Konstantin Tschernenko, der neue Boss im Kreml

Erst vier Tage nach Yuri Andropows Tod wurde am 13. Februar der 72jährige Konstantin Tschernenko vom Zentralkomitee der KPdSU zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt. Andropow benötigte nach Breschnjews Hinscheiden nur 24 Stunden, um an die Spitze der Partei zu gelangen. Als ehemaliger KGB-Chef war er imstande, potentielle Rivalen kaltzustellen und seine eigene Position zu festigen. Völlig anders war die Machtkonstellation vor wenigen Tagen im Kreml.

Dem vorige Woche verstorbenen sowjetischen Partei- und Staatschef war es — ungeachtet seiner Krankheit und monatelangen Abwesenheit — gelungen, bei allen wichtigen Personalentscheidungen ihm ergebene Leute in die höchsten politischen Machtgremien einzubeziehen. Der Bestand des Politbüros hat sich in den letzten 15 Monaten wesentlich geändert. Mehrere Andropow-Vertraute avancierten zur Vollmitgliedschaft im Politbüro.

Gerade damit lässt sich wohl erklären, dass der Breschnjew-Intimus Tschernenko erst am Vortag des feierlichen Begräbnisses seines Vorgängers zum Parteichef gewählt wurde. Es ist anzunehmen, dass ein erbitterter Machtkampf im Politbüro der Wahl des Generalsekretärs vorausging.

Konstantin Tschernenko begann seine Parteikarriere im Krasnojarsk-Gebiet (Sibirien). 1948 wurde er in die Moldawische Sowjetrepublik versetzt. Leonid Breschnjews Ernennung zum Parteisekretär Moldawiens (1950) war ein glücklicher Zufall in Tschernenkos Leben. Seit seiner Bekanntschaft mit Breschnjew war Tschernenkos Parteilaufbahn gesichert. Breschnjew begünstigte den um fünf Jahre Jüngeren und übertrug ihm wichtigste Parteiämter.

Als Breschnjew 1956 in hoher Parteifunktion nach Moskau berufen wurde, folgte ihm Tschernenko in die sowjetische Hauptstadt. Dank seines einflussreichen Freundes wurde Tschernenko zum Chef der Abteilung für Agitation und Propaganda am Zentralkomitee der KPdSU ernannt. Der Breschjew-Favorit hat eine Blitzkarriere gemacht. 1977 wurde er zum Politbüro-Kandidaten gewählt, ein Jahr danach war er schon Vollmitglied des Politbüros.

Nach Breschnjews Tod schien Tschernenkos politische Existenz gefährdet zu sein. Doch passte er sich rasch der neuentstandenen Situation an. Er war es, der Andropow für den hohen Posten des Generalsekretärs der Partei empfahl.

Unter Andropow leitete Tschernenko als Sektretär des Zentralkomitees die “ideologische und massenpolitische Arbeit”. Vor dem ZK-Plenum, das Mitte 1983 stattfand, gab Konstantin Tschernenko einen Bericht ab zu Fragen der Sowjetideologie. Tschernenkos Referat erinnerte fast an Andrej Shdanow, Stalins “Kulturexperten”.

Obwohl Tschernenko keinen Namen nannte, attackierte er “religiöse Extremisten”, auf die der imperialistische Gegner setze; “Musikgruppen, die ideologischen und ästhetischen Schaden anrichten”; “schwankende und nörgelnde Gestalten” auf dem Bildschirm und in der Literatur. Tschernenko forderte eine sozialistische Aufbaukunst, deren Pathos an die vierziger Jahre erinnerte. “Wir benötigen herausragende Schilderungen der Helden der Planjahrfünfte”.

Tschernenko verschonte nicht einmal die Tätigkeit des Instituts für soziologische Forschungen und des Zentralen Wirtschaftsmathematischen Instituts. Diese beiden wissenschaftlichen Stätten sammeln Daten, enthalten sich aber jeglicher sozialpolitischer Empfehlungen. Soll Tschernenkos ideologische Offensive eine Rückkehr zur Stalinschen Verschönerung oder gar Verschweigung der Tatsachen bedeuten?


Wie war es möglich, dass Andropows ehemaliger Rivale zu seinem Nachfolger wurde? In diesem Zusammenhang sind mehrere Faktoren zu berücksichtigen. Vor allem ging es darum, vor der Aussenwelt die “Einheit der Partei” zu demonstrieren und den Verdacht eines im Kreml ausgetragenen Machtkampfes zu zerstreuen.

Seit den zwanziger Jahren ist es in der Sowjetunion zur Tradition geworden, dass zum Generalsekretär der Partei nur diejenigen Funktionäre gewählt werden können, die gleichzeitig Vollmitglieder der Politbüros und Sekretäre des Zentralkomitees sind. Somit kamen nach Andropows Tod nur drei Kandidaten in Frage: Tschernenko, Romanow (61) und Gorbatschow (52). Die Kreml-Greise trugen den Sieg davon. Gorbatschow und Romanow waren für den Posten des Parteichefs zu “jung”.

Andropows Kampf gegen Korruption und “Untergrund-Wirtschaft” hat in den Kreisen der Sowjetelite (der sog. “Nomenklatur”) böses Blut gemacht. Unter Breschnjew waren Angehörige der Sowjetelite tabu, auch wenn sie Schmiergelder akzeptierten oder anderer korrupter Handlungen verdächtig waren. Tschernenkos Wahl zum Generalsekretär der Partei soll wohl zur Wiederherstellung der zu Lebzeiten Breschnjews herrschenden Zustände beitragen.

Die auf ihre Privilegien und Villen bedachte Parteibürokratie betrachtet Tschernenko als einen Verbündeten.

Innenpolitisch bedeutet Tschernenkos Aufstieg eine Rückkehr zur straffen, zentralistisch ausgerichteten Planwirtschaft. Versuche einer Wirtschaftsreform wird es in den kommenden Jahren wohl kaum geben. Weder Liberalisierung, noch Lockerung der Repressalien gegen Andersdenkende lassen sich von der neuen sojwetischen Parteiführung erwarten. Die Macht des KGB wird nicht geschwächt, jedoch unter Parteikontrolle gestellt werden. Angehörige der Sowjetelite werden weniger zu befürchten haben.

Das Verhältnis zu Washington dürfte sich in den nächsten Monaten kaum ändern. Tschernenko und seine Genossen werden Ronald Reagan nicht behilflich sein, auf eine zweite Amtszeit gewählt zu werden. Die Forderungen des Militärs werden von Tschernenko voll und ganz berücksichtigt werden.

Die optimistischen Erwartungen seitens des State Department, denen zufolge Tschernenko eine neue Kompromissbereitschaft den USA gegenüber offenbaren werde, sind auf Sand gebaut. Tschernenko sprach in seiner Rede nach seiner Wahl zum Parteichef am 13. Februar über die “abenteuerlichen Aktionen der aggressiven Kräfte des Imperialismus”. Die Sowjetführung strebe nicht nach militärischer Überlegenheit, würde sich aber jeglichen Versuchen widersetzen, das bestehende Gleichgewicht zu stören.

Es ist keineswegs sicher, dass der Machtkampf im Kreml endgültig abgeschlossen ist. Er könnte in den nächsten Monaten oder Jahren erneut aufflackern. Konstantin Tschernenko ist womöglich nur eine Übergangserscheinung.


Die Ära Andropow dauerte nur 15 Monate und ist somit die kürzeste Amtsperiode eines Sowjetführers. Am 9. Februar starb Yuri Andropow, Parteichef und Präsident der Sowjetunion. Seit dem 16. August 1983 war Andropow nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen. Allein die Tatsache, dass er weder der Parade zum 66. Jahrestag der Oktoberrevolution, noch dem DezemberPlenum des Zentralkomitees beiwohnte, zeugte von der lebensgefährlichen Krankheit des Kreml-Bosses.

Als Yuri Andropow am 11. November 1982 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion gewählt wurde, sagten viele westliche Kremlbeobachter bedeutsame Wandlungen voraus. Im Westen wurden Wirtschaftsreformen und Dezentralisierungsversuche prognostiziert.

Auf aussenpolitischem Gebiet wurden zu Beginn der Ära Andropow sensationelle Ereignisse erwartet: Moskau würde einen Ausweg aus der Sackgasse finden, in die es durch den fast aussichtslosen Krieg in Afghanistan geraten ist; ferner hoffte man, Andropow würde den Bau der SS-20 einstellen.

All diese Voraussagen haben sich nicht bewahrheitet; nicht nur wegen des frühzeitigen Todes Yuri Andropows. In den neun Monaten, da es ihm sein Gesundheitszustand noch ermöglichte, die sowjetische Innen- und Aussenpolitik zu leiten, wurde bald deutlich, dass Andropow keineswegs bereit war, Wirtschaftsreformen durchzuführen und Flexibilität in der Aussenpolitik zu zeigen.

Auf wirtschaftlichem Gebiet beschränkte sich Andropow auf ein vorsichtiges Experiment in einzelnen Zweigen der Sowjetindustrie. Eine Lockerung der starren Industrieplanung wurde angestrebt. Ferner sagte er der Korruption und der ständig wachsenden “Untergrund-Wirtschaft” den Kampf an. Es kam zu Verhaftungen in den Reihen der Sowjetelite, und in Einzelfällen wurde sogar die Todesstrafe verhängt.

Andropows Kampf gegen die mangelnde Arbeitsdisziplin der sowjetischen Werktätigen einerseits und die gegen die Korruption gerichteten Massnahmen andererseits vermochten nicht, die Stagnation der Sowjetwirtschaft zu beeinträchtigen und die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und elementarsten Konsumgütern zu verbessern. Nur eine kühne Wirtschaftsreform hätte eine Wende bringen können.

Bei Andropows Wahl zum Generalsekretär der Partei war die Befürwortung seiner Kandidatur durch die Militärs von grösster Bedeutung. Selbstverständlich wurde Andropows Aussenpolitik von den Interessen der Generalität mitbestimmt. Deshalb wird der Krieg in Afghanistan — ungeachtet eines beträchtlichen Prestigeverlusts der UdSSR — fortgesetzt.

Präsident Reagans Politik eines neuen Kalten Krieges hat freilich die Position der sowjetischen Militärs weiterhin gestärkt. Andropow, der auf die Unterstützung durch die Militärs angewiesen war, liess sich von deren Belangen leiten. Deshalb wurde der Bau der SS-20 nicht nur nicht eingestellt, sondern sogar erweitert.

R. Herzenberg

[Aufbau Feb. 17, 1984. p.1f.]


Betreten der Botschaft verboten

Kontakt zu ausländischen Missionen kann im Ostblock schlimme Folgen haben

Kürzlich erreichte den Westen ein Brief der Braut des sowjetischen Polithäftlings Jurij Butschenko. Der Brief schildert das tragische Schicksal des schon zum zweiten Mal Verhafteten. Irina Nagle, Butschenkos Braut, berichtet aufs genaueste, wie und warum Butschenko im August 1974 zu einer achtjährigen Freiheitsstrafe verurteilt und im Juni 1983 schon wieder in Gewahrsam genommen wurde.

Jurij Butschenko, ein Tonmeister aus der sibirischen Stadt Nowokusnezk, wurde 1974 einzig and allein deshalb verurteilt, weil er sich wahrend eines Aufenthalts in Leningrad mit einem US-Diplomaten treffen wollte. Dieser Wunsch wurde ihm vom Sowjetgericht als ‘”Landesverrat” vorgeworfen.

Das Urteil lautete auf acht Jahre Arbeitslager wegen eines angeblichen “Versuches, einer fremden Macht (im gegebenen Fall den USA) dabei behilflich zu sein, eine gegen die Sowjetunion gerichtete feindliche Tätigkeit auszuüben”.

Was war dem Leningrader Strafverfahren vorangegangen? Im August 1974 fand ein Angestellter des Leningrader US-Konsulats im Hof einen an den amerikanischen Konsul gerichteten Brief vor. Der Amerikaner übergab das Schreiben vermutlich einem der Beamten des Konsulats. Butschenko, der Verfasser des Briefes, hatte ihn durch einen Gitterspalt in den Konsulatshof geworfen. Im Schreiben sprach der damals Zweiundzwanzig- jährige den Wunsch aus, sich mit dem US-Konsul zu treffen.

Butschenko machte kein Hehl daraus, dass er die Sowjetunion für einen totalitären Staat halte. Mit dem Konsul beabsichtigte der Nowokusnezker, die russischsprachigen Sendungen der “Voice of Amenca” zu erörten und an der Gestaltung einiger Programme Kritik zu üben.

Falls der Konsul an einer Begegnung mit dem jungen russischen Hörer interessiert sein sollte, so möge er sich zu einer im Brief vorgeschlagenen Stunde — an einem bestimmten Ort — einfinden. Selbstverständlich hatte der junge Mann leichtsinnig gehandelt. Er hatte sich nicht vorstellen können, dass sein Brief nicht dem Konsul übergeben, sondern einem Leningrader KGB-Mann in die Hände fallen würde.

Zur verabredeten Zeit erschien ein elegant gekleideter, höflicher Mann, der gut englisch sprach. Der Mann gab sich als Vertreter der US-Konsulats aus. Der arglose Jurij sprach mit dem “Amerikaner” frei von der Leber weg.

Der fliessend englisch sprechende KGBOffizier war ein wenig enttäuscht, dass sein Gesprächspartner keine ernsten Verbrechen im Sinn hatte. Er gehörte also zu den “unzufriedenen Demokraten”, die sich die verschiedenen westlichen “Stimmen” und “Wellen” anhörten. Der Pseudodiplomat gab sich höchst leutselig und schlug Jurij vor, alle seine Vorschläge niederzuschreiben. Ein paar Tage danach sollte die nächste Begegnung der beiden stattfinden.

Jurij Butschenko hegte anfangs Zweifel daran, ob er wirklich alles, was er denke, niederschreiben sollte. Da er aber seinem Gesprächspartner vertraute und ihn für einen waschechten Amerikaner hielt, entschloss er sich, seine kritischen Bemerkungen auf einem Tonband aufzuzeichnen. Mit seinem Tonbandgerät erschien er zur Verabredung. Sein “amerikanischer” Freund war nicht erschienen. Der KGB-Major hatte dafür Sorge getragen. dass der aufrührerisch gestimmte Sibirier in Haft genommen würde.

Englischkenntnisse ohne weiteres anvertraut.

Unbeantwortet bleibt die Frage, auf welche Weise Jurijs Brief aus dem Gebäude des US-Konsulats in die Hände des KGB geraten konnte. Logischerweise ist anzunehmen, dass sich ein Sowjetagent in das Leningrader US-Konsulat eingeschlichen hatte.

Ende 1982 wurde Butschenko, nachdem er die acht Jahre abgesessen hatte, auf freien Fuss gesetzt. Er begab sich in seine Heimatstadt Nowokusnetzk. Aber schon am 6. Juni 1983 wurde Jurij wieder festgenommen. Was hatte er verbrochen? Diesmal war er angeklagt, “die Regeln der administrativen Überwachung böswillig übertreten zu haben”.

Administrative Überwachung tritt in der UdSSR meist nach Freilassung eines Sträflings in Kraft. Der betreffende Bürger ist verpflichtet: 1) sich einmal wöchentlich im Polizeirevier zu melden; 2) eine polizeiliche Genehmigung einzuholen, falls er beabsichtigt, die Stadt zu verlassen; 3) nicht spater als acht Uhr abends heimzukehren und danach nicht mehr auszugehen.

Um Jurij Butschenko das Leben sauer zu machen, wurden ihm folgende Vergehen zur Last gelegt: er habe sich zu spat im Polizeirevier gemeldet, als der Inspektor nicht mehr zur Stelle gewesen sei; er habe sich (krankheitshalber) eine Woche lang überhaupt nicht gemeldet; und schliesslich sei er einmal erst um neun Uhr abends nach Hause gekommen.

Aufgrund dieser Verstösse wurde Jurij Butschenko erneut festgenommen. Wegen seines naiven Briefes, den er vor zehn Jahren verfasst hat, droht ihm jetzt, den grössten Teil seines Lebens in diversen Arbeitslagern verbringen zu müssen.

In der DDR wird das Betreten westlicher Botschaften strafrechtlich verfolgt. Zwar fällt die Strafe “milder” aus als in der UdSSR, aber immerhin handelt es sich um eine Verletzung des internationalen Rechtes im allgemeinen and des Helsinki-Manifests im besonderen. Am 18. April d.J. wurde der DDR-Bürger Wolf Quasdort, von Beruf Baumaschinist, durch das Stadtbezirksgericht Berlin-Pankow zu einer Mindeststrafe von einem Jahr und zwei Monaten verurteilt.

Die DDR-Nachrichten-Agentur ADN berichtete darüber auf folgende ungeschickte Weise:

“Wolf Quasdorf hat als Bürger der DDR dem Ausland Nachrichten zukommen lassen, die durch ihren festgestellten Inhalt, ihre Aussage und die Art der Darstellung den Interessen der DDR Schaden zufügen”.

Quasdorts Vergehen bestand darin, dass er die Ständige Vertretung Bonns in Ost-Berlin besucht hatte. Quasdorf war in der unabhängigen Friedensbewegung engagiert and hatte zudem Anfang März einen Ausreiseantrag gestellt.

Die DDR ist nach dem internationalen Skandal, den das Asylbegehren der Nichte des Ministerpräsidenten Stoph hervorgerufen hat, besonders auf der Hut. Die Nichte Stophs befindet sich jetzt — mit ihrer Familie — in der Bundesrepublik Deutschland. Die DDR hat nach diesem peinlichen Vorfall in der westdeutschen Botschaft in Prag angedeutet, dass sie in analogen Fällen nicht mehr nachgeben werde.

Immerhin ist es in Ost-Berlin noch möglich, eine westliche diplomatische Mission zu betreten. Die bösen Folgen treten meistens nachher ein. In Moskau lassen die vor sämtlichen Botschaften und Konsulaten wachhabenden Polizisten und KGB-Leute Sowjetbürger, die keinen Auslandspass vorweisen können, überhaupt nicht hinein.

Nicht die Botschaften werden beschützt, sondern die eigenen Bürger überwacht. Eine löbliche Ausnahme bildet Budapest. Die Ungarn haben ja das Recht, einmal im Jahr (westliche oder östliche) Auslandsreisen zu unternehmen. Deswegen gibt es dort keine Überläufer. Die ungarischen Behörden fürchten auch nicht, ihre Bürger ausländische diplomatische Missionen betreten zu lassen.

L.K.

[Aufbau Jun. 22, 1984 p.1]


Solschenizyn und die “Pluralisten”

Die autoritären Ansichten eines russischen Exilschriftstellers

Ende 1983 gewahrte Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn einer der französischen Fernsehstationen ein längeres Interview. Die Pariser TV-Journalisten und -Techniker verbrachten mit dem russischen Schriftsteller mehrere Stunden in Cavendish (Vermont). Im Rahmen des populären Fernsehprogramms “Apostroph” wurde eine anderthalbstündige Sendung mit Solschenizyn ausgestrahlt.

In Paris ist Ende vergangenen Jahres eine neue, um 400 Seiten erweiterte Ausgabe von Solschenizyns historischem Roman “August 1914” sowohl in russischer Sprache als auch in französischer Ьbertragung erschienen. Die Neuerscheinung enthält ein Lenin-Fragment, das in mehreren europäischen Sprachen in Buchform unter dem Titel “Lenin in Zürich” veröffentlicht wurde. Zwei weitere historische Romane Solschenizyns sind schon vollendet.

Der 65jährige Schriftsteller hofft, die Zahl seiner Romane auf sieben zu bringen. Sein Ziel ist hierbei, die “wahre” Geschichte der historischen Ereignisse zu schreiben, die zur bolschewistischen Revolution führten.

Von Interesse ist die Tatsache, dass Alexander Solschenizyn nicht nur die bolschewistische Oktoberrevolution von 1917 verdammt. Nicht weniger verwerflich erscheint ihm die ihr vorangegangene bürgerliche Revolution vom Februar desselben Jahres. In seinem französischen Fernseh interview erklärte Solschenizyn, dass er Russlands Rettung nicht vom Westen erwarte. Gewiss unterstütze er voll und ganz Präsident Reagans antisowjetische Politik.

Religiöse Erneuerung sei — Alexander Solschenizyn zufolge — das einzige Mittel zur Rettung Russlands. Die von Leo Tolstoi gepredigte moralische Erneuerung sei nicht imstande, die Menschheit Ende des 20. Jahrhunderts zu retten. Heute bestehe nur “die Hoffnung auf den Glauben an eine göttliche Kraft”, deren Verkündung Solschenizyns Mission sei.

Solschenizyn behauptet ausserdem, er sei der einzige, der im Besitz der Wahrheit über Russland sei. Alle anderen, die in den letzten zehn Jahren aus der Sowjetunion ausgewandert seien (so Solschenizyn) verstünden die Geschichte ihrer Heimat nicht.

Vor mehreren Jahren nannte der russische Nobelpreisträger in einem Presseinterview die in den Westen ausgewanderten Dissidenten “Schufte, die dem Heimatland den Rücken gekehrt haben” (bekanntlich verliess Solschenizyn die UdSSR nicht aus eigenem Entschluss, sondern wurde verhaftet und ausgewiesen). Die Regimekritiker hätten, laut Solschenizyn, in der Heimat aushalten und jegliches Leid erdulden müssen.

Was die Sowjetjuden anbelangt, so äusserte der Schriftsteller, in einem Gespräch mit Walter Cronkite, ziemlich kategorische Ansichten: sie mögen auswandern, aber nur nach Israel.

Kürzlich ist in Paris Solschenizyns “Nos pluralistes” betitelte Streitschrift erschienen. Hier werden diejenigen Leute beim Namen genannt, die der Schriftsteller als “Feinde Russlands” betrachtet. Zu ihnen zählen sowjetische Exilschriftsteller und Dissidenten, die in der Sowjetunion als Solschenizyns Freunde galten und ihm Hilfe erwiesen haben, wie z.B. die im Pariser Exil lebenden Schriftsteller Andrej Sinjawsky und Jefim Etkind.

Nicht einmal der 1980 in der Nähe Madrids bei einem Autounfall ums Leben gekommene Regimekritiker Andrej Amalrik wird verschont.

In dem vom französischen Fernsehen ausgestrahlten Interview sagte Solschenizyn ohne Umschweife, dass er die “demokratischen Pluralisten” für die “wahren Feinde der russischen Heimat” halte.

Für Solschenizyn gibt es nur eine einzige Auffassung der russischen Geschichte, der Ursachen der Revolution: an dieser einzigen Wahrheit, an “Gottes Wahrheit” (so hiess es in dem Interview) dürfe nicht gerüttelt werden. Die von Solschenizyn verkündete Wahrheit dürfe nicht verschiedenartig ausgelegt werden.

In seiner Kampfansage an die demokratischen Pluralisten wendet sich Solschenizyn nicht nur gegen eine Vielfalt politischer Ansichten, sondern auch gegen ein Mehrparteiensystem in einem freien Russland. Solschenizyn ist Verfechter eines autoritären Regimes.

In dem Interview verstieg sich Solschenizyn sogar zur Behauptung, es seien die “pluralistisch gestimmten Sowjetdissidenten”, die angeblich auf die amerikanische Linke einen verderblichen Einfluss ausübten.

In einem der Pariser Tageszeitung “Le Monde” gewährten Interview sagte Andrej Sinjawsky bezüglich Solschenizyns Pluralistenpolemik u.a.: “Alexander Solschenizyn gebraucht das Wort Pluralist als Schimpfwort und bezeichnet damit sämtliche Dissidenten, die anderer Meinung sind als er. Den Pluralisten legt er Atheismus, Relativismus und sogar Russland-Hass zur Last. Sich selbst aber betrachtet er als Patrioten. Es geht hier um die Gedanken- und Redefreiheit.

Braucht Russland diese Freiheit? Meiner Ansicht nach ist sie für unsere Heimat unumgänglich. Solange sich Solschenizyn in der Sowjetunion befand, passte ihm die Redefreiheit durchaus. Auch die Dissidenten, die ihn unterstützten und ihm beistanden, waren ihm damals recht. Im Westen aber hat mein Gevatter (Sinjawsky ist Taufpate von Solschenizyns Kindern) eine neue, völlig neue Position bezogen — es gebe nur eine einzige Wahrheit, nämlich die, die sich ihm, Solschenizyn, offenbart habe.

Er spielt jetzt die Rolle eines Verkünders einer russischen ‘religiösen Erneuerung’. Obwohl ich keinesfalls Gegner einer wahren Erneuerung bin (meiner Ansicht nach ist die sog. ‘religiöse Erneuerung’ nur wenig ausgeprägt und trägt leider chauvinistische Züge), wende ich mich entschieden gegen jegliche Monopolisierung auf dem Gebiet der Kultur und des Geisteslebens. Der gegenwärtigen kommunistischen Despotie eine neue religiöse Despotie als Alternative gegenüberzustellen, scheint mir kaum attraktiv”.

Aus psychologischer Sicht ist das Phänomen Solschenizyn unmittelbar mit der sowjetischen Wirklichkeit verbunden. Ungeachtet seines Antikommunismus und Antisowjetismus ist der Schriftsteller ein Teil dieser Realität, ein Symptom der Sowjetwirklichkeit. Alexander Solschenizyn ist es nicht nur durch seine typisch sowjetische Lebensgeschichte (Krieg, Lager, Heimkehr), sondern — und zwar in erster Linie — durch seine Verdammung aller Andersdenkenden.

L.K.

[Aufbau Jun. 29, 1984. p.11]


Die phantastischen Abenteur des Alexander Solotarjow

Zweimalige Auswanderung aus der Sowjetunion

Vor mehreren Wochen erhielt die Redaktion des Pariser russischsprachigen Exilblattes “La Pensée Russe” einen Brief des 25jährigen Moskauers Alexander Solotarjow, in welchem der junge Mann von seiner Notlage berichtete. Er sei staatenlos und wolle auswandern. Solotarjows Schreiben hatte die Pariser Zeitung auf Umwegen erreicht. Die Zeitung stand gerade im Begriff, Alexanders Brief in den Druck zu geben, als er plotzlich selbst in der Redaktion auftauchte.

Im Verlauf eines Interviews berichtete er über seine wahrlich wunderlichen Abenteuer der letzten Jahre.

Binnen fünf Jahren hatte es Solotarjow zustande gebracht, zweimal — auf legalem Wege — aus der Sowjetunion auszuwandern. 1978 studierte Alexander an einer Moskauer Hochschule. Er litt unter dem Druck der kommunistischen Diktatur und wollte emigrieren. Er bat einen seiner Freunde, dem ein Ausreisevisum gewährt worden war, ihm eine offizielle israelische Einladung zuzusenden. 1979 war das Rekordjahr der jüdischen Auswanderung aus der UdSSR.

Alexander erhielt die obligate israelische Einladung und reichte seine Papiere ein. In kürzester Frist wurde ihm ein Ausreisevisum bewilligt. Seine Eltern blieben in Moskau. Sie liessen den Jungen gewähren, wollten aber nicht die UdSSR verlassen.

Ende Februar 1979 erreichte Alexander Solotarjow Wien und gelangte bald danach nach Rom. Schon in Wien verspürt er Heimweh. Er sehnte sich nach seinen Eltern, seinen Freunden und Verwandten.

In Erwartung seiner US-Einwanderungspapiere sollte er eine Zeitlang in Rom verbringen. Doch er fand keine innere Ruhe. Das Heimweh nagte an ihm. Auf illegalem Wege (d.h. ohne französisches Einreisevisum) gelangte er nach Paris. Vier Monate verbrachte er bei Pariser Freunden. Dank seiner guten Französisch- und EnglischKenntnisse verdiente er mit Übersetzungen ein wenig Geld.

Die Heimkehr nach Moskau wurde zu einer fixen Idee. Alexander war nicht mehr imstande, nüchtern zu denken. Er erwog phantastische Wege der Heimkehr, z.B. einen illegalen Grenzübertritt aus Finnland in die UdSSR.

Schliesslich begab er sich von Paris nach Le Havre. Im Hafen machte er einen Handelsdampfer ausfindig, der bald nach Russland abfahren sollte. Die Verladungsarbeiten waren schon beendet, und das Frachtschiff war im Begriff, in See zu stechen. Unbemerkt gelangte Alexander an Bord. Er hatte keine Zeit gehabt, Lebensmittel einzukaufen. Er versteckte sich im Kielraum. Ohne etwas zu essen und zu trinken, verbrachte Alexander hier fünf Tage und fünf Nächte. Im Kielraum var es eiskalt.

Solotarjow brach einen Container auf und versteckte sich darin.

Nach Ankunft im Rigaer Hafen begann die Entladung des Schiffes. Alexander sass in seinem Container. Ein Hebekran hob den Güterbehalter, in dem Alexander hockte, empor und liess ihn im Rigaer Hafen nieder. Glücklicherweise befand sich Alexanders Container am äussersten Ende des Lagerplatzes. Nachts kroch der Heimkehrer aus seinem Versteck. So schnell wie möglich machte er sich aus dem Staube. Niemand hatte ihn im Rigaer Hafen bemerkt.

Alexander hatte ein paar Pariser Souvenirs und Kleinigkeiten (Parfüm, Feuerzeug u.a.) Die brachte er bald an den Mann. Das Geld reichte für eine Fahrkarte Riga-Moskau. Im Bahnhofsrestaurant bestellte er sich ein Mittagessen.

In Moskau begab er sich natürlich zu seinen Eltern. Für die war Alexanders Heimkehr eine Art Schock. Die Eltern ahnten, was ihrem Sohn bevorstand.

Alexander traf sich mit seinen alten Freunden. Es verging eine Woche. Die Eltern seiner Freundin drohten, Alexander bei der Polizei anzuzeigen. Erst jetzt begriff Solotarjow den Ernst seiner Lage Er sah sich genötigt, sich beim KGB zu melden und über seine Erlebnisse zu berichten. Der KGB-Offizier hörte sich Alexanders Bericht schweigend an. Dann sagte er barsch: “Weisen Sie Ihre Dokumente vor!” — “Ich habe doch keine Dokumente”, lautete die Antwort. — “Was soll denn das heissen?” fragte der Mann unwirsch.

— “Ich habe Ihnen ja schon gesagt, dass ich auf illegalem Wege heimgekehrt bin”.

Es dauerte eine Weile, bis dem KGB-Mann ein Licht aufging. Als er endlich die Situation begriff, schäumte er vor Wut. Mehrere KGB-Leute betratet das Zimmer. Als sie erfuhren, was da geschehen war, glaubten sie anfangs, Alexander sei von Sinnen.

Schliesslich begann eine stundenlange Vernehmung. Spät am Abend wurde Alexander in das berüchtigte Lefortowo-Gefängnis abtransportiert.

Die Untersuchungshaft dauerte acht Monate. Die KGB-Offiziere und Untersuchungsrichter glaubten Alexander nicht, dass er seines Heimwehs wegen zurückgekehrt sei. Er solle doch eingestehen, dass er im Dienste westlicher Spionagezentren stehe. Da er sich aus freien Stücken zum KGB begeben habe, würde man ihn — falls er seinen Spionageauftrag eingestehe — wieder auf freien Fuss setzen. Alexander durchschaute aber diesen KGB-Trick. Er weigerte sich kategorisch, ein falsches Geständnis abzulegen.

Eine ganze Gruppe Untersuchungsrichter befasste sich mit Solotarjows Fall. Doch Alexander liess sich nicht einschüchtern. Im Juni 1981 fand der Prozess statt. Die Anklage lautete auf illegalen Grenzübertritt. Alexander kam noch glimpflich davon. Er wurde zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach der Gerichtssitzung sagte ein Gcfängnisbeamter zu Alexander: “Du hast Glück gehabt. Diese kurze Frist musst du absitzen, weil du die Heimat verlassen hast, nicht aber weil du heimgekehrt bist”.

Alexander Solotarjow wurde in ein Arbeitslager in Mordowien geschickt. Die Häftlinge dieses Lagers waren lauter Ausländer — Westdeutsche, Finnen, Amerikaner, Chinesen, Bulgaren, Polen, Iraner, Nordkoreaner u.a. Insgesamt sassen etwa 120 Häftlinge im Lager.

Die Sträflinge mussten Schemel anfertigen. Gelegentlich erschienen sowjetische Häftlinge aus einem benachbarten Lager. Sie hatten irgendeinen Auftrag zu verrichten. Sie kamen nicht aus dem Staunen heraus. “Ihr habt’s hier ja wirklich gut. Ihr lebt hier wie in einem Kurort”. Für die sowjetischen und ausländischen Sträflinge gab es ein gemeinsames Krankenhaus. Für die sowjetischen Häftlinge war der Aufenthalt im Krankenhaus eine Erholung. Für die Ausländer war es dagegen eine Qual, eine zusätzliche Strafe.

Die Leitung des Ausländerlagers verhält sich zu den westlichen Häftlingen, die mit ihrer Botschaft Kontakte unterhalten, recht schonungsvoll. Von Zeit zu Zeit werden die West-Häftlinge nach Moskau gebracht, wo sie im Butyrka-Gefängnis von ihren diplomatischen Vertretern besucht werden.

Die Nordkoreaner haben panische Angst, in ihre Heimat zurückgeschickt zu werden. Dort werden ehemalige Sowjethäftlinge auf brutalste Weise getötet Des wegen bemühen sie sich darum, nach Ablauf ihrer Haft Frist in der Sowjetunion zu bleiben.

Alexander Solotarjow reifte seelisch im Arbeitslager. Obwohl er sich in einem “privilegierten” Lager für ausländische Häftlinge befand, begriff er endlich den Wert der Freiheit, die er in Frankreich aufgegeben hatte. Nach Verlauf eines Jahres versuchte ihn ein aus Moskau angereister KGB-Mann zu überreden, ein offenes Bekenntnis seiner “Schuld” abzulegen. Dann wurde man ihm vielleicht die Frist kürzen. Alexander war aber standhaft und liess sich nicht in die Falle locken.

Als er seine Frist abgesessen hatte, forderte Alexander Solotarjow, in das Land reisen zu dürfen, woher er gekommen war. Er wurde aber nach Kalinin (früher Königsberg) geschickt. In Moskau hatte ihm der Vorsitzende der Pass- und Visenbehörde gesagt, dass er seine Auswanderungspapiere nur in Kalinin einreichen könne. Dort wollten ihm die Behörden einen sog. Ausländerpass ausstellen. Alexander erfuhr, dass er durch Annahme eines solchen Passes die Stadtgrenzen von Kalinin nicht verlassen dürfe.

Kalinin könnte zu seinem Verbannungsort werden. Er weigerte sich also, einen solchen Pass — ohne Ausreisevisum — in Empfang zu nehmen. Die KGB-Leute versuchten, den rebellischen “Heimkehrer” durch Drohungen einzuschüchtern. Man wurde ihn aufs neue verhaften.

Alexander Solotariow hatte vielen neuen Bekannten in Kalinin von seinem kurzfristigen Aufenthalt im Westen erzählt. Der KGB wusste davon. Die Leute von der Staatssicherheit wollten den “Schädling” so schnell wie möglich loswerden. Alexander wurde genötigt, einen Ausländerpass zu akzeptieren. Als offiziell anerkannter “Ausländer” ersuchte Alexander Solotarjow um ein Ausreisevisum, wobei er als Bestimmungsland die Schweiz nannte. Daraufhin wurde ihm erklärt, dass er nur nach Israel ausreisen dürfe.

Alexander wanderte nun zum zweiten Mal aus. Heute lebt er in Brüssel. Im Herbst hofft er, sein Studium am belgischen Dolmetscherinstitut aufzunehmen. L.K.

[Aufbau. Aug. 3, 1984. p.2.]


Späte Reue einer ehemaligen Stalinistin

Raisa Orlova: “Memoirs”. Aus dem Russischen ins Englische übertragen von Samuel Cioran. Verlag: Random House, New York. 366 Seiten. $20.00.

Raisa Orlovas unlängst ins Englische übertragene Memoiren sind eine Beichte, ein schonungsloses Schuldbekenntnis. Am 12. November 1980 war die Verfasserin der “Lebenserinnerungen”, die sie 1961-1980 niedergeschrieben hat, gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Es gelang Orlova, ihr Manuskript in die Bundesrepublik Deutschland zu schaffen.

Schon im Januar 1981 wurde Raisa Orlova — zusammen mit ihrem Mann Lew Kopelew — ausgebürgert. Heute lebt das Ehepaar in Köln. Orlova und der Germanist Kopelew (er diente übrigens in Solschenizyns Roman “Der erste Kreis der Hölle” als Vorbild der Gestalt des Rubin) haben in Deutschland einflussreiche Freunde und führen ein materiell gesichertes Leben. Dennoch wird es Raisa Orlova wohl kaum vergönnt sein, ihre Kinder und Enkelkinder in der UdSSR wiederzusehen.

Raisa Orlovas Lebenserinnerungen nehmen in der Memoirenliteratur der heute im westlichen Exil lebenden Sowjetintellektuellen einen Sonderplatz ein. Während innerhalb des letzten Jahrzehnts im Westen zumeist Bücher prominenter Sowjetdissidenten veröffentlicht wurden, die verschiedene Erscheinungsformen des in Russland herrschenden Totalitarismus behandeln, ist Orlovas Hauptproblem ihre eigene politische Blindheit während der Stalin-Ära. Als sie im März 1953 die Nachricht von Stalins Tod erfuhr, weinte sie.

Von ihrer Schulzeit an glaubte sie an das “kommunistische Ideal”, dessen Verkörperung sie in Stalin erblickte.

Es gehört viel Mut dazu, heute im Westen eine derartige Verblendung einzugestehen. Orlova begriff einfach nicht, was 1937-1938 in der UdSSR vor sich ging, als Millionen unschuldiger Menschen, verschwanden Orlovas Vater, der in einem Moskauer Staatsverlag tätig war, wurde nur degradiert, aber nicht deportiert. Als der Vater seine damals 20jährige Tochter fragte, wie sie reagieren würde, falls man ihn verhaften sollte, lautete, Raisas Antwort: “Ich würde annehmen, dass du schuldig bist”.

Heute begreift Orlova, dass ihre Antwort ungeheuerlich war. Der Vater hatte sicherlich andere Worte erwartet, sonst hätte er nicht danach gefragt.

Als Studentin am Moskauer Institut für Philosophie, Literatur und Geschichte stimmte sie in Jungkommunistenversammlungen — mit fast allen übrigen ihrer Studienfreunde — für die von der Partei vorgelegten Resolutionen, denen zufolge die Töchter und Söhne der “Staatsfeinde” relegiert werden müssen und die “verbrecherischen Väter” die Todesstrafe verdienen.

Ein anderes Beispiel: Nach Absolvierung des Instituts arbeitete Orlova (gebürtige Liberson) im VOKS, im sowjetischen Amt für kulturelle Kontakte mit dem Ausland. Ein Kollege, Jurij K., hatte mit ihr einst ein offenes Gespräch geführt. Während der Unterhaltung hatte er u.a. gesagt: “Wenn das Zentralkomitee der Partei dich beauftragen würde, Kinder zu erhängen, würdest du die ganze Nacht heulen, aber am Morgen den Befehl ausführen”.

Auf einer Parteiversammlung, die darüber entscheiden sollte, ob Jurij in die Partei aufgenommen werden könne, erhob sich Orlova und erzählte die “Kindermord-Geschichte”. Der junge Mann wurde entlassen. Raisa Orlova schreibt: “Ich dachte nicht an ihn und wusste nicht, wie es ihm später ergangen war”.

1956 heiratete Raisa Orlova den Schriftsteller Lew Kopelew (es war ihre dritte Ehe). Nach dem 20. Parteikongress begann Orlovas langsamer geistig-politischer Umorientierungsprozess. Kopelew setzte sich offen für die verhafteten Autoren Sinjawsky und Daniel ein. Ihm wurde deshalb Berufsverbot auferlegt.

Orlova galt in der UdSSR als Expertin für US-Literatur. Ihre Dissertation lautete: “Die Gestalt des Kommunisten in der amerikanischen Literatur 1945-1950”. Mehrere Jahre lang arbeitete sie in der Redaktion der Sowjetzeitschrift “Innostrannaja Literatura” (Fremdliteratur).

Ende der sechziger Jahre begriff Raisa Orlova, dass eine neue Generation herangewachsen war, die nicht davor zurückschreckte, die Partei zu kritisieren (wie z.B. Kopelews Schwiegersohn, Pawel Litwinow, der — zusammen mit einigen anderen Dissidenten — auf dem Roten Platz gegen die Invasion der Tschechoslowakei protestierte).

Lew Kopelew und seine Frau waren mit Andrej Sacharow und Jelena Bonner befreundet. An Sacharows Kampf für Wahrung der Menschenrechte in der UdSSR nahm Orlova nicht teil. Viele Seiten des Buches sind Sacharow, seiner Schlichtheit, seiner Hilfsbereitschaft gewidmet. Erst 1980, als Sacharow nach Gorki verbannt wurde, unterzeichnete Orlova — zusammen mit Kopelew — ein Protestschreiben gegen diesen Willkürakt. Bald darauf wurde Raisa Orlova aus dem Schriftstellerverband und aus der Partei ausgeschlossen.

Orlovas Buch ist ein mutiges Reuebekenntnis, das zur Erkenntnis der Mentalität des Homo sovieticus beiträgt.

L.K.

[Aufbau Aug. 3, 1984. p.9]


Wissenschaftliche Forschung in der Sowjetunion

Die Parteibürokraten haben das Sagen

Der 43jährige Gelehrte Valerij Godjak wurde Anfang 1984 von den Sowjetbehörden gezwungen, seine Heimat zu verlassen. Er stand vor der Alternative, verhaftet und zu einer längeren Freiheitsstrafe verurteilt zu werden oder auszuwandern. Godjak war am Lehrstuhl für Elektronik an der Moskauer Universität tätig. Worin bestand das Vergehen dieses Wissenschaftlers? Er war Mitglied einer Gruppe sowjetischer Intellektueller, die sich für Kooperation beider Supermächte einsetzt.

“Unsere Gruppe war keine politische Organisation”, sagte Godjak in einem Interview mit dem in Paris erscheinenden russischsprachigen Exilblatt “La Pensée Russe”. “Wir haben nur mehrere Manifeste in der Untergrundpresse herausgegeben”.

Der heute in den Vereinigten Staaten ansässige Godjak wies ferner darauf hin, dass die “Gruppe der Herstellung des Vertrauens zwischen den USA und der UdSSR” sowjetische Intellektuelle vereinigte, die sich der Gefahr der verhängnisvollen atomaren Abschreckungstheorie bewusst seien und sich deshalb für die unmittelbare Aufnahme von Abrüstungsgesprachen zwischen den beiden Supermächten einsetzten.

Die beiderseitige Anhäufung von Massenvernichtungswaffen könne zu einem dritten Weltkrieg — unabhängig von den Intentionen der regierenden Kreise in Moskau und Washington — führen, meinen Valerij Godjak und seine Gesinnungsgenossen (diese kleine Gruppe sowjetischer Intellektueller existiert faktisch nicht mehr — die einen wurden ins westliche Ausland abgeschoben, die anderen verhaftet).

Während der letzten zehn Jahre war Godjak an der Moskauer Universität tätig. Vordem war er Mitarbeiter des Leningrader Forschungsinstituts für elektrophysikalische Apparatur.

Godjaks Meinung nach lassen sich die theoretischen Arbeiten der sowjetischen Gelehrten ihrem theoretischen Niveau nach durchaus mit den theoretischen Errungenschaften des Westens vergleichen. Im Rückstand gegenüber dem Westen sind die Sowjets in experimenteller Hinsicht.

“In unserer Abteilung waren 60-70 Gelehrte tätig. Manche von ihnen sind erstklassige Wissenschaftler. Zu ihrer Verfügung stehen nur zwei bis drei Techniker und einige Laboranten. Als Folge dieser Absurdität muss häufig rein technische Arbeit von den Forschern selbst verrichtet werden. Ich war Leiter einer Forschungsgruppe, musste aber eine Menge Zeit damit vergeuden, die veraltete Apparatur zu reparieren”, konstatiert Godjak.

Westliche Appartur gelangt nicht in die Universitäten. Diese für harte Dollar oder andere westliche Währungseinheiten erworbenen Gerate werden entweder den Armeelabors oder den Zentren der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zur Verfügung gestellt.

Sowjetforscher veröffentlichen bedeutend weniger theoretische Arbeiten als ihre westlichen Kollegen. Godjaks Ansicht nach erscheinen im gleichen Zeitabschnitt zwei- bis dreimal mehr Berichte über Laborergebnisse amerikanischer oder britischer Forscher als entsprechende Arbeiten sowjetischer Gelehrter.

Auf die Frage, wie es um die Qualifikation jüngerer Sowjetphysiker bestellt ist, antwortete der Exmoskauer: “Leider ist das Niveau der jungen Physikergeneration unseres Landes — im Vergleich zu deren alteren Kollegen — niedriger. Hinzu kommt, dass deren wissenschaftliche Qualifikation in ständigem Sinken begriffen ist.

Das habe ich in Moskau und in Leningrad beobachtet, nehme aber an, dass die Situation an den Universitäten und wissenschaftlichen Forschungsinstituten in anderen Sowjetstädten nicht besser ist”.

Womit lasst sich das erklären? Jeder Universitätsprofessor ist selbstverständlich daran interessiert seine begabtesten Schüler bei sich zu behalten. Auf die Meinung der Professoren wird aber keine Rucksicht genommen. Die Frage, wer an der Universität weiterarbeiten darf, wird vom KGB (dem sowjetischen Sicherheitsdienst) entschieden. Ein für wissenschaftliche Tätigkeit unqualifizierter Funktionär wird häufig einem parteilosen Forscher gegenüber bevorzugt.

In den letzten Jahren ist das wissenschaftliche Niveau — Godjaks Ansicht nach — besonders stark gesunken.

Zurzeit bemühen sich die begabtesten Sowjetphysiker darum, wissenschaftliche Forschungsinstitute zu verlassen und an den Universitäten oder an den Instituten der Akademie der Wissenschaften tätig zu sein. Obwohl es auch hier meist am Nötigsten fehlt, ist die Situation an den Forschungsinstituten, die der Akademie nicht angehören, noch trostloser. Wissenschaftliche Ideen interessieren dort niemanden. Es darf nicht experimentiert werden.

Worauf es in den Tausenden in der UdSSR vorhandenen Forschungsinstituten ankommt, ist die Planerfüllung.

Als Valerij Godjak am Leningrader Institut für elektrophysikalische Apparatur tätig war, schlug die von ihm geleitete Gruppe die Erarbeitung von Hochspannungsbeschleunigern vor. Die Obrigkeit verbot dieses Forschungsprojekt und erklärte den Gelehrten, dass sie — dem Plan gemäss — ein veraltetes Modell entwickeln sollten.

Eine besonders negative Rolle spielt bei der wissenschaftlichen Entwicklung in der UdSSR die Tendenz, soviel wie möglich, in der ganzen westlichen Welt längst bekannte Leistungen als “Geheimarbeit” zu klassifizieren. Dem betreffenden Gelehrten wird dann der Zutritt zu “geheimer Dokumentation” erteilt. Auf diese Weise gelingt es dem KGB, seine Kontrolle noch mehr zu festigen und jeden freiheitlichen Gedanken zu unterdrücken.

“Geheime Forschungsinstitute” sind eine Sinekure für Stümper und Appartschiks, die ihre Karriere auf dem Gebiet der Wissenschaft machen wollen. Für jeden begabten Forscher ist der sog. Zutritt zu Geheimmaterial eine kaum erträgliche Belastung.

Valerij Godjak zufolge sind die Sowjets auf die Technologie des Westens angewiesen. Das gilt hauptsächlich für die Rüstungindustrie. Der Abbruch der wissenschaftlichen Kontakte mit den USA — nach der Invasion Afghanistans durch die Sowjetarmee — wirkt sich auf die Entwicklung der Sowjetindustrie im allgemeinen und die der Rüstungsindustrie im besonderen hindernd aus.

Dr. Godjak äusserte im Verlauf des Interviews durchaus konstruktive Gedanken zur sowjetisch-amerikanischen Kooperation. Er wertet den Abbruch der kulturellen Kontakte zwischen den beiden Supermächten als negative Erscheinung. Gegenseitiger Besuch anlasslich wissenschaftlicher Kongresse und Symposien ist an und für sich zu begrüssen, weil solche Kontakte dem Frieden dienen.

Falls aber bekannt ist, dass die sowjetischen Delegationsmitglieder im Auftrag des KGB stehen, Antisemiten sind und ihre Kollegen (wie z.B. Andrej Sacharow) zu verfolgen suchen, ist es ratsam, diesen “Forschern” kein Einreisevisum zu gewähren. Anderseits gibt es ausgezeichnete, mutige Sowjetforscher, die an westlichen Kontakten aufrichtig interessiert sind. Solche Leute solle man nicht vor den Kopf stossen.

Valerij Godjak appelliert an den Westen, sowjetische Gelehrte differenziert zu behandeln. Man kann ihm nur Recht geben. L.K.

[Aufbau Aug. 10, 1984. p.7]

Elitäres Einzelgängertum statt Massenbewegung

Probleme der sowjetischen Dissidentenbewegung

Im Vergleich mit den sechziger und siebziger Jahren ist heute die innenpolitische Situation der UdSSR noch düsterer und trostloser geworden. Seit Anfang Mai dieses Jahres, als Nobelpreisträger Andrej Sacharow in Hungerstreik trat, um auf diesem Wege ein Ausreisevisum für seine Gattin Jelena Bonner zu erzwingen, ist im Westen nur wenig über das Schicksal des Dissidentenpaares bekannt. Den Westen erreichen nur einzelne Gerüchte, denen zufolge Andrej Sacharow vom Moskauer Psychiater Prof.

Roshnow hypnotisiert werde (Ziel dieser psychiatrischen “Behandlung” besteht wohl darin, Sacharow zu einem gefügigen Werkzeug der Sowjetpropaganda zu machen). Jelena Bonner stehe angeblich ein Gerichtsprozess bevor, in dessen Verlauf ihr “antisowjetische Propaganda und Agitation” zur Last gelegt werden sollen.

Dem KGB ist es heute gelungen, die sowjetische Dissidentenbewegung faktisch zu vernichten. Die aktivsten Regimekritiker wurden entweder verhaftet oder ins Ausland abgeschoben. Auf diese Weise wurden sie neutralisiert und “unschädlich” gemacht. Das bedeutet aber keineswegs, dass es in der UdSSR früher oder später nicht wieder zu einer neuen Widerstandsbewegung kommen könnte.

In diesem Zusammenhang ist ein Artikel des seit 1973 in New York lebenden russischen Exilphilosophen Boris Schragin von besonderem Interesse. In Heft 3 der in Paris erscheinenden russischsprachigen Zeitschrift “Tribuna” (Tribüne) befasst sich Schragin mit den Ursachen, die zur Niederlage der sowjetischen Dissidentenbewegung geführt haben.

Der aus Moskau stammende Schragin weist mit Recht darauf hin, dass die Tätigkeit der Sowjetdissidenten nicht mit der Unterstützung der Landesbevölkerung rechnen konnte. Es handelt sich um eine elitäre Bewegung sowjetischer Intellektueller, die an einer Kooperation mit den Arbeitern des Landes keineswegs interessiert sind. Die Tragödie der sowjetischen Dissidentenbewegung sieht Schragin darin, dass kein Dialog mit dem eigenen Volk gesucht wurde.

Statt dessen bemühten sich die Moskauer und Leningrader Andersdenkenden um Aufnahme von Kontakten mit westlichen Korrespondenten. In vielen Fällen führte diese Kontaktaufnahme zur Ausbürgerung oder Zwangsauswanderung.

Die sowjetischen Regimekritiker gelangten nach Paris, München, New York, Toronto. Aber auch im Exil betrachteten sie sich als “heroische Einzelgänger”, die allzu oft an ihrer eigenen Karriere im Westen interessiert waren. Genau so wie sie in Russland sich weit erhaben über die Massen fühlten, suchten sie auch im Westen keine Kontakte mit den zahlreichen anderen Auswanderern aus der UdSSR. Ihr “Überlegenheitskomplex” hinderte sie daran.

Am 11. März 1968 — unmittelbar vor dem Urteilspruch im Moskauer Prozess gegen die Dissidenten Ginsburg, Galanskow, Dobrowolsky und Laschkowa — gaben Pawel Litwinow und Larisa Bogoras eine Erklärung ab, die nur wenige Stunden danach von der BBC in russischer Sprache übertragen wurde. Litwinow und Bogoras appellierten damals an die Weltöffentlichkeit,vor allem aber an die Öffentlichkeit der Sowjetunion. Diesen Aufruf hörten Millionen Sowjetbürger.

Etwa 1000 Sowjetintellektuelle unterzeichneten einen an den Kreml gerichteten Protestbriet, in dem sie die Verurteilten in Schutz nahmen.

Ende der sechziger Jahre unterstützten verhältnismässig breite Kreise der Sowjetintelligenz die Dissidenten, die sich für die Wahrung der Menschenrechte in der UdSSR einsetzten. Als aber Alexander Solzhenitsyn die Sowjetintellektuellen verächtlich als “Bildungsphilister” bezeichnete, jubelten ihm die meisten Regimekritiker zu. Dadurch wurden Zehntausende fortschrittlicher, reformbestrebter Sowjetintellektueller vor den Kopf gestossen.

In Polen unterstützte die intellektuelle Opposition der “KOR”-Gruppe (der Vereinigung zum Schutz der Arbeiter) die “Solidaritäts”-Bewegung. Als in Warschau unlängst ein Prozess gegen die “KOR”-Führer Kuron und Michnik sowie gegen zwei andere oppositionelle Intellektuelle gestartet wurde, sah sich die polnische Führung bald genötigt, das Verfahren abzublasen. Der Prozess dauerte nur wenige Juli-Tage. Die Gerichtsverhandlungen wurden dann terminlos vertagt.

Die Warschauer Führung hatte begriffen, dass Kuron, Michnik und die beiden anderen Angeklagten polnische Patrioten sind. Während der Voruntersuchung hatte man ihnen mehrfach vorgeschlagen, sie nach dem Westen auswandern zu lassen. Die Angeklagten lehnten es aber ab, die Heimat zu verlassen.

Erst wenn es in der Sowjetunion zu einer echten Solidarität zwischen Intellektuellen, Arbeitern und Bauern kommen sollte, wären die Apparatschiks genötigt, mit den oppositionellen Kräften im Lande zu rechnen. L.K.

[Aufbau Aug. 17, 1984. p.8]


Rumänien: Antisemitismus auf dem Vormarsch

Obwohl Rumänien das einzige Land des Sowjetblocks ist, das zu Israel diplomatische Beziehungen erhält, bedeutet diese Beziehung keineswegs, dass das Regime Ceausescu als judenfreundlich zu bezeichnen wäre.

Während die Sowjetpresse schon ein Vierteljahrhundert lang offizielle antizionistische (faktisch aber antisemimitische) Propaganda betreibt, ist die rumänische Judenhetze 1.) nicht ausdrücklich gegen Israel gerichtet und trägt 2.) auch keinen systematischen Charakter wie in den anderen Ländern des “realen Sozialismus”.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten in Rumänien 900.000 Juden. Etwa eine halbe Million kam im Holocaust um. Von den etwa 400.000 Überlebenden wanderten die meisten nach Israel oder Nordamerika aus. Zurzeit zählt die jüdische Gemeinschaft Rumäniens nicht mehr als 30.000 Personen (darunter gibt es viele ältere Leute im Ruhestand). Das jüdische Gemeindeleben Rumäniens lässt sich an Qualität mit dem der ungarischen Juden vergleichen.

Nur in diesen beiden Ländern des Sowjetblocks gibt es geistige und geistliche Zentren des Judentums, mehrere Synagogen und jüdische Wohlfahrtsinstitutionen.

Trotz all dieser durchaus positiven Elemente der heutigen Judenpolitik Rumäniens, kommt es in Schrifttum und Presse von Zeit zu Zeit zu gehässigen antisemitischen Ausfällen. So erschien beispielsweise Anfang 1984 im Bukarester Staatsverlag “Albatros” ein Gedichtband eines gewissen Corneliu Tudor. Eine Reihe dieser “Gedichte” enthält infame Angriffe auf die rumänisch-jüdische Gemeinschaft und deren geistlichen Führer Rabbiner Moses Rosen.

Bedeutende jüdische Persönlichkeiten forderten, dass ihre Proteste gegen Corneliu Tudors Buch in der kommunistischen Presse veröffentlicht würden. Ausserdem verlangten die Vertreter der jüdischen Gemeinschaft des Landes, dass Tudor — in Übereinstimmung mit der rumänischen Verfassung — seiner rassistischen Angriffe wegen vor Gericht gebracht werde. Auf die jüdischen Proteste erfolgte offiziellerseits keine Antwort. Tudors Machwerk verschwand jedoch aus dem Buchhandel.

Den verantwortlichen Leiter des Verlagshauses “Albatros” wurde von der Partei ein Verweis erteilt. Dem “Dichter” selbst aber wurde kein Haar gekrümmt. Rabbiner Rosen ist langjähriges Parlamentsmitglied. Schon 38 Jahre lang wirkt er an der Spitze des jüdischen Gemeindelebens in Rumänien. Rosen hat stets Präsident Ceausescus Politik unterstützt. Die rumänischen Juden waren und sind loyale Bürger ihres Staates.

Ungeachtet dessen lassen sich in den letzten Jahren die Aktivitäten einer im Wachsen begriffenen Judenhetze beobachten.

Ende der siebziger Jahre wurden in den Statuten der kommunistischen Partei des Landes gewisse Änderungen vorgenomen. Parteimitglieder, die Verwandte im Ausland haben, dürfen neuerdings keine wichtigen Ämter mehr bekleiden.

Die offizielle Bukarester Zeitschrift “Septamina” erklärte hierzu: “Schlüsselpositionen dürfen nur denen anvertraut werden, die in unserem Land jahrhundertelang gelebt haben und mit dem Land verwurzelt sind, nicht aber demokratischen Taranteln, die in ihrem übelriechenden Kaftan umherwandern. Wir brauchen keine Pseudo-Propheten, keine Judas-Typen, die dem rumänischen Opfergeist fremd sind”.

Dieser scheussliche antisemitische Artikel wurde von breiten Kreisen der rumänischen (jüdischen wie nichtjüdischen) Intellktuellen aufs schärfste verurteilt. Danach veröffentlichte das Redaktionskollegium der Zeitschrift einen beschwichtigenden Leitartikel.

Vor mehreren Jahren wurden im Verlag der Akademie der Wissenschaften die politischen Schriften Mihai Eminescus, des bedeutendsten rumänischen Dichters der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, veröffentlicht. Eminescus Haltung zur Judenfrage war oft zweideutig. Einerseits verurteilte er die Judenverfolgungen, andererseits sprach er sich aber gegen die Teilnahme der Juden am politischen Prozess des Landes aus.

“Eine fahrende Bevölkerungsgruppe kann nicht zur Stabilität des Staates und zur nationalen Solidarität beitragen”, schrieb Eminescu. Der Redakteur der jüngsten Eminescu-Ausgabe rechtfertigte voll und ganz diese Ansichten des rumänischen Nationaldichters. Gegen diese Stellungnahme des Redakteurs erhob Rabbiner Rosen Protest.

Antisemitische Schriftsteller, insbesondere aber ein gewisser Eugene Barbu attackierten in der “Septamina” Rabbiner Rosen. Wie wage er es nur, die politischen Gedankengänge des rumänischen Klassikers Eminescu zu kritisieren! Die Juden- und westfeindlichen Literaten der Zeitschrift “Septamina” scheuen auch nicht davor zurück, in ihrer Publikation Rabbiner Rosens Rumänien-Treue in Frage zu stellen.

Am 24. April 1983 wurde in der Kulturbeilage des kommunistischen Jugendblatts “Scanteia Tineretulai” ein Artikel eines gewissen Mihai Pelin veröffentlicht. Die “Das ausländische Modell” betitelte Publikation greift aufs heftigste die sog. Avantgarde des Landes an. Sämtliche im Artikel genannten Namen waren die von Juden.

Die “Autoren” Tudor und Barbu veröffentlichten zu Beginn des Jahres antisemitische Progrom-“Poeme”. Nach Ansicht westlicher Beobachter unterscheiden sich diese Schriften kaum von den Hetzschriften der “Eisernen Garde”, der rumänischen Terrororganisation, die vor etwa 50 Jahren ihr Unwesen trieb. Doch die “Eiserne Garde” wurde damals sogar von rumänischen Konservativen verachtet und im Zaum gehalten.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich im sozialistischen Rumänien die antisemitischen Symptome zunehmend häufen. Der Jude ist auch im heutigen Rumänien der Sündenbock für die wirtschaftliche Misere des Landes.

L.K.

[Aufbau Aug. 24, 1984. p.7]


Hat die Zensur geschlafen?

Realistische Berichterstattung aus dem sowjetischen Alltag

Seit mehr als 65 Jahren — solange das Sowjetregime besteht — werden in Russland samtliche Informationen negativer Natur nach Möglichkeit vermieden. Schon über sechs Jahrzehnte lang blickt das Sowjetvolk der ihm verheissenen “lichten Zukunft” entgegen. Nur in seltenen Fällen wird über Naturkatastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen u.dgl.) oder über Bahn- und Flugzeugunglücke oder Kriminalfälle in der Presse berichtet.

Plötzlich wird Anfang August d.J. diese althergebrachte “Sowjettradition” verletzt. Die “Nedelja” (Woche), eine wöchentlich erscheinende Beilage der “Iswestija”, brachte am 5. August drei Artikel, die alle bisherigen Kriterien der Sowjetzensur über den Haufen warfen. In einem Bericht über genetische Krankheiten in der Sowjetrepublik Aserbaidschan wird darauf hingewiesen, dass sich gewisse Erbkrankheiten (Uronephrologie) meist in isolierten Berggebieten der Republik beobachten lassen.

Das Blatt vermerkt, dass die genannte genetische Krankheit am häufigsten bei Ehen zwischen engsten Blutsverwandten, also in Fällen des Inzests, anzutreffen ist. Hierbei werden die Faktoren genannt, die zur Entstehung solcher Ehen beitragen — äusserst geringe Migration der Bevölkerung, deren Isolierung in Berggebieten sowie Familientraditionen mancher Bergstamme.

Es lässt sich leicht vorstellen, dass es im riesigen Sowjetimperium zahlreiche Fälle gibt, wo die jeweilige Bevölkerung von der Aussenwelt isoliert ist (in Nordkaukasien, in Sibirien u.a.m.). Einerseits zeugt der “Nedelja”-Artikel von der Besorgnis der Sowjets um die Volksgesundheit, andererseits ist er aber völlig untypisch für die Sowjetpresse.

Im selben “Nedelja”-Heft findet der Leser einen “Vorfall im Hotel” betitelten Bericht. Der Artikel befasst sich mit einer Reihe von Diebstählen. Drei Mädchen treffen sich im Kiewer Hotel “Druschba”. Ihnen wird ein gemeinsames Zimmer zugewiesen. Die Begegnung beginnt durchaus freundschaftlich. Anna Kaschinskaja aus Simferopol, Ljudmila Milowa aus Moldawien und Valentina Smirnowa aus Dnjepropetrowsk begrüssen einander aufs herzlichste.

Da es aber schon spät ist, beschliessen die Madchen, schlafen zu gehen und sich Kiew am nächsten Tag anzusehen. Am folgenden Morgen jedoch stellt es sich heraus, dass Valentina Smirnowa sich mitsamt dem Geld und den übrigen Habseligkeiten der beiden anderen Mädchen aus dem Staub gemacht hat.

Ein ähnlicher Vorfall wird aus Leningrad berichtet. Eine gewisse Tamara Kotenko wurde mit Sofia Dschemajewa in einem Zimmer des Bahnhofshotels untergebracht. Bald darauf eignete sich Tamara 500 Rubel der Zimmerinsassin an. Von gewissem Interesse ist der Umstand, dass die beiden Diebinnen ihrerseits bestohlen wurden. Tamara Kotenko wurde auf einer Bahnreise von Lwow nach Charkow mit einem “netten jungen Mädchen” bekannt.

Sie freundeten sich schnell an, und Tamara lud die Bahngefährtin — eine gewisse Sweta Andritsch — zu sich nach Charkow ein. Das “nette junge Mädchen” verbrachte eine Woche in Tamaras Wohnung. Danach verschwand es plötzlich. Die gastfreundliche Diebin Tamara Kotenko war diesmal selber bestohlen worden (1000 Rubel, sämtliche Dokumente, Schmuck und andere Wertsachen waren verschwunden).

Auch Valentina Smirnowa machte in Kiew Sweta Andritschs Bekanntschaft. Die Diebin Smirnowa wurde von der Rezidivistin Andritsch ihres Hab und Guts beraubt.

Der “Nedelja”-Artikel ist nichts weiter als ein trockener Bericht und mahnt die Leser zur Vorsicht. Das Blatt hielt es nicht für notig, von der “hohen Moral der Sowjetmenschen” zu sprechen. Bisher konnte man in der Sowietpresse Artikel finden, die Kriminalfälle schilderten, sie jedoch als Ausnahmeereignisse betrachteten, die mit der “heldenhaften Gestalt det Sowjetmenschen” nichts gemein hatten.

Die “Nedelja”-Ausgabe vom 5. August d.J. begnügt sich aber nicht mit den beiden obenerwähnten negativen Berichten. Aller guten Dinge sind drei. Der dritte sozialkritische Artikel ist der Krise der Sowjetfamilie gewidmet. Ein Autorenkollektiv, das aus einem Psychologen, einem Pädagogen, einem Volksrichter, einem Polizeichef u.a. besteht, setzt sich mit dem Problem der Folgen von Ehekonflikten auf die Erziehung der Kinder auseinander. Insbesondere wird der Alkoholismus vieler Sowjetväter er wähnt.

Sowjetpsychologen weisen darauf hin, dass für die meisten Väter im Haus drei Dinge kennzeichnend sind — Pantoffeln, Diwan und Fernsehgerät. Du sowjetische Ehefrau, die ja — wie ihr Mann — in Berufsleben steht, trägt die ganze Bürde des Haushalts. Der Mann hilft ihr dabei nicht.

Im Artikel wird betont, dass es infolge der Familienkrisen häufig zu Neurosen und schweren psychischen Erkrankungen der Kinder kommt. Besonders eingehend wird das Problem der Ehescheidung behandelt.

Es nimmt natürlich wunder, dass in gleichen “Nedelja”-Heft drei Artikel erscheinen konnten, deren Inhalt sämtlicher bisherigen Grundsätzen der Sowjetzensur zuwiderläuft. Man hat den Eindruck, dass — infolge eines Machtkampfs in den höchsten Gremien — die Sowjetzensur ihre Wachsamkeit einzubussen beginnt. L.K.

[Aufbau Sep. 7, 1984. p.20]


Schwerwiegende Entscheidungen in der UdSSR?

Plenarsitzung des KP-Zentralkomitees und Tagung des Obersten Sowjets vorverlegt

Dieser Tage meldete die Nachrichtenagentur Reuter aus Moskau, dass in allernächster Zeit das Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion einberufen werden solle. Unmittelbar nach der ZK-Plenarsitzung wurde die alljährliche Tagung des Obersten Sowjets der UdSSR stattfinden.

Hochgestellte Beamte des Präsidiums des Obersten Sowjets haben die telephonischen Anfragen westlicher Korrespondenten bezüglich der bevorstehenden Einberufung sowohl des Parteiplenums als auch der Tagung des Obersten Sowjets bestätigt

In Kreisen in Moskau akkreditierter westlicher Diplomaten und Korrespondenten hat nach der von den Sowjets bestätigten Reuter-Meldung ein Rätselraten eingesetzt. Hierbei werden zwei unmittelbar entgegengesetzte Prognosen geäussert. Die einen melden, dass der 53jährige Michail Gorbatschow, der Kronprinz des im Februar verschiedenen Jurij Andropow, an Stelle des siechen und altersschwachen Staats- und Parteichefs Konstantin Tschernenko treten werde.

Andere westliche Beobachter nehmen hingegen an, dass Ischernenko im Politbüro und im Zentralkomitee über eine genügende Zahl von Anhängern verfügt, um eine “Rebellion der jungen Garde” abzuwehren.

Die in Moskau befindlichen Westdiplomaten zweifeln aber nicht daran, dass der 79jährige Sowjetpremier Nikolai Tichonow durch einen jüngeren Genossen abgelöst werden dürfte. Tichonow hat in letzter Zeit — auch westlichen Staatsmännern gegenüber — kein Hehl daraus gemacht, dass er beabsichtige, in den Ruhestand zu treten.

Von besonderem Interesse ist die Tatsache, dass beide Tagungen diesen Monat stattfinden sollen. Falls der von der Agentur Reuter angegebene Zeitpunkt der Einberufung beider Tagungen stimmt, handelt es sich um eine Abweichung von einer jahrelangen Tradition der Sowjethierarchie. Die Tagungen des ZK-Plenums und des Obersten Sowjets fanden gewöhnlich Ende November statt. Wegen Jurij Andropows besorgniserregenden Gesundheitszustands wurden im vorigen Jahr beide Tagungen erst Ende Dezember abgehalten.

Warum brechen die Sowjets nun plötzlich mit ihren lang gepflegten Traditionen? Es ist durchaus möglich, dass diese Terminänderung unmittelbar mit den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen und den USPräsidentschaftswahlen zusammenhängt. Präsident Reagan hat mehrfach darauf hingewiesen, dass ein amerikanisch-sowjetisches Gipfeltreffen einfach darum unmöglich sei, weil die Kremlführer — einer nach dem anderen — das Zeitliche segnen.

Ein plausibles Szenario der kommenden Wandlungen im Kreml könnte folgendermassen aussehen: die Wahl des energischen und reformbestrebten Michail Gorbatschow zum Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU könnte — vom sowjetischen Standpunkt aus — Mondales Aussichten bei den Präsidentschaftswahlen erhöhen. Es ist sicher kein Zufall, dass der Kreml beabsichtigt, das ZK-Plenum und die Tagung des Obersten Sowjets vor den amerikanischen Wahlen abzuhalten.

Die Wahl eines 53jährigen Pragmatikers zum Parteichef und eines anderen ehemaligen Andropow-Günstlings (Worotnikows oder Alijews) zum Pre mierminister der UdSSR würde endlich die “junge Garde” an die Macht bringen. Das bedeutet keineswegs, dass die Kreml greise ihre Machtposition einbüssen müssten. Der kränkelnde 73jährige Tschernenko würde weiterhin das rein zeremonielle Amt des Sowjetpräsidenten ausüben. Andrej Gromyko hat nichts zu befürchten.

Trotz seiner 75 Jahre ist er wohl der erfahrenste Sowjetexperte auf aussenpolitischem Gebiet. Doch würde Gromyko den aussenpolitichen Kurs der UdSSR nicht selbständig bestim men, sondern würde — wie es ja jahr zehntelang der Fall war — die Weisungen des Politbüros ausführen.

Der todkranke Andropow hat es Ende 1983 vermocht, entscheidende Personalän derungen im Politbüro zu vollstrecken.

Der Kern der Andropow-Gruppe umfasst fol gende Spitzenpolitiker: Michail Gorbatschow (ZK-Sekretär und Vollmitglied des Politbüros), den ehemaligen KGB-Chef Aserbaidschans Geidar Alijew (zurzeit Voll mitglied des Politbüros und stellvertretender Ministerpräsident der Sowjetunion), den von Breschnjew als Sowjetbotschafter nach Kuba “verbannten” 58jährigen Worotnikow (heute Vollmitglied des Politbüros), und den zu Breschnjews Zeiten in Ungnade gefalle nen Spitzenfunktionär Ligatschow (über 20 Jahre lang Parteisekretär in einem gottverlas senen Gebiet in Sibirien, heute Kandidats mitglied des Politbüros).

Andropow hob die Rivalität zwischen dem KGB und dem Innenministerium des Landes auf. Er ernannte Vitalij Fedortschuk, einen der führenden und besonders gefürchteten KGB-Männer, zum Innenminister der So wjetunion. KGB-Chef wurde der Andropow-Favorit Tschebrikow. Die dominierende Rolle des KGB in der neuen Parteihierarchie hat eine völlig neue Situation geschaffen. Die von Ustinow, dem sowjetischen Verteidigungsminister, unterstützte Verflech tung von Partei und KGB hat die Andropow-Gruppe gestärkt.

Seit Tschernenkos Wahl zum Partei- und Staatschef ist es zu einer Stagnation in der sowjetischen Aussen- und Innenpolitik gekommen. Im letzten Halbjahr zeigte sich die Paranoia der Kremlgreise besonders deut lich. Gromyko & Co. kritisieren gleichzeitig Washington, London, Bonn und Peking und führen sogar einen Propagandakrieg gegen die eigenen Verbündeten — gegen die DDR und Ungarn.

Es häufen sich die Anzeichen, dass die &aumL;ra der Kremlgreise sich ihrem Ende nähert. Die Prawda und die Iswestija beziehen entgegengesetzte Positionen. Dem SED-Führer Erich Honecker wurde bis Anfang August aus Moskau nicht nur die Schelte der Prawda, sondern auch die Schützenhilfe der Iswestija zuteil.

Die Aussichten Michail Gorbatschows, in den kommenden Wochen das Amt des Parteichefs zu übernehmen, werden dadurch gestärkt, dass er sich auf den Apparat des KGB und des Innenministeriums stützen kann. Aus vertrauenswürdigen Moskauer Quellen wird gemeldet, dass in jüngster Zeit Gorbatschows Kandidatur auch von Ver teidigungsminister Marschall Ustinow unter stützt wird. Es war Dmitrij Ustinow, der nach Breschnjews Tod Jurij Andropows Wahl zum Generalsekretär der Partei befür wortete.

Auch jetzt könnte der sowjetische Verteidigungsminister als Königmacher auf treten.

Robert Herzenberg

[Aufbau. Oct. 12, 1984. p.1]

Moskau versucht, im Nahen Osten wieder mitzumischen

Am 29. Juli d.J. schlug Moskau erneut die Einberufung einer internationalen Konferenz zwecks Lösung des Nahostkonflikts vor. Die entsprechenden Moskauer Vorschläge enthalten — im Vergleich zu früheren sowjetischen Initiativen — substantiell nichts Neues. Unmittelbar nach Verlautbarung des Kreml-Vorstosses entsandte Moskau Wladimir Poljakow, den Chef der Abteilung für Nahostfragen am Aussenministerium der UdSSR, nach Amman und Beirut.

Poljakows Mission bestand darin, die Unterstützung Jordaniens und des Libanons für die Sowjetintiative zu gewinnen.

In Amman erklärten die Sowjets ihre Bereitschaft, “libanesische Regierungstruppen zu bewaffnen” sowie “libanesische Waren zu importieren, um das Land in wirtschaftlicher Hinsicht zu unterstützen”.

Einen sichtlichen Erfolg erzielten die Sowjets in Ägypten. 1981 hatten die sowjetisch-ägyptischen Beziehungen ihren Tiefstand erreicht. Der Sowjetbotschafter musste Kairo verlassen. Am 7. Juli dieses Jahres wurden die diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern in vollem Umfang wiederhergestellt. Der Kreml versprach der Kairoer Regierung, fast sämtliche Schulden Ägyptens zu erlassen.

Sowjetische Experten und Berater sollen schon wieder an den Nil kommen, um bei etlichen Industrie- und Bauprojekten Hilfe zu leisten.

Im vergangenen Sommer kam es auch zu einer sowjetisch-kuweitischen Vereinbarung, in der sich Moskau bereit erklärte, dem Öl-Emirat Raketen im Gesamtwert von 320 Millionen Dollar zu liefern. Kuweit wandte sich an den Kreml, nachdem Washington die Lieferung von Stinger-Raketen verweigert hatte. Von besonderem Interesse ist Moskaus Ziel, die Beziehungen zu den sog. gemässigten arabischen Staaten zu verbessern.

Die Bemühungen des Kremls richten sich in dieser Hinsicht nicht nur auf Ägypten, Jordanien, Kuweit und Nordjemen, sondern auch auf Saudi-Arabien. Nordjemen (die Jemenitische Arabische Republik) hat unlängst mit Moskau einen 20jährigen Freundschaftspakt abgeschlossen (zwischen der Sowjetunion und Südjemen besteht ein solcher Vertrag schon seit längerer Zeit). Laut Berichten zuverlässiger Nahostbeobachter ist Moskau bemüht, in Saudi-Arabien Fuss zu fassen.

Angeblich bestehen zwischen den Sowjets und den Saudis geheime Kontakte.

Während die Sowjets eine Annäherung an die “gemässigten” arabischen Staaten anstreben, festigen sie ihre Beziehungen zu den militanten Staaten der arabischen Welt — zu Syrien, dem Irak und Libyen. Seit Ende 1982 hat Moskau Syrien mit modernsten Waffen ausgerüstet (T-72-Panzer, SAM-5- und SAM-21-Raketen). Auch der Irak und Libyen sind nach wie vor weitgehend auf sowjetische Waffenlieferungen angewiesen.

Was den irakisch-iranischen Krieg anbetrifft, bestehen zwischen Moskau und Damaskus Meinungsverschiedenheiten. Die Sowjets unterstützen den Irak, mit dem Moskau 1972 einen Freundschaftspakt unterzeichnet hat. Die Syrier leisten dem Iran Beistand. Dessenungeachtet ist Hafez elAssad, der syrische Alleinherrscher, einer der engsten Verbündeten des Kremls im Nahen Osten. Die Ursache hierfür liegt auf der Hand — Assad braucht die massiven sowjetischen Waffenlieferungen.

Die Bemühungen der Sowjetführung, ihre Einflußsphäre im Nahen und Mittleren Osten zu erweitern, werden von einer aggressiven Propagandakampagne begleitet. Radio-Moskau strahlt täglich antiisraelische und antiamerikanische Sendungen in zahlreichen Sprachen in die Welt aus. Die Sowjetpresse hat in jüngster Zeit ihre antizionistischen Angriffe verstärkt. Hierbei handelt es sich um eine bewusst betriebene Hetze.

Israel, das einzige demokratische Land der nahöstlichen Region, wird von den sowjetischen Massenmedien als “faschistischer Staat” bezeichnet. Führen wir einige konkrete Beispiele an. In einem der September-Hefte der in verschiedenen Sprachen erscheinenden Moskauer Wochenzeitung “Nowoje Wremja” (Neue Zeit) schreibt ein gewisser W. Zoppi u.a. folgendes: “Der Zionismus wird vielerseits als gegenwärtige Spielart des Faschismus betrachtet. Eine solche Betrachtungsweise entspricht voll und ganz der Wirklichkeit.

Hierbei darf jedoch nicht übersehen werden, dass der Faschismus als solcher — einschliesslich des Nazismus und Zionismus — eine Erscheinungsform des Imperialismus ist.”.

Bei Aufzählung von Orten, wo Massenmord verübt wurde, nennt Zoppi z.B. folgende Tatorte: Oradour, Lidice, Auschwitz, Babij Jar, Songmi, Sabra, Schatila und Grenada. Die Tendenz und Inkongruenz einer derartigen Aufzählung bedarf keines weiteren Kommentars. Im gleichen Artikel schreibt Zoppi: “Genozid ist die Grundlage der Theorie und Praxis des Zionismus”.

Nicht nur die Verlogenheit dieser Hetzschrift fällt dem Leser ins Auge, sondern auch die fast groteske Ignoranz des sowjetischen Propagandisten. Seiner Ansicht nach befürwortet der israelische Premierminister Schimon Peres die Gusch-Emunim-Bewegung aufs eifrigste. Solch eine Verdrehung der faktischen Situation wird von den sowjetischen Massenmedien tagtäglich in vielen Sprachen in die Welt hinausposaunt. Auf diese Weise hofft die Sowjetpropaganda, die Sympathien der arabischen Länder zu gewinnen.

Im gleichen September-Heft der Wochenzeitung “Nowoje Wremja” behauptet L. Medwedko, ein sowjetischer Historiker, dass die USA und Israel vor nichts zurückschrecken, um die Flammen des irakisch-iranischen Kriegs weiter zu entfachen. Dem Sowjetleser wird hierbei verschwiegen, dass die UdSSR den Irak mit hochmodernen Waffen beliefert.

Wie üblich verzerrt die Sowjetpropaganda allgemein bekannte Tatsachen und unterschlägt Fakten, die der Strategie und Taktik des Kremls widersprechen.

L.K.

[Aufbau Nov. 2, 1984. p.7]


Jaruzelski wird zur tragischen Figur

Mit der Ermordung des 37jährigen polnischen Priesters Jerzy Popieluszko wird mehr und mehr zur Gewissheit, dass Regierungschef Jaruzelski nicht mehr ist als ein Handlanger Moskaus, dem die Aktionen des Kremls zudem nicht immer zusagen, der sie aber im eigenen Interesse ausführt. Jaruzelski wird so zur tragischen Figur.

Den Moskauer Falken ist die Politik des polnischen Generals nicht genehm. Beispiele für Moskaus Unzufriedenheit gibt es wie Sand am Meer. Konzentrieren wir uns auf ein wichtiges, und zwar die vielschichtige Arbeit der polnischen Untergrundpresse.

Auslandskorrespondenten berichten nur äusserst selten über die polnische Untergrundpresse. Zuverlässigen Quellen zufolge erscheinen heute in Polen gegen 200 illegale oder halblegale Zeitungen und Zeitschriften. In Polen gibt es jetzt mehr Untergrundverlage als auf dem Höhepunkt der “Solidaritäts”-Bewegung. Der grösste davon, “Kreng” (Kreis), gibt Bücher in Auflagen von etwa 10.000 Exemplaren heraus. Unlängst erschien George Orwells “1984”. In kürzester Zeit war das Buch vergriffen.

Bis zur Einführung des Kriegsrechts im Dezember 1981 veranstaltete die “Solidarität” Massenkundgebungen auf den Plätzen und Strassen polnischer Städte. Heute treffen sich deren Anhänger in katholischen Kirchen. Hier werden nicht nur Versammlungen abgehalten, sondern auch Buch- und Kunstausstellungen veranstaltet. Natürlich wissen die polnischen Sicherheitsbehörden davon, hielten es aber für zweckmässiger, von einer Konfrontation Abstand zu nehmen.

Die “Solidarität” hat einen Geheimsender, dessen Nachrichten von Millionen Polen gehört werden. Übrigens druckt die “Solidarität” ihre eigenen Briefmarken, die zu philatelistischen Seltenheiten werden dürften.

Diese Vorgänge sind letzten Endes eine Folge dessen, dass die kommunistische Partei Polens ihre einstige Bedeutung beträchtlich eingebüsst hat. Heute gibt es in Polen drei Kräfte: die Regierung Jaruzelskis, die katholische Kirche und die “Solidarität”. Über General Jaruzelskis Rolle sind sich Freunde wie Kritker nicht ganz im klaren. Seine Position Moskau gegenüber lässt zwei Deutungen zu. Die einen halten ihn für einen Erfüllungsgehilfen des Kremls.

Andere hingegen betrachten Jaruzelski als tragische Gestalt eines polnischen Patrioten, dem es nur darum geht, eine (sowjetische) Invasion seines Heimatlands zu verhüten. Unumstössliche Tatsache ist, dass Jaruzelski fast sämtliche politische Häftlinge aufgrund eines Amnestie-Erlasses entlassen hat.

Jaruzelskis Politik missfällt den Kreml-Falken und deren polnischen Anhängern im Politbüro. Die Ermordung des 37jährigen Warschauer Priesters Jerzy Popieluszko entspricht deshalb keineswegs Jaruzelskis Intentionen. Die Schandtat ist daraufgerichtet, den General in Misskredit zu bringen. Die linientreuen Mitglieder des Moskauer Politbüros rechnen damit, dass es in Polen zu Protestkundgebungen und Massendemonstrationen kommen könnte.

Falls General Jaruzelski keine harten Massnahmen ergreift, hofft der Kreml, den General durch einen moskauhörigen Mann zu ersetzen.

Moskau hat sich augenscheinlich dazu entschlossen, die polnischen Mißstände zu beseitigen. Die nächsten Tage und Wochen könnten die wahre Rolle General Jaruzelskis offenbaren, könnten entscheidend sein für den General, wichtig für Polen.

L.K.

[Aufbau Nov. 9, 1984. p.7]


Stalins Tochter kehrte in die Sowjetunion zurück

Im Westen schon fast vergessen — Private und berufliche Enttäuschungen

Die Heimkehr Swetlana Allilujewas, der Tochter Josef Stalins, ist zweifellos ein Propagandatrumpf des Kremls. Als Swetlana vor 17 Jahren die Erlaubnis erteilt wurde, die Urne ihres verstorbenen Verlobten Brijesh Singh nach Indien zu bringen, weilte sie mehrere Tage in der Sowjetbotschaft in Neu-Delhi. Als sie sich eines Abends davon überzeugte, dass während eines Zechgelages niemand auf sie acht gab, fuhr sie mit einem Taxi zur US-Botschaft. Der Botschafter hatte sich schon zur Ruhe begeben.

Als der wachhabende Marineinfanterist die nächtliche Besucherin nach ihrem Namen fragte, lautete die Antwort: “Ich bin die Tochter Josef Stalins”. Selbstverständlich wurde der Botschafter geweckt. Bald brachten die westlichen Massenmedien die Sensationsnachricht: Swetlana Allilujewa, die Tochter Stalins, war zur Ьberläuferin geworden. Die Vereinigten Staaten gewährten Swetlana politisches Asylrecht. Im April 1967 gelangte sie — nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in der Schweiz — nach New York.

Ihr Buch “Zwanzig Briefe an einen Freund”, das sie im Sommer 1963 in einem in der Nähe Moskaus gelegenen Dorf geschrieben hatte, wurde zum Bestseller. Mehrere Jahre vor ihrer Flucht in den Westen hatte sie sich in einer kleinen russisch-orthodoxen Kirche taufen lassen.

Enormer Prestigeverlust

  Swetlana Allilujewas Flucht und ihre schriftstellerische Tätigkeit in den USA (dem ersten Buch folgte ein zweites) fügten dem Kreml einen erheblichen Prestigeverlust zu. In ihrem zweiten Buch, das “Nur ein Jahr” betitelt war, schrieb die Tochter Stalins u.a. folgendes: “Verfluchter Kreml! Verfluchter Kerker, in den sie das ganze Land verwandelt haben! Jetzt folgen sie auch mir auf den Fersen”. Und ferner.

“Unglückliches Land, das der Freiheit beraubt ist und die Willkür von Leuten dulden muss, die — im Vergleich zum Zarismus — noch schlimmer sind”. Und: “Ach, wie ich euch hasse! Ihr erlaubt dem Volk nicht, ein normales Leben zu führen und frei zu atmen”.

In den USA unterhielt Swetlana Allilujewa Kontakte mit bekannten Vertretern der russischen Exilgemeinschaft. In New York traf sie sich mit Kerensky, dem Expremier der russischen provisorischen Regierung, die von den Bolschewiken gestürzt wurde. Mehrmals wurde die berühmte Ьberläuferin von Andrej Sedych, dem Chefredakteur der in New York erscheinenden russischsprachigen Tageszeitung interviewt.

Eine Weile lang stand Swetlana im Brennpunkt des allgemeinen Interesses im Westen. Stalins Tochter wurde in den USA zu einer Art Berühmtheit. Ihre Bücher, die nur spärlichen Einblick in die verbrecherischen Aktionen ihres Vaters gewähren, wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Grund hierfür war nicht der informative Wert der Bücher, sondern die Person der Verfasserin-Tochter eines der grössten Tyrannen der Weltgeschichte. Swetlana Allilujewa verdiente eine hübsche Summe — etwa eine Million Dollar.

Der KGB schlägt zurück

  Der KGB versuchte anfangs, Swetlanas Flucht in den Westen und ihre beiden Bücher totzuschweigen. Doch ein grosser Teil der Sowjetbevölkerung hört westliche Rundfunksendungen. Deshalb wurden in Moskau und anderen Sowjetstädten Gerüchte in Umlauf gesetzt, denen zufolge Swetlana angeblich bei einem Autounfall umgekommen sei. Als diese KGB-Taktik ihren Zweck verfehlte, wurde in Moskau eine Fälschung der “20 Briefe an einen Freund” fabriziert.

Mit Hilfe des internationalen KGB-Agenten Viktor Louis, der offiziell Reporter des Londoner Abendblattes “Evening Standard” ist, wurde der verfälschte Text des Allilujewa-Buchs im Westen verbreitet (in der sowjetischen Buchvariante waren alle Stellen, die das Prestige des Kremls mindern konnten, ausgelassen). Aber auch diese KGB-Taktik erwies sich als unwirksam.

Leben im Westen

  Im Jahr 1970 heiratete Swetlana den amerikanischen Architekten William Peters. Dieser Ehe entspross ein Kind — die heute 13jährige Olga. Aber schon 1973 liess sich Swetlana Peters scheiden. Mehrere Jahre lang lebten sie und ihre Tochter in Princeton (N.J.). In einigen Presseinterviews erklärte die Tochter Stalins, ihr sei einzig und allein daran gelegen, ein ruhiges, ungestörtes Leben zu führen.

Wiederholt sagte sie auch, sie würde alles daransetzen, dass Olga im Geist der angelsächsischen Kultur erzogen und nie erfahren würde, wer ihr Grossvater gewesen sei.

Infolge ungünstiger Finanzaktionen schmolz Swetlanas Kapital (von der Million waren nur 200.000 Dollar verblieben) dahin. Seit Mitte der siebziger Jahre war Frau Peters ausserdem längst keine Sensation mehr. Nur selten noch erschienen Interviews mit ihr in der amerikanischen Presse. 1982 zog Swetlana nach England, wo sie in Cambridge eine Wohnung mietete. Olga sollte eine britische Schulausbildung erhalten.

Die 15 in den USA verbrachten Jahre waren für die Tochter Stalins enttäuschend. Dies lässt sich u.a. auch darauf zurückführen, dass man sie in Amerika als Schriftstellerin nicht ernstnahm. Ihrer Meinung nach wurden ihre Bücher nur deshalb gelesen, weil sie eben die Tochter des sowjetrussischen Diktators war.

In England gewährte Swetlana Allilujewa britischen Journalisten mehrere Interviews. In den Gesprächen mit den Korrespondenten begann sie plötzlich, ihre sowjetische Heimat zu loben.

Es ist anzunehmen, dass Swetlana Allilujewa mit der Londoner Sowjetbotschaft schon längere Zeit in Kontakt stand. Ihre Heimkehr und die diesbezüglichen Voraussetzungen wurden zweifellos aufs genaueste erörtert. Der Sowjetbotschafter war wohl kaum befugt, derartige Fragen selbständig zu entscheiden. Swetlanas Heimkehr war von den höchsten Sowjetgremien in Moskau sanktioniert worden.

Swetlana Allilujewa ist wohl die erste Überläuferin, der — nach ihrer Ausbürgerung am 19. Dezember 1969 — jetzt die sowjetische Staatsbürgerschaft wieder zuerkannt wurde. Ьber die Heimkehr berichteten die “Iswestija”, die Nachrichtenagentur TASS und das sowjetische Fernsehen.

Persönliche Tragödien

  Swetlanas drei offizielle Ehen gingen in die Brüche. Ihr erster Gatte Morosow (ursprünglich Moros) war Jude und wurde deshalb von Stalin verhaftet und nach Sibirien geschickt, wo er angeblich umgekommen ist. Ihr zweiter Ehemann war Jurij Schdanow (heute Rektor der Rostower Universität, Sohn des gefürchteten StalinKommissars Andrej Schdanow). Diese Ehe war von kurzer Dauer. Swetlana liess sich von Schdanow scheiden.

Schon nach Stalins Tod wollte Swetlana den indischen Kommunisten Singh heiraten. Das Politbüro verweigerte der Stalin-Tochter die Eheschliessung mit dem bejahrten Inder. Wie schon erwähnt, scheiterte auch die in den USA geschlossene Ehe mit dem Architekten Peters.

Swetlanas erste Liebe war der sowjetjüdische Filmregisseur Kapler. Als Swetlana ihrem Vater von Kapler erzählte, ohrfeigte Stalin sie und liess den “Judenbengel” verhaften.

Allilujewa kehrt in die UdSSR nicht mit leeren Händen zurück. Sie bringt ein Buchmanuskript mit, das sicherlich wesentlichen Дnderungen unterworfen werden wird. Vorläufig wird die Heimkehrerin vom KGB ausgehorcht und instruiert.

Die heute 58jährige Swetlana Allilujewa hat 1967 — bei ihrer Flucht in den Westen — in Moskau zwei Kinder zurückgelassen: den damals 22jährigen Josif Allilujew (Morosows Sohn) und seine Stiefschwester Jekaterina Schdanowa (damals war sie 17 Jahre alt).

Nach Ansicht amerikanischer Beobachter lässt sich Swetlanas Heimkehrentschluss hauptsächlich mit ihrer Sehnsucht, die Kinder wiederzusehen, erklären. Es sei aber betont, dass Stalins Tochter stets darum bemüht war, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Dieses Bedürfnis war sowohl für ihre Flucht in den Westen als auch für ihre Heimkehr von grösster Bedeutung.

L.K.

[Aufbau Nov. 16, 1984. p.8]


Wie zaristisch ist die Sowjetunion?

Wissenschaftler streiten um die politisch-historischen Wurzeln der UdSSR

Westlichen — insbesondere amerikanischen — Historikern zufolge besteht ein kausaler Zusammenhang zwischen der Geschichte des zaristischen Russlands und der Sowjetpolitik der letzten 60 Jahre. Führende amerikanische Sowjetologen wie z.B. Zbigniew Brzezinski, Adam Ulam, Richard Pipes u.a. betonen immer wieder aufs neue, dass das Sowjetregime — von Stalin bis Tschernenko — die dem Zarismus eigenen autokratischen Elemente in gigantischem Mass intensiviert und ausgebaut hat.

Im Gegensatz zu den meisten Ländern Westeuropas gab es in Russland keine lang andauernde Epoche des Feudalismus. Vom 13. bis 15. Jahrhundert beherrschten die Tataren fast ganz Russland. Erst Iwan III. eroberte Nowgorod und Twer und befreite Russland vom tatarischen Joch. Iwan der Schreckliche (1533-1584) wurde zum eigentlichen Begründer des russischen Staatswesens. Er war es, der die Autokratie in Russland begründete und jeden Widerstand schonungslos brach.

Die Romanow-Dynastie, die bis zur Februarrevolution 1917 in Russland an der Macht war, setzte die autokratische Politik ihrer Vorgänger fort.

Das Volk galt als Eigentum des Zaren. Die völlige Unterordung des Individuums unter die Macht des Staates, den der Zar verkörperte, drückte der Geschichte Russlands ihren Stempel auf. Es gab keine demokratische Entwicklung, keine Bürgerrechte. Die orthodoxe Kirche war ein williges und gehorsames Werkzeug des Zarismus. In keinem anderen Land Europas gab es eine derartige jahrhundertelange Unterdrückung der Bürger und der gesamten Gesellschaft durch den Staat, der dem Willen des Autokraten völlig unterlag.

Bei der historischen Analyse der Sowjetpolitik darf die Vorgeschichte der bolschewistischen Revolution weder ignoriert noch unterschätzt werden. Selbstverständlich wäre es eine Simplifizierung, das Stalinsche GULAG, in dem Millionen Menschen umkamen, als direkte Folge der zaristischen Alleinherrschaft zu betrachten. Gleichzeitig besteht aber ein indirekter kausaler Zusammenhang zwischen dem sowjetischen Totalitarismus und der zaristischen Autokratie.

Viele prominente, heute im Westen lebende russische Exilierte (Alexander Solschenizyn, Wladimir Maximow, Wladimir Bukowsky u.a.) streiten jeglichen Zusammenhang zwischen dem Sowjetregime und dem zaristischen Absolutismus ab. In der russischsprachigen Exilpresse wurden und werden unzählige Streitschriften veröffentlicht, die die komplexe, kausalbedingte Deutung der Geschichte Russlands durch westliche Sowjetologen kategorisch ablehnen.

Die heutigen antikommunistischen Ideologen, die in den siebziger Jahren entweder in den Westen auswanderten oder von den Sowjets des Landes verwiesen wurden, behaupten allen Ernstes, dass der Marxismus ein aus dem Westen stammendes, dem russischen Volk wesensfremdes System sei. Hierbei wird oft angedeutet, dass es “Fremdlinge” (Juden, Letten, Ungarn u.a.) gewesen seien, die angeblich dem “unschuldigen” russischen Volk den Bolschewismus aufgezwungen haben. |

Selbstverständlich waren Marx und Engels westliche Theoretiker. Die sowjetische Spielart des Marxismus wurde jedoch von Lenin und Stalin geprägt. Der heutige sowjetische Imperialismus, gekennzeichnet durch die völlige Unterordnung des Individuums unter die Macht des Staats, knüpft in vielerlei Hinsicht an die zaristischen Traditionen der Vergangenheit an. Der Expansionsdrang des Kremls lässt sich oft von zaristischen Vorbildern leiten. Freilich drangen die russischen Zaren nicht bis nach Angola.

Äthiopien und Indochina vor. Das Ausmass der sowjetischen Politik unterscheidet sich von der Zielsetzung der Zaren. Dennoch lässt sich die Tendenz zum russischen Expansionismus schon im 19. Jahrhundert nachweisen.

Auch auf innenpolitischem Gebiet (Verhaftung von Andersdenkenden, staatlich inspirierter Antisemitismus, Verweigerung elementarer Menschenrechte) stösst der objektive Betrachter auf zahlreiche Parallelen.

1843 erschien in Paris das “Russland 1839” betitelte Buch des Marquis de Custin. Erst 1910 wurde die russische Übersetzung dieses Werks veröffentlicht. Marquis de Custins Reisebeschreibung ist noch heute höchst aktuell. Der französische Adelige schildert in seinem Werk den Mangel an Freiheit, die Unterdrückung des Individuums, die Trunksucht und das Elend des Volks.

George Kennan hat in seinem 1973 erschienenen Buch “Marquis de Custin and His Book” daraufhingewiesen, dass die von dem französischen Beobachter geäusserten Ansichten bezüglich Russlands heute genau so zutreffend seien wie vor 150 Jahren.

Seit den dreissiger Jahren wird den Sowjetbürgern de Custins Russland-Buch vorenthalten. Laut jüngsten Meldungen aus Moskau wird das Buch “Russland 1839” bei Haussuchungen beschlagnahmt. Die Lektüre dieses Werks führt meist dazu, dass die erwischten “Missetäter” fristlos in eine “psychische Heilanstalt” eingeliefert werden.

Von besonderem Interesse ist aber die Tatsache, dass auch manche russische Exilnationalisten das Buch des französischen Marquis als Verunglimpfung und Verhöhnung des russischen Volks betrachten. Weder die Sowjets noch die Exilfanatiker sind gewillt, zuzugeben, dass es zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit Russlands recht viel Gemeinsames gibt.

L.K.

[Aufbau Nov. 23, 1984. p.6]


Widersprüchliche Widerspruchstheorie

Illusion und Wirklichkeit in der UdSSR

In der Sowjetunion wird offiziell gelehrt, dass zwei Arten von Gegensätzen aufs strengste voneinander zu unterscheiden seien — antagonistische und nichtantagonistische. Dem Marxismus-Leninismus sowjetischer Prägung zufolge sind antagonistische Gegensätze nur für die kapitalistische Welt kennzeichnend, während es im Sozialismus zwar nichtantagonistische Gegensätze geben könne, jedoch keine antagonistische Konflikte.

Die spekulative Natur dieser Kategorien lässt sich allein daraus ersehen, dass seit Anfang der sechziger Jahre zwischen der Sowjetunion und der Volksrepublik China ein bisher unüberwindbarer Konflikt besteht. In beiden dieser Länder ist eine sozialistische Gesellschaftsordnung — gemäss dem Marxismus-Leninismus — errichtet worden. Die Ursache des sowjetisch-chinesischen Konflikts, der Ende der sechziger Jahre in Damansk zu blutigen Zusammenstössen führte, hat also mit dem Kapitalismus nichts zu tun.

Auch der Konflikt zwischen Stalin und Tito Ende der vierziger Jahre liess sich nicht auf Fragen der Gesellschaftsordnung zurückführen. In beiden Ländern hatte der Sozialismus gesiegt. Sowohl die sowjetischen als auch die jugoslawischen Kommunisten beriefen sich auf Marx, Engels und Lenin. Somit waren beide obengenannten Konflikte (die sowjetisch-chinesischen Feindseligkeiten und der sowjetisch-jugoslawische Streit) von ausgesprochen antagonistischer Natur.

In den dreissiger Jahren suchte Josef Stalin, seinen Massenterror dadurch zu rechtfertigen, dass der Klassenkampf sich angeblich intensiviert habe. Stalins Gegner, die Vertreter der alten Lenin-Garde, wie beispielsweise Bucharin, Kamenjew, Sinowjew und viele andere, wurden vom Sowjetdiktator als “Volksfeinde” bezeichnet, die “im Interesse ausländischer imperialistischer Kreise” agierten.

Nach Stalins Tod, da der Aufbau des Sozialismus in der UdSSR angeblich schon vollendet war, wurde die Theorie von den unterschiedlichen Konflikten (den antagonistischen und nichtantagonistischen Gegensätzen) mit besonderem Eifer propagiert.

Doch auch in den Breschnjew-Jahren trat die Pseudowissenschaftlichkeit dieser Konflikt-Theorie zutage. Hunderttausende Soldaten und Offiziere aus fünf Ländern des Warschauer Pakts besetzten die sozialistische Tschechoslowakei, nur weil Dubcek einen “Sozialismus menschlichen Antlitzes” anstrebte. Der Invasion der Tschechoslowakei lag offensichtlich ein “antagonistischer Gegensatz” zugrunde.

In der UdSSR ist die literarische Darstellung ernster sozialer Konflikte innerhalb der Sowjetgesellschaft faktisch tabu. Dem marxistisch-leninistischen Dogma zufolge darf es einfach im real existierenden Sozialismus keine antagonistischen Gegensätze geben. Somit wird das Leben, das sich ohne Widersprüche und Antagonismen einfach nicht vorstellen lässt, durch ein totes Schema ersetzt. Die Sowjetführung lässt sich von der Illusion leiten, dass Probleme, die totgeschwiegen werden, sich von selbst lösen.

Was nicht in den engen Rahmen des Dogmas passt, kann ignoriert werden. Kritische Schriftsteller und Theaterregisseure, die den Mut aufbringen, die sowjetische Wirklichkeit mit allen ihr eigenen Widersprüchen dazustellen, werden als “antisowjetische Verleumder” verunglimpft.

Illusionen und Dogmen sind aber nicht imstande, die verschiedenartigen in der UdSSR bestehenden Konflikte aus der Welt zu schaffen. Zu diesen für tabu erklärten, de facto aber bestehenden Konflikten gehören beispielweise:

  1. der Gegensatz zwischen der Parteielite (der sog. Nomenklatur) und dem überwiegenden nichtprivilegierten Teil der Bevölkerung. Mangelwaren gibt es nur für die nicht zur Nomenklatur gehörenden Sowjetbürger. Diese Millionen einfacher Sowjetmenschen müssen tagtäglich nach Lebensmitteln anstehen. Der einzige ihnen gewährte Trost ist Alkohol, der die Menschen in der Sowjetunion einander näher bringt;
  2. der Gegensatz zwischen den Apparatschiks und der literarisch-künstlerischen Intelligenz. Gerade dieser Konflikt hat dazu geführt, dass in den siebziger Jahren die begabtesten Schriftsteller, Musiker und andere Vertreter des Geisteslebens der UdSSR ihre Heimat verlassen haben (Juden und NichtJuden); ,
  3. der Konflikt zwischen Stadt und Land. Marx und Lenin zufolge sollte die Gegensätzlichkeit zwischen Stadt und Land — durch Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung — zum Schwinden gebracht werden. Doch die Wirklichkeit hat mit diesen dogmatischen Vorstellungen nichts gemein. Die Dorfbewohner verlassen in immer grösserer Zahl ihre Kollektivwirtschaften und sind darum bemüht, sich in den Städten niederzulassen. Immerhin ist in der Stadt die Waren Versorgung besser als auf dem Lande.

Im Zuge dieser Entwicklung werden Studenten und Akademiker zur Verrichtung von Erntearbeiten aufs Lande geschickt.

Dies sind nur einige der besonders augenfälligen antagonistischen Gegensätze der Sowjetgesellschaft. Die “Lehre” von den zwei Arten der Gegensätze (der antagonistischen und nichtantagonistischen Widersprüche) hat in der Realität ein klägliches Fiasko erlitten.

L.K.

[Aufbau Nov. 30, 1984. p.6]


Polnische “Solidarität” aktiv und widerstandsfähig

Moskau muss zähneknirschend zusehen

US-Korrespondenten berichten nur selten über die Untergrundpresse in Polen. Zuverlässigen Quellen zufolge erscheinen heute in Polen etwa 200 illegale bzw. halbillegale Zeitungen und Zeitschriften. In diesem autoritär regierten Land, wo erst im Sommer 1983 das Kriegsrecht aufgehoben wurde, gibt es jetzt mehr Untergrundverlage als zur Blütezeit der “Solidaritäts”-Bewegung. Im heutigen Polen existieren zwei illegale Nachrichtenagenturen.

Die Bücher, die von den Untergrundverlagen herausgegeben werden, sind aufs beste ausgestattet. Von Interesse ist die Tatsache, dass die Honorare der offiziell verbotenen Verlage die der staatlichen Verlage etwa um das Fünffache übersteigen. Der grösste politische Untergrundverlag “Kreng” (Kreis) veröffentlicht Bücher in Auflagen von etwa 10.000 Exemplaren. Unlängst erschien in diesem Verlag George Orwells Roman 1984. Innerhalb kürzester Zeit war das Buch vergriffen.

In Polen kann Lech Walesa, der Wortführer der verbotenen “Solidarität”, westlichen Korrespondenten Interviews geben und darin betonen, er werde auch weiterhin alles daransetzen, den Zielen der “Solidarität” zum Durchbruch zu verhelfen. Als 1983 Walesa der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, gestattete die Warschauer Regierung seiner Frau Danuta, nach Stockholm zu reisen, um den Preis in Stellvertretung ihres Gatten in Empfang zu nehmen.

Lech Walesas Name figuriert auch in einem offiziell herausgegebenen Handbuch, das die biographischen Angaben und Adressen der bekanntesten polnischen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, der Kunst und Kultur enthält. Das Handbuch erschien in einer Auflage von 50.000 Exemplaren, war aber — trotz des verhältnismässig hohen Preises (1200 Zloty, etwa 11 US-Dollar) — im Handumdrehen vergriffen.

Der Leser findet im Handbuch nicht nur die Namen berühmter Polen der Gegenwart, sondern auch die der Vergangenheit, die in der UdSSR und in anderen Ländern des Sowjetblocks verfemt sind. Die Abonnenten mehrbändiger Sowjetenzyklopädien wurden von den Behörden in schriftlicher Form oft ermahnt, diejenigen Seiten herauszuschneiden, die Angaben über Persönlichkeiten enthielten, welche mittlerweile in Ungnade gefallen waren.

Im heutigen Polen mischte sich die Zensur nur in geringem Mass in die Verlagstätigkeit der Herausgeber des Handbuchs berühmter Landsleute ein. In dem Lech Walesa gewidmeten Artikel heisst es, dass er Elektrotechniker und Friedensnobelpreisträger ist. Walesas führende Rolle in der “Solidaritäts”-Bewegung wird selbstverständlich nicht erwähnt. Auch seine Adresse fehlt im Handbuch (sie ist jedoch sämtlichen “Solidaritats”-Aktvisten bekannt).

Bis zur Einführung des Kriegsrechts im Dezember 1981 veranstaltete die “Solidarität” Massenkundgebungen auf den Plätzen und Strassen polnischer Städte. Heute versammeln sich die Anhänger der oppositionellen Bewegung in den Diensträumen katholischer Kirchen. Hier werden nicht nur Versammlungen abgehalten, sondern auch Buch- und Kunstausstellungen veranstaltet. Natürlich sind die Sicherheitsbehörden darüber im Bilde.

Doch sie halten es für zweckmässiger, einer Konfrontation mit Kirche und “Solidarität” — soweit möglich — auszuweichen.

Bis Ende 1981 hatte die “Solidarität” etwa zehn Millionen Mitglieder. Nach verlässlichen Angaben aus Kreisen der polnischen Untergrundbewegung gibt es heute in der von der Regierung aufgelösten Gewerkschaftsbewegung nicht weniger als eine Million Personen, die regelmässig ihre Mitgliedsbeiträge zahlen. Diese Geldsummen erleichtern der “Solidarität”, ihre Widerstandsaktionen durchzuführen.

Die “Solidarität” hat einen Geheimsender, der in regelmässigen Zeitabständen Nachrichten ausstrahlt, die von Millionen Polen gehört werden. Diese “Solidaritäts”-Nachrichten werden zum selben Zeitpunkt gesendet, wenn Radio Warschau die offiziellen Nachrichten überträgt.

Die “Solidarität” verfügt über ein weitverzweigtes Netz von Kurieren, die Geheimaufträge wahrnehmen und von Stadt zu Stadt Weisungen und Meldungen überbringen, die der offiziellen Post nicht anvertraut werden können. Ьbrigens druckt die “Solidarität” ihre eigenen Briefmarken, die in Zukunft einmal zu philatelistischen Seltenheiten werden könnten.

All diese Umstände ergeben sich aus der Tatsache, dass die kommunistische Partei Polens ihre einstige Bedeutung weitgehend eingebüsst hat. Heute gibt es in Polen nur drei politische Kräfte: die Regierung General Jaruzelskis, die katholische Kirche und die im Untergrund kämpfende, jedoch von Millionen Polen unterstützte “Solidarität”.

Von grösster Bedeutung ist auch die bemerkenswerte Unterstützung der über die ganze Welt verstreuten 15 Millionen Auslandspolen (dadurch unterscheidet sich die polnische Emigration wesentlich vom sowjetrussischen Exil). Die meisten der Auslandspolen lassen die Verbindung mit dem Mutterland nie ganz abreissen.

Die Regierung Jaruzelskis sah sich unlängst genötigt, etwa 500 Betriebe (meist Reparaturwerkstätten und Kleinbetriebe) — unter eigens dazu vorgesehenen Bedingungen — Auslandspolen zu überlassen. Hier wird nach kapitalistischen Gesichtspunkten bewirtschaftet. Selbstverständlich profitiert auch der Staat dabei.

Der Kreml ist über die in Polen herrschende Situation bestens informiert. Der Sowjetführung bleibt aber nichts anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beissen und die “polnische Mißstände” zu dulden.

L.K.

[Aufbau Dec. 21, 1984. p.7]