hinter den Kulissen und brachte Nikita Chruschtschew zu Fall. Die stalinistisch orientierten Parteifunktionäre und die immer mächtiger werdenden Militärs unterstützten Breschnjew.
Eine der wichtigsten Funktionen Leonid Breschnjews bestand damals darin, den von Chruschtschew initiierten Destalinisierungsprozess zu stoppen, ohne jedoch die Beschlüsse des 20. Parteikongresses zu kompromittieren.
Bis Mitte der siebziger Jahre war die Breschnjew-Ära von Erfolg gekrönt. 1965-1975 betrugen die Wachstumsquoten der Sowjetwirtschaft sechs Prozent. Auch die Détente und der amerikanisch-sowjetische Handel förderten die Entwicklung der Sowjetwirtschaft. Dank den energischen Bemühungen des inzwischen verstorbenen Verteidigungsministers Marschall Gretschko wurde die sowjetische Aufrüstung vorangetrieben. Schon 1972 erkannte Präsident Nixon die UdSSR als gleichrangige Supermacht an.
Mitte der siebziger Jahre kam jedoch der Entwicklungstrend in der Sowjetunion zum Stillstand. Eine Stagnierung der Wirtschaft trat ein. Dir Geburtsquoten im westlichen Teil der UdSSR begannen zu sinken. Gleichzeitig liess sich ein rapider Geburtenzuwachs in Mittelasien und in Kaukasien beobachten. Der mohammedanische Bevölkerungsanteil ist in stetem Wachsen begriffen, während die Russen bis Ende des Jahrhunderts weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachen werden.
Ein Arbeitskraftmangel könnte schon gegen Ende der achtziger Jahre besonders akut werden. Schon heute weist die Energieversorgung einen Abwärtstrend auf. Besonders schlimm steht es um die Landwirtschaft, Leonid Breschnjew sah sich genötigt, Millionen Tonnen Getreide aus dem Westen einzuführen. Missernten in drei aufeinander folgenden Jahren haben die sowjetische Agrarkrise um ein Bedeutendes verschärft.
Breschnjew hat seinem Nachfolger Jurij Xndropow ein schweres Erbe hinterlassen. Moskaus Expansionspolitik, die zu dem kaum gewinnbaren Krieg in Afghanistan geführt hat, und die uneingeschränkte Aufrüstung werden auf Kosten der Sowjetbevölkerung betrieben. Die Aufrüstung und die Militarisierung der Wirtschaft hemmen die Entwicklung der Konsumgüterproduktion.
In den ersten Monaten der neuen Andropow-Ära besetzten Polizeiaufgebote Kaufhäuser, Kinos, Bierhallen u.a. Das Ziel dieser Razzien war die Festnahme all derjenigen, die sich gesetzeswidrig von ihrem Arbeitsplatz entfernt hatten.
Zu Breschnjews Zeiten war es gang und gäbe, dass Arbeiter und Angestellte während ihrer Arbeitszeit Lebensmittel einkauften (am Abend sind die Läden leer, fast sämtliche Waren sind schon vergriffen). Nicht selten kam es dazu, dass sich Industriearbeiter in ihrem Betrieb betranken. Davon kann ganz Russland ein Lied singen. Andropow bemüht sich, die Korruption und die mangelnde Arbeitsdisziplin durch Polizeimassnahmen auszumerzen. Der Erfolg dieser neuen Kampagne ist zurzeit durchaus problematisch.
Wäre es möglich, dass der ehemalige KGB-Chef Andropow — angesichts der wirtschaftlichen Sackgasse — eine Art Neostalinisierung einführen könnte? Obwohl Andropow rücksichtslos jeglichen Dissens unterdrückt (er hat sich mit den Finessen dieser “Kunst” 15 Jahre lang befasst), wird er heute mit potentiellen Sklavenarbeitern die Wirtschaftsprobleme der UdSSR nicht lösen können.
Stalin gelang es seinerzeit, die Industrialisierung mit Hilfe von Millionen Sklavenarbeitern voranzutreiben. Die damalige Sowjetwirtschaft war aber in struktureller Hinsicht recht primitiv und nur in geringem Mass spezialisiert. Andropow braucht heute vor allem technische und wirtschaftliche Facharbeiter und Experten. Enorme Kapitalinvestitionen sind vonnöten. Durch eine Rückkehr zum Stalinismus könnten diese Probleme nicht gelöst werden.
Offenbar hat Andropow seine Machtposition noch nicht genügend gefestigt. Nominell gibt es nicht einmal einen Präsidenten der UdSSR. Das Kräfteverhältnis im Politbüro liegt im dunkeln. Offiziell unterstützt der ehemalige Breschnjew-Günstling Tschernenko den neuen Parteichef. Niemand aber weiss, was im Kreml eigentlich vorgeht. Problematisch sind auch Andropows Beziehungen zur Armeespitze.
Andropows Kampf gegen Korruption und Schlamperei, seine Aufrufe zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, können selbstverständlich eine stabile Wirtschaftsentwicklung nicht gewährleisten. Nur Reformen, Dezentralisierung und eine Abkehr von der Bürokratisierung des Apparats könnten eine neue wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Die Unternehmen müssten von der zentralen Kontrolle befreit werden. Nur auf diese Weise könnten die Produzenten an einer Leistungssteigerung interessiert sein.
Wirtschaftsreformen in der UdSSR sind undenkbar ohne ein amerikanisch-sowjetisches Abrüstungsabkommen. Ein atomares Wettrüsten lässt sich mit Reformbestrebungen nicht vereinen. Eine ost-westliche Kompromissbereitschaft liegt im Interesse sowohl der 260 Millionen Sowjetbürger als auch der freien Welt.
L.K.
[Aufbau Mar. 25, 1983. p.7]
Alexander Sinowjews “Homo Sovieticus”
Eine Analyse der sowjetischen Mentalität
Alexander Sinowjew — noch vor einigen Jahren Professor für Logik und andere philosophische Sparten an der Moskauer Universität — lebt heute im Exil. Der Grund hierfür lag darin, dass er es riskierte, das Sowjetregime einer tiefgreifenden logischen Analyse zu unterziehen und hierdurch die Gesetzmässigkeiten der Existenz und des Funktionierens des Regimes blosszulegen.
In seinen im Westen erschienenen und in die meisten europäischen Sprachen übertragenen Werken “Die lichte Zukunft”, “Die klaffenden Höhen” u.a. erforscht Sinowjew auf höchst originelle Weise bisher nur wenig beachtete psychologische und soziologische Wesenszüge der Sowjetgesellschaft. Die Sowjets reagierten auf dieses “dreiste Unterfangen” des Regimekritikers schnell und resolut. Sinowjew wurde ins westliche Zwangsexil gedrängt. Heute lebt und wirkt er in München.
Sein jüngstes Werk, das bisher nur in der russischen Originalfassung erschienen ist, trägt den Titel “Homo Sovieticus” (Gomo sowetikus*).
“Homo Sovieticus” ist ein belletristisch-philosophisches Meisterwerk. Es darf angenommen werden, dass dieses jüngste Werk des Verfassers demnächst ins Deutsche, Englische und Französische übersetzt werden wird.
Das stilistische Genre des Buches ist nicht eindeutig. Seine philosophischen Betrachtungen sind mit Anekdoten, Denksprüchen und Aphorismen durchsetzt und bilden ein kompliziertes, wenn auch zuweilen widersprüchlich Ganzes.
Die Symbolfiguren des “Homo Sovieticus” leben in einer Grosstadt-Pension in der Bundesrepublik Deutschland. Figuren des Werkes sind fast ausschliesslich sowjetische Dissidenten. Es ist die Absicht des Verfassers, den Leser davon zu überzeugen, dass auch diesen Regimekritikern, die ihre Heimat verlassen haben, viele Wesenszüge der sowjetischen Mentalität anhaften.
In manchen Fällen offenbart sich die Sowjetnatur der im Buche dargestellten Emigranten ungeachtet der von ihnen kategorisch vertretenen antikommunistischen Ansichten. Sie beschuldigen sich gegenseitig, im Dienst des sowjetischen Geheimdienstes zu stehen. Nicht immer gelingt es dem Leser, die Frage zu klären, in welchem Geheimdienst die einzelnen Pensionsbewohner stehen. Auch die Namen der Personen sind symbolisch, wie z.B. “Zyniker”, “Enthusiast”, “Kritiker”, “Spöttler” u. dgl.
Die Erzählung wird in der Ich-Form vorgetragen. Sinowjew nimmt das Risiko auf sich, sich selbst mit Ironie zu behandeln. Die spöttisch betrachtete Ich-Figur ist die Zentralgestalt des “Homo Sovieticus”.
Während sich in Sinowjews früheren Werken die Handlung in der Sowjetunion (meist in Moskau) abspielt, wird hier das Leben im Exil dargestellt. In Sinowjews grotesker, satirischer Darstellung des Geschehens und des Denkens der Dissidenten offenbart sich — sowohl in getarnter als auch in ungetarnter Form — das Wesen des “Homosos” (Sinowjews Kürzel für “Homo Sovieticus”).
Zu den Eigenschaften des Sowjetmenschen (in der Heimat und im Exil) gehören nach Sinowjew: Selbstzufriedenheit und kategorische Rechthaberei, Ignorierung und Missachtung fremder Sitten, fremder Ansichten u.a.m. Hieraus ergibt sich eine kuriose Erscheinung. Die im Westen befindlichen sowjetischen Regimekritiker verachten den Westen und dessen Kultur. Leider beziehen sich diese Beobachtungen Sinowjews nicht nur auf die einzelnen Dissidenten, sondern auch auf breitere russische Emigrantenkreise.
Recht häufig heisst es da: “Der Westen hat nicht die geringste Ahnung vom Sowjetregime. Nur wir wissen, wie sich eine effektive antikommunistische Politik betreiben lässt”.
Sinowjews Pensionsbewohner lesen nicht Schriften westlicher Schriftsteller, besuchen keine westeuropäischen Museen. Höchstens wird irgendein “kitschiger” westlicher Film erwähnt. Es lässt sich annehmen, dass die den Film kritisierenden Gesprächspartner — wegen mangelnder Sprachkenntnis — gar nicht verstanden haben, worum es im Film ging. Die im “Homo Sovieticus” dargestellten Helden beurteilen den Westen, ohne ihn zu kennen, ohne die Sprache ihrer neuen Heimat ausreichend zu beherrschen.
Sinowjews “Homines Sovietici” sprechen verallgemeinernd voller Verachtung über die “inhaltsleere, verdummende westliche Kultur”.
In Sinowjews Darstellung ist die Arroganz des Sowjetmenschen mit einer ewigen, tiefsitzenden Angst durchaus vereinbar. Der sowjetische Exil-Gelehrte Michail Geller, der heute an der Pariser Sorbonne tätig ist, hat in diesem Zusammenhang in einer jüngst erschienenen Beilage des russischen Emigrantenblattes “La Pensee Russe” geschrieben: “In der Weltliteratur gibt es wohl kein zweites Werk, das die Angst des Sowjetmenschen so intensiv zum Ausdruck bringt.
Der ‘Homosos’ fürchtet sich im Westen vor den gleichen Dingen, die ihn in der Heimat ängstigten. Hinzu kommt aber eine neue Furcht — den ‘Homosos’ schrekken all die neuen Erscheinungen, die er in der Heimat nicht kannte”.
Unter den Ängsten des “Homo Sovieticus” zeigt der Verfasser die Furcht vor der Freiheit, vor der individuellen Entscheidung. Zuweilen empfindet der “Homosos” Heimweh. Voller Sehnsucht denkt er dann an das “sowjetische Kollektiv”, wo es weniger Probleme gab, da man ja selbst keine Entscheidungen zu treffen hatte. Alexander Sinowjews jüngstes Werk liefert einen wichtigen Beitrag zum tieferen Verständnis der sowjetischen Mentalität.
In dieser Hinsicht ist das Buch nicht nur von psychologisch-philosophischer, sondern auch von erstrangiger politischer Bedeutung.
L.K.
*) Alexander Sinowjew. “Gomo sowetikus” (russische Originalfassung). Verlagsanstalt L’Age d’Homme Lausanne 1982.
[Aufbau Apr. 1, 1983. p.3]
Neue Varianten der sowjetischen Judenpolitik
Die jüngsten Auslassungen der Sowjetpresse über Israel und Weltjudentum erwecken zunächst den Eindruck, es habe sich da gar nichts geändert.
Nach wie vor wird Zionismus dem Faschismus gleichgesetzt, nach wie vor wird der “Terrorist” Begin mit Hitler verglichen, und nach wie vor wird die israelische Armee beschuldigt, im Libanon-Feldzug Rassenmord begangen zu haben (dass die Mordtaten in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila von libanesischen Phalangisten begangen wurden, wird mit Stillschweigen übergangen).
Am 9. März d.J. veröffentlichte die Moskauer “Literaturnaja Gaseta” (Literaturzeitung) einen “Der dritte Partner” betitelten antizionistischen Artikel ihres Korrespondenten Caesar Solodar. In einem redaktionellen Vorspruch wird Meir Wilner, der Generalsekretär der moskaufreundlichen Kommunistischen Partei Israels, wie folgt zitiert: “Die Aggression Israels gegen den Libanon und die Palästinenser ist ihrem Wesen nach ein gemeinsamer israelisch-amerikanischer Krieg”.
Wer ist der “dritte Partner” in dem imperialistisch-zionistischen “Verschwörungsbund gegen den Frieden”? Solodar spricht da von den folgenden drei Partnern: den Zionisten Israels, dem amerikanischen Imperialismus und dem “internationalen Zionismus”, dessen Avantgarde angeblich die US-Zionisten bilden.
Während zur Zeit der amerikanisch-sowjetischen Détente die Attacken der Sowjetpresse hauptsächlich dem “internationalen Zionismus” und der “permanenten Aggression Israels” galten, heisst es heute — zu Beginn der Andropow-Ära — , dass sowohl die israelischen Zionisten als auch der internationale Zionismus nichts weiter als Handlanger des US-Imperialismus seien.
Solodars Hetzschrift befasst sich unmittelbar mit Problemen des internationalen Zionismus, dem “dritten Partner”. Dem Sowjetjournalisten zufolge ist der internationale Zionismus ein “treuer Verbündeter des amerikanischen Imperialismus”. Ein völlig neues Element der Sowjetpropaganda Andropowscher Prägung ist die Gegenüberstellung der “guten, werktätigen Juden” und der Zionisten, die “im Solde des US-Imperialismus stehen”.
Caesar Solodar hebt in seinem Artikel mehrfach hervor, dass Hunderttausende amerikanischer Juden, Tausende in Frankreich und der Bundesrepublik Begin kritisch gegenüberstehen und den Libanon-Feldzug aufs schärfste verurteilen: “Während Hunderttausende amerikanischer Juden über das Gemetzel in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila erschüttert sind und Begin und seine Clique auffordern, die israelischen Truppen aus dem Libanon zurückzuziehen, sind die amerikanisch-jüdischen Millionäre nicht gewillt, ihre Finanzhilfe, die den politischen Kurs Menachem Begins überhaupt erst möglich macht, zu vermindern.
Amerikanisches Kapital fliesst nach wie vor der israelischen Rüstungsindustrie zu”.
Solodar unterschlägt dabei die äusserst wichtige Tatsache, dass es heute in den USA finanziell und politisch einflussreiche Kräfte gibt, die gegen Israel und proarabisch eingestellt sind: Im US-Kongress besteht eine durchaus ernst zu nehmende proarabische Lobby und grosse Industriekonzerne sind fast ausschliesslich auf den Handel mit arabisehen Ländern, Israels Erzfeinden, ausgerichtet.
Jede objektive Betrachtung der faktischen Lage müsste die Sowjets davon abhalten, von einer “unheildrohenden amerikanisch-zionistischen Allianz” zu reden. Was bezweckt die neue Taktik der sowjetischen Propaganda unter Andropow?
Offensichtlich soll der antizionistische Kurs noch weiter verschärft werden. Gleichzeitig ist die Sowjetpropaganda sichtlich bemüht, der These Lenins, der zufolge man zwischen werktätigen Juden und der “jüdischen Ausbeuterklasse” unterscheiden müsse, neues Leben einzuhauchen.
Die Verlogenheit der angeblichen Renaissance eines wahren “Leninismus” in der UdSSR offenbart sich jedoch darin, dass auch in den jüngsten Artikeln der Sowjetpresse zwar von Juden die Rede ist, in Klammern aber das Wort “Zionist” erscheint. In der Breschnjew-Ära bediente sich die Sowjetpresse eines anderen Tricks. Die sowjetischen Zeitungen attackierten die Zionisten, meinten aber damit die Juden schlechtweg. Der Unterschied zwischen beiden propagandistischen Spielarten ist minimal.
Warum aber figurieren heute in der Sowjetpresse — faktisch zum erstenmal seit 25 Jahren — “werktätige Juden, die gegen die Politik des Judenstaates” protestieren? Vor allem ist das ein Versuch des Kremls, einen Keil zwischen Israel und die Juden der Diaspora zu treiben. Ferner wird durch den Hinweis auf die “guten Juden”, die sich dem Begin-Kurs widersetzen, der westliche Vorwurf, der sowjetische Antisemitismus werde von oben geschürt, abgeschwächt.
Schliesslich glaubt der Kreml, auf diese Weise die nötigen psychologischen Voraussetzungen für eine Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen mit Israel im Falle der Bildung einer Labor-Regierung zu schaffen.
Offensichtlich versucht Jurij Andropow, durch derartige Propagandatricks im Westen den Eindruck zu erwecken, dass es in der UdSSR keinerlei antisemitischen Diskriminationen geben könne. Leider sieht die Wirklichkeit anders aus (Unterdrückung der jüdischen Kultur, erhebliche Komplikationen bei der Immatrikulierung jüdischer Studenten u.a.m.).
L.K.
[Aufbau Apr. 8, 1983. p.3]
Andropows unerwarteter Schachzug
Gründung eines jüdischen antizionistischen Komitees in Moskau
Fast unmittelbar nach Abschluss der im März d.J. in Jerusalem abgehaltenen 3. Weltkonferenz für die Juden der UdSSR reagierte der Kreml auf den Appell der Konferenzteilnehmer um Wiederaufnahme der Repatriierung nach Israel und um Einstellung der “von der Sowjet-Regierung verfügten Kampagne des Antisemitismus und des Hasses gegen das jüdische Volk” auf recht unerwartete Weise: TASS und Prawda veröffentlichten ein von acht prominenten Sowjetjuden unterzeichnetes antizionistisches Manifest.
Die acht Juden sind Begründer eines von der Sowjetregierung initiierten antizionistischen Komitees, das von Generaloberst David Dragunsky geleitet wird. Die übrigen sieben Mitglieder des antizionistischen Ausschusses sind sozusagen “Hofjuden” des Kremls.
Die Teilnehmer an der Jerusalemer Konferenz liessen sich von dem Gedanken leiten, dass die erste Brüsseler Weltkonferenz für Juden in der UdSSR eine Massenemigration der Juden aus der Sowjetunion einleitete. Hierbei liessen die Organisatoren des Jerusalemer Treffens völlig ausser acht, dass sich inzwischen die amerikanisch-sowjetischen Beziehungen beträchtlich verschlechtert hatten.
In seinem unlängst veröffentlichten Buch “Dangerous Relations” weist der HarvardSowjetologe Adam Ulam darauf hin, dass die Détente keineswegs “ein diabolischer Sowjet-Trick” war, mit dem die USA in eine Falle gelockt werden sollte. Prof.
Ulams Analyse zufolge war Moskau an einer amerikanisch-sowjetischen Détente hauptsächlich aus folgenden drei Gründen interessiert: 1) Verhinderung einer amerikanischchinesischen Annäherung; 2) Erwerbung amerikanischer Technologie und der hierfür nötigen Kredite, wodurch riskante Wirtschaftsreformen in der UdSSR vermieden werden konnten; 3) Erzielung von amerikanisch-sowjetischen Rüstungskontrollabkommen zur Verhütung eines nuklearen Wettrüstens.
Adam Ulam beleuchtet treffend die sowjetischen Motive bei der Aufnahme der Détente-Politik. Nur im Lichte dieser Beweggründe lässt sich das Phänomen der sowjetjüdischen Massenauswanderung verstehen. Eeine amerikanisch-sowjetische Entspannung ist die Voraussetzung für eine Verbesserung der Lage der Juden in der UdSSR und eine Erneuerung der “Familienzusammenführung” grösseren Masstabes. Das Klima eines neuen kalten Krieges bedroht unmittelbar auch die Sowjetjuden.
Vertreter des Weltjudentums, die glauben, dass die erste im Februar 1971 in Brüssel abgehaltene Weltkonferenz für die Massenemigration der Sowjetjuden von ausschlaggebender Bedeutung war, begreifen nicht die Wechselbeziehungen zwischen sowjetischer Aussen- und Innenpolitik. Aufrufe und Proteste des Weltjudentums können in Moskau nur dann auf günstigen Boden fallen, wenn eine allgemeine westöstliche Entspannung besteht.
Einer der wenigen, die die Aktionen und Motive des Kremls realistisch eingeschätzt haben, war Henry Kissinger. Ihm zufolge ist Moskau gegenüber eine Peitschen- und Zukkerbrot-Politik vonnöten. Richard Nixon und Henry Kissinger brachten Anfang und Mitte der siebziger Jahre die amerikanisch-sowjetische Détente zustande.
Nur dank dem “amerikanischen Zuckerbrot” (Anerkennung der strategischen Parität der UdSSR durch Präsident Nixon, intensive Handelsbeziehungen zwischen beiden Supermächten u.a.m.) durften 270.000 Sowjetjuden auswandern.
Präsident Reagan und Jeane Kirkpatrick, die als Repräsentantin des US-Präsidenten an der Jerusalemer Konferenz teilnahm, nehmen sichtlich an, Moskau gegenüber sei eine einseitige “Peitschenpolitik” (ohne amerikanisches “Zuckerbrot”) besonders wirkungsvoll.
Schon 1974 konnte man sich von dem Fiasko unrealistischer Forderungen im Dialog mit Moskau überzeugen. Damals lehnten die Sowjets ein ihnen von Washington offeriertes Handelsabkommen mit der Begründung ab, das Jackson-Vanik-Amendment postuliere “freie Auswanderung aus der UdSSR”. Der vorsichtige Kissinger verhielt sich diesem Amdendment gegenüber ausgesprochen skeptisch. In inoffiziellen amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen waren die Sowjets bereit, alljährlich 60.000 Juden auswandern zu lassen.
Die Sowjets hatten jedoch für ihr Zugeständnis einen Milliardenbetrag erwartet.
Die Annahme, der Kreml werde sich schriftlich dazu verpflichten, eine freie Emigration zu gestatten, war naiv und völlig unrealistisch (nicht weniger unrealistisch, als es z.B. die Forderung nach Abschaffung der sowjetischen Zensur gewesen wäre).
Als der Kreml 1979 wieder hoffte, der US-Kongress werde nicht nur China, sondern auch der UdSSR den Meistbegünstigungs-Status gewähren, durften über 50.000 Juden die UdSSR verlassen.
Juri Andropow hat auf die Appelle der Jerusalemer Weltkonferenz — vom KremlStandpunkt aus — geschickt reagiert. Die Gründung eines jüdischen antizionistischen Komitees in der UdSSR leitet eine neue Phase der Geschichte der Sowjetjuden ein. Zurzeit lässt sich kaum voraussagen, welche praktischen Folgen das in der Prawda veröffentlichte Manifest der “sowjetjüdischen Antizionisten” und die Bildung eines antizionistischen Ausschusses haben werden.
Wahrscheinlich ist es der Auftakt zu unerfreulichen Ereignissen.
Seit Gründung des jüdischen antifaschistischen Komitees während des Zweiten Weltkrieges (die meisten Mitglieder des Komitees fielen dem Stalinschen Terror zum Opfer) ist die Schaffung eines sowjetjüdisehen antizionistischen Komitees die erste staatlich geförderte jüdische Assoziation in der UdSSR. Das von den acht “Hofjuden’ geleitete Komitee wird wohl kaum dazu beitragen, die Lage der Sowjetjuden zu erleichtern, geschweige denn die sowjetjüdische Auswanderung zu fördern.
Zweifellos Werden jedoch die Sowjets die Situation propagandistisch ausschlachten. Die westlichen kommunistischen Parteien werden gegen die Gründung eines “jüdischen” antizionistischen Ausschusses voraussichtlich nicht protestieren.
Andropow ist in dieser Beziehung bedeutend schlauer als sein Vorgänger Breschnjew. Ein seit Ende der vierziger Jahre geplantes jiddisches Wörterbuch soll demnächst in Moskau erscheinen. Als Gegenstück zum Hebräischen wird neuerdings in der UdSSR Jiddisch akzentuiert. Auf diese Weise hofft der Kreml, Hinweisen auf das Bestehen einer jüdischen Frage entgegentreten zu können.
Eine Besserung der Lage der Sowjetjuden und neue Auswanderungsmöglichkeiten hängen in erster Linie von dem Stand der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen ab. Wer am Schicksal der Sowjetjuden ernsthaft interessiert ist, müsste somit bereit sein, zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Washington und Moskau beizutragen. Ein neuer kalter Krieg kommt niemandem zugute.
L.K.
[Aufbau Apr. 22, 1983. p.7]
Westliche Illusioner und sowjetische Tatsachen
Der britische Dokumentarfilm “Ten Days That Shook the World”, der auch vom amerikanischen Fernsehen übernommen wurde, unterstreicht überzeugend Lenins meisterhafte, bis ins kleinste Detail genau berechnete revolutionäre Taktik, die die proletarische Oktoberrevolution in Russland ermöglichte. Dem demokratisch gesinnten Idealisten Alexander Kerenskij, der im Juli 1917 zum Ministerpräsidenten der provisorischen Regierung ernannt wurde, hingegen fehlte das taktische Können.
In den entscheidenden Monaten nach dem Sturz des Zaren waren Kerenskij und seine Freunde dem rücksichtslosen Realpolitiker Wladimir Lenin unterlegen.
Kurz nach dem Sieg der Oktoberrevolution und in den Jahren des Bürgerkriegs in Russland (1918-1920) war es durchaus, verständlich, dass führende Staatsmänner der USA, Englands und Frankreichs an der Stabilität der Sowjetmacht zweifelten und auf ein baldiges Ende der von den Bolschewisten ausgeübten “Diktatur des Proletariats” hofften.
Ungeachtet zahlreicher illusionärer Voraussagen seitens prominenter westlicher Politiker, Sowjetologen und russischer Exil-Theoretiker besteht jedoch die Sowjetmacht schon seit über 65 Jahren. In den letzten 15-18 Jahren ist es der UdSSR sogar gelungen, zu einer Supermacht zu werden, die strategische Parität mit den Vereinigten Staaten erreicht hat. Wenn führende westliche Staatsmänner heute das baldige Debakel des Sowjetimperiums prophezeien, lässt das auf einen Mangel an Realitätssinn schliessen.
Obwohl der Wunsch zweifellos häufig der Vater des Gedankens ist, wirken sich derartige Illusionen störend auf die Effektivität der amerikanischen Politik gegenüber Moskau aus. Präsident Reagans Rede vor dem britischen Parlament am Juni 1982, in der er (angesichts der polnischen Krise) den Sturz des Sowjetregimes voraussagte, lässt darauf schliessen, dass Ronald Reagan und seine aussenpolitische Berater über das Wesen der Sowjetmacht und die Geschichte der Sowjetunion nur unzulänglich informiert sind.
Sie berücksichtigen offenbar nicht die unbestreitbare Tatsache, dass es den Kremlherren im Verlauf von mehr als 60 Jahren gelungen ist, Lenins taktische Lehren über die “Konsolidierung der Sowjetmacht” zu verwirklichen.
Obwohl sich in der Geschichte der UdSSR verschiedene Perioden (Kriegskommunismus, Stalinismus, Chruschtschews “Tauwetter”, Globalpolitik unter Breschnjew und die neue Andropow-Ära) erkennen lassen, ist Lenins Vermächtnis — kompromisslose Machtausübung durch den Kreml — nie in Frage gestellt worden.
Seit Anfang der fünfziger Jahre gehört die Situation in Osteuropa zu den konstanten Sorgen der Sowjetführung. Rebellionen oder “Unbotmässigkeiten” lösten sich in den meisten Satellitenländern gegenseitig ab (1953 in Ost-Berlin, 1956 in Ungarn, “Prager Frühling” d.J. 1968 und schliesslich die polnische “Solidaritäts”-Bewegung seit August 1980). In der DDR und in Ungarn setzten die Sowjets — zur blutigen Niederschlagung der Aufstände — ihre eigenen Truppen ein.
Um dem Prager Reformsozialismus ein Ende zu bereiten, hielt es Moskau für erforderlich — aufgrund der sog. “Breschnjew-Doktrin” — zusammen mit den Streitkräften von vier anderen Warschau-Pakt-Ländern (DDR, Bulgarien, Ungarn und Polen) die Tschechoslowakei zu besetzen.
Als 1980-1981 in Polen die Zahl der “Solidaritäts”-Mitglieder etwa 10 Millionen erreichte und viele westliche Kremlinologen eine sowjetische Invasion Polens für unvermeidlich hielten, griff der Kreml zu einer neuen Taktik — Unterdrückung der polnischen Arbeiterbewegung durch die Schaffung der polnischen Militärjunta General Jaruzelskis.
Nachdem die Hoffnung der ungarischen Insurgenten auf wirksame Hilfe seitens des Westens sich als bittere Illusion erwiesen hatte, bestand für die Kremlführung kein Zweifel, dass sie in Osteuropa nach eigenem Ermessen schalten und walten könne. Eine eindeutige Bestätigung dieser Erkenntnis lieferte die Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki, in der die sowjetischen Nachkriegsgrenzen in Osteuropa international anerkannt wurden.
Die Sowjetführung unternahm weder in der Tschechoslowakei noch in Polen übereilte Aktionen. Die Meistertaktiker des Kremls liessen sich Zeit, um eine “optimale” Handlungsweise für jede gegebene Situation zu erarbeiten. Im Gegensatz zu der taktischen Bedachtsamkeit des Kremls hatten es sowohl die Prager Reformpolitiker als auch die Führer der polnischen “Solidaritäts”-Bewegung allzu eilig.
In ihrem menschlich und psychologisch verständlichen Eifer begingen sie eine Reihe von schweren taktischen Fehlern: So kam es in der Tschechoslowakei trotz vielfacher moskautreuer Erklärungen des Dubcek-Regimes zu einer Reihe von unvorsichtigen Aktionen (die Veröffentlichung der “2000 Worte”, worin die Abschaffung der Zensur gefordert wurde; unverhohlen antisowjetische Äusserungen der mit Dubcek verbündeten Reformpolitiker u.a.m.).
Die Prager Enthusiasten waren der sowjetischen Führung in taktischer Hinsicht nicht gewachsen.
Auch in Polen, wo die “Solidaritäts”-Bewegung offiziell schon anerkannt worden war, kam es kurz vor der Verkündung des Kriegsrechts zu unbedachten antisowjetischen Auslassungen und zur Veröffentlichung einer Reihe von Schriften, die den Kreml in höchste Unruhe versetzten. Lech Walesa war nicht imstande, die Hitzköpfe in der Bewegung im Zaum zu halten; dazu war es auch zu spät, denn Ende 1981 hatte Moskau seine Entscheidung schon getroffen.
Im Ostblock bildet Janosch Kadar eine Ausnahme. Weil er als Taktiker den Sowjetführern ebenbürtig ist, ist es ihm gelungen, seine Reformpolitik in die Tat umzusetzen.
Sowjetemigranten der jüngsten Zeit, unter denen sich Soziologen, Historiker und Publizisten finden, haben es (mit Ausnahme des Schriftsteller Alexander Sinowjew) dem Westen nicht leichter gemacht, sein Verständnis der Kremlpolitik zu vertiefen und zu vervollkommnen. Der Nobelpreisträger Alexander Solschenitsyn kritisiert den westlichen Pluralismus und strebt in Russland die Schaffung einer religiös-autoritären Gesellschaft an.
Und der vor einigen Jahren bei einem Autounfall umgekommene bekannte russische Regimekritiker Andrej Amalrik bestand darauf, dass ein sowjetisch-chinesischer Krieg unvermeidlich sei. In seiner vielbeachteten Schrift “Wird die Sowjetunion 1984 noch existieren?” prophezeite Amalrik den Untergang des Sowjetimperiums. Auch diese Voraussage war auf Sand gebaut.
Zweifellos stimmen die Berichte westlicher Korrespondenten über die ständigen Warenknappheiten und andere Wirtschaftsschwierigkeiten in der UdSSR. Trotz des relativ niedrigen Lebensstandards der Sowejtbürger ist nicht zu übersehen, dass es in der UdSSR keinen Hunger gibt und dass beispielsweise Bildung und die gesundheitliche Betreuung dem Sowejtbürger kostenlos geliefert werden.
Dass es dem Kreml bisher stets gelungen ist, mit seiner permanenten Wirtschaftsmisere (oft mit westlicher Hilfe) fertig zu werden, sollte den Westen veranlassen, eine realistische, illusionsfreie Vorstellung von der UdSSR zu entwickeln.
L.K.
[Aufbau. May. 20, 1983. p.8]
Gibt es eine “russische Mafia” in den US
Immer mehr amerikanische Zeitungen bringen sensationelle Berichte über ein angeblich weitverbreitetes Netz sowjetjüdischer Mafia-Banden in den Vereinigten Staaten. Die Atmosphäre eines zweiten Kalten Kriegs hat dazu beigetragen, einzelne schwere Verbrechen, die jüngst von Sowjetimmigranten begangen wurden, aufzubauschen und die etwa 100.000 in den letzten 5-10 Jahren nach den USA eingewanderten “Russen” schlechtweg zu verunglimpfen.
Den Auftakt zu dieser gegen sowjetjüdische Immigranten gerichteten Hetzkampagne hat Devill Gates gegeben, der Polizeichef von Los Angeles. Auf einer Pressekonferenz gab Gates der Befürchtung Ausdruck, die Olympischen Sommerspiele 1984, die bekanntlich in Los Angeles stattfinden werden, stünden in Gefahr, von “sowjetischen Agenten” torpediert zu werden. Herr Gates machte kein Hehl daraus, wen er als “Kreml-Agenten” betrachte.
Seiner Meinung nach habe Moskau die Massenauswanderung aus der UdSSR dazu benutzt, eine “russische Mafia” einzuschleusen (selbstverständlich sprach der kalifornische Polizeichef nicht von Juden, sondern von “Russen”; doch ist es eine allgemein bekannte Tatsache, dass seit 1972 die Auswanderer aus der UdSSR fast durchweg Juden sind). Gates teilte den Korrespondenten kalifornischer Zeitungen mit, die “russische Mafia” habe sich in Brighton Beach (Brooklyn) und in Los Angeles eingenistet.
Allein in Los Angeles gebe es unter den Sowjetimmigranten — Gates zufolge — 20 Kriminelle (Mörder, Diebe, Hochstapler usw.).
Das Interview des Polizechefs von Los Angeles wirbelte im ganzen Land viel Staub auf. Donald Halperin, New Yorker Staatssenator in Albany, sandte ein Protestschreiben an den damaligen Aussenminister Alexander Haig. Andrej Sedych, Chefredakteur der in New York erscheinenden russischsprachigen Tageszeitung “Novoye Russkoye Slovo”, veröffentlichte einen Artikel, in dem er sich gegen unbegründete Verallgemeinerungen wandte, die darauf abzielten, die etwa 100.000 Flüchtlinge aus der UdSSR in Verruf zu bringen.
Hierbei stellte Andrej Sedych, der selber jüdischer Herkunft und einer der Ehrenvorsitzenden der philanthropischen Organisation ORT ist, keineswegs in Abrede, dass der sowjetische Sicherheitsdienst, der KGB, höchstwahrscheinlich einzelne Agenten in die USA (sowie nach Israel) engeschleust habe. Sedychs Artikel wurde ins Englische übersetzt und Jerry Brown, dem damaligen Gouverneur des Bundesstaates Kalifornien, übersandt.
Die Gerüchte über eine “russische Mafia” wurden in Kalifornien gestoppt; Gates begriff, dass er durch seine Sensationshascherei über die Stränge geschlagen hatte. Er unternahm den ungeschickten Versuch, seine Worte über eine womögliche “Torpedierung” der Sommer-1984-Olympiade zu bagatellisieren. Man habe ihn nicht recht verstanden. “Natürlich” hätte er nur einzelne Personen, nicht aber die gesamten sowjetjüdischen Einwanderer im Auge gehabt.
Übrigens sei hier vermerkt, dass die von Gates erwähnten zwanzig Verbrecher sich als unauffindbar erwiesen — es wurde keine einzige Verhaftung vorgenommen, keiner der angeblichen sowjetjüdischen Verbrecher wurde vor Gericht gestellt. Gates sah sich schliesslich genötigt, sich öffentlich zu entschuldigen.
Doch das fatale Wort von der “russischen Mafia” war schon gefallen. Im Februar d.J. veröffentlichte die “New York Times” einen Text über eine angeblich in Brighton Beach (Brooklyn, N.Y.) ihr Handwerk betreibende “russische Maifa”. Der Korrespondent der “Times” stützte sich in seiner Reportage auf ein Gespräch mit einem FBI-Offizier namens Murphy und einem örtlichen Polizisten, der angeblich der russischen Sprache kundig ist.
In Brighton Beach, behauptete Herr Murphy, gebe es etwa 200 aus der UdSSR stammende kriminelle Elemente unter den zirka 25.000 dort ansässigen sowjetjüdischen Flüchtlingen. Der FBI-Mann weigerte sich, irgendwelche Namen zu nennen, da sich die Fälle zurzeit im Untersuchungsstadium befänden. Es handle sich zuweilen um schwere Verbrechen. Genaue Tatbestände liessen sich bisher nicht nachweisen. Wie dem auch sei, 200 Kriminalfälle unter einer Gesamtbevölkerung von 25.000 machen nur 0,8 Prozent aus.
So ein Prozentsatz ist bedeutend geringer als die allamerikanische Verbrechensquote. In der “New York Times” figurierte nur ein Name — Jurij Brochin. Am 5. Dezember 1983 wurde Brochin in seiner Manhattaner Wohnung tot aufgefunden. Er war Verfasser zweier ins Englische übersetzter Bücher (über den Hintergrund der sowjetischen Sporterfolge sowie über die Moskauer Verbrecherwelt).
Einige Monate zuvor war Tanja, Brochins Gattin, in der Badewanne ihrer Wohnung ertrunken (sie wurde in der Wanne voll bekleidet aufgefunden). Sowohl Tanja Brochins seltsamer Tod als auch die Ermordung ihres Gatten sind bisher ein Rätsel geblieben. Es liegen Berichte vor, dass Brochin Rauschgifthandel betrieben habe. Sein bisher unbekannt gebliebener Mörder hat 15.000 Dollar, die sich in einer auf dem Schreibtisch stehenden Schachtel befanden, liegenlassen. Die Art der Schusswunde schliesst Selbstmord aus.
Die Polizei nimmt an, es handle sich entweder um einen Racheakt oder um das Interesse gewisser Kreise an der Liquidierung eines allzu gut informierten Immigranten, dessen sensationelle Bücher ins Englische übersetzt worden waren.
Das Schlagwort “russische Mafia” liess auch anderen Zeitungen keine Ruhe. Die Massenmedien hatten Lunte gerochen. Am 24. April griff der “Philadelphia Inquirer” das Thema auf. In seiner Sonntagsbeilage machte ein auf Seite 1 veröffentlichter Artikel, der “A Criminal Element Emerges Amidst Soviet Immigrants” betitelt war, Schlagzeilen. In Philadelphia sind etwa 7.000-10.000 Sowjetjuden ansässig. Sie leben hauptsächlich im Nordosten der Stadt.
Die Polizei war in Philadelphia bedeutend vorsichtiger als Herr Gates aus Los Angeles. Laut Angaben John Gallos, eines örtlichen Detektivs, der einer Korrespondentin des “Philadelphia Inquirer” ein Interview gewährte, ist die überwiegende Mehrzahl der in der Stadt wohnenden Sowjetimmigranten ehrlich und arbeitsam, und verstösst nicht gegen die Gesetze ihrer neuen Heimat. Immerhin wurden in den letzten drei Jahren etwa 200-250 Verhaftungen vorgenommen. Es handelte sich hierbei um solche Delikte wie z.B.
Diebstahl in Warenhäusern, Schlägereien, Automobilfahrten in betrunkenem Zustand u.a. In 20 Fällen wurden jedoch den Angeklagten schwere Verbrechen zur Last gelegt (Raubüberfall, Brandstiftung, Vergewaltigung, Warenankauf mittels gestohlener Kreditkarten).
Nach Ansicht John Gallos kursieren zwischen Brooklyn und Philadelphia etwa 50 Berufsverbrecher. Der “Philadelphia Inquirer” hat sich nicht damit begnügt, über die nackten Tatsachen zu berichten. Der Ton des Artikels vom 24. April ist durchaus giftig. Die Reportage ist nicht nur gegen die zwanzig Berufsverbrecher aus der UdSSR, sondern indirekt gegen die sowjetjüdische Gemeinschaft in Philadelphia gerichtet.
Es wird ausführlich über Vorfälle berichtet, wobei es sich immer wieder herausstellt, dass man vor den “Russen” auf der Hut sein müsse.
Das Monatsblatt “The Philadelphia Journal” wollte bei der sensationslustigen Hetze gegen die Sowjetimmigranten nicht im Rückstand bleiben. Im Mai-Heft dieser Zeitschrift erschien ein von Mike Mallow verfasster Artikel, der “From Russia with Guns” betitelt war. Genannte Zeitschrift bricht alle Rekorde unfairer Sensationslust. Mallow behauptet, ein gewisser Bandit namens Malina sei Chef der “russischen Mafia” in Philadelphia.
Das “Journal” der Millionenstadt des Bundesstaats Pennsylvania hat die “Dichtung und Wahrheit” sämtlicher anderer Blätter in puncto “Russische Mafia” bei weitem überflügelt. Malina (buchstäblich “Himbeere” — wahrscheinlich ein Deckname) sei ein gefürchteter Terrorist, dessen unmittelbare Aufgabe es sei, die Olympischen Sommerspiele 1984 zum Scheitern zu bringen. Malina und seine Bandenmitglieder sprechen nicht nur ein entsetzliches Englisch, schreibt das Monatsblatt, sondern “riechen auch wie Russen”.
Kommentare sind kaum erforderlich.
Die beiden in Philadelphia erschienenen Artikel hatten höchst unerwünschte Folgen. Herr Winokurow, Direktor eines Klubs für sowjetjüdische Neuankömmlinge in Philadelphia, berichtet: “Die Einwanderer aus der UdSSR sind — nach Veröffentlichung beider Artikel — zu wahren Parias geworden. So z.B. wollten russische Immigranten eine Wohnung mieten. Sobald der Hauswirt herausfand, dass die Unglücklichen aus der UdSSR stammten, weigerte er sich kategorisch, das Gespräch fortzuführen.
Er wies das junge Paar aus dem Haus. In einer Lebensmittelhandlung wurde eine Sowjetjüdin gefragt, ob sie aus Russland komme. Nichtsahnend, bejahte die Frau die Frage. Darauf schrie der Ladenbesitzer sie an: “Raus von hier! Mit Russen habe ich nichts gemein”.
Tausende ehrliche, anständige sowjetjüdische Flüchtlinge fühlen sich — der beiden Artikel wegen — gejagt und gehetzt. Der schon erwähnte Chefredakteur Andrej Sedych schrieb dazu noch: “Brighton Beach ist ein Stadtviertel mit einer 25.000köpfigen sowjetjüdischen Flüchtlingsbevölkerung. Ich möchte nichts idealisieren. Nicht jeder Immigrant aus der UdSSR ist ein Freiheitskämpfer. Ich bin davon überzeugt, dass es in Brighton Beach und anderorts hierzulande einzelne KGB-Agenten gibt.
Aber in jeder amerikanischen Stadt (und in jedem Stadtteil), wo die Bevölkerung 25.000 Personen beträgt, ist die Mehrzahl der Bürger ehrlich und arbeitsam, aber in den gleichen Städten treiben auch Diebe und Gauner ihr dunkles Handwerk. In jeder amerikanischen Stadtgemeinde mit einer annähernd gleichen Bevölkerungszahl wird es wahrscheinlich 1-2 Mörder geben. Es mangelt auch nicht an Wahnsinnigen und Trunk- und Rauschgiftsüchtigen”.
Andrej Sedych hat taktvoll ausser acht gelassen, dass die infolge des neuen Kalten Kriegs entstandene “Reds-under-the-Beds”-Hysterie einen günstigen Nährboden für derartige Kampagnen bildet.
L.K.
[Aufbau Jun. 3, 1983. p.6]
Kraft des Geistes: Schtscharanskys neueste Briefe
Der sowjetische Aktivist und Menschenrechtler Anatolij Schtscharansky, der wegen angeblichen “Hochverrats” zu einer dreizehnjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist, beendete zu Beginn des laufenden Jahres einen 110 Tage langen Hungerstreik. Selbstverständlich ist Schtscharanskys Gesundheitszustand besorgniserregend. Er hat Herzschmerzen und ist nicht imstande, an den täglichen Spaziergängen der Häftlinge im Gefängnishof teilzunehmen.
Die Schmerzen in der Brust- und Herzgegend verstärken sich nach jeglicher körperlichen Betätigung.
Das Urteil im Schtscharansky-Prozess war darauf abgezielt, die damals in stetem Wachsen begriffene Auswanderungsbewegung der Sowjetjuden zu bremsen. Ausserdem erachtete es der Kreml für notwendig, Präsident Carter vor Augen zu fuhren, dass seine Menschenrechtskampagne in der UdSSR ihr Ziel nicht erreichen würde. Der sowjetische Sicherheitsdienst, der KGB, war auf der Suche nach einem passenden Opfer. Schtscharanskys einzige “Sünde” war sein Wunsch, nach Israel auszuwandern.
Aber im Gegensatz zu vielen anderen auswanderungswilligen Sowjetjuden, die nach ihrem Ersuchen um ein Ausreisevisum ständig auf der Hut waren, mangelte es Anatolij an taktischer Umsicht. Er vertraute dem Arzt Sanja Lipawsky, der sein Wohnungsnachbar war. In ihren häufigen Gesprächen richtete Lipawsky an Anatolij provokatorische Fragen. Erst später stellte es sich heraus, dass Lipawsky ein KGB-Agent war. Am 15.
März 1977 erschien in der sowjetischen Regierungszeitung “Iswestija” ein von Lipawsky verfasster Brief, der als Auftakt zum Schtscharansky-Prozess diente.
Mehrere Wochen vor Schtscharanskys Verhaftung traf sich der sowjetjüdische Aktivist mehrmals mit dem Moskauer Korrespondenten der “Los Angeles Times” Robert Toth. Der amerikanische Journalist wurde für mehrere Tage in Haft genommen. Seine Frist als Korrespondent der US-Zeitung war soeben abgelaufen. Die KGB-Leute, die ihn verhörten, drohten ihm an, er und seine Familie würden nicht heimkehren dürfen, falls er sich weigern sollte, zahlreiche in russischer Sprache verfasste Dokumente zu unterschreiben.
Toth, der die russische Sprache kaum beherrschte, unterzeichnete samtliche Papiere und durfte nach den USA abreisen. Dadurch hatte er es dem KGB wesentlich erleichtert, das aus der Luft gegriffene Anklagematerial gegen Schtscharansky formell zu begründen. Die von Toth unterschriebenen Papiere figurierten während des Prozesses als Belastungsmaterial gegen Anatolij Schtscharansky.
Warum trat Schtscharansky im Herbst 1982 in einen weit über drei Monate währenden Hungerstreik? Es war seine einzige Waffe gegen die Willkür des KGB, der den Briefwechsel mit seinen Angehörigen (Mutter und Bruder) in Moskau unterbrochen und ihn der den Häftlingen zustehenden Verwandtschaftsbesuche beraubt hatte (schon 17 Monate lang werden Anatolijs Verwandte nicht zu ihm zugelassen).
Doch dank seiner Willenskraft, die ihm half, einen hundertzehntägigen Hungerstreik auszuhalten, erwirkte er es, dass die Gefängnis Verwaltung es ihm erlaubte, den Briefwechsel mit seinen Moskauer Verwandten wieder aufzunehmen.
Die zwei jüngsten Briefe Anatolij Schtscharanskys (März-April 1983), deren Text auch in den Vereinigten Staaten bekannt wurde, zeugen von der geistigen Kraft und der Intensität der intellektuellen Tätigkeit Schtscharanskys.
Anatolij widmet etwa die Hälfte des MärzBriefes seinem Gesundheitszustand. Er klagt nicht, sondern beantwortet nur die Fragen seiner Mutter. Er schreibt: “Obwohl ich meinen Optimismus nicht eingebüsst habe, bin ich mir dessen bewusst, dass meine Rekonvaleszenz viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Anfang März d.J. trat eine unerwartete Verschlechterung meines Gesundheitszustands ein. Die Schmerzen in der Herzgegend verschärften sich und ich empfand eine allgemeine Schwäche.
Mir wurden Kampfereinspritzungen verabreicht. Ich beruhigte mich erst, als mein Elektrokardiogramm vom 11. März d.J. bezeugte, dass keinerlei Anzeichen eines Herzinfarkts vorlagen. Die Arzte sagten mir, dass sich das jüngste Elektrokardiogramm von dem des Jahres 1978 nur durch erhöhte Irregularität des Herzschlags unterscheidet. Doch meine allgemeine Schwäche und meine Herzschmerzen haben mich davon abgehalten, an den täglichen Spaziergängen teilzunehmen.”
Kurz nach Einstellung des Hungerstreiks fiel es Schtscharansky schwer, bei seinen täglichen kärglichen Mahlzeiten eine bisher nie verspürte Essgier zu überwinden. Doch auch in diesem schwierigen Zustand ging Anatolij seines ihm eigenen Humors nicht verlustig. Er erinnerte sich daran, dass Dante Essgier als eine der Todsünden bezeichnet hatte. Dieser “Todsünde” wollte er nicht verfallen. Aus diesem Kampf des Geistes gegen die Schwächen des Leibes ging Schtscharansky als Sieger hervor.
Er zwang sich dazu, die betreffende Mahlzeit in kleine Portionen aufzuteilen und somit das Essen in die Länge zu ziehen. Auf diese Weise gelang es ihm, seiner Begierde Herr zu werden.
In den 110 Tagen seines Hungerstreiks hatte Schtscharansky aufs intensivste gelesen . «
Der zweite Teil des im März verfassten Briefs (als auch der grösste Teil des April-Briefs) Schtscharanskys ist seiner gegenwärtigen Lektüre gewidmet. Unter den Büchern, die er liest, figurieren z.B. Rainer Maria Rilkes Gedichte und dessen “Briefe an einen jungen Dichter” (in russischer Übersetzung), Joyces “The Dubliners” (in englischer Originalfassung) sowie ein von einem französischen Arabisten verfasstes Buch über den Islam.
Schtscharansky plant auch, das Studium der arabischen Sprache wieder aufzunehmen.
Von besonderem Interesse ist ein im Besitz Schtscharanskys befindliches Buch, das 1981 in Moskau erschienen ist und den Titel trägt “Die Bevölkerung der Welt”. Der Verfasser, Salomon Druk (ein Sowjetjude), hat seiner Klassifizierung der Völker der Welt deren sprachliche Verwandtschaft zugrunde gelegt. Schtscharansky lobt das Buch seiner Gründlichkeit wegen. Was die Juden anbetrifft, kommt es in Salomon Druks Werk aber zu einer Absurdität ohnegleichen.
In der Sowjetunion werden die Juden nicht als eine Nation betrachtet. Druk definiert den Begriff der “Juden” folgendermassen: “Die Juden sind eine Völkerschaftsgruppe, die durch gemeinsame ethnisch-sprachliche Elemente verbunden ist”. Der Verfasser des von Anatolij Schtscharansky zitierten Buchs betrachtet die Juden Israels, die ja Hebräisch sprechen, als Semiten; die Juden Europas und Amerikas, deren Muttersprache — Druk zufolge — Jiddisch ist, werden zu der germanischen Sprachgruppe gezählt.
Voller Humor bemerkt Anatolij in diesem Zusammenhang: “Folglich ist meine Natascha (Avital Schtscharansky, Anatolijs Frau, die in Israel lebt) eine Semitin, ich aber bin ein reinblütiger Arier. Meine orthodoxe Frau würde eine solche Mischehe sicherlich in Verlegenheit bringen”.
Besonderen Eindruck hat auf Schtscharansky ein von Rainer Maria Rilke zum Ausdruck gebrachter Gedanke gemacht (siehe “Briefe an einen jungen Dichter”). Rilke zufolge liegt jedermanns Schicksal in der Tiefe seiner eigenen Seele, kommt also nicht von der Aussenwelt her. In diesem Zusammenhang schreibt Anatolij: “Avital und ich haben ganz bewusst unser Schicksal gewählt. Wir haben das in unserer Seelentiefe befindliche Schicksal gemeistert und es zu unserem Leben gemacht”.
Schtscharanskys Briefe zeugen von seiner ungewöhnlichen Charakterstärke, die nicht einmal ein sowjetisches Gefängnis zu brechen vermag.
L.K.
[Aufbau Jun. 17, 1983. p.6]
Sowjetisch-iranische Beziehungen auf dem Tiefpunkt
Tudeh-Partei wird zum Prügelknaben des Khomeini-Regimes
In jüngster Zeit wurden zahlreiche sowjetische Diplomaten in westlichen Ländern (Frankreich. England u.a.) zu Personae non gratae erklärt und des Landes verwiesen. Die grosse Zahl der aus Frankreich ausgewiesenen Sowjetdiplomaten war besonders sensationell und unerwartet.
Doch im Vergleich zu der radikalen Verschlechterung der sowjetisch-iranischen Beziehungen und der Ausweisung von 18 Moskauer Vertretern aus dem Iran, die der Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Gastlandes beschuldigt werden, sind die diplomatischen Konflikte zwischen der UdSSR einerseits und Frankreich und England andererseits von bedeutend geringerer historischer Tragweite.
Die sowjetischen Diplomaten mussten Teheran binnen 48 Stunden verlassen. Darunter waren Militärattachés, Botschaftsräte, Sekretäre der Sowjetbotschaft u.a.
Boldyrjew, der Botschafter der UdSSR in Teheran, durfte auf seinem Posten bleiben, und die sowjetisch-iranischen Beziehungen wurden nicht abgebrochen.
Diesen Ereignissen gingen zahlreiche Verhaftungen der leitenden Funktionäre der “Tudeh”-Partei (der kommunistischen Partei) des Irans voran. Viele von ihnen waren gezwungen, im Teheraner Fernsehen aufzutreten und einzugestehen, dass sie in ihrer Heimat als Sowjetagenten gewirkt hätten. Gleichzeitig mit der Ausweisung der 18 Sowjetdiplomaten wurde die Tudeh-Partei aufgelöst und als illegal erklärt.
Der Generalsekretär der Partei, Nareddin Kianuri, gestand im Teheraner Fernsehen, dass er seit 1945 Spionage zugunsten der Sowjetunion betrieben habe. Es lässt sich annehmen, dass derartige öffentliche Bekenntnisse unter Druck und Folter erzwungen wurden. Solche Eingeständnisse können durchaus als “gesetzliche Begründung” der Todesstrafe dienen.
Wie hat der Kreml auf diese antisowjetische Kampagne des Khomeini-Regimes reagiert? Während beispielsweise in der israelischen Knesset mehrere Kommunisten verschiedener Spielart vertreten sind und wegen ihrer ideologischen Überzeugung keineswegs verfolgt werden, brach Moskau 1967 — nach dem Sechstagekrieg — die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab. Durch diese antiisraelische Geste hat der Kreml sich selbst grösseren Schaden zugefügt als er es gegenüber Jerusalem oder gar Washington tun konnte.
Während die US-Diplomaten durchaus gute Beziehungen zu den Israelis und den meisten arabischen Ländern unterhalten, hat sich Moskau aus dem diplomatischen Spiel selber ausgeschaltet.
Im Fall Iran hat die Sowjetführung beträchtlich grössere Vorsicht walten lassen. Obwohl das Khomeini-Regime gegen die Moskauer Führung offen polemisiert, haben die Sowjets die bittere Pille geschluckt. Der Kreml hat sich darauf beschränkt, in der “Prawda” einen Artikel veröffentlichen zu lassen, in dem es heisst. die iranischen Behauptungen seien “völlig aus der Luft gegriffen”, und Teheran betreibe “eine böswillige antisowjetische Kampagne”.
Was die Beschuldigungen anbetrifft, die Tudeh-Mitglieder hätten prosowjetische Spionage betrieben, streitet das Sowjetblatt diese iranische Behauptung kategorisch ab. Die “Prawda” stellt die bewusst naive Frage: “Was für Agenturmeldungen könnte denn überhaupt die Tudeh-Führung einer ausländischen kommunistischen Partei übermitteln?”
Im “Prawda”-Artikel heisst es auch, die jüngsten Massnahmen Teherans seien “Wasser auf Reagans antisowjetische Mühle”.
Worin liegen die eigentlichen Ursachen für die Zuspitzung des sowjetisch-iranischen Konflikts? Zwei Hauptfaktoren sind massgebend: l.) Die Rolle der zahlenmässig geringen Tudeh-Partei und 2.) Moskaus Machenschaften im iranisch-irakischen Krieg.
Trotz der heuchlerischen Behauptung der “Prawda”, die Tudeh-Partei habe stets eine unabhängige Politik betrieben, ist es allgemein bekannt, dass die iranischen Kommunisten ein gefügiges Werkzeug der KPdSU gewesen sind. Als der Schah noch an der Macht war, hatten die Tudeh-Leute in der DDR ihr Hauptquartier. Obwohl in jüngster Zeit diese Partei nur etwa 2000 aktive Mitglieder zählte, war ihr Einfluss auf die gegenwärtige politische Situation im Iran keineswegs gering.
Als die Khomeini-Anhänger den Schah stürzten, unterstützten die iranischen Kommunisten die islamischen Fundamentalisten im Lande. Der Atheismus sowjetischer Prägung wurde aus taktischen Gründen ignoriert. Manchen besonders eifrigen Tudeh-Mitgliedern gelang es, seitens der religiösen Fanatiker Khomeinis akzeptiert zu werden und wichtige Schlüsselpositionen zu erlangen.
Während der Geiselnahme der US-Diplomaten sollen unter den islamischen “Studenten” — laut unbestätigten, jedoch nicht unwahrscheinlichen Berichten — Tudeh-Mitglieder eine wichtige Rolle gespielt haben.
In den letzten zwei Jahren war es den Tudeh-Funktionaren gelungen, sich in die “revolutionäre Garde” Khomeinis und in den iranischen Regierungsapparat einzuschleichen.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die iranischen Kommunisten im Solde Moskaus stehen. Aus Baku (Sowjetische Aserbaidschanische Republik) — unweit der iranischen Grenze — strahlen die Sowjets Tudeh-Sendungen aus. Die Kreml-Führung schloss die Möglichkeit von Khomeinis Sturz nicht aus. Die Tudeh-Partei sollte als Moskaus Fünfte Kolonne wirken. Im Fall eines Putsches in Teheran war den Tudeh-Leutcn eine wichtige Rolle zugedacht. Doch die Rechnung des Kremls ist — jedenfalls vorläufig — nicht aufgegangen.
Auch Moskaus Manipulationen im iranisch-irakischen Krieg haben zu der gegenwärtigen Spannung zwischen dem Kreml und Teheran beigetragen. Der Krieg zwischen den beiden islamischen Nachbarländern dauert schon über zweieinhalb Jahre. Ein Ende der Feindseligkeiten ist zurzeit nicht abzusehen. Es wurden Schlachten ausgetragen, bei denen es beiderseits grosse Verluste gab. Bis auf den heutigen Tag hat keine der beiden kriegführenden Mächte eine militärische Wende herbeiführen können.
Eines der Hauptziele dieses interislamischen Kriegs ist das Bestreben beider Länder, das an der Macht stehende Regime des Gegners zu stürzen.
Die Aggression ging bekanntlich vom Irak aus. In den ersten Kriegsmonaten sah es so aus, als würden die Iraker den Sieg davontragen. In den beiden letzten Jahren gelang es jedoch den iranischen Streitkräften, die militärische Initiative an sich zu reissen. Erst in den letzten Monaten war das Kriegsglück wieder auf seiten der irakischen Angreifer.
Obwohl die UdSSR in diesem Krieg formell die Neutralität wahrt, haben die Sowjets — durch ihre Waffenlieferungen — die Hand mit im Spiel. Nach Abschluss des sowjetisch-irakischen Freundschaftsvertrags 1972 strömten Jahr für Jahr modernste sowjetische Waffen nach Bagdad. Dank der Moskauer Militärsubvention zählten die irakischen Streitkräfte zu den bestausgerüsteten Armeen der arabischen Welt. Doch Ende der siebziger Jahre verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Moskau und Bagdad.
Der Kreml stoppte seine Waffenlieferungen. Die sowjetische “Neutralität” begünstigte nun die Iraner.
Die sowjetisch-iranischen Beziehungen schienen sich zu verbessern. Doch der islamische Fanatiker Khomeini war nicht gewillt, zu einem Satelliten des Kremls zu werden. Nach wie vor unterstützt Teheran die islamischen Rebellen in Afghanistan, was zu diplomatisch-politischen Komplikationen zwischen Moskau und dem Khomeini-Regime führte. Hinzu kam, dass der Kreml in den letzten Monaten seine Position Bagdad gegenüber aufs neue revidiert hatte.
Sowjetische Waffenlieferungen trafen — wie in den siebziger Jahren — im Irak ein. Die UdSSR begann, dem Irak Panzer, Artilleriegeschütze, Raketen und Kampfflugzeuge vom Typ M1G-21, 23 und 25 zu liefern. Mit diesen massiven Rüstungen lassen sich die jüngsten militärischen Erfolge des Iraks auf dem Schlachtfeld erklären.
Der Iran begnügt sich nicht mit den US-Waffen, die seinerzeit dem Schah geliefert wurden. Teheran tätigt Waffeneinkäufe in Libyen, Syrien und Nordkorea. Die beiden letztgenannten Länder liefern Teheran für iranische Petrodollars sowjetische Waffen verschiedenen Typs.
Moskaus zynische Haltung im iranisch-irakischen Konflikt ist eine der wesentlichen Ursachen für das gespannte Verhältnis zwischen dem Kreml und dem Khomeini-Regime. L.K.
[Aufbau, 1983.06.25, p. 9]
Unterlegenheitskomplex prägt sowjetische Aussenpolitik
Für viele westliche Beobachter ist der Entscheidungsprozess im Kreml ein fast unlösbares Rätsel. Die Aussen- und Innenpolitik der UdSSR der letzten zehn bis fünfzehn Jahre ist auf den ersten Blick durchaus widerspruchsvoll und scheint sich der logisch-wissenschaftlichen Erkenntnis zu entziehen.
Nur selten ist es möglich, solche Ereignisse wie z.B. die Invasion der Tschechoslowakei, die militärische Intervention in Afghanistan oder die durch den Kreml faktisch, erzwungene Verkündung des Kriegsrechts in Polen einerseits und die aktive Unterstützung der Ostpolitik durch Breschnjew und dessen Nachfolger Jurij Andropow sowie die erneuten Aufrufe des heutigen sowjetischen Parteichefs zur Wiederaufnahme der amerikanisch-sowjetischen Entspannungspolitik andererseits auf einen Nenner bringen.
Voller Widerspruch scheinen auch die brutale Unterdrückung jeglichen Dissenses in der UdSSR und die gleichzeitige Gewährung von Auswanderungsvisen an einige im Westen bekannte Schriftsteller und Regimekritiker (Wassilij Aksenjew, Wladimir Woinowitsch, Georgij Wladimow u.a.) zu sein.
Auch die Judenpolitik des Kremls offenbart scheinbare Paradoxe. Die antizionistischen (faktisch antisemitischen) Artikel, die tagtäglich in der Sowjetpresse veröffentlicht werden, waren in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren die schon traditionell gewordene “Begleitmusik” zu einem für Sowjetverhältnisse unerhörten Exodus jüdischer Bürger (in den siebziger Jahren durften auch Zehntausende Sowjetdeutsche und Armenier auswandern).
Bei der jüdischen Massenauswanderung war eine vom israelischen Aussenministerium bestätigte “Einladung” seitens oft fiktiver Verwandter Voraussetzung für Annahme der Papiere der Auswanderungswilligen. Bekanntlich ist die Emigration der Sowjetjuden — angesichts der drastischen Verschlechterung der amerikanisch-sowjetischen Beziehungen — zurzeit auf ein Minimum gesunken.
In den Vereinigten Staaten neigt der Durchschnittsbürger und der Intellektuelle gleichermassen dazu, bei der Analyse der Kreml-Politik von einem Extrem ins andere zu fallen. In den siebziger Jahren — zur Blütezeit der sogen. Détente — wurden beliebige (oft minimale) “Zugeständnisse” des Kremls als angebliche Beweise für faktisch nicht existente “Liberalisierungstendenzen” in den führenden Gremien der UdSSR betrachtet.
Nur sehr wenige westliche Kremlinologen kamen damals auf den Gedanken, dass die “Zugeständnisse” Moskaus (Gewährung der “Familienzusammenführung”, Zwangsausweisung des Nobelpreisträgers Alexander Solschenitsyn, Gewährung von Ausreisevisen an zahlreiche nichtjüdische Regimekritiker u.dgl.) essentielle Bestandteile einer vom sowjetischen Politbüro initiierten allumfassenden WestPolitik waren.
Im Westen wurde vor etwa zehn Jahren unter Detente nicht nur Entspannung verstanden, sondern auch eine Annäherung zwischen Ost und West. Die sowjetischen Massenmedien sprechen meist von einer schon von Lenin konzipierten “friedlichen Koexistenz”. Zuweilen taucht in der Sowjetpresse der Terminus “internationale Entspannung” auf. Für die Sowjets (von Lenin bis zu Andropow) handelt es sich bei der “friedlichen Koexistenz” um einen rein taktischen Begriff.
Vom sowjetischen Standpunkt aus ist die “friedliche Koexistenz” nur ein Mittel zur Erreichung langfristiger strategischer Ziele der Aussenpolitik des Kremls.
Bei Analyse der Ursachen, die die Kreml-Führung dazu bewogen haben, eine Entspannungspolitik zu betreiben, weisen die meisten westlichen Beobachter auf das Interesse der Sowjets an westlicher Technologie und Gewährung der benötigten Kredite hin. Selbstverständlich war und ist der Kreml gern bereit, unter vorteilhaften Bedingungen westliche Technologie zu erwerben. Moskau ist sich der kolossalen Schwierigkeiten bewusst, die sich aus der zentralistisch strukturierten Planwirtschaft ergeben.
Faktisch hat die “friedliche Koexistenz” mit dem Westen die Sowjets in die Lage versetzt, politisch riskante Wirtschaftsreformen zu umgehen.
Doch die “Entspannungspolitik” (Détente) lässt sich seitens Moskaus nicht nur mit rein wirtschaftlichen Erwägungen erklären. Als der Kreml zu Beginn der siebziger Jahre einen Modus vivendi mit Washington suchte, liess er sich auch von strategischen Faktoren leiten. Es ist kein Zufall, dass die sowjetisch-amerikansiche Entspannungspolitik vor dem Hintergrund sich ständig verdüsternder Beziehungen zwischen der UdSSR und China ihren Anfang nahm.
Jurij Andropow führt die Politik seines Vorgängers Leonid Breschnjew fort. Es handelt sich hierbei um den Versuch, den Westen im Fall eines militärischen Zusammenstosses mit der Volksrepublik China zu neutralisieren. Die gegenwärtigen sowjetisch-chinesischen Verhandlungen, die auf eine Normalisierung der Beziehungen beider kommunistischer Länder abzielen, scheinen nicht vom Fleck zu kommen.
China rückt von seinen drei Grundforderungen nicht ab (Abzug der Sowjettruppen aus Afghanistan, Verzicht auf politisch-militärische Unterstützung der vietnamesischen Grossmachtbestrebungen und Abbau der Sowjettruppen entlang der chinesischen Grenze). Laut jüngsten Berichten aus Peking betrachtet die chinesische Führung die sowjetische Militärpräsenz in Afghanistan und Indochina als unmittelbare Bedrohung der Sicherheit des “Reiches der Mitte”. Peking zufolge trachten die Sowjets danach, China einzukreisen.
Strategisches Hauptziel Moskaus ist nach wie vor, die Möglichkeit eines Zweifrontenkriegs zu verhindern. Nur unter Berücksichtigung dieser strategischen Konzeption lassen sich die so oft widerspruchsvoll scheinenden aussen- und innenpolitischen Aktionen der Sowjets begreifen.
Während zu Beginn der siebziger Jahre Washington dazu neigte, die Zugeständnisse des Kremls als Symptome einer angeblichen “Liberalisierung” zu betrachten, schlug die US-Politik unter Präsident Reagan in ein anderes Extrem um. Die atomare Bedrohung des Westens durch die UdSSR wurde zum Leitmotiv des Weissen Hauses.
Natürlich haben die Sowjets mit ihrer Afghanistan- und Polen-Politik in beträchtlichem Mass zu der von Reagan und dessen Verteidigungsminister Caspar Weinberger entfachten antisowjetischen Hysterie beigetragen. Durch Reagans unbedachte Reden eines lokal begrenzten Atomkriegs, hat der Präsident den Sowjets kolossale psychologische Hilfe geleistet. Derartige Reden haben die Friedensbewegung in Westeuropa und in den USA ins Leben gerufen.
Obwohl Reagan sämtliche Anhänger der Friedensbewegung mehrfach als Unterstützer einer vom Kreml inspirierten Verschwörung bezeichnet hat, lässt es sich kaum bestreiten, dass er es selber war, der Jurij Andropow unter die Arme gegriffen hat.
Seit Lenin sind die Sowjets stets darum bemüht, ihre Macht zu konsolidieren. Dem sowjetischen — psychologisch zwar verständlichen, weltpolitisch aber friedensgefährlichen — Unterlegenheitskomplex ist eine Rüstungsbeschleunigung auf allen Gebieten entsprungen. Die Aufrüstung mit der SS-20-Rakete ist — nach Helmut Schmidts treffender Bezeichnung — “zu einer politischen Pressionswaffe” geworden, die geeignet wäre, Europa und die Vereinigten Staaten in Krisensituationen voneinander zu trennen.
Die Angst vor einem Zweifrontenkrieg und der bestehende Unterlegenheitskomplex der Sowjetführung prägen in beträchtlichem Mass Moskaus globale Strategie. In dieser gefährlichen Situation verschärft gegenseitige Beschimpfung, die durch die Massenmedien gigantische Masstäbe annimmt, den Antagonismus zwischen Ost und West. Nicht Hysterie, sondern kaltes Blut und nüchterne politische Analyse der sowjetischen Intentionen sind heute besonders vonnöten.
L.K.
[Aufbau Jul. 1, 1983. p.7]
Korruption und “Untergrund-Wirtschaft” in der UdSSR
Mit Schmiergeldern läuft alles besser
In den letzten 20 bis 25 Jahren hat sich die sowjetische “Untergrund-Wirtschaft”, die auf privaten Profit ausgerichtet ist und — in verkappter und verzerrter Form — gewisse Elemente eines Marktsystems in sich birgt, rapid entwickelt. In der Sowjetunion ist es ein offenes Geheimnis, dass sich manche Leiter von Fabriken, in denen Konsumgüter hergestellt werden, nach pflichtgetreuer Erfüllung des Plansolls am Produktionsüberschuss bereichern, wobei sie den Staat um Millionen Rubel prellen.
Bestechungsgelder werden an verlässliche Amtspersonen gezahlt, so dass jeder auf seine Rechnung kommt. Natürlich sind Vorsicht und Menschenkenntnis vonnöten. Andernfalls können derartige riskante Unternehmen ein böses Ende nehmen.
Um in einem Krankenhaus von hochqualifizierten Ärzten behandelt zu werden, muss man nicht nur gute Beziehungen haben, sondern auch dem Chef- und Facharzt recht hohe Summen in unauffälligen Briefumschlägen zustecken.
Häufig schalten Taxichauffeure den Zähler aus. Da es in Moskau viel zu wenige Taxis gibt, sieht sich der Fahrgast genötigt, die beim Besteigen des Wagens vereinbarte Summe zu zahlen.
Im sowjetischen Jargon werden unter “linker Arbeit” sämtliche Erwerbstätigkeiten verstanden, die unter Umgehung der staatlichen Gesetze’ und Normen vollzogen werden. Nach Ansicht des heute im Westen lebenden sowjetischen Dissidenten W. Sorokin erfasst der “linke Markt” sämtliche Schichten der Sowjetgesellschaft — mit Ausnahme zweier Gruppen: der Sowjetelite und der Dissidenten.
Was die Sowjetelite (die sog.
Nomenklatur) anbelangt, so benötigt sie keine Nebenverdienste, da ihnen alle Annehmlichkeiten unbegrenzt zur Verfügung stehen: westliche Konsumgüter, die in besonderen Geschäften zu spottbilligen Preisen erworben werden; ausgezeichnete Wohnungen und Villen; fast kostenfreier Aufenthalt in den besten Kurorten Kaukasiens und der Krim (die “Auserwählten” sind in ihren Sanatorien und Erholungsheimen vom Plebs fast völlig isoliert); West-Reisen im Rahmen von Delegationen oder Gruppen.
Während die Werktätigen der UdSSR stundenlang nach den elementarsten Lebensmitteln anstehen müssen, sind die Angehörigen der Partei- und Regierungselite solcher Sorgen völlig enthoben. Für sie gibt es sog. geschlossene Lebensmittelhandlungen, wo ihnen nicht nur Fleisch, Fisch, Gemüse, sondern auch Kaviar und Lachs preiswert angeboten werden. Der Staat sorgt für seine treuen Diener.
Jedoch gibt es auch unter den Privilegierten der Sowjetgesellschaft so manche Leute, deren Habgier und Unersättlichkeit keine Grenzen kennen und die Erpressungsgelder akzeptieren.
Die winzige Gruppe sowjetischer Dissi- denten mach — aus prinzipiellen Gründen — das Spiel der “linken Dienstleistungen” nicht mit. Ausserdem sind die meisten sowjetischen Regimekritiker Intellektuelle, die kaum dazu geeignet sind, sich an dem in der “linken Wirtschaft” herrschenden Konkurrenzkampf zu beteiligen. *
Doch fast alle Arbeiter und Angestellte des Sowjetimperiums bemühen sich aufs eifrigste, den Staat zu überlisten. W. Sorokin zufolge ist Anfang der achtziger Jahre der Rubel zum ausschlaggebenden Faktor des Sowjetlebens geworden. Vor 20 Jahren war es ohne weiteres möglich, erforderliche Wohnungsreparaturen vornehmen zu lassen. Man brauchte nur das Kontor der Hausverwaltung anzurufen und darum zu bitten, einen Schlosser oder Elektromonteur zu schicken. Heute ist das keineswegs so einfach.
Es hängt vom “guten Willen” des betreffenden Handwerkers ab, die nötigen Dienste zu leisten. Wenn die Mieter ihm gut zahlen, so kommt er gern. Er — nicht der Mieter — ist der Herr der Situation.
Von besonderem Interesse sind die von Sorokin in einem in der Exil-Zeitschrift “Tribüne” (Tribuna) veröffentlichten Artikel beschriebenen Zustände, die neuerdings an sowjetischen Zollämtern herrschen. Wenn Ende der sechziger Jahre ein Zollbeamter “verbotene Literatur” im Gepäck eines Ein- oder Ausreisenden entdeckte, so beschlagnahmte er die betreffenden Bücher oder Zeitschriften und erstattete darüber amtliche Meldung.
Heute hat sich die Lage geändert. Auch jetzt wird “verbotene Literatur” beschlagnahmt, doch häufig erfolgt seitens des Zollbeamten keine diesbezügliche amtliche Meldung. Der Beamte, der auf ein verhältnismässig geringe Gehalt angewiesen ist, weiss genau, dass er auf dem Schwarzmarkt für die sog. antisowjetische Literatur gutes Geld kriegen kann. Er hat seine Verbindungsleute, die ebenfalls an einem “Nebenverdienst” interessiert sind.
(Laut Meldungen russischer Exil-Zeitungen kann man auf dem Moskauer und Leningrader Schwarzmarkt — zu kolossal hohen Preisen — Werke Solschenitsyns, Sinowjews und anderer heute im Westen lebender russischer Schriftsteler kaufen. Man muss nur wissen, wie und wo die Schwarzmarkt-Händler aufzuspüren sind, ohne den Verdacht der Polizei zu erregen).
Im vorigen Jahr wurde General Sotow, der Leiter der Visen- und Passbehörde, seines Amtes enthoben. Wenn sich auch Sotow selbst möglicherweise nicht bestechen liess, war die Kontrolle in seinem Ressort lax. Sowjetjüdische Einwanderer berichten, dass man vor zwei bis drei Jahren für etwa 5000 Rubel (zirka 6500 Dollar) ein Ausreisevisum kaufen konnte. Selbstverständlich musste man die nötigen Amtspersonen kennen und sich auf sie verlassen können, um sich auf einen solchen Handel einzulassen.
Auch jüdische Bräute oder Bräutigame standen noch vor mehreren Jahren in hohem Preis. Auf diese Weise konnten fiktive Ehen geschlossen werden, die sich später — im Westen — auflösten.
Sorokin führt ein weiteres Beispiel für die steigende Korruption in der Sowjetgesellschaft an. Vor 20 Jahren wäre es undenkbar gewesen, an der Entscheidung eines sowjetischen Staatsanwalts zu rütteln. Heute besteht — nach Meldung sowjetischer Dissidenten — für viele Kategorien von Straftaten ein mehr oder weniger fester Preis. Wer das Geld aufzubringen vermag, kann mit einem “günstigen” Abschluss des Verfahrens rechnen und bleibt somit auf freiem Fuss.
Yuri Andropows Kampf um Erhöhung der Arbeitsdisziplin und gegen Korruption in der Sowjetgesellschaft wird kaum zu dauerhaften Erfolgen führen. Am 11. Dezember 1982 berichteten die Sowjetzeitungen über eine Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU, auf der zahlreiche Klagen von Werktätigen über Bestechungen und Unterschlagungen erörtert wurden.
Die Korrumpiertheit der Gesellschaft hat derartige Ausmasse angenommen, dass es Andropow für unumgänglich hielt, die Bevölkerung zu informieren, dass er, der neue Parteichef, fest entschlossen sei, mit diesem Übelstand Schluss zu machen.
Sokolow, der Direktor der grössten Lebensmittelhandlung der sowjetischen Hauptstadt, wurde unlängst verhaftet. Er wird beschuldigt, Millionen Rubel veruntreut zu haben.
Zwecks Hebung der Arbeitsdisziplin veranstaltete die Moskauer Polizei tagelange Razzien. Besucher von Kinos, Bierhallen. Badeanstalten wurden festgenommen, falls es sich erwies, dass sie die Arbeit schwänzten. Razzien gab es auch in Lebensmittelhandlungen. Auch hier war die Polizei auf der Suche nach Leuten, die ihrem Arbeitsplatz ferngeblieben waren. Die “Bummler” wurden streng verwarnt und wieder auf freien Fuss gesetzt.
Andropows Einschüchterungsversuch war von kurzer Dauer. Es lässt sich kaum erwarten, dass die Moskauer — nach diesem Warnsignal — erst nach Arbeitsschluss ihre Einkäufe machen werden, wenn die meisten Lebensmittel längst vergriffen sind.
In gegebener Situation braucht Andropow “Sündenböcke”. Deswegen ist anzunehmen, dass weitere Verhaftungen unehrlicher Verkäufer und Verwalter von Lebensmittelhandlungen folgen werden. Einige Vorsitzende der sowjetischen Kollektivwirtschaften sowie einzelne Beamte der zahlreichen Ministerien könnten zur Rechenschaft gezogen werden.
Völlig ausgeschlossen ist dagegen, dass Spitzenvertretern der sowjetischen Partei- und Regierungselite ein Haar gekrümmt wird. Trotz ihrer zahlreichen Privilegien gibt es nicht wenige sowjetische Parteimächtige, die in ihrer Habsucht und ihrem Bereicherungsdrang schwere Staatsverbrechen begehen. Im Jahr 1972 wurde Mschawanadse, der Erste Sekretär der Georgischen Sowjetrepublik, überführt, Millionen Rubel als Bestechungsgelder empfangen zu haben.
Mschawanadse wurde seines Amtes enthoben und ist heute ein wohlsituierter Rentner. Auch Andropow wird die “Nomenklatur” schonen müssen.
Die Korruption und die “linke Wirtschaft” sind heute zu einem festen Bestandteil der Sowjetgesellschaft geworden. Nur eine radikale Wirtschaftsreform könnte die Situation ändern.
Zu derartigen Schlussfolgerungen kommen auch die Herausgeber und Mitarbeiter der seit 1978 in der Sowjetunion erscheinenden Untergrund-Zeitschrift “Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit” (1982 erschienen 10 Hefte dieser Zeitschrift). Die Herausgeber der in der UdSSR illegalen Publikation setzen sich für die teilweise Einführung einer freien Marktwirtschaft, für die Entfaltung der eigenen Initiative im Wirtschaftsbereich sowie für eine möglichst effektive Wirtschaftsreform ein.
L.K.
[Aufbau Jul. 15, 1983. p.6]
Hat der Westen zutreffende Informationen über die Sowjetunion?
Von der Problematik eines aktuellen Forschungsgebiets
Die wissenschaftlichen Mitarbeiter des von Prof. Georgij Arbatow geleiteten Moskauer Amerika-Instituts haben es bedeutend leichter als die Sowjetologen und Kremlinologen der Vereinigten Staaten. Den sowjetischen Amerika-Experten stehen unzensierte US-Tageszeitungen und Zeitschriften sowie Funk- und Fernseh-Informationen in Hülle und Fülle zur Verfügung. Am Moskauer Amerika-Institut sind etwa 70 Fachleute tätig, die verschiedene Gebiete des US-Lebens — aufgrund amerikanischer Originalquellen — erforschen.
Das sowjetische AmerikaInstitut gibt eine Monatsschrift heraus, deren Aufsätze nüchtern und sachlich das betreffende Problem erörtern. Im Gegensatz zu den meisten sowjetischen Publikationen enthalten die Schriften des Amerika-Instituts keinerlei Propaganda. Manche Artikel bilden durchaus objektive Beiträge zur sog. Amerika-Kunde. Dem Sowjetbürger fällt es leichter, genauere Informationen über die USA in Erfahrung zu bringen, als wichtige Ereignisse im eigenen Land (wie z.B. die Verhaftung politischer Aktivisten; die Beziehungen zwischen dem Kreml und Osteuropa u.a.m.) zu erkunden. Nur dank der westlichen Rundfunksendungen (Voice of America, Liberty, BBC, Deutsche Welle) sind Millionen Sowjetbürger — ungeachtet der systematischen Störung dieser Sendungen — über die Vorgänge im eigenen Land im Bild.
Wegen Informationsmangels haften den amerikanischen Russland-Forschungen gewisse pseudowissenschaftliche Züge an. Wenn beispielsweise amerikanische Experten vorgeben, sie wüssten Genaueres über einen von ihnen dargestellten “Machtkampf im Kreml”, so tasten sie — trotz Anwendung wissenschaftlicher Terminologie — faktisch im Dunkeln und sind auf ihre eigene Vorstellungskraft angewiesen.
Auf dem amerikanischen Büchermarkt erscheinen jährlich unzahlige Schriften, die “die Geheimnisse des Kremls” zu lüften suchen. Leider sind es Bücher oder Aufsätze, deren Verfassern das Wesen der Sowjetmacht selbst weitgehend unklar ist. Bedeutend besser steht es um Forschungen, die sich mit Einzelproblemen befassen, denen statistische Angaben zugrunde liegen.
Als Beispiel für derartige Forschungen lassen sich Themen nennen wie etwa “Wirtschaftsbeziehungen zwischen der UdSSR und Westeuropa”, “Industrielle Modernisierung der sowjetischen mittelasiatischen Republiken” u.a.
In den USA, England und anderen Ländern des Westens gibt es zahlreiche Bücher und Aufsätze von Russland-Experten, die dem Entscheidungsprozess im Kreml gewidmet sind. Nur selten zeigen die Verfasser Sachkenntnis. Beispielsweise kennt sich in solchen Fragen der in der Bundesrepublik lebende Abdurachman Awtarchanow, der vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Apparat des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion tätig war, tatsächlich gut aus.
Amerikanische Sowjetologen haben es selbstverständlich schwer, Prognosen anzustellen. Oft werden Ansichten geäussert, die kein tiefes Verständnis des Autors für das wahre Leben in der Sowjetunion erkennen lassen.
Häufig sind amerikanische Korrespondenten, die in der Sowjetunion mehrere Jahre verbringen, über die faktische Lage beträchtlich besser informiert als Universitätsprofessoren, deren Spezialgebiet die UdSSR ist. In diesem Zusammenhang könnte man Hedrick Smith und sein Buch “The Russians”, Robert Kaiser und dessen Buch “Russia”, den ehemaligen Korrespondenten des “Christian Science Monitor”, David Willis, u.a. erwähnen.
Hedrick Smiths tiefschürfendes Buch “The Russians” informiert den Leser bedeutend besser als manche gelehrte Aufsätze der Sowjetologen und Kremlinologen.
Zuweilen lässt sich ein unzureichendes Verständnis für Ereignisse von höchster strategischer Bedeutung feststellen. Weder die amerikanische Presse noch die bekanntesten Russland-Experten der Vereinigten Staaten haben bisher die Frage gestellt, wie es denn bei dem sog. “Waldspaziergang” der beiden Genfer Unterhändler (des Amerikaners Nitze und des Russen Kwitzinsky) für den Vertreter der UdSSR überhaupt möglich war, bei den so wichtigen Verhandlungen über Mittelstrecken-Raketen Eigeninitiative zu entwickeln. Jeder, der nur ein wenig mit der Lage in der Sowjetunion vertraut ist, begreift, dass Kwitzinsky — ohne Zustimmung des sowjetischen Politbüros (oder mindestens Andrej Gromykos) — sich nicht erdreistet hätte, eine derartige Initiative eigenmächtig zu ergreifen.
Daraus geht aber hervor, dass die Waldspaziergangs-Vorschläge faktisch ein Versuchsballon der Sowjets gewesen waren.
Die russische Exilpresse vertritt fast ausnahmslos die Ansicht, dass die US-Sowjetologen von manchen Sowjetemigranten viel lernen könnten. In einem dieser Tage in der New Yorker russischsprachigen Tageszeitung “Novoye Russkoye Slowo” erschienenen Artikel wird dem bekannten Politologen Walter Lacqueur von einem gewissen Alexander Aloits vorgeworfen, er ignoriere die Erfahrungen von Sowjetemigranten.
Lacqueur hatte in einem seiner Artikel behauptet, Sowjetemigranten seien meist voreingenommen und liessen sich von Emotionen leiten. Deshalb stellt Lacqueur den Wert der von Sowjetemigranten gelieferten Informationen in Frage. In vielem hat Lacqueur leider recht.
Führen wir hierfür einige Beispiele an. Richard Pipes, Zbigniew Brzezinksi und andere amerikanische Sowjetologen werden von den meisten russischen Exilautoren auch deshalb heftig angegriffen, weil sie behaupten, die Sowjetmacht stütze sich auf die autoritären Traditionen des Zarismus. Der Zusammenhang zwischen der zaristischen Polizeiwillkür und dem sowjetischen Totalitarismus lässt sich schwerlich leugnen.
Selbstverständlich besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Ausmass des staatlichen Terrors des Zarenreiches und dem Stalinschen Massenterror.
Ein solcher historischer Kontext liesse sich etwa im Fall Deutschland mit dem kausalen Zusammenhang zwischen dem preussischen Nationalismus und Militarismus einerseits und dem Nazismus andererseits vergleichen.
Genau so wie der preussische Militarismus nicht unbedingt in den Nazismus ausarten musste, jedoch — in historischer Sicht — eine derartige Entwicklung (unter bestimmten geschichtlichen Bedingungen) ermöglichte, musste der staatliche Terror des zaristischen Russlands nicht eo ipso zum Stalinismus führen. Der Mangel an demokratischen Traditionen im Zarenreich förderte jedoch die Entstehung des Stalin-Regimes.
Alexander Solschenitsyn, Wladimir Maximow, Wladimir Bukowsky und andere bekannte russische Exilautoren betrachten den Bolschewismus als eine der “russischen Seele” wesensfremde Erscheinung, die dem Westen (Karl Marx, Friedrich Engels und dem “Viertel-Russen” Lenin) entstamme.
George Kennan, einer der führenden amerikanischen Sowjetologen, wird von den meisten Autoren der russischen Exilpresse unter Beschuss genommen, da er unlängst — mit vollem Recht — behauptet hat, die heutige Sowjetunion lasse sich nicht mit Hitler-Deutschland auf einen Nenner bringen. Der Stalinismus, der Millionen Menschen in KZ-Lagern umkommen liess, ist mit dem Dritten Reich durchaus vergleichbar.
Andropows Imperium ist zwar nach wie vor eine totalitäre Diktatur, jedoch gibt es in der heutigen Sowjetunion keine Massendeportationen und Verhaftungen von Millionen Menschen, wie das unter Stalin üblich war. Wer seinen Mund hält und keine Protestaktionen unterstützt (oder gar initiiert), gerät heute in der UdSSR nicht in Gefahr, verhaftet zu werden.
Solschenitsyn spricht vom “kommunistischen Übel” an sich. Jedoch gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Stalin einerseits und Breschnjew und Andropow andererseits.
Die sowjetischen Exil-Antikommunisten versuchen, ihre Thesen zu verfechten, dass der Sowjet-Kommunismus für den Westen eine Todesgefahr sei. Obwohl der Kreml als Supermacht an einer globalen Präsenz interessiert ist und sämtliche Fehleinschätzungen der US-Politiker (z.B. in Lateinamerika) auszunutzen sucht, bedeutet es keineswegs, dass der Kreml die Entfesselung eines dritten Weltkriegs anstrebe.
Solschenitsyn und dessen Gesinnungsgenossen sind in ihrem blinden Hass nicht imstande, amerikanische Sowjetologen objektiv zu beraten. Deshalb nimmt es nicht wunder, dass einzig und allein Konstantin Simes heute ein anerkannter US-Sowjetologe ist. Er ist imstande, die Lage sachkundig und ruhig zu beurteilen.
L.K.
[Aufbau Oct. 7, 1983. p.8]
Rätselraten um Andropow
Gesundheitszustand des Kreml-Bosses löst Spekulationen um Nachfolgerkandidaten aus
Als Junj Andropow am 11. November 1982 — genau 24 Stunden nach dem Tod Leonid Breschnjews — zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt wurde, sagten viele westliche Beobachter bedeutsame Wandlungen voraus. Auf dem Gebiet der Wirtschafts- und Innenpolitik wurden vorsichtige Reformen und Dezentralisierungsversuche erwartet.
Das sich immer mehr verlangsamende Wachstum der Wirtschaft und die Erschöpfung der leicht zugänglichen Ressourcen haben äusserst ernste Probleme verursacht, deren Unabwendbarkeit vor etwa 15-20 Jahren vom Kreml wohl kaum prognostiziert worden ist Die Wirtschaft stagniert. Die Versorgung der Bevölkerung des Riesenlandes mit Lebensmitteln und elementaren Konsumgütern verschlimmert sich von Tag zu Tag.
Zudem gibt die sowjetische Super macht Milliarden für ihre Satellitenländer in Osteuropa, Asien und Lateinamerika aus. Die Sowjets müssen ihren “Klienten” nicht nur massive Rüstungen liefern, sondern auch durchaus kostspielige Wirtschaftshilfe leisten.
Bezüglich der Aussenpolitik glaubten manche Kremlbeobachter, Andropow würde bedeutend grossere Flexibilität zeigen als sein Vorgänger Leonid Breschnjew. In den westlichen Blättern wurden zu Beginn der “Andropow-Ära”‘ sensationelle Ereignisse erwartet: der Kreml wurde den Fall Afghanistan aus der Sackgasse führen; die neuen Machthaber wurden vielleicht den Bau der SS-20 einstellen. Diese und ähnliche Wunschbilder wurden damals als eine mög liche politische Wende betrachtet.
Keine dieser optimistischen Voraussagen hat sich bisher bewahrheitet. Eine Zeitlang schien es, als beabsichtige Andropow die Durchführung gewisser — wenn auch beschränkter — Wirtschaftsreformen. Die Ernennung des Technokraten Michail Gorbatschew, des jüngsten Politbüro-Mitglieds (52), zu einem der Sekretäre des Zentralkomitees, wurde in manchen Kreisen westlicher Diplomaten und Journalisten als Symptom einer Reformbereitschaft der Sowjetführung gedeutet.
Ende Juli verkündeten Partei und Regierung eine Reihe von Massnahmen, die auf eine vorsichtige Lockerung der starren zentralen Industrieplanung gerichtet sein könnten. Vorerst handelt es sich um ein Experiment in einzelnen Wirtschaftszweigen. Die Vorzeichen für eine sowjetische Reformpolitik sind jedoch zurzeit düster.
Jurij Andropow kündigte der Korruption und der ständig wachsenden “Untergrund-Wirtschaft” einen erbitterten Kampf an. Es ist aber durchaus zweifelhaft, dass durch Polizeimassnahmcn allein die immer mehr um sich greifende Korruption beseitigt werden kann.
Von besonderer Bedeutung ist die Ernennung Vitalij Fedortschuks, eines der führenden und besonders befürchteten Vertreter des KGB zum Innenminister des Landes. Es ist eine in der UdSSR bekannte Tatsache, dass bisher zwischen dem KGB und dem Innenministerium Rivalität und sogar gegenseitige Abneigung bestanden. Andropow hat es fertiggebracht, das Innenministerium dem KGB zu unterstellen.
Die “Kooperation” dieser beiden staatlichen Institutionen hat zu verstärkten Repressalien gegen jegliche Form von Dissens gefuhrt.
Auf aussenpolitischem Gebiet hat Andropow keine ernstlichen Initiativen ergriffen. Weder bei den Genfer Verhandlungen, noch im Fall Afghanistan hat der sowjetische Partei- und Staatschef nennenswerte Konzessionen gemacht. Freilich haben Präsident Reagans antikommunistische Kreuzzugsreden die Rolle der sowjetischen Militärs gestärkt und Andropows politischen Spielraum eingeschränkt.
Bei Andropows Wahl zum Generalsekretär war die Befürwortung seiner Kandidatur durch Verteidigungsminister Dmitrij Ustinow und die Militärs von grösster Bedeutung. Andropows Aussenpolitik wurde und wird durch die Generalität massgebend beeinflusst. Je grösser die amerikanisch- sowjetischen Spannungen werden, desto bedeutender wird der Einfluss der Militärs auf die Entscheidungen des Kremls.
Obwohl Jurij Andropow die drei wichtigsten Ämter der Sowjethierarchie bekleidet (Parteisekretär, Präsident, Vorsitzender den Verteidigungsrats), darf nicht übersehen werden, dass sowohl Chruschtschew als auch Breschnjew mindestens drei Jahre benötigten, um ihre Machtposition zu festigen. Die sowjetischen Führer sitzen an der Spitze einer ins Gigantische angewachsenen zentralistischen Bürokratie, der sog. “Nomenklatur”.
Das Wohlergehen der weit über eine Million zahlenden Apparatschiks hängt von der Wahrung des Status quo ab.
Vor einem Jahr wurde allgemein angenommen, Andropow könnte zum Führer des Sowjetimperiums der achtziger Jahre werden. Obwohl er 1966 einen Herzanfall erlitten hatte, zeigten sich in den ersten sechs bis sieben Monaten seiner neuen Amtstätigkeit keine besonderen Krankheitssymptome. Andropows Gesundheitsprobleme machten im Westen erstmals Schlagzeilen, als der sowjetische Partei- und Staatschef am ersten Tag des Moskau-Besuchs Bundeskanzlers Helmut Kohl nicht in Erscheinung trat. Seit dem 18. August wurde Andropow in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen.
Der sowjetische Parteichef erschien nicht einmal am 7. November auf der Ehrentribüne, als auf dem Roten Platz die Parade — anlässlich des 66. Jahrestags der bolschewistischen Revolution — stattfand. In der Geschichte der UdSSR gab es bis dahin keinen derartigen Vorfall. Drei Tage vor seinem Tod hielt es Leonid Breschnjew für unumgänglich, eine Stunde lang der Parade beizuwohnen.
Die offizielle sowjetische Erklärung, der zufolge Andropow “erkältet” gewesen sei, ist kaum dazu angetan, die Zweifel über seinen Gesundheitszustand zu zerstreuen. Allem Anschein nach leidet Andropow an einer lebensgefährlichen Krankheit. Wenn auch die Arzte ihm das Leben retten können, wird Andropow kaum imstande sein, die Macht faktisch auszuüben. Deshalb ist es kaum verwunderlich, dass das Rätselraten um Andropows Nachfolger schon begonnen hat.
Andropow hat drei “jüngere” Politbüro-Mitglieder in den Vordergrund gerückt: den schon erwähnten 52jährigen Michail Gorbatschew, ferner den 60jährigen Grigorij Romanow (ehemals Leningrader Parteichef, heute Sekretär des Zentralkomitees) und schliesslich den ehemaligen KGB-Chef Aserbaidschans Gaidar Alijew (zurzeit Vollmitglied des Politbüros und stellvertretender Ministerpräsident der UdSSR).
In Kreisen westlicher Russland-Beobachter werden als eventuelle Andropow-Nachfolger Gorbatschew und Romanow genannt. Es ist kaum anzunehmen, dass ein Nichtrusse (wie z.B. Alijew) die Spitzenposition der Partei einnehmen könnte. Die Tatsache, dass Romanow die Festrede anlässlich des 66. Jahrestags der Oktoberrevolution gehalten hat, ist unter Umständen ein Anzeichen dafür, dass gerade er Andropows Erbe antreten könnte. Russland würde wieder von einem “Romanow” beherrscht werden.
Auch die Kandidatur des Breschnjew-Günstlings Tschernenko ist nicht gänzlich auszuschliessen.
Die Nachfolge wird davon abhängen, wer die Interessen der wichtigsten Gruppen der Sowjethierarchie (Militär, KGB, Wirtschaft, Diplomatie) am effektivsten vertreten würde. In den letzten Jahren hat die Partei ihre ehemals tonangebende Rolle im sowjetischen Entscheidungsprozess eingebusst. Die Parteiführung koordiniert nur die oft auseinanderstrebenden Interessen der an der Macht teilhabenden Gruppen.
Die zurzeit entscheidenden Kräfte in der UdSSR sind wohl der KGB und die Militärs. Diese beiden Machtgruppen werden für den Verlauf der kommenden Ereignisse in der Sowjetunion ausschlaggebend sein. L.K.
[Aufbau, 1983.11.25, p. 5]
Staatsterror statt Wirtschaftsreform in der UdSSR
Wir hatten unlängst über Korruption und Untergrund Wirtschaft in der Sowjetunion berichtet (“Aufbau” vom 15. Juli 1983). In diesem Zusammenhang wurden auch die Ansichten des heute in Paris lebenden sowjetischen Dissidenten W. Sorokin erwähnt, nach dessen Erklärung der “linke Markt” (jegliche Erwerbstätigkeit, die unter Umgehung der staatlichen Gesetze vollzogen wird) gegenwärtig sämtliche Schichten der Sowjetgesellschaft erfasst — jedoch mit Ausnahme der Sowjetelite und der Sowjetdissidenten.
In einem in der Pariser Exilzeitschrift “Tribuna” erschienenen Artikel hebt Sorokin hervor, dass die Sowjetelite (die sog. Nomenklatur) keinen Nebenverdienst benötige, da ihr jeglicher Lebenskomfort unbegrenzt zur Verfügung stehe (westliche Konsumgüter, die in Spezialiaden zu spottbilligen Preisen erhältlich sind, ebenso wie Luxuswohnungen und Villen; kostenfreier Aufenthalt in den besten Kurorten des Landes; Westreisen im Rahmen von Delegationen oder Gruppen).
Die jüngsten Berichte aus Moskau widerlegen Sorokins Standpunkt. So meldete kürzlich die sowjetische Presseagentur TASS, dass Jurij Sokolow, ehemaliger Direktor der ältesten und besten Delikatessenhandlung in Moskau, wegen Korruption bzw. Annahme von Schmiergeldern und Missbrauchs seiner amtlichen Stellung zum Tode verurteilt wurde. Sein Stellvertreter I. Nemzow und die Abteilungsleiter W. Grigorjew, W. Jakowlew und H. Sweshinsky wurden zu längeren Freiheitsstrafen verurteilt.
Sokolow wurde unmittelbar nach BreschnjewsTode im November 1982 verhaltet. Zu seinen Stammkunden gehörten die Breschnjew-Tochter Galina Tschurbanow, sowjetische Kosmonauten, höhere Beamte und zahlreiche Würdenträger.
Angeblich haben sich mehrere weltbekannte Kosmonauten für Jurij Sokolows Freilassung bzw. Strafmilderung vergeblich eingesetzt. Selbst Galina Tschurbanow, Tochter des einst mächtigsten Mannes der Sowjetunion, Gattin eines ehemaligen stellvertretenden Innenministers, konnte ihrem Günstling nicht helfen.
Innenminister Vitalis Fedortschuk und der stellvertretende Ministerpräsident der UdSSR Gaidar Alijew, ehemaliger KGB-Leiter in der Sowjetrepublik Aserbaidschan — sind fest entschlossen, mit eisernem Besen auszukehren und der sowjetischen Lotterwirtschaft ein baldiges Ende zu bereiten; doch muss bezweifelt werden, dass der Augiasstall der Sowjetwirtschaft sich mit Verhaftungen und Todesurteilen reinigen lassen wird.
Nicht weniger korrupt als Sokolow und seine bestechlichen Stellvertreter waren, sind die höchsten Repräsentanten der Sowjetelite, die sich mit Schmiergeldern in den Besitz von auserlesenen Speisen und Weinen für ihre üppigen Gastmähler zu setzen verstehen und die sich nicht damit begnügen wollen, sich mit dem abzufinden, was ihnen in den eigens für sie geschaffenen “geschlossenen” Lebensmittelhandlungen geboten wird.
Diese Geschäfte, die die sowjetischen Werktätigen nicht betreten dürfen, führen allerlei Leckerbissen, schwarzen Kaviar jedoch nur in begrenzten Mengen. Zuweilen ist französischer Cognac in den für die Elite bestimmten Sonderhandlungen Mangelware. Sie muss sich dann eben mit armenischem Cognac begnügen, der übrigens auch von höchster Qualität ist.
Jurij Sokolow ist nur einer in der Unzahl von Sowjetbürgern, die Schmiergelder annehmen. Für Andropow und seine engsten Mitarbeiter ist das kein Geheimnis. Hätte Jurij Sokolow den Wünschen der sowjeti- schen Oberschicht nicht entsprochen, so hatte er nicht nur sein einträgliches Amt und seine Privilegien verloren (sein Sohn studierte in Cambridge, England), sondern wäre möglicherweise auch verhaftet worden.
Dass er “jetzt zum Tode verurteilt wurde, soll als Warnung für andere Missetäter dienen und ist eine Massnahme gegen die ständig wachsende Schwarzwirtschaft in der UdSSR.
In Ungarn, wo Janos Kadar eine wirksame Wirtschaftsreform durchgeführt hat und marktwirtschaftliche Elemente duldet, ist das “linke Arbeits-System” zu einem hohlen Begriff geworden, weil es faktisch nicht mehr existiert. Der Staat ist und bleibt zwar Eigentümer der zahlreichen Hotels, Restaurants, Tankstellen, Reparaturwerkstätten u.a.m., die reprivatisiert worden sind, aber er verpachtet oder vermietet diese ihm gehörenden Wirtschaftsobjekte.
Damit ist es Kadar gelungen, die ehemalige ungarische Untergrundwirtschaft in den Dienst des Staates zu stellen. Die Förderung der Privatinitiative kommt dem Fiskus zugute und steigert zudem Kadars Popularität.
Anders stellt sich die Situation in der UdSSR dar: Da Andropow und seine KGB-Adlaten offensichtlich nicht gewillt sind, Dezentralisierungs- und Reformversuche zu wagen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die Korruption durch staatliche Terrormassnahmen zu bekämpfen. Mit Gewaltmassnahmen lässt sich die Wirtschaftslage jedoch nicht wesentlich ändern. Hunderttausende Apparatschiks werden immer Mittel und Wege finden, ihren bisherigen Lebensstil zu erhalten.
Alkoholismus, Laxheit, Disziplinlosigkeit am Arbeitsplatz, Arbeitsunlust, das alles wird weiterhin dem Sowjetstaat Milliarden von Rubeln kosten; sowjetische Hausfrauen werden weiter stundenlang nach Brot, Kartoffeln, Butter und anderen Grundnahrungsmitteln Schlange stehen.
Dazu kommt, dass beides, Breschnjews Tod und das verschärfte Tempo der atomaren Aufrüstung, zu einer Verlagerung des aussen- und innenpolitischen Schwerpunkts in der Sowjetunion geführt haben: nicht die Kommunistische Partei ist es jetzt, die den Ton angibt, sondern das Sagen haben gegenwärtig in erster Linie die Militärs und der KGB. Für Wirtschaftsexperimente, die das Alltagslos der Sowjetbürger vielleicht erleichtern könnten (wie etwa Kadars Ungarn), bleibt da wenig Raum.
L.K.
[Aufbau. Dec. 16, 1983. p.6]
Albanien — ein kommunistisches Land eigener Prägung
Im Jahr 1912 konnte Albanien, eines der kleinsten europäischen Länder (Fläche: 28.748 Quadratkilometer), seine Unabhängigkeit erringen. Doch die politische Selbständigkeit des Landes, das eine wichtige strategische Lage besitzt, war von kurzer Dauer. Während des Ersten Weltkriegs war Albanien Kriegsschauplatz. Erst 1920 konnte Tirana seine Unabhängigkeit wiedererlangen. Doch schon 1925 ergriff Achmet Zogu die Macht und schwang sich — drei Jahre später — zum Monarchen auf.
König Zogu herrschte elf Jahre lang.
Unter Mussolini wurde Albanien 1939 von italienischen Truppen besetzt. Schon über 55 Jahre lang gibt es in Albanien keine Demokratie. Der Monarchie und der italienisch-faschistischen Besatzungsmacht folgte die von Enver Hoxha 1944 begründete kommunistische Diktatur. Obwohl das Land der Verfassung nach eine “Volksrepublik” ist, hat sich die Bevölkerung den Tyrannen bedingungslos zu fügen.
Albanien ist sogar in der kommunistischen Welt ein Sonderfall. 1961 trat — im Zusammenhang mit dem chinesisch-sowjetischen Konflikt — eine drastische Verschlechterung der Beziehungen zwischen Moskau und Tirana ein. Von 1916 bis 1968 war Albanien ein Satellitenland Chinas. Tirana erwies sich als “päpstlicher als der Past”. Als die Volksrepublik China nach Mao Zedongs Tod einen pragmatischen Kurs zu steuern begann, kritisierten die albanischen Ideologen die Pekinger “Renegaten”.
1978 stellte Peking sämtliche Wirtschaftshilfe ein. Seit dem Bruch mit China ist es jedoch zu keiner sowjetisch-albanischen Annäherung gekommen. Auch zu Jugoslawien, dem unmittelbaren kommunistischen Nachbarstaat, sind Tiranas Beziehungen äusserst gespannt.
Zudem kommt noch ein besonderer Faktor. 1967 schloss Enver Hoxha die 2169 Kirchen und Moscheen des Landes. Albanien ist der erste atheistische Staat der Welt.
Am 18. November 1983 hat Enver Hoxha, der kommunistische Diktator des Landes, seinen 75. Geburtstag gefeiert. Hoxha beherrscht Albanien schon 39 Jahre lang. Dessen drei Millionen Einwohner geben ihm “einmütig” (99,99%) ihre Stimmen ab.
Hoxha behauptet des öfteren, dass Albanien das einzige wahre sozialistische Land der Welt sei. Der albanische Parteichef verachtet China, die UdSSR und Jugoslawien. Diese drei kommunistischen Staaten sind ihm nicht “marxistisch” genug. Als es 1961 zum albanisch-sowjetischen Konflikt kam, beschuldigte Hoxha den damaligen Sowjetpremier und Parteichef Nikita Chruschtschew, er habe Josif Stalins Vermächtnis preisgegeben.
Tiranas Bruch mit Moskau war für die Sowjets in strategischer Hinsicht ein Strich durch die Rechnung. Der Kreml sah sich damals genötigt, seine militärische Präsenz an der Adriatik aufzugeben. Unmittelbar vor Ausbruch der Streitigkeiten hatten die Sowjets einen Kriegsmarine-Stützpunkt in Vlora errichtet. Die sowjetischen Militärexperten und Ingenieure mussten Vlora verlassen und nach der UdSSR zurückkehren.
17 Jahre lang dauerte die chinesischalbanische Freundschaft. Doch Peking gegenüber erwies sich Enver Hoxha als unerbittlicher Gegner jeglicher pragmatischer Reformbemühungen. Hoxha zufolge ist Pragmatismus nichts weiter als “Verrat” an der “heiligen Sache von Marx, Lenin, Stalin und Mao Zedung”. Der neue Kurs Deng Xiaopings, der auch mit den Vereinigten Staaten Kontakte unterhält, ist für Enver Hoxha ein Treuebruch, der nicht verziehen werden darf.
Wie gesagt, sind auch die jugoslawisch-albanischen Beziehungen gespannt. Die albanischen Kommunisten halten Jugoslawien — vom orthodox marxistich-leninistischen Standpunkt aus — für ein völlig verkommenes Land, das sich den “Idealen Stalins” (d.h. den Idealen einen Massenmörders) widersetzt hat. Hinzu kommt der Streit um das jugoslawische Kossowo, wo zwei Millionen Albanier leben.
Hoxhas “Jugendheld” war Josif Stalin. Dem Stalinismus und Maoismus trauert er nach. Nirgendwo in der Welt gibt es heute so viele Stalin-Denkmäler wie im kleinen, von der Aussen weit isolierten Albanien. Der Stalin-Kult wird in Albanien durch den Hoxha-Kult ergänzt. General Enver Hoxha hat schon zu Lebzeiten unzählige Denkmäler und Büsten, die ihn als “genialen Führer” verherrlichen, errichten lassen.
Hoxha hat eine ruhige, melodische Stimme. Er erweckt den Eindruck eines gutmütigen Landesvaters. Doch diese äusseren Attribute täuschen. Premier Mechmut Schechu hat 27 Jahre lang (1954-1981) dem “Landesvater” treu gedient. Als Schechu jedoch häretische Gedanken zum Ausdruck brachte, denen zufolge engere Kontakte zur Aussenwelt vonnöten seien, verschwanden Schechu und dessen Gattin auf mysteriöse Weise.
Gleichzeitig wurden auch mehrere Minister liquidiert, die offenbar ihren Premier vorsichtig unterstützt hatten.
Hoxha ist jedoch nicht unsterblich. Deshalb zieht er eventuelle Nachfolger heran. Unter ihnen nehmen zwei Männer eine Sonderstellung ein: Simon Stefani, der Partei-Ideologe und Chef des Sicherheitsdienstes, und Ramiz Alia, der nominelle Staatspräsident.
Trotz fast 40jähriger Diktatur gibt es in dem kleinen Land viele Dissidenten, die aber aufs schnellste inhaftiert und “unschädlich” gemacht werden. Unter den politischen Häftlingen befinden sich zahlreiche Priester und Mullahs.
Amerikanischen, sowjetischen, jugoslawischen Staatsbürgern sowie Vertretern der meisten Länder der Welt ist die Einreise nach Albanien verboten. In Tirana gibt es nur eine einzige ausländische Botschaft — die diplomatische Vertretung Rumäniens. Ausländischen Korrespondenten haben es in Albanien äusserst schwer. Ständige Korrespondenten aus dem Ausland gibt es einfach nicht. Nur in Ausnahmefällen können Journalisten in dieses “urheilige Land des bisher ungetrübten Kommunismus Stalinscher Prägung” gelangen.
Was die Wirtschaft anbetrifft, so werden Maschinen, Ersatzteile, Chemikalien und Gummiprodukte eingeführt. Der Import dient voll und ganz der Industrialisierung des Landes. Albanien exportiert Rohöl, Chrom, Kupfer, Nickel.
Zurzeit funktioniert regelmässiger Fährenverkehr zwischen dem italienischen Triest und der albanischen Hafenstadt Dürres.
Ungeachtet des albanisch-chinesichen Ideologie-Streits weilte unlängst eine Pekinger Delegation in Tirana, um Handelsbesprechungen zu führen. Die Chinesen sind am albanischen Chrom interessiert und offerieren ihrerseits Ersatzteile für die albanische Industrie.
Die kommunistische Führung Albaniens unternimmt keine Auslandsreisen. “Dafür haben wir keine Zeit. Der Aufbau des Sozialismus nimmt uns völlig in Anspruch”, erklären meist die offiziellen Vertreter Tiranas Ausländern gegenüber.
Privatautos sind in Albanien verboten. An öffentlichen Plätzen darf nicht gesungen werden. Es gibt kein Privateigentum. Steuern sind abgeschafft worden.
Obwohl Albanien das ärmste Land Europas ist, bemüht sich die kommunistische Führung, die Bodenschätze und die landwirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes maximal zu nutzen. Ausser der Viehzucht ist die Landwirtschaft durchaus entwickelt. Im Gegensatz zu den Ländern des Sowjetblocks werden die Kollektivbauern wirtschaften allmählich in staatliche Grossbauernwirtschaften verwandelt. Unlängst wurde den Bauern verboten, eigenes Vieh zu besitzen (eine Ausnahme bilden die Gebirgsgegenden).
Hunger gibt es in Albanien nicht. Was nach Enver Hoxha kommt, lässt sich heute nicht voraussagen. Über kurz oder lang müsste es zu einer Annäherung an die übrige Welt kommen.
R. Herzenberg
[Aufbau Dec. 23, 1983. p.7]
