Sowjethörer werden mit dem Judaismus vertraut gemacht

Neue Sendereihe von Radio Liberty

Radio Liberty, ein vom US-Kongress finanzierter Rundfunksender, hat vor kurzem mehrere Programme gestartet, die sicherlich das Interesse von Millionen Hörern in der Sowjetunion finden werden. Die Zentralstelle des Senders befindet sich in München, Zweigstellen gibt es in New York und Paris. Sitz der Verwaltung von Radio Liberty ist Washington, D.C. Die Sendungen werden in den wichtigsten Sprachen der Bevölkerung der UdSSR ausgestrahlt (Russisch, Ukrainisch, Belorussisch, Grusinisch, Armenisch u.a.).

Die jüngste Sendefolge ist den philosophischen, historischen, religiösen und sozialen Aspekten des Judaismus gewidmet. Leiter dieses wöchentlich ausgestrahlten Funkprogramms ist Arkadij Lwow, ein etwa vor zehn Jahren aus Odessa ausgewanderter sowjetjüdischer Schriftsteller, der heute seinen Wohnsitz in New York City hat. Lwow ist ein Experte auf seinem Gebiet. Er hat zahlreiche Artikel und mehrere Bücher veröffentlicht, die den Problemen des Judaismus und der Geschichte des Judentums gewidmet sind.

Zurzeit werden mehrere Schriften Arkadij Lwows ins Englische übertragen.

Das neueingeführte Funkprogramm ist besonders begrüssenswert, da Radio Liberty bisher nur Fragen der christlichen Theologie, insbesondere der russisch-orthodoxen Kirche, beleuchtet hat (insgesamt werden im Monat 280 Sendestunden eingeräumt, in deren Verlauf Probleme der Rechtgläubigkeit behandelt werden). Die sich mit dem Judaismus befassenden Sendungen sind nicht nur für sowjetjüdische Rundfunkteilnehmer, sondern auch für zahlreiche christliche und mohammedanische Hörer in der UdSSR bestimmt.

Sowjetjuden, geschweige denn in der UdSSR lebende Christen und Mohammedaner, kennen weder die Geschichte des Judentums noch die philosophischen, sozialen und religiöse Aspekte des Judaismus. In der Sowjetunion ist es faktisch unmöglich, eine Bibel zu kaufen oder in einer der zahlreichen Bibliotheken zu bestellen. Die Geschichte des Judentums wird dem Sowjetleser entweder vorenthalten oder in sinnentstellenden Darstellungen geboten.

Wer Glück hat, kann in den grossen Bibliotheken Moskaus oder Leningrads vorrevolutionäre Werke lesen, die die Geschichte des Judentums objektiv darstellen. Manche dieser Bücher — bei weitem nicht alle — werden dem Leser ausgehändigt. Zur Lektüre einer Bibel braucht jedoch der Besucher einer Bibliothek eine besondere Genehmigung, die aufgrund eines Schreibens der Parteiorganisation der Institution, wo der Leser tätig ist, ausgestellt wird.

In Anbetracht dieser enormen Schwierigkeiten könnte die von Radio Liberty aufgenommene Sendereihe eine Lücke im Wissen der Sowjetbürger schliessen. Diese Aufklärung ist umso wichtiger, als schon seit Ende der vierziger Jahre in den staatlichen Verlagsanstalten der UdSSR zahlreiche Bücher und Broschüren in Riesenauflagen erschienen sind, die den Judaismus und dessen philosophische und religiöse Grundlagen bewusst verzerrt dargestellt haben.

Die Frage der “Erwähltheit des jüdischen Volkes” wird von offiziellen Sowjetautoren systematisch entstellt und im Sinn eines “jüdischen Rassismus” gedeutet.

In der neuen Sendereihe von Radio Liberty werden in russischer Sprache besonders wichtige religionsphilosophische Fragen beleuchtet. In diesem Zusammenhang nennt Arkadij Lwow die Themen Nächstenliebe, Altruismus und Gastfreundschaft, Schutz eines Fremdlings, Demut und Toleranz. Diese sittlich-religiösen Grundsätze werden durch Zitate aus der Thora und dem Talmud, durch Kommentare berühmter Gelehrter (z.B. Maimonides) wissenschaftlich untermauert.

Da der Empfang westlicher Sendungen in den sowjetischen GroЯstädten gestört wird, bemüht man sich bei Abfassung der zu übertragenden Texte, syntaktische und stilistische Komplikationen zu vermeiden. Dadurch ist auch die Popularität der Sendungen gewährleistet.

Radio Liberty plant ausserdem eine Sendefolge, die die gegenwärtigen jüdischen Gemeinden in Osteuropa und die Situation der Sowjetjuden zum Gegenstand haben wird.

R. Herzberg

[Aufbau Feb. 15, 1985. p.6]


Verstärkte sowjetisch-israelische Kontakte

Als sich David Owen, der ehemalige britische Aussenminister und heutige Chef der Sozialdemokratischen Partei Englands, unlängst in Moskau mit dem neuen Sowjetführer Michail Gorbatschow traf, fragte der Brite den Generalsekretär der KPdSU unter anderem auch danach, ob die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen mit Israel wiederherzustellen gewillt sei. Ohne Gorbatschows eigentliche Antwort abgewartet zu haben, verneinte der sowjetische Dolmetscher Owens Frage.

Gorbatschow präzisierte die voreilige Antwort des Dolmetschers durch die Erklärung “Noch nicht”.

In jüngster Zeit lässt sich eine Intensivierung der offiziellen und inoffiziellen sowjetisch-israelischen Kontakte beobachten.

Anlässlich der 40-Jahr-Feier des Sieges über den Nazismus entsandte der israelische Präsident Chaim Herzog ein an Gorbatschow gerichtetes Glückwunschtelegramm folgenden Wortlauts: “Die Söhne unseres Volkes, die gegen die Nazis in den Gettos, in den Wäldern Europas und in den Armeen der Alliierten gekämpft haben und heute in Israel leben, sind des kolossalen Beitrags der Sowjetarmee zur endgültigen Zerschmetterung Nazi-Deutschlands und der Rettung der noch am Leben gebliebenen KZ-Häftlinge eingedenk”.

In allen sowjetischen Zentralblättern wurde der ungekürzte Text des von Chaim Herzog unterzeichneten Glückwunschtelegramms veröffentlicht. Seit Abbruch der diplomatischen Beziehungen i.J. 1967 ist es das erste Mal, dass ein offizielles Schreiben eines israelischen Staatsmanns in der Sowjetunion veröffentlicht wurde.

Ende Mai d.J. hat Anatolij Dobrynin, der sowjetische Botschafter in Washington, den israelischen US-Botschafter Meir Rosanne empfangen. Das Gespräch dauerte 47 Minuten. Die Sowjetpresse berichtete über dieses Treffen, wobei darauf hingewiesen wurde, dass die Begegnung zwischen den Botschaftern beider Länder auf israelische Initiative erfolgt sei.

Auswanderung

In Moskau akkreditierte Korrespondenten osteuropäischer Zeitungen betonen in ihren Berichten, dass in der sowjetischen Hauptlung der diplomatischen Beziehungen zu Israel ins Auge gefasst werde. Hierbei wird jedoch festgehalten, dass die erfolgreiche Entwicklung einer derartigen diplomatischen Aktion in allernächster Zeit kaum zu erwarten sei.

Laut Berichten osteuropäischer Korrespondenten sei Moskau gewillt, Geheimverhandlungen mit einem Emissär von Schimon Peres (nicht aber mit einem Vertreter Izchak Schamirs) zu führen.

Ziel solcher Verhandlungen sei ein “Package Deal”, das folgende Einzelaspekte umfassen würde: Wiederherstellung der diplomatischen Beziehungen, unmittelbare Beteiligung der UdSSR an den Friedensverhandlungen im Nahen Osten, Wiederbelebung des sowjetisch-israelischen Handels und eine neue sowjetjüdische Massenauswanderung (direkt nach Israel).

Berichterstatter der osteuropäischen Presse behaupten — unter Hinweis auf Angaben von dem Kreml nahestehenden Persönlichkeiten —, dass “etwa 100.000 Juden aus der UdSSR nach Israel auswandern möchten” (die wahre Zahl der jüdischen Auswanderungswilligen liegt sicherlich viel höher, noch unlängst aber beharrten Repräsentanten des sog. “Antizionistischen Komitees der sowjetischen Öffentlichkeit” (Moskau], dass es in der UdSSR überhaupt keine jüdischen Auswanderungswilligen gebe).

Nach Angaben osteuropäischer Korrespondenten will Moskau Auswanderungsprobleme nur im Rahmen bilateraler Gespräche mit israelischen Vertretern — unter Ausschluss Washingtons — erörtern.

Westliche Diplomaten berichten aus Moskau, dass der Kreml angesichts neuester Meldungen über die rasche Entwicklung eines atomaren Potentials Israels beunruhigt sei. Während der jüngsten Genfer Gespräche habe Aussenminister Andrej Gromyko mit seinem amerikanischen Gegenüber George Shultz über dieses Thema gesprochen. Der US-Aussenminister habe auch Gromyko vorgeschlagen, für sowjetjüdische Auswanderer Direktflüge aus der UdSSR nach Israel (oder mit Zwischenlandung in Rumänien) zu ermöglichen.

Shultz brachte diese Frage auf Initiative des israelischen Ministerpräsidenten Peres zur Sprache.

Messebesuch

In Israel wurde bekannt, dass eine Gruppe namhafter sowjetischer Industriefachleute und Volkswirtschaftler sowie entsprechende Vertreter Bulgariens, Rumäniens und der Tschechoslowakei die demnächst in Tel Aviv stattfindende Ausstellung von Industrieprojekten besuchen werden.

Die Annahme der Einladung zur Messe in Tel Aviv erfolgte kurz nach dem Besuch David Vitzums in Moskau. Vitzum, ein Mitarbeiter des israelischen Fernsehens, war in Zusammenhang mit den 40-Jahr-Feierlichkeiten in die sowjetische Hauptstadt gekommen, um eine Sendung über die Gedenkveranstaltung zusammenzustellen.

Während seines Moskauer Aufenthalts führte er Gespräche mit Vertretern der sowjetischen Öffentlichkeit, so mit dem Chefredakteur des jiddischsprachigen Monatsblattes Sowjetisch Heimland, Aron Vergelis, ferner mit General Dragunsky, dem Vorsitzenden des “Antizionistischen Komitees der sowjetischen Öffentlichkeit” sowie mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Moskaus, Boris Grab.

Vitzum wurde auch von Eduard Rjabzew, dem Nahost-Experten der sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti (Neuheiten), empfangen. Nach seiner Heimkehr hat Vitzum einen längeren Artikel in der israelischen Presse veröffentlicht, in dem er seine Unterhaltung mit Rjabzew eingehend betrachtet. Der sowjetische Nahost-Experte betonte, eine Wiederherstellung der sowjetisch-israelischen Beziehungen müsse von Israel initiiert werden.

Andernfalls könnten die Araber behaupten, Israel sei es gelungen, zwischen Moskau und die arabische Welt einen Keil zu treiben. Moskau sei jederzeit bereit, Israels Existenz zu gewährleisten. Nach Rjabzews Auffassung hat die amerikanische Nahost-Politik ein Fiasko erlitten. Israel müsse mit den arabischen Nachbarn und mit der PLO direkte Verhandlungen führen. Das kann — nach sowjetischer Ansicht — im Rahmen einer Konferenz, an der auch Washington und Moskau teilnehmen würden, erfolgen.

Vitzum hat aus seinen Moskauer Gesprächen folgende Folgerungen gezogen: Eine Wiederaufnahme der sowjetisch-israelischen diplomatischen Beziehungen komme für den Kreml erst dann in Frage, wenn 1) Israel sich von der Vergeblichkeit der US-Friedensbemühungen im Nahen Osten überzeugt haben werde; 2) Schimon Peres fest im Sattel sitze; und 3) nicht Andrej Gromyko, sondern Michail Gorbatschow massgebender Leiter der sowjetischen Aussenpolitik sein werde.

Bei jeglicher Spekulation über die sowjetische Aussenpolitik darf nicht vergessen werden, dass sich der Kreml von Motiven pragmatisch geprägter Machtpolitik, jedoch nur dem Schein nach von ideologischen Faktoren leiten lässt. Deshalb ist eine Wende der Haltung Moskaus gegenüber Israel keineswegs auszuschliessen.

L.K.

[Aufbau Jul. 5, 1985. p.3]


Jewgenij Jewtuschenkos Engagement für jüdische Belange

Jewgenij Jewtuschenko, der vor kurzem im Rahmen einer Konzerttournee die USA besuchte, gehört zu den bekanntesten Lyrikern der Gegenwart. Seine Gedichtbände erscheinen in der UdSSR in Riesenauflagen. Die meisten seiner Werke wurden in fast alle europäischen Sprachen übertragen. Er ist nicht nur Dichter, sondern auch Volkstribun. Seinen Namen kennt man in Ost und West.

Der 52jährige Lyriker stammt aus Sibirien. Sein Geburtsort ist die Siedlung Sima. 1952 wurde in Moskau der erste Gedichtband des damals Neunzehnjährigen veröffentlicht. Das 1956 erschienene Poem Stanzija Sima (in englischer Übersetzung Zima Junction) ist Jewtuschenkos Kindheit in Sibirien gewidmet. Doch den eigentlichen Kern dieses Werks bilden Jewtuschenkos Gedankengänge anlasslich des Todes von Josef Stalin.

In dichterischer Form setzte sich der Verfasser mit Problemen der sowjetischen Gesellschaft, die ihn zutiefst erschütterten, auseinander.

Jewtuschenko wurde in der Sowjetpresse wiederholt schart kritisiert. Das Gedicht Die Erben Stalins, das vor der Gefahr eines Russland drohenden Neostalimsmus warnte, rief den Unwillen der Sowjetpresse hervor. Dem Autor wurden damals politische Unreife und Mangel an Sowjetpatriotismus vorgeworfen.

Tribut den Holocaust-Opfern

Jewtuschenko liess sich jedoch nicht einschüchtern. 1961 erschien sein berühmtes und in alle Weltsprachen übertragene Poem Babi Jar. Jewtuschenko ist der einzige lebende Sowjetschriftsteller, der in seinem Werk über den Holocaust (Babi Jar ist eine Stätte in der Nähe von Kiew, wo die Nazis und ihre ukrainischen Helfershelfer Ende 1941 100.000 Juden erschossen) spricht.

In seiner 1963 erschienenen Autobiographie schildert Jewtuschenko die enormen Schwierigkeiten, die der Veröffentlichung seines Poems im Weg standen. In der Sowjetunion wird der Holocaust im wahren Sinn des Wortes totgeschwiegen. Die offizielle Kreml-Propaganda spricht von der Ermordung von Millionen von “Sowjetbürgern” durch die Nazis. Das Wort “Jude” wird hierbei geflissentlich vermieden.

Babi Jar schildert nicht nur die Greuel der Judenmorde, sondern ist auch ein Appell an alle Menschen guten Willens, den Antisemitismus zu verdammen.

Hilfsaktion für Ida Nudel

Auch heute wendet sich Jewtuschenko gegen Antisemitismus und Rassenhetze. Laut Meldungen amerikanisch-jüdischer Organisationen lichtete unlängst die Filmschauspielerin Jane Fonda die Bitte an Jewtuschenko, er möge sich für Ida Nudel, der seit mehr als zehn Jahren das Ausreisevisum verweigert wird, einsetzen. Jewtuschenko versprach, alles in seiner Kraft Stehende zu tun.

Der Dichter begab sich zum Vorsitzenden des Moskauer OVIR (der sowjetischen Pass- und Visenbehörde) und bat ihn darum, Ida Nudel endlich die Auswanderung zu gewähren. Der OVIR-Chef setzte sich vermutlich mit dem KGB und dem Zentralkomitee der Partei in Verbindung (Jane Fonda ist in der UdSSR als Gegnerin des VietnamKriegs durchaus geachtet). Doch weder Jane Fondas noch Jewtuschenkos Fürsprache war Erfolg beschieden. Der OVIR-Chef lehnte Jewtuschenkos Ersuchen ab.

Jewgenij Jewtuschenko ist für die Sowjetjugend ein wahrer Star. Wenn er in Riesenhallen seine Gedichte vorträgt, jubeln ihm Tausende von Jugendlichen zu (Jewtuschenkos Popularität ist der eines amerikanischen Rock-Stars vergleichbar).

Nur dieser Beliebtheit verdankt er es, dass er 1968 nicht verhaftet wurde. Kurz nach der Invasion der Tschechoslowakei im August 1968 schrieb der mutige Sowjetdichter ein Protestgedicht (Panzer rollen durch Prag) und sandte es schliesslich an Leonid Breschnjew. Moskauer Intellektuelle kennen diese Verse ihres Lieblingsdichtcrs auswendig.

Für diese Tat benötigte Jewtuschenko nicht weniger Zivilcourage als die kleine Schar von Moskauern, die sich damals mit Protestplakaten auf den Roten Platz begaben, verhaftet und zu längeren Freiheitsstrafen wrurteilt wurden.

Kritik aus New York

Ein Rezensent der New York Times hat Jewtuschenko Doppelzüngigkeit vorgeworfen. Im Westen deklamiere er angeblich den Originaltext seines Poems Babi Jar, in der UdSSR hingegen handle es sich um eine andere Version des Werks, wo von umgebrachten “Juden, Russen und Ukrainern” die Rede ist.

In einem an die Times gerichteten Brief hat Jewtuschenko gegen diesen Vorwurf Protest erhoben. Für ihn gebe es nur eine Originalversion. Die andere Fassung, wo “Juden, Russen, Ukrainer” figurieren, sei auf Bitte des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch entstanden.

Jewtuschenko konnte natürlich nicht während seines US-Aufenthalts den eigentlichen Grund angeben, warum ihn Schostakowitsch um Änderung der betreffenden Stelle ersucht hatte. Dem Text der Chorgesänge in Schostakowitschs berühmter 13. Symphonie liegt Jewtuschenkos Poem Babi Jar zugrunde. Das sowjetische Kulturministerium weigerte sich kategorisch, Schostakowitschs Symphonie aufführen zu lassen, falls die Juden als einzige Opfer des Holocausts bezeichnet würden.

Um die Aufführung der Symphonie zu ermöglichen, fügte Jewtuschenko seinem Originaltext die von der Zensur geforderten Worte hinzu.

Im Gegensatz zur westeuropäischen Presse werfen US-Kritiker (und insbesondere die russischsprachige Emigrantenpresse) dem Dichter vor, er sei ein Sprachrohr des Kremls. Dabei wird geltend gemacht, Jewtuschenko habe als Dichter gegen den Vietnamkrieg protestiert, aber ignoriere jetzt Afghanistan und die Situation in Polen. Solche politischen Forderungen sind aber völlig unrealistisch.

Die Folgen einer derartigen literarisch-politischen Stellungnahme sind leicht abzusehen — Ausbürgerung und Emigration des Verfassers. Gerade das aber sucht Jewtuschenko zu vermeiden. Er will seine Heimat nicht verlassen (obwohl seine Frau Engländerin ist und in Grossbritannien lebt) und seine Rolle als Mittler zwischen Ost und West nicht aufgeben.

L.K.

[Aufbau Jul. 19, 1985. p.13]


Es begann in der Moskauer Oper

30 Jahre deutsch-sowjetische Beziehungen

Im September d.J. jährt sich zum 30. Mal die Aufnahme der diplomatischer Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland. Im September 1955 unternahmen Bundeskanzler Konrad Adenauer und Aussenminister Heinrich von Brentano einen offiziellen Besuch in Moskau. Die Verhandlungen, die Adenauer mit dem damaligen sowjetischen Ministerpräsidenten Bulganin führte, erwiesen sich als überaus schwierig.

Adenauers Ziel war es, nicht nur die diplomatischen Beziehungen zu der UdSSR zu normalisieren, sondern auch die Heimkehr der in sowjetischer Haft befindlichen deutschen Kriegsgefangenen zu erwirken. Anfangs weigerte sich Bulganin hartnäckig, die deutschen Kriegsgefangenen freizulassen. Bulganin begründete seinen Standpunkt mit den von den Nazis in den besetzten Sowjetgebieten begangenen Massenverbrechen.

Der sowjetische Premier sagte: “Das Sowjetvolk würde uns die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen, unter denen es Tausende von Massenverbrechern gibt, nie verzeihen. Eine derartige Aktion kommt überhaupt nicht in Frage”. Adenauer bestritt keineswegs, dass Hitlerdeutschland die UdSSR überfallen habe und auf sowjetischem Boden Massenverbrechen verübt worden seien.

Er wies jedoch darauf hin, dass zahlreiche Angehörige sowjetischer Truppenverbände gegen Kriegsende auf deutschem Territorium Greueltaten an unschuldigen Zivilpersonen begangen und ganze Städte und Dörfer ausgeplündert hätten. Den Verhandlungen wohnten auch Bundesaussenminister von Brentano und der damalige sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschew bei. Adenauers Hinweis auf die Ausschreitungen sowjetischer Soldaten und Offiziere auf deutschem Boden brachten Chruschtschew in Rage.

Von diplomatischer Zurückhaltung war keine Rede mehr. Wutentbrannt bezichtigte der sowjetische Parteichef die westdeutschen Gäste eines umfangreichen Sündenregisters.

Nach dieser ersten stürmischen Verhandlungsrunde statteten Bulganin und Chruschtschew am Spätnachmittag desselben Tages den Bonner Gästen einen Besuch in ihrem Hotel ab. Die Atmosphäre schien jetzt weniger gespannt zu sein.

Am selben Abend besuchten Adenauer und von Brentano in Begleitung von Bulganin und Chruschtschew die Moskauer Oper (das Bolschoi-Theater). Die hohen Gäste wohnten der Aufführung von Prokofjews Ballett Romeo und Julia (unter Mitwirkung der berühmten Ballettänzerin Galina Ulanowa) bei. Als in der Schlußszene die Oberhäupter der verfehdeten Familien Montague und Capulet einander die Hand reichten, erhob sich Adenauer und legte dem sowjetischen Premier beide Hände auf die Schultern.

Diese Friedensgeste beeindruckte das Publikum aufs tiefste. Es ertönte lang anhaltender Beifall. Das Eis schien gebrochen zu sein.

Doch zwei Tage danach griff Nikita Chruschtschew den Bundeskanzler aufs heftigste an. Diesmal galt seine Attacke der NATO, einem angeblich antisowjetischen Bündnis.

Bulganins Ehrenwort

Zu einer Einigung kam es während eines Empfangs im Kreml. Bulganin nahm Adenauer beiseite und führte mit dem Bundeskanzler ein Gespräch unter vier Augen. Der sowjetische Ministerpräsident akzentuierte die Notwendigkeit einer Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Adenauer stimmte dem bei, betonte jedoch die Bedeutung der Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen.

Völlig unerwartet sagte nun Bulganin: “Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass sämtliche deutschen Kriegsgefangenen in kürzester Frist heimkehren werden”. Die Kremlführung hat ihr Wort gehalten.

Vor der Rückkehr nach Bonn waren alle strittigen Fragen auf friedlichem Weg beigelegt worden. Wahrend seines Moskauer Aufenthalts hatte Adenauer ein an die Sowjetführung gerichtetes Schreiben verfasst. In diesem offiziellen Brief hob der Bundeskanzler hervor, dass die Herstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und Bonn das Rechtsprinzip der Bundesrepublik hinsichtlich der Deutschlandfrage keineswegs ändere, d.h. nach wie vor vertrete die westdeutsche Regierung das gesamte deutsche Volk.

Die Sowjetführung nahm Adenauers Schreiben zur Kenntnis, ohne darauf zu reagieren.

Seitdem sind 30 Jahre vergangen. In den Beziehungen zwischen Moskau und Bonn gab und gibt es Perioden sowohl politischer Spannung als auch verhältnismässiger Entspannung. Willy Brandts Ostpolitik trug zu einer relativ friedlichen Entwicklung zwischen Ost- und Westdeutschland bei. Der im August 1970 unterzeichnete sowjetisch-bundesdeutsche Vertrag sieht den beiderseitigen Verzicht auf Gewaltanwendung und die Respektierung der territorialen Integrität sämtlicher europäischen Staaten vor.

Wiedervereinigung unerfüllt

Obwohl Adenauer die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Moskau und die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen zuwege brachte, gingen nicht alle seine Hoffnungen in Erfüllung. Die Herstellung der diplomatischen Beziehungen zwischen Moskau und Bonn hat die Wiedervereinigung Deutschlands keineswegs gefördert. Mittlerweile ist das geteilte Deutschland für die Welt zu einer Tatsache geworden.

Heutzutage ist das Hauptanliegen der beiden deutschen Staaten nicht die Wiedervereinigung, sondern die Verhinderung einer weiteren Entfremdung.

Dank der Normalisierung der Beziehungen im Jahr 1955 entwickelte sich in zunehmendem Mass der Handel zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland. Zwischen beiden Ländern besteht auch ein Kulturabkommen. In einer Ansprache an den 16. Internationalen Historiker-Kongress, der jüngst in Stuttgart stattfand, hat Bundespräsident Richard von Weizsäcker u.a.

gesagt: “Es hilft uns in unserem wichtigsten Ziel, nie eine Lage entstehen zu lassen, in der wir zwischen Frieden und Freiheit wählen müssten”. Ein Konzept, das sicherlich die Beachtung von Freund und Feind finden dürfte.

L.K.

[Aufbau Sep. 27, 1985. p.3]